Och nö.

Ja doch, es ist wieder so weit. Der Publikumsliebling und Kritikerschrecken namens Landwirtschafts-Simulator geht in die nächste Runde. Die gefühlt dreiundsiebzigste, aber wer zählt schon wirklich mit. Einstmals als trashige Perle entdeckt und von der geneigten Käuferschaft schnell für sein geradezu meditativ wirkendes Maß an Langeweile geschätzt, fristet der Landwirtschafts-Simulator seitdem sein Dasein als eines der süßen Tierchen, die man im Spiel selbst auch hegen kann: als Milchkuh. Oder eben als eierlegende Wollmilchsau für seine Programmierer und Leute, die mittlerweile eine hohe Toleranz gegen Valium aufgebaut haben. Aber dann hätte der Kuhwitz nicht mehr funktioniert.

Diesmal können wir: Felder bewirtschaften, Holz fällen und Viecher hüten. Letztere teilen sich in Kühe und Hühner. So groß, wie die Fortschritte bei jedem neuen Teil des Landwirtschafts-Simulators sind, könnte ich wetten, die 2016er Version fügt einfach neu Schweine hinzu und das war's. Sei's drum. Wir schnappen uns einen der beiden Open-World-Höfe, auf dem wir ein paar Startfahrzeuge und ein paar Felder haben, und machen uns an die Arbeit. Here we go again...

Landwirtschafts-Simulator 15 - Du farmst wie ein dummer Bauer

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Und ihr dachtet, das Ödland von Fallout wäre trist.
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Das Gameplay teilt sich nach wie vor in zwei große Bereiche auf, nämlich das Finanzmanagement und das eigentliche Arbeiten mit den Maschinen, wobei dieses natürlich Teil von jenem ist. Soll ein Feld Frucht tragen, muss es zunächst kultiviert, quasi umgepflügt werden. Dann lässt man eine Saatmaschine drüberrollen, dann steht man einige Monate dumm rum und pult sich die Fusseln aus dem Bauchnabel, anschließend fährt man mit einem Drescher drüber. Wer schon weiter fortgeschritten ist, kann die Halme und Spreu mit weiteren Maschinen zu Ballen formen und diese verticken oder an die Kühe verfüttern. Dann wiederholt man das Spiel.

Ah, hat das Ganze also doch eine gute Sache: Es ist schnell beschrieben. Wirklich, das war's. Wenn man mehr Geld kriegt, kann man weitere Felder kaufen, sich neue Maschinen anlachen und so die Produktionsketten aufblähen, aber am Kern ändert sich nichts mehr. Und das Kernproblem ist nach wie vor, dass all das unendlich langsam, dröge und langweilig ist. Die Arbeit ist genau das, Arbeit. Nicht befriedigend. Nicht unterhaltsam. Die Benutzung von 90% der Maschinen erinnert weniger an eine exotisch-idyllische Lebensweise auf dem Land, deren Existenz, wie jeder Bauer bestätigen kann, eh von naiven Großstädtern herbeifantasiert wird. Stattdessen erinnert sie an Malen nach Zahlen. Schön das ganze Feld Linie um Linie ausfüllen und nicht über die Ränder malen!

Packshot zu Landwirtschafts-Simulator 15Landwirtschafts-Simulator 15Erschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Ob ich mit einem Drescher, einer Düngeschleuder oder sonsteinem der paar Dutzend saulangsamen Kolbenbolzen über das Feld tucker, ist für das Gameplay Jacke wie Hose. Es kommt nur auf die Reihenfolge und Gründlichkeit an, wie beim Zähneputzen. Wer also zuerst putzt, dann Wasser in den Becher macht und erst hinterher die Zahncreme aufträgt, findet im neuen Landwirtschafts-Simulator vielleicht eine Herausforderung. Wer es allerdings schafft, sich morgens ganz alleine und ohne Hilfe die Socken anzuziehen, für den ist das Ganze ein Selbstläufer.

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Das Wort 'Traktor' kommt vom lateinischen 'trahere' und bedeutet so viel wie ziehen oder schleppen. Damit ihr zumindest irgendwas aus diesem Debakel gelernt habt.
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Und das ist ja auch seit jeher der Trick. Der Landwirtschafts-Simulator will nicht Spannung erzeugen, sondern Entspannung. Daran ist gar nichts inhärent falsch, viele Spiele tun das, es ist eine schöne Sache, wenn man von einem stressigen Tag nach Hause kommt und einfach mal das Hirn abschalten will. Aber das ist der Knackpunkt: Fans des LWS und zahlloser anverwandter Simulationsmonster legen jeglichen Anspruch außer diesem ab und begnügen sich mit dem, was sie kriegen. Es reicht schon, dass er da ist und nicht stresst, alles andere ist unwichtig. Solche Leute haben früher im Fernsehen das Testbild geguckt oder hören als Podcast weißes Rauschen. Eine CD mit Walgesängen wird in solchen Kreisen schon als Hörbuch mit schwer zu verfolgender Handlung bezeichnet.

Bevor jemand denkt, ich hätte es unterschlagen: Auch die Pflege von Tieren und das Häckseln und Verschachern von Holz sind nicht etwa neue, spannende Betätigungsfelder, sondern derselbe Rotz im anderen Gewand. Nur muss man nun Futter oder Späne statt Korn und Kartoffeln durch die Gegend kutschieren, am Rest ändert sich gar nichts. Hat man einmal den anfänglichen Kniff mit dem Timing für die Produktionskette raus, ist der Rest gemacht und bloße Wiederholung. Ab und zu gibt es eine Mission an einem Schwarzen Brett. Diese Mission lautet: Mach einfach dasselbe wie immer, diesmal kriegst du Extrageld, wenn du es schaffst. Das ist keine Mission, das ist eine von diesen Süßigkeiten, wie sie unsere Mütter damals ab und zu rübergereicht haben, damit wir uns besser fühlen und nicht so rumzicken.

Zwischen Kühen, Sägen und Trekkern kommt auch diesmal keine Freude auf, sondern nur Müdigkeit. Nichtmal den Trash kriegen sie mittlerweile richtig hin.Fazit lesen

Wie gesagt: Entspannung ist was tolles, aber die meisten Bildschirmschoner sind ähnlich entspannend wie der neue LWS, dazu gratis und, vor allem, nicht so sackständig zu bedienen. Jede Fitzelaktion wird in wirr zu bedienenden Kontextmenüs versteckt und muss manuell durchgeführt werden, was dem Hirn-aus-und-zugucken-Reiz des Spiels eher im Weg steht. Natürlich kann man, und das ist auch irgendwann bitter nötig, wenn es mehrere Felder und Maschinen gibt, die Fahrzeuge gegen etwas Penunze automatisieren.

Landwirtschafts-Simulator 15 - Internationaler PS4-Trailer3 weitere Videos

Das Problem daran ist zweierlei. Erstens ist diese Funktion in einem Spiel, das geradezu um derlei Erleichterungen bettelt, herzlich einsam, sitzt allein in der Ecke, nuckelt sich am Daumen und flüstert ab und zu „Ist hier noch jemand?“ Aus dem Landwirtschafts-Simulator wird niemals eine gute Wirtschaftssimulation, schon allein, weil man immer noch zu sehr damit beschäftigt ist, selbst an alles und jeden Hand anzulegen.

Nirgends wird das beispielhafter als beim Sägen eines Baumes. Zuerst kauft man eine Kettensäge, dann sucht man sich einen der recht hässlichen Bäume mit schlechter Textur. Nun muss man, kein Witz, die Säge in der Hand in den richtigen Winkel zum Baum drehen. Der Winkel ist 90 Grad, always. Nun hält man eine Taste gedrückt, damit eine zum Schreien komisch schlechte Schwebeanimation der Kettensäge, wie sie sich geisterhaft durch den Baum fräst, angezeigt wird. Baum fällt, und jetzt, man glaubt es kaum, muss man die Säge in der Hand wieder manuell in die Senkrechte drehen, damit man dasselbe Spiel mit dem am Boden liegenden Stamm wiederholen kann. Zu dem Zeitpunkt ist man geisteskrank und kann ohne große Gefahr weitermachen. Es folgt ein Spiel mit einem Kran, das Vietnam-artige Flashbacks an diese Plüschtiergreifer auf dem Weihnachtsmarkt weckt, nur, dass man hier weniger Chancen hat, zwischen all der Mondphysik Erfolg zu haben und den Gummibaum auf seinen Laster zu laden. Ziemlich unentspannend für so ein entspannendes Spiel.

Das zweite Problem an der Automatisierung ist, dass die Helfer-KI saublöd ist. Solange sie auf einem frisch besähten Feld nur nacheinander gerade Linien ziehen muss, klappt es meistens. Aber Gott gnade dem Landwirt, bei dem eine Unregelmäßigkeit auftritt. Hat er den Traktor vor der Automatisierung in einem leicht falschen Winkel ans Feld gefahren, stehen die Chancen gut, dass der Erntehelfer nun ratlos im Gefährt sitzt und sich während seiner Arbeitszeit überlegt, welche Serie er sich heute Abend bei Netflix reinziehen will. Orphan Black soll ja ganz gut sein, aber wer weiß, Kalle meinte neulich, er habe gerade mit Broadchurch angefangen, und auf Kalle ist eigentlich Verlass bei sowas. Er hat einen guten Geschmack. Und immerhin dauert es noch bis zur nächsten Folge von Game of Thrones.

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Seht ihr auch die Zyankalikapseln in den Wolken?
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Oh, sorry, abgedriftet. Lässt sich also über den neuen Landwirtschafts-Simulator etwas Gutes sagen. Ja, doch. Er funktioniert. So, ganz grundlegend, die Mechaniken, so doof sie sein mögen, sind drin und klappen, die Arbeits- und Erntezyklen können aufgebaut werden, und wenn alles gut ineinandergreift, kommt sogar ein gewisses Maß an Befriedigung auf. Komplex wird es nie, man schachert eben und wer in den Neunzigern bei Theme Park haushalten konnte oder als kleines Mädel geschafft hat, sein Taschengeld so einzuteilen, dass es am Nachmittag noch für ein Micky-Maus-Heft reicht, der schafft den LWS mit Bravour. Auch technisch war das Spiel schon mal schlechter, das richtig herbe Geflipper durch die Welt bleibt mittlerweile oft aus.

Nicht, dass es keine gleichermaßen peinlichen wie strunzdummen Fehler gäbe. Die gibt es, und zuhauf. Die Physik zum Beispiel lässt darauf schließen, dass sich die Höfe nicht in Skandinavien oder den USA, sondern stattdessen in Rubberia, Heimat des Flummivolkes, befinden. Dass ein Laster kippen kann, wenn man falsch fährt, ist klar und richtig. Dass ein falsches Anecken mit einem Kran, der an einen Traktor befestigt ist, sowohl Kran als auch Traktor trotz ausgefahrener Stützen dazu bringt, wie Götterspeise zu zittern und ein Trommelfeuer an Mini-Spasmen aufs Parkett zu legen, ist nicht ganz so klar. Und „richtig“ ist am Landwirtschafts-Simulator sowieso gar nichts, wenn ich auch einräume, dass die Omnipräsenz von Objekten, die bei minimaler Berührung hüpfen wie kleine Geißböckchen, irgendwie was hat.

Vielleicht kein Fehler, aber für einen sogenannten Simulator doch eine gravierende Designentscheidung, ist der altbekannte „selektive Realismus“. Gemeint ist, dass man zwar von gängigen Firmen bis ins Detail dargestellte und in meinen Augen spektakulär unspannende Tuckerkisten und bereits nach Gülle aussehende Gerätschaften und Tanks usf. erstehen kann, dass die sackständige Steuerung und der unbarmherzige Fitzelfaktor angeblich eben der Wirklichkeit entsprechend und daher gerechtfertigt seien – dass aber ein Feld zum Beispiel nicht kaputt geht oder auch nur eine Reaktion zeigt, wenn ich mit meiner rasanten Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h durchbrettere. Und so sehr ich den halbherzigen Versuch, die leere Spielwelt durch extrem vereinzelte Passanten mit toten Augen auflockern zu wollen verstehe, aber wenn die spektralen Flaneure einfach bei Berührung durch mein Fahrzeug gleiten, dann ist das kein Realismus, sondern faul. Soll man sie eben so programmieren oder designen, dass sie zur Seite hüpfen. Oder sie ganz weglassen. Viel tragen sie eh nicht dazu bei, die dystopische Gruselfarm beschaulicher zu machen.

Landwirtschafts-Simulator 15 - Bilder zu LaWi 15

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Und falls die geradezu mimosenhafte Überempfindlichkeit meines Beispieltrekkers doch jemandem als ein annähernd angemessener Grad als Realismus erscheinen sollte, möchte ich demjenigen an der Stelle dann gleich noch mitteilen, dass eine meine Lieblingsabkürzungen in dieser unendlich trägen Beschäftigungstherapie von einem Spiel das Herunterbrettern von einer Klippe ist. Wirklich, da steht man oben mit seinem Traktor, das zu besuchende Feld liegt direkt vor einem, nur etwa 20 bis 30 Meter tiefer? Fuck it. Gas geben und mitsamt Anhänger, der in solchen Fällen plötzlich unflexibel und hart wie ein Steiff-Tierchen wird, einfach im Freiflug nach unten segeln, butterweich aufkrachen und dann geht es wieder an die Arbeit. So sehr ich dieses „Feature“ genieße, sowohl als Abkürzung als auch aus humoristischen Gründen, es ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie inkonsequent und hanebüchen dieses Monstrum von einem „Simulator“ ist.

Kurzum: Das Ding ist immer noch Müll. Es ist eine Spur ausgebauter als die Vorgänger, was aber nichts Gutes ist – Trash, der schrittweise versucht, sich der Professionalität anzunähern, wird nicht besserer Trash, sondern schlechterer. Natürlich wird sich das Ding auch verkaufen wie geschnittenes Brot (aus selbstgeerntetem Getreide!), ein Umstand, der mir nur ein herzliches „Na und?“ entlockt. Und wenn die ganze Welt das Teil mögen würde, davon wird es kein gutes Spiel. Wie verroht muss ein Zeitgeist sein, um kommerziellen Erfolg mit Güte oder Wichtigkeit zu verwechseln?