Eigentlich hatte ich gar keinen Bock auf ihn. Ja, er war irgendwann mal da und feierte seinen Auftritt. Hat Spaß gemacht damals. Aber im Grunde war er immer nur fett und gefräßig – abgesehen von dieser Designsünde namens „Körper“. Wieso jemand so Uncooles? Himmelherrgott, warum ausgerechnet Kirby?

Jetzt, ich habe mehrere Abschnitte aus „Kirby's Epic Yarn“ gespielt, ist alles anders. Es war Faszination auf den ersten Blick, es war die Begeisterung für das Einfache, für zwei Bewegungsrichtungen und eine Handvoll Aktionen: springen, zuschlagen, werfen, klettern, schweben, schwingen, ziehen, und das Ganze von vorn – was ist nur los im zuckersüßen Nintendo-Land?

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Vielleicht war es der Moment, als ich sah, wie liebevoll, frisch und frech man eine Jump-and-Run-Welt in feinster Kettmasche häkeln kann. Ähm? Ja, häkeln! Weil alles, wirklich ALLES aus Textilien besteht und sämtliche Levelbestandteile, egal ob Gebäude, Plattformen, Zäune oder Blumen, mühevoll in den Hintergrund eingestickt wurden. Es wirkt wie eine endlose Collage filigraner Nadel-und-Faden-Arbeit, in der alle Objekte zusammengewachsen sind wie Stoffflicken mit einem löcherigen Anorak. Ich war auf Anhieb dermaßen begeistert, dass mir glatt die Trennstriche auf dem Notizzettel ausgingen zwischen „bezaubernd“, „fantastisch“ und „putzig“.

Kirby und das magische Garn - Eine Lawine der Niedlichkeit

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– Bunt, strahlend, charmant: Freut euch auf eine Stoffwelt voller "süüüß" und "putzig".
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An den ausgefransten Plattformrändern sieht man feine Nähte, mit denen sie in den Hintergrund getackert wurden, Bäume bestehen aus oval zulaufenden Filzstücken, beim Sprung und anschließender Landung wird der Boden leicht eingedrückt – einfach zum Dahinschmelzen schön. Selbst Luftblasen beim Tauchen sind kleine Wollflusen und Wasseroberflächen ein einziger blauer Faden. Nintendo hätte das Teil auch „Kirby bringt dich zum Lachen“ nennen können, so instinktiv wandern meine Mundwinkel nach oben und schwellen zum Joker-haften Grinsen an.

Wer beim Anblick der freundlich-hellen Stofffarben nicht wenigstens schmunzeln muss, hat kein Herz. Apropos: Allerspätestens wenn Kirby, dessen Körper ebenfalls nur aus einem dicken Wollfaden besteht, seine rosafarbenen Pausbäckchen präsentiert, werden sogar Kollege Denis' „Fetter, designfreier Luftballon mit Augen“-Hasstiraden zum „Och, wie süß“-Bekenntnis. Obgleich er es nie zugeben würde.

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Wenigstens schweben darf Kirby eine Zeitlang.
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Doch all das wäre vielleicht nur halb so wertvoll, hätte der Luftikus nur die alte Fressorgie durchgezogen und sich bis zum Ende Kalorien angefuttert. Nintendo hat offenbar eingesehen, ihn besser auf Diät zu setzen und ihm das Mampfen abzugewöhnen - obwohl es damals zugegebenermaßen witzig war. Der größte Vorteil ist wohl, dass Kirbys Wesen unheimlich flexibel ist. Ähnlich wie Mario kann er alles tun und lassen, was er will, etwa Kuchen backen, Pfandflaschen sammeln, Eishockey spielen oder Nähmaschinen werfen, ohne dass es mit seinem Charakter kollidiert. Welcher Charakter? Ihr sagt es!

Bunt, fröhlich, beschwingt – ein Strahlemann voller Spielwitz. Schöne Überraschung.Ausblick lesen

Heute hat er eine Fadenpeitsche, genau genommen nur die Verlängerung seines Körpers, die Gegner zu einem Wollknäuel aufrollt und zum Wurfgeschoss umfunktioniert. Was übrigens auch prima mit einem zweiten menschlichen Spieler klappt, der in die Rolle eines bekrönten blauen Begleiters schlüpft und Kirby unterstützt.

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So einfach wie genial: Reißverschlüsse halten die Gebäude zusammen.
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Ähnlich wie in „New Super Mario Bros. Wii“ kann man sich gegenseitig packen und auf höher gelegene Ebenen werfen, um Diamanten zu erbeuten. Diese wiederum sind wichtig in den Bosskämpfen am Ende jedes Levels und begrenzen gewissermaßen die Lebensenergie. Die kleinen Feinde auf dem Weg dahin bleiben allerdings furchtbar nebensächlich – jeder wird mit einem Peitschenhieb aufgerollt. Stattdessen rückt Nintendo das Standardgerangel in den Hinter- und den großen Star des Spiels in den Vordergrund: die Kulisse.

Reiß die Hütte ab

Die gegnerischen Knubbelviecher mit dem Schwer-wie-ein-Betonklotz-Kirby (Sprung plus Richtungstaste runter) plattzudrücken, ist ohne Frage spaßig, aber die wunderbar interaktiven Umgebungen versprühen gleich dreimal so viel Charme. Wenn der Wobbelkerl an einem Knopf hängend hin- und herschwingt, wabbelt sein Bauch so süß, dass es eine wahre Freude ist, minutenlang dabei zuzusehen. Noch besser: Wenn er dasselbe mit einem Knopf in einem Baumstamm tut, schüttelt er die Baumkrone und wirft Diamanten ab – schlicht, witzig, liebenswürdig.

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Selbst die Bossgegner sind süße Knuffel zum Puffen und Drücken und…
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Vor breiten Abgründen zieht er Teile des Hintergrunds wie einen Vorhang zurück und macht die Lücke somit überwindbar. Stofffetzen werden wie ein auf halb acht hängender Jackenaufnäher einfach weggerupft, um dahinterliegende Schätze freizulegen. Ähnlich wie im ersten NES-Kirby schlüpft der Happy-Hüpfball durch Türen ins Innere von Gebäuden, während der Stoff an seiner Position nach außen gewölbt wird, quasi aus der Mattscheibe heraus – herrlich genial. Andere Ecken, ja, komplette Mauern lassen sich umkrempeln wie eine Tischdecke, zurück bleibt gewellter Stoff.

Manche Häuserfronten werden mithilfe eines Reißverschlusses zusammengehalten. Zumindest so lange, bis Kirby „ritsch ratsch“ macht und zwei Ebenen voneinander trennt. Die Vorderseite rutscht anschließend wie ein Poster von einer Wand, das nur noch an den beiden unteren Ecken mit Klebeband fixiert ist. Und auch wenn er keine Gegner verputzen und ihnen keine Fähigkeiten mehr rauben darf, huscht er in unterschiedlichen Formen durch die Levels.

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Unterwasser müsste der Faden doch eigentlich...ach lassen wir das...
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Beim doppelten Druck auf eine der Richtungstasten verwandelt er sich in ein Auto, brettert über den Rücken eines dicken Stoffdinos und stupst Widersacher aus dem Weg. Er kann als Ufo Chaos stiften oder mit dem Surfbrett von einem Gegnerkopf zum nächsten hüpfen. Ach ja, hab ich schon erwähnt, dass er zu einem gigantischen Panzer mutiert? Die Schussrichtung der Raketen wird derweil mit Neigbewegungen der Wiimote bestimmt, wobei die Fernbedienung im kompletten Spiel das einzige Steuerelement bleibt, quer gehalten wie ein NES-Pad. Sitzt obendrein ein Kumpel im riesigen Ungetüm, darf er Boxhandschuhe zur Unterstützung feuern – ein simpler, sympathischer Spaß.

Das Zuckerfass zum Überlaufen bringen die Bossgegner. Ein Drache, der nur aus einem Schnürsenkel zu bestehen scheint, bäumt sich vor mir auf, drückt mich mit einem kräftigen Flügelschlag nach hinten, spuckt Wollfeuer. Nach einigen Angriffen hängt ihm die Knopfzunge erschöpft aus der Gosche. Ich lasse die Peitsche schnippen, ziehe die ihm die bunten Maschen lang und zeige ihm, was ein Klettverschluss ist.