Ihr denkt, ihr habt schon alle Genres gespielt? Wir wetten dagegen. In immer kürzeren Abständen kommen in der gamona-Redaktion geheimnisvolle Spiele an: Spiele wie „Gourmania“, „Trödelschätze“ oder „Treasure Masters“. Eines haben sie gemeinsam: „Wimmelbildspiel“, so die Klassifizierung auf der jeweiligen Hülle. Wusel gleich Siedler-Serie, so viel ist klar. Aber Wimmel? Vor unseren Tests haben wir fast alles erwartet. Nur nicht, das unser Laufwerk eine CD nach der anderen verschlingen würde.

Kurioses - Yps ohne Gimmick ist wieder da!

Wimmelbild – was ist das?

Ein Wimmelbildspiel, was wird das nur sein? Uns begrüßt ein ungewohntes Installationsprogramm, ein unglaublich schlechtes Intro aus statischen Bildern, die über andere statische Bilder fahren und so die Illusion einer wahren Bewegung erzeugen wollen. Erfolglos. Apropos Bewegung: Die gibt es in jedem der getesteten Spiele kaum. Vielmehr besteht ihr Konzept aus fotografischen Szenen, in denen Gegenstände gemäß Auftrag gefunden werden müssen.

Wimmelbildspiele - Kurios: Das neue Spiele-Phänomen - Billigschrott oder Süchtigmacher?

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Wo ist der Pinguin? Wimmelbildspiele sind das, was in Adventures dank Hotspot-Taste wegrationalisiert wurde.
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In „Treasure Masters“ etwa wird durch Sammelaufträge die halbgare Geschichte einer geerbten Schatzsucherfirma vorangetrieben. Die konkurriert mit einem alten Feind der Familie um die Ausbeute eines gesunkenen Schiffes. Ehrensache, dass wir helfen. Unser Assistent verrät uns unerfahrenen Sonntagssammlern, worum es geht: Ausrüstungsgegenstände für eine Wasser-Expedition im chaotischen Büro unseres verstorbenen Vaters finden. Ist das erledigt, muss natürlich erst einmal das Auto wieder auf die Straße gebracht werden, mit dem es zum Kahn gehen soll. Das Werkzeug dafür ist überall in der Garage verstreut, wir müssen also... - das Prinzip dürfte klar sein.

Auch die anderen getesteten Spiele folgen dem Grundsatz: Suchen, finden, klicken, suchen, finden, klicken. Einfach, aber wegen der permanenten Erfolgserlebnisse kurzweilig und fesselnd. Wir haben uns gefragt: Ist es ein neues Konzept? Oder etwa nur aufgewärmte Soße? Auch die kann bekanntlich gut schmecken, wenn sie etwas nachgewürzt wird. Nach stundenlangem, sogar tage- und nächtelangem Gesuche, was die Fertigstellung dieses Wimmelbild-Reports erheblich verzögert hat, fordere ich: Verklagt Ali Mitgutsch!

Apokalyptische Grüße aus dem Mittelalter

„Wer ist Ali Mitgutsch?“, werden sich wohl viele fragen. Und warum verklagen? Wegen Begünstigung von Computerspielsucht. Die konnten wir in akuter Form am eigenen Leib erfahren. Leider gibt es den Tatbestand nicht, wir müssen uns mit Motzen begnügen. Mitbürger Mitgutsch, Jahrgang 1935, ist kein Programmierer, Game Designer oder Produzent. Er ist Kinderbuchautor und Illustrator.

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Ali Mitgutsch ist schuld! Sein Kinderbuch "Rundherum in meiner Stadt" war das erste Wimmelbildspiel.
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Mitgutsch heimste 1969 den deutschen Jugendbuchpreis ein, mit einem Bilderbuch. Es war jedoch keine bis dahin gekannte Form, sondern es bestand aus Zeichnungen. Zeichnungen mit vielen, vielen Details, so dass es vor Kleinigkeiten nur so strotzte, überquoll; Ja, wimmelte. Es war das Wimmelbild-Buch „Rundherum in meiner Stadt“.

Und die Inspiration Mitgutschs? Offiziell von seinen Weltreisen. Doch auch Hieronymus Bosch könnte es gewesen sein. Auch ihn können wir nicht mehr zur Verantwortung ziehen; er weilt nicht mehr unter uns. Seit fast 500 Jahren ist der holländische Maler tot. Bei Betrachtung seiner Bilder fällt eines und damit Unzähliges zugleich ins Auge: Schon im ausgehenden Mittelalter wimmelte es. Bosch ist für seine religiösen, meist apokalyptischen Bilder berühmt. Etwa der „Garten der Lüste“, in dem Himmel, Erde und Hölle ihren Platz finden. Doch die moderne Vorlage für die Computerspielvarianten, die kommt wohl von seinem Verwandten der Kunst, Ali Mitgutsch. Die Grundlage der Niedrigpreis-Spiele mit Suchaufgaben, die momentan die Wühltische überfluten.

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Auch Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" ist ein Wimmelbild im weiteren Sinne.
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Aber sind „Wimmelbildspiele“ wirklich ein neues Genre, wenn auch exklusiv im Casual Gaming? Trotz ihrer simplen Anlage spielen sich die Titel unterschiedlich und sind mit Zutaten anderer Genres gewürzt. In „Gourmania“ etwa müssen wir uns vom Hilfskoch im lokalen Imbiss zum Küchenchef des Grand-Hotel-Restaurants hocharbeiten. Auf dem Weg dorthin müssen wir verschiedene gastronomische Einrichtungen auf Vordermann bringen. Zutaten gegen Zeit zusammenklicken, zubereiten, anrichten, Geld kassieren. Schnelles Kombinieren ist gefragt, denn für simultane Aktionen gibt es Boni.

Spielegenres in Light-Version

Bei „Trödelschätze“ suchen wir Gegenstände zusammen, die wir danach im Garten verkaufen. Vom verdienten Geld werden die Räume des Hauses mit neuen Möbelstücken, Tapeten und Böden eingerichtet. Bei „Treasure Masters“ haben manche Fundstücke sogar eine Funktion – à la „benutze Luftpumpe mit Fahrradschlauch“. Es ist Adventure-Logik der einfachsten Form. Wie früher bei Maniac Mansion oder King's Quest wird mit der Maus jeder Millimeter des Bildschirms abgesucht, um etwas zu finden. Der Unterschied: Wir wissen, was wir suchen. Es wird uns viel leichter gemacht als in klassischen Adventures.

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Wenn das die Koch-Profis sehen könnten! Amelie hält nicht viel von Ordnung in ihrem Café.
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Planlos durch die Gegend laufen und Dinge in die Tasche packen, weil sie eventuell nützlich werden könnten? Das ist im echten Leben nur schwer vorstellbar. Wimmelbildspiele sind in ihrer Klarheit der Aufgaben näher an der Realität, was sie für die breite Masse zugänglich macht. Die Sucht nach Erfolgserlebnissen und Zeitvertreib ohne viel Aufwand. Die scheinbar endlose Suche nach Gegenständen wird bei allen angespielten Titeln mit Minigames garniert – Formen finden, Logikspielchen, leichte Kost für erfahrene Zocker.

Ob Kuchen backen („Coffee Shop“), Nachwuchs-Archäologe spielen („Magic Encyclopedia“) oder Küche und Service koordinieren („Amelie's Café“). Wimmelbildspiele fühlen sich in vielen Nischen wohl und sind deshalb auch keine Plagiate am binären Meter, sondern wenn auch kein großes, ein neues Genre.

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Minigames lockern häufig das Spielgeschehen auf.
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Negativ fällt auf, dass trotz einfacher Spielmechanik inhaltliche Qualitätsstandards scheinbar nicht so hoch wie bei Vollpreistiteln angesetzt werden. So soll etwa ein Schraubenschlüssel gefunden werden, ist im Bild jedoch ein Schraubenzieher. An anderer Stelle wird eine „Schlange“ gesucht – am Ende bringt ein Dollarzeichen den Erfolg. Spätestens als der Regisseur (engl. „director“) zum „Direktor“ mutiert, ärgern wir uns. Trotz des Preises unter zehn Euro. Das sind grobe Schnitzer, die auch kurzweiligen Spaß am Wimmeln erheblich mindern.

Von Sucht und Sühne

Würden wir die Niedrigpreis-Spiele nach unseren normalen Kriterien bewerten, müssten wir zusätzlich die Grafik bemängeln. Die ist häufig Mischmasch aus Comic und Realität, was zuweilen abstruse Kombinationen hervorbringt. Charaktere im Spiel sind da manchmal Fotos von Körpern, auf die mit einem Grafikprogramm ausgeschnittene Köpfe, disproportionale Gliedmaßen und falsche Schatten kopiert wurden. Die Gegenstände sind häufig an unmöglichen Stellen zu finden und passen überhaupt nicht in das Hintergrundbild.

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Die Grafiken reichen von hübsch bis grässlich.
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Dass eine Ansammlung von Minigames mit Wimmelbildern keine große erzählerische Qualität mitbringt, ist klar. Doch wenigstens bei den Dialogen hätten sich die Programmierer von „Treasure Masters“ etwas mehr Mühe geben können. Beispiel: Wir sind auf einem ägyptischen Basar und brauchen einen Korb, der dummerweise von einer Schlange bewohnt wird. Wir sammeln also eine Flöte ein und beschwören das wendige Tier, das ob unserer Fertigkeiten bereitwillig seine Behausung räumt. Unser Helfer bei der Schatzsuche, ein schleimiger Sunnyboy mit Sixpack-Oberkörper fragt uns daraufhin: „Wo hast du gelernt, so zu spielen?“ Antwort: „In der Musikschule, ich hätte nie gedacht, dass mir das einmal helfen würde!“

Trotz der angesprochenen Mängel sind Wimmelbildspiele gefährlich, der Suchtfaktor ist sehr hoch. CD um CD steckten wir in unsere Laufwerke. Um ehrlich zu sein: Der Autor dieses Textes hat mehrere Wochen seines Computerspielerlebens mit Pizza backen, Sushi herrichten und Nutzgegenstände suchen verbracht.

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Schnelle Erfolge fördern den Suchtfaktor.
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Häufig mussten wir über Grafik, Sound oder Story schmunzeln, manchmal fassten wir uns auch an den Kopf oder waren verärgert. Aber es ändert nichts am Fazit des Selbstversuchs: Wimmelbildspiele machen süchtig. Als Sühne für unsere Schuld suchen wir für Activision bald auch versteckte Hakenkreuze in Wolfenstein. Versprochen.