Mein Haus, mein Pferd, mein Auto! So protzt man in der Stadt. Mein Bauernhof, meine Kuhherde, mein Krone Big X 1000 – so funktioniert das auf dem Land. Zumindest nach Maßstäben des Landwirtschaftssimulators 2011. Ich war so heiß auf dieses Spiel. Jetzt ist es endlich da.

Ständig bin ich mit meinem Bauernhintern hin- und hergerutscht, bis die Reibung zwischen Gesäß und Naturholzstuhl (!) für einen Geruch versengter Baumwolle sorgte und ich aufhören musste. Und eines Morgens wurde der Gang zum Briefkasten hinterm fünfzehnten Strohballen rechts mit der brandneuen Simulation für Möchtegernlandwirte belohnt. Endlich!

Landwirtschafts-Simulator 2011 - Bianca ist anspruchsvoll

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Die dümmsten Bauern haben... richtig: die schlimmsten Spiele.
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Das ist die offizielle Version. Die inoffizielle, die nur gamona-Leser wissen dürfen: Ich habe mich gelinde gesagt nicht um diesen Test geschlagen. Aber ich habe mich trotzdem wacker ins Feld geschlagen; mit Mähdreschern durchs reife Korn, mit Pflügen durch den Ackerboden, mit Saatgut über aufgelockerte Erde und mit Ballenpressen übers zurückgebliebene Heu. Ansonsten im Angebot: Zettkreisel, Schwader, Grubber? Häh? Heckipattäng? Gramkrsldskaldö? Hasewasemosebose? Aber ja, und kein bisschen weniger! Denn die Spannung beim Landwirtschaftssimulator könnte größer nicht sein. Schon im Tutorial, äh, Entschuldigung, ich meine natürlich den Missionen, hust, brech, ich will gar nicht, ich kann nicht, … ich, … ich, … wo war ich noch mal?

Packshot zu Landwirtschafts-Simulator 2011Landwirtschafts-Simulator 2011Erschienen für PC kaufen: ab 23,25€

Ach ja, die anspruchsvollen Aufgaben zu Beginn: Also, mit meinem total abgefahrenen grün-weißen Trecker und angeschnallter Schiebeschaufel befreie ich die Bergstraße von Steinen. Ich fühle mich so gebraucht, so nützlich. Endlich nicht mehr blöde Wildschweine grinden, die meine (reale) Umwelt so viel interessieren wie ein Fisch im Ozean den Eskimo, äh Inuit, beim 1-2-3-Oberkörper-frei im Yukon-Territorium. Das hat zudem einen wirklichen Sinn, denn im Vergleich zum Vorgänger ist hier immer Verkehr.

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Das ist Bianca. Sie ist nur eine unter vielen.
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Mit 30 Kilometer pro Stunde jückeln die Autos über die Landstraßen, durch meine Felder, an meinem Hof vorbei, der Siedlung, über den Bergpass, der Seilbahn. Egal ob tagsüber oder nachts, die Bewohner des Dorfes kennen keine Pause, keinen Schlaf und offenbar keinen Schmerz. Nachts um drei Uhr ist ebenso viel Verkehr wie Morgens um neun. Vorfahrt beachtet sowieso niemand. Und ich bin immer schneller. Ein Bauerntraum.

Blut! Gemetzel! Tod!

Sauer ob der Milcharmut meiner Kuhherde mache ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Opfer. Ohne meine Räumarbeit, meine Felder und das Korn würde euer Leben bald zu Ende sein! Ich rase los, trete das Gaspedal meines geilen Traktors durch, mache so richtig auf Bleifuß und zeige den Zivilisationsopfern in ihren Schnucki-Wucki-Karren, was ein echter Landwirt so drauf hat. Ich bin auf der Jagd. Da, ein Dorfmensch in seiner Schnarchkarre! Ich ramme ihn mit der Spitzengeschwindigkeit von 40 km/h, will ihn zerdellen, zerquetschen, vernichten!

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In diesem Gefährt sitzt Bernd. Bevor er sich klammheimlich entfernt.
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Plopp. Der weiße Ami-Schlitten legt sich auf die Seite. Wie ein Luftballon wackelt er (garantiert mit federleichten 150-Gramm-Convenience-Food-Päckchen im Kofferraum!) ein bisschen hin und her. Ich setze zurück. Mein Opfer fällt auf alle vier Räder zurück - und fährt unbeeindruckt weiter. Mit 30 Kilometern pro Stunde. Ich raste fast aus.

Ich rase los, ab in die einzige Siedlung auf der Karte. Ich bleibe mit meinem Traktor in Lattenzäunen hängen. Ich bleibe auf einer Kante hängen. Ich versuche, Bewohner umzufahren. Sie sind wie Luft, gehen nach meiner Frontalattacke einfach gemütlich weiter im Kreis um die paar Häuschen im klar aufgeteilten Farmland. Ich will Blut! Gemetzel, Tod, Verderben, Abgründe! Stattdessen: Mähdrescher aufs Feld fahren. Trecker mit Anhänger hinterher. Warten, bis der Drescher voll ist, Rohr ausklappen, Hänger drunterstellen. Korn zur Mühle fahren. Zurückkommen. Repeat.

Das Blöde: Ich kann nicht einfach Zeit verstreichen lassen, sondern wenn ich einmal anfange, muss ich weiter“zocken“. Nicht, weil es mich so fesselt, weil es das Tollste überhaupt ist, drei Preisangebote für Gerste, Weizen und Raps zu vergleichen und dann die schwere Entscheidung zu treffen, wo ich das Zeug verticke, sondern weil es Geld kostet. Es kostet Ingame-Währung, sich „Helfer“ zu engagieren, die mich von der Bürde des Pflügens, Säens und der Ernte befreien. Denn spätestens beim zweiten Mal lugt die Grinsekatze um die Feldecke und stellt fest: „Ich bin verrückt, du bist verrückt. Wir alle hier sind verrückt.“

Landwirtschafts-Simulator 2011 - Yeah!! Der erste Trailer zum neuen Landwirtschafts-SimulatorEin weiteres Video

Wir alle? Ja, alle! Denn irgendwann geht es auch mit den Helfern nicht mehr. Ständig halten sie an, faulenzen und schlafen offenbar im Sitzen auf den Landmaschinen ein. Mit der Tabulatortaste schalte ich durch meinen Fuhrpark, jedes Mal komplett, denn eine Liste all meiner Geräte führe ich nicht – bin ja schließlich auch ein Nachwuchsbauer und kein BWL-Student – und vergewissere mich ob der Arbeitswilligkeit der Angestellten. Und die ist ziemlich beschissen. Da gehe ich mal eine halbe Stunde etwas essen, hatte Helfer Nummer 1 gesagt: Pflüge dieses Feld! Und Nummer 2: Säe dieses Feld! Als ich zurückkomme, sehe ich beide Traktoren, wie sie voreinander stehen. Die Fahrer starren sich an. Regungslos. Mit emotionslosem Körperfresserblick. Ich brauche echte Menschen statt dumpfbackiger computergesteuerter Helfer.

Ernten nach der Berufsschule

Also raus aus dem Karrieremodus und dem freien Spiel allein, ab zum brandneuen Mehrspielerpart. Vielleicht finde ich ein paar willige Erntehelfer im Forum? Tatsache, Maishäckseln um 15 Uhr, abgemacht. Direkt nach der Berufsschule der Landwirtausbildung. Als Host der Partie nehme ich einfach meinen aktuellen Karriere-Spielstand und lasse mir von arbeitswilligen PC-Zombies helfen.

Stumpfes Maschinengeschiebe in lebloser Landschaft. Danke, dass dieser Test vorbei ist.Fazit lesen

Auf meinem PDA will ich nachschauen, welche Felder wie gesät, welche Felder erntereif sind, was wo wächst. Nichts. Alles im gleichen Gelb, ohne Unterschied. Ob gepflügt, besät oder erntereif, egal mit welcher Frucht. Dass selbst die simpelsten Karten auf mobilen Geräten zoombar sind, davon haben sie im Bauernland wohl noch nichts mitbekommen. Ist ja auch schwierig, so ohne UMTS. Also wie früher. Zettel und Stift raus, Felder auf der mitgelieferten Posterkarte markieren.

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Endlich in Rolands Regal angekommen: die schmucke LWS-Hülle - wie aufregend.
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Mein blöder Tuckertrecker macht mich wahnsinnig. Nach über drei Stunden Spielzeit hatte er ein großes Feld gepflügt. Ehrlich: Motorenklänge sind total sexy, besonders von alten Landmaschinen. Das haben sich wohl auch die Entwickler von Giants Software gedacht und ihren Traktoren zwar unterschiedliche Sounds verpasst. Die sich aber nur beim Anfahren verändern. Danach spielt die Geschwindigkeit keine Rolle mehr.

Tucktucktucktucktucktuck, rörörörörörörörörö, merrmerrmerrmerr. Musik in meinen verdreckten Lümmelsohren. Doch ich brauche keine Musik, sondern Geld. Und nur zwei Dinge verschaffen mir das nötige Kapital, mit dem ich über den „Farming Shop“ an bessere Maschinen und damit neue Klänge komme. Das bringt sofort Kohle in die Kasse, wenn ich per Kipplader die Ernte am Hafen, der Mühle oder der Brauerei ablade. Oder in meine Silos packe, wenn mir die Preise nicht passen.

Auch um das Viehzeug muss ich mich kümmern. Denn wie mit der Landwirtschaftssimulator erklärt: „Wenn Sie Kühe halten, können Sie Felder auch mit Gülle düngen. Über den Geruch brauchen Sie sich aber keine Sorgen machen, der wird nicht simuliert.“ Aaaah, aaaaaahhh, aaaaaaaaaaaaaaaaahhhh-ber, Astragon, so viel Humor! Zum Lachen muss ich offenbar zu meiner Herde gehen. Aber fürs Aussteigen, in bester Shooter-Manier spazieren, dafür habe ich keine Zeit. Zudem fühlt sich die Bewegung zu Fuß ohnehin wie Gummi an und die Y-Achse der Maus ist nicht umstellbar.

Da hilft es auch nicht, dass ich den Xbox-360-Controller für Windows benutzen kann. Und nur um den „wunderschönen Rundumblick ins Tal“ genießen zu können? Einmal Seilbahn auf die Aussichtsplattform reicht. Danach muss ich mich wirklich um die Kühe kümmern, denn irgendetwas stimmt mit meinen treuen Eutergesellinnen nicht. Milcharmut. Da hatte ich mich so auf die spannende Viehzucht im neuen Landwirtschaftssimulator gefreut. Und dann das!

Landwirtschafts-Simulator 2011 - Episch! Der LWS-Trailer in der gamona-exklusiv verbesserten Version ;)Ein weiteres Video

Bianca, meine geliebte (Kuh), ist besonders anspruchsvoll. Gras von der satten Wiese fressen? Nichts da. Nur das beste, vorzugsweise mit der eigenen Gülle gedüngte Grün, mühsam und zeitaufwändig herbeigeschafft, das frisst die Dame. Und wenn zusätzlich auch noch der gehäckselte Mais auf der Speisekarte wegfällt, schaltet die blöde Zicke komplett auf stur. Und ihre Verwandten gleich mit. Tägliche Einnahmen fallen dann weg. Die Milch muss ich, Milchfabrik sei Dank, nicht selbst durch die Gegend schaukeln, der Tankwagen holt sich das weiße Gut selbst ab. Welch Erleichterung.

Das Problem mit Bianca und dem Mais: Nur ein Traktor kann das nötige Häckselgerät benutzen, den Pflücker ein anderer. Es dauert also lange, bis …. verdammt, was tue ich hier? Dreschen, mähen, ernten, grubben! Und Müllsammeln. Als Bauer habe ich natürlich Zeit. Und sammle die Flaschen der Dorfbewohner in bester Pfandpirat-Manier ein. Die Pseudo-Umweltkomponente für moralische Flachpfeifen lässt mein Ansehen steigen und deshalb die Preise für mich sinken. Realismus pur.

Der Bauer schläft nie

Eines lehrt mich der Landwirtschaftssimulator: Der Bauer schläft nie! Die Uhr läuft unerbittlich in der rechten Ecke, die Statistiken aktualisieren sich faszinierenderweise ohne Unterlass und auch die Nacht ist mein Zuhause. Wenn die Wettervorhersage todbringenden Regen oder Hagel ankündigt, sollte ich meine Geräte in die Unterstände bringen – die Ernte fällt dann ohnehin erst mal flach. Endlich Pause? Gehen wir eine Pizza essen? Ich habe Hunger! Dieser ganze Korndriss geht mir gehörig auf den Zockerzeiger.

Landwirtschafts-Simulator 2011 - Bianca ist anspruchsvoll

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Fetzig, wie... Moment mal: Das Bild stammt ja aus der 2009er-Version. Ihr Frechdachse.
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Viele Sachen kann ich automatisieren und so das allgegenwärtige Langeweile-Feature umgehen, aber eine Sache ist unausweichlich: Ich muss die Maschinen zu ihren Einsatzorten bringen. Schalte ich zwischen ihnen um, geht die Zoomstufe der freien Ansicht wieder auf die Ausgangsstellung. Das nervt. Aber zurück zum wichtigen Teil des Bauernlebens: Brauche ich den Deutz-Fahr jetzt beim Feld nahe der Mühle? Und was muss ich mitnehmen? Die Saatmaschine? Oder doch die Comprima-180-V-Rundballenpresse? Ernte ich heute Nacht, weil es morgen Regen gibt? Oder warte ich lieber? Entscheidungen über Entscheidungen, die es in sich haben. Ich kann die Spannung kaum aushalten!

Trotz meiner vorherigen Schimpftirade auf die Helfer: Wenigstens ersparen sie mir nerviges Fahren von A nach B. Denn so lange ich selber die Geräte steuere, verbrauche ich Benzin, Saat, Spritzinhalt, alles, was irgendwann zur Neige gehen kann. Die Helfer ziehen einfach ihr Ding durch (oder bleiben motivationslos stehen) und ziehen mir die laufenden Kosten vom Kontostand ab. Praktisch. Außerdem müssen Helfer nicht schlafen. Bei Dunkelheit schalten sie das Licht an, weiter geht’s. Und steuere ich selber, gibt’s Tempomat-Stufen, sodass ich nur noch lenke. Denn wer übers Feld fährt, der verliert schnell seine angehängten Geräte.

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Und das auch. Oh je.
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Lustig ist, dass ich offenbar in allen Fahrzeugen zeitgleich sitze. Ich kann immer aussteigen und herumlaufen. Auch wenn das nichts bringt. Abgesehen von den paar Zombie-Dorfbewohnern und schleichenden Zivilkarren haben die Giants Studios und Astragon die Welt brachliegen lassen.