Der ganz normale (Bug) Wahnsinn
(von Stefan Michaelis)

Alles super! Jetzt hat das »20 Prozent mehr!«-Wirtschaftswunder auch die Computerspieler erreicht. Neuestes Motto: Fehler sind positiv, Macken ein Gewinn und Schnäppchen eben Schnäppchen, weil es so auf der Verpackung steht.Angefangen haben die Italiener. Schon weit vor der Lockerung der europäischen Rabatt- und Werberichtlinien haben sie ihre Supermärkte mit Schoko- und Zabaione-Becher vollgestellt, die in knallig gelben Riesenlettern warben: 20 Prozent mehr Inhalt, 15 Prozent gespart!

Nur sind derart plakative Schnäppchen-Nepps - der Becher ist in all den Jahren nie erkenntlich größer geworden - den Italienern aber vermutlich ebenso egal wie die Tatsache, wer ihr Land regiert.
Computerspieler können von der lässigen Lebensart zwischen Rom und Mailand eine Menge lernen - und müssen es auch.

Denn die Masche, einen winzigen Klecks Schokolade zu 20 Prozent Volumen aufzublasen und als neu, besser und leckerer zu verkaufen, sie fasziniert nun auch die Marketingabteilungen der Games-Publisher. Und sie kommen damit durch.

In unserer Aufgeregtheit, immer ganz fix das neuste Spiel haben zu müssen, machen wir jedes »Doppelplusgut« mit, obwohl es in fast jedem Fall ein »Einfachminusmies« ist.

Hieß es in der Science-Fiction-Satire »Starship Troopers« noch »Bug-Loch? Granate rein!«, lautet dasMotto bei eiligst produzierten Top-Games inzwischen »Bugs? Ausliefern! Können wir später fixen ...« Wir ahnen das, wir wissen es, wir ärgern uns, aber wir denken erst gar nicht daran, die Finger von diesen technisch und mitunter sogar inhaltlich unreifen Spiele-Früchtchen zu lassen.

»Anstoss 4«? Ja gut, nach acht Wochen virtueller Liga-Vorbereitung fällt die 3D-Grafik auf den Hintern wie Energie Cottbus, stürzt das Spiel ab wie der Nürnberger Club und geht der Spielstand flöten. Doch wir mucken nicht auf, denn dankenswerter Weise arbeitet Ascaron bereits fieberhaft am ersten Patch, dann wird das Spielerleben wieder schön.

Nun ist Ascaron immerhin noch eine Spieleschmiede alter Schule, verneigt sich tief vor uns und gibt sehr schnell reumütig zu: Wir haben Mist gemacht! Also sei's ihnen verziehen.
Doch andere sind da weniger zimperlich.

Nicht nur, dass sie Fehler nicht wirklich einräumen. Sie versuchen auch noch, Mängel »doppelplusgut« als 20 Prozent mehr zu verticken.
Beispiel »Anno 1503« - »wenn's läuft, ist's gut«, so hört man immer wieder genervte Gamer, die auf Grund falsch gesetzter Wirtschafts-Balancen an der Einstiegsmission scheitern, deftige Abstürze im Dutzend erleben oder ihren Späher nicht wiederfinden. Außer einem »wir arbeiten daran« war nichts von Sunflowers zu hören. Bis dann ein Patch kam, dann noch einer, und so weiter. So richtig auf Hochtouren lief nur der Millionen schwere PR-Etat. Da jubelte zunächst die Agentur, dass man das Technische Hilfswerk als Partner gefunden habe (zum Bug-Fixen?).

Dann hielt die seltsamerweise prominente Jenny Elvers die »Anno 1503«-Packung in die Kamera, wobei selbst ihr Ausschnitt kaum einen potenziellen Käufer mehr gelockt haben wird. Und schließlich hatte man die zündende Idee: »Doppelplusgute« 20 Prozent mehr.»Neue Version im Handel!« lautete die Schlagzeile, die eigentlich nur den italienischen Schoko-Becher beschreibt. »Es gibt einige Veränderungen gegenüber der Erstauflage, die teilweise auf Kundenwünsche zurückzuführen sind«, heißt es da. Ein paar Veränderungen und ein neues leichtes Endlos-Spiel, das sind die berühmten 20 Prozent mehr - oder: tatsächlich die nun endlich erreichten alten 100 Prozent, die schon damals fehlerfrei funktionieren sollten.
Nach fünf Monaten und über 400.000 verkauften Exemplaren gibt es also die fertige Version von »Anno 1503« - und die wird als große Errungenschaft, als »neue Auflage«, als Spiel, das durch die freundlichen Wünsche der Spieler noch viel, viel besser geworden ist, gefeiert.

Faszinierend. Verdammt clever. Und so was von dreist, dass es kracht. Übrigens: Ascaron hat kürzlich einen Qualitätsmanager eingestellt. Hoffen wir, dass es kein »doppelplusguter« 20-Prozenter ist. Aber, naja egal...