Er ist zurück. Einer der meistgehassten und gleichzeitig vergötterten Titel unserer Spieldatenbank, dessen Vorvorgänger mit fast 1.500 User-Wertungen ganz weit vorn marschiert. Wäre die Überschrift nicht schon der Spoiler schlechthin, wäre es wirklich interessant zu wissen, welche Titel euch nach dem ersten Satz im Kopf herumspuken. Ziemlich sicher ist aber, den wenigsten käme dabei der „Landwirtschafts-Simulator 2013“ in den Sinn. Und der befällt jetzt auch die Konsolen – brace yourselves!

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Harvest Moon in realistisch. Dafür ohne niedlich

Ich habe noch nicht einen davon in der Vergangenheit gespielt, was ehrlich gesagt auch daran liegt, dass sich mein Verlangen allein dank Schaudergeschichten von Freunden und Kollegen über die Vorgänger in äußerst überschaubaren Grenzen hielt. Und irgendwie hatte ich mich auch darauf gefreut, einen für diese Reihe prädestinierten Verriss zu schreiben, wie unser Kollege Roland beim 2011er-Teil, den er offensichtlich nicht mochte.

Also am Samstagvormittag die edle Scheibe in die Xbox 360 geschoben, und wäre es eben nicht Vormittag gewesen, hätte ich mir dazu wohl das erste Bierchen aufgemacht, in Erwartung zwischen „Gleich gibt’s was zum Brüllen!“ und „Anders wird man das doch sonst nicht ertragen!“.

Und siehe da: So schlecht ist das gar nicht, was ich da sehe. Natürlich hab ich zu Beginn sämtliche Tutorials absolviert, um mir das Prinzip und den Ablauf des Felderbestellens durch das Grubben (den Boden für die Saat vorbereiten) (Säen – Düngen – Warten – Ernten – Nachbereiten) einzutrichtern. Danach wird die Karriere unseres Jungbauern Heinrich eingeläutet.

In den Konsolenfassungen steht neben Hagenstedt auch eine amerikanische Karte zur Verfügung. Erinnert optisch an eine der typischen mittelamerikanischen Ranches und wurde auch so umgesetzt, dass es wirklich diesen gewissen Charme versprüht. Dass es keine ergreifende Geschichte gibt, dürfte mittlerweile klar sein. Hier heißt es einfach nur: Je nach Schwierigkeitsgrad habt ihr mehr oder weniger Schulden und mehr oder weniger Startkapital. Neu hinzugekommen sind jetzt auch Hühner und Schafe, die euch mit Eiern bzw. Wolle versorgen.

Landwirtschafts-Simulator 2013 (Xbox 360, PS3) - So ein Mist - so schlecht ist der gar nicht

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Klasse, endlich geht die Erfolgsgeschichte auf Konsole weiter.
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Ansonsten gibt es nichts wirklich Erwähnenswertes, was sich im Vergleich zur PC-Fassung geändert hat, und deren Features muss ich hier nicht noch mal aufzählen. Um die Kritiker nicht zu enttäuschen: Auch ich habe auf die in vielen Kommentaren zum Spiel erwähnten Physik-Totalaussetzer (nicht kleine Macken) gewartet, habe gehofft, dass eine unsichtbare Kraft meinen Traktor jetzt auf den Mond schießt oder ich zumindest die Gravitation eines mondähnlichen Planeten vermittelt bekomme. Realismus ist ein Wort, auf das im Zusammenhang mit der Fahrphysik des Landwirtschafts-Simulators offenbar immer noch verzichtet werden sollte. Vor allem, wenn man ohne Geschwindigkeitsverlust mit vollbeladenem Anhänger eine 90-Grad-Kurve nimmt.

Packshot zu Landwirtschafts-Simulator 2013Landwirtschafts-Simulator 2013Erschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Fliehkräfte existieren hier nur theoretisch. Ach, was soll's: gar nicht. Ein Christian Huygens (noch vor Isaac Newton erstmaliger Erwähner ebenjener) würde sich im Grabe drehen. Aber abseits dessen bin ich nicht an jeder Ecke, jedem Baum, jedem Steinchen hängengeblieben, meine Vehikel hüpften nicht über den Acker, als wäre dieser eine überdimensionale Hüpfburg, das An- und Abkoppeln der Anhänger, Mähdrescher, Düngemaschinen und Grubber funktioniert einwandfrei und problemlos.

Auch die Arbeitsabläufe, die auf den Feldern in den nacheinander folgenden Bewirtschaftungsphasen ablaufen, funktionieren tadellos. Also bin ich runter von meinem Bock und wollte Hans und Sabine auf dem Campingplatz nebenan an meiner positiven Verwunderung teilhaben lassen.

Zwischen Ghostville und gespenstisch schlechtem Sound

Doch Moment. Hans uns Sabine existieren hier in unzählig geklonter Anzahl. Ein Inzest-Campingplatz! Schnell weiter in die nächste Stadt, in der ich mich beim Händler mit den neuesten Gerätschaften – an die 100, alle lizenziert und erfreulich detailliert modelliert – eindecken, neues Vieh kaufen oder meine Ernten zu Geld machen kann. Doch auch hier dasselbe Bild: lauter Hans' und Sabines.

Qualitativ hat der Serie die Pause schon in der PC-Version gutgetan. Die Konsolenfassung bringt wenig Neues – macht aber auch nichts schlechter.Fazit lesen

Jetzt werden die Fans der Serie natürlich aufschreien und sagen: „Was interessieren mich die Bewohner, was interessiert mich die Abwechslung im Stadtbild, was interessiert mich, ob Bewohner eine Kollisionsabfrage haben?“. Zum Teil haben die Verfechter der Auffassung recht, da es ein Landwirtschafts-Simulator ist und keine Mischung aus einer Google-Street-View-Tour und „Die Sims“.

Trotzdem gehört eine wenigstens ansatzweise glaubwürdige Kleinstadt, angrenzend an meine Äcker, in der ich oft genug unterwegs bin, genauso zu einer Simulation wie die wirklich gelungenen Maschinen und Arbeitsabläufe. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ich nicht nur allein auf meinem Hof, sondern auch allein in dieser Stadt bin, wirkt das nun mal trostlos und kalt. Was irgendwo auch zur Audiountermalung passt: gibt keine. Abgesehen von vor sich hindudelnder Menümusik hört ihr bis auf den krähenden Hahn und die Motorengeräuschen nichts. Na los, liebe Puristen, sagt mir jetzt, dass das ja total unrealistisch wäre. Dann werde ich euch eben entgegnen, dass es bestimmt kein totales No-Go unter Landwirten ist, während der Arbeit ein Radio zu nutzen.

Landwirtschafts-Simulator 2013 (Xbox 360, PS3) - So ein Mist - so schlecht ist der gar nicht

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Cool.
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Was Entwickler Giants Software bei der Modellierung der Nutzfahrzeuge richtig gemacht hat, hat er bei den Motorengeräuschen mit dem Arsch dann wieder halb eingerissen. Natürlich ist mir klar, dass ein Traktor, der über gefühlte drei Quadratkilometer Acker juckelt, zwischendurch nicht die Eiswagenmelodie vor sich herträllert. In dem Falle höre ich aber wortwörtlich, wann das Soundsample endet und in Dauerschleife von vorn beginnt.

Und nach spätestens 200 Metern nervt das nur noch. Das ist wie mit den Lacher-Einspielern bei synchronisierten englischen Sitcoms. Sobald man die eine oder andere krakeelende Mutti heraushört, hört man sie bei jedem noch kommenden Lacher ständig wieder heraus und irgendwann wird man wahnsinnig, weil man statt schlecht eingespielter Lacher eben feststellen muss, dass es immer nur zwei, drei Variationen gibt und die brüllende Mutti für jede zweite Pointe missbraucht wird. Hier hätte man dieselbe Detailverliebtheit wie bei den optischen Modellen gebraucht.

Verbesserungen wurden aber anscheinend beim kleinen Helferlein vorgenommen, das euch mit einem Knopfdruck und gegen etwas Bares die Arbeit auf einem Acker erleichtert. Während hier bei der PC-Version noch über die strunzdumme K.I. gemeckert wurde, muss man in der Konsolenfassung wirklich sagen, dass die sich gemausert hat. Keine Schlangenlinien auf dem Feld, selbstständiges Abarbeiten. Wenn der Mähdrescher von meinem Helfer gesteuert wird und dieser voll ist, fährt mein Helferlein das Rohr aus, wartet, bis ich mit meinem Traktor samt Anhänger seine Ladung auffängt, und mäht danach sofort unbeirrt und tadellos weiter, während ich in meinem Traktor auf die nächste Ladung warte und Radio höre.

Ach, Moment, so was gibt’s in Traktoren ja nicht. Ich kann leider nicht sagen, wie gut sich der Landwirtschafts-Simulator 2013 auf dem PC mit dem Gamepad spielen würde, aber in der Konsolenfassung funktioniert die Steuerung mit seinen Maschinenkommandos nach ein paar Versuchen intuitiv und ohne Probleme.

Was mich als Neuling aber wirklich etwas erschlug, war zum einen die unglaubliche Menge an Feldern in einem Größenausmaß, dass der Winter anbrechen könnte, bis man bei den letzten der bis zu 40 (!!) Felder mit dem Bewirtschaften angekommen ist. Und zum anderen die Übersicht. Während der PC-Version noch ein PDF beilag, was dem Spieler einen guten Überblick über die Karte mit den Waren-, Gefährten- und Viehhändlern verschaffte, muss ich mich hier ausschließlich mit der Karte auf meinem PDA zufriedengeben und bekomme auch nicht erklärt, welches Symbol (wovon es wirklich zahlreiche auf der Karte gibt) für welchen Zweck steht.

Und da Traktoren hier im Durchschnitt 30 bis 40 fahren und die Karten wirklich riesig sind, ist oft genug sinnlos Zeit dabei draufgegangen, an den Ort so manch geheimnisvollen Symbols zu juckeln, um dann festzustellen, dass es genau das ist, was ich gerade nicht gesucht habe. Eine einfache Übersicht im Startmenü ist doch durchaus machbar, oder? Im Idealfall auch mit Wegpunktmarkierung. Hätten mich Hans und Sabine zu Beginn nicht so verschreckt, hätten diese mir bestimmt gern geholfen. Ich weiß es.