Ein Marshmallow mit Augen inhaliert feindliche Pokémon und eignet sich deren Kräfte an. Am Ende bespuckt er einen hammerschwingenden Pinguin und rettet ein Zauberland. So weit die mittlerweile fast 20-jährige Geschichte der Kirby-Spiele, von der man nicht so recht glauben möchte, dass sie ganz ohne Zufuhr von Halluzinogenen entstanden sein sollen.

Was also lässt sich tun, um den Knuddelfaktor und gleichzeitig die Verwunderung der 2-D-Plattformspieler noch weiter nach oben zu treiben? Man schnappt sich die gesamte Formel und streicht eine Wolloptik drüber, sodass nun alles nach Nähzeug, Pfeifenreinigern und Angora aussieht. Doch wird es bei einem bloßen optischen Gimmick bleiben oder nutzt „Kirby und das magische Garn“ seinen kuscheligen Stil sogar spielerisch?

Kirby und das magische Garn - Stricken statt Saugen: Kirby wird prüde

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Einfach zum Dahinschmelzen schön: Kirbys Stoffwelt.
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Schwerer Fall von Wollwut

Es ist ein typischer Tag im Dreamland, die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und Kirby ist mal wieder auf der Suche nach etwas Essbarem. Er stößt schon bald auf eine seiner geliebten Maxi-Tomaten und verschlingt sie. Doch was Kirby nicht ahnt: Es handelt sich um die magische Megamomate des bösen Zauberers Grimmgarn, die Kirby ins Stoffland transportiert - eine Welt, in der alles aus Fäden und Garn besteht. Sogar Kirby selbst ist plötzlich ein loses Gebilde aus ein paar Wollfäden. Der lokale Regent Prinz Plüsch erklärt Kirby die Situation: Stoffland platzt aus allen Nähten, das magische Garn, das die Welt zusammenhielt, ist verschwunden. Kirby erklärt sich bereit, die fremde Dimension zu flicken, indem er verschiedenen Schergen des Zauberers das magische Garn wieder abknöpft. Grimmgarn jedoch nutzt Kirbys Abwesenheit, um sich Dreamland anzueignen.

Packshot zu Kirby und das magische GarnKirby und das magische GarnErschienen für Wii kaufen: ab 47,99€

Kirby stellt gleich zu Beginn eine unschöne Tatsache fest: Seine Fähigkeit, Gegner einzusaugen, ist mit seiner Verwandlung verschwunden, die Luft strömt einfach durch den kleinen rosafarbenen Kerl hindurch. Das ist zwar ein physikalischer Albtraum, vor allem aber eine Umgewöhnung für Fans, denn die alte Mechanik ist dahin und hat einen Ersatz gefunden. Kirby kann sich dank seiner wolligen Erscheinung mühelos verwandeln. In ein Auto, einen Fallschirm oder eine Art Abrissbirne zum Beispiel.

Diese „Verwandlungen“ sind jedoch nicht mehr als die übliche Palette an Jump-and-Run-Manövern, die jetzt halt niedlicher aussieht. Das Auto ist einfach die Visualisierung des althergebrachten Sprints. Der Fallschirm ist eine „Gleiten“-Mechanik, die unseren knubbeligen Protagonisten nach einem Sprung sanft zur Erde schaukeln lässt. Hauptmethode zum Angriff ist Kirbys Garnhaken; die plüschige Peitsche ermöglicht es, Gegner entweder aufzutrennen oder zu einem Knäuel aufzuwickeln, das Kirby sich dann grabscht und als Wurfgeschoss verwenden kann. All diese Aktionen geschehen bei waagerecht gehaltener Wiimote und sind mit einem einfach Druck auf die Tasten 1 oder 2 durchgeführt, so präzise, wie man es sich nur wünschen kann.

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Witzige Idee: einen Stoffpanzer steuern. Spieler 2 kann einsteigen und ebenfalls feuern.
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Aus diesen grundlegenden Mechaniken ergibt sich ein spielbarer, oberflächlich jedoch erschreckend konventioneller Plattformer. Die Kirby-Reihe hatte bislang zweierlei Traditionen: Zum einen gehörte sie immer zu den einfacheren Spielen in Nintendos oftmals grausam schwieriger 2-D-Welt. Wir widmen uns gleich der Frage, ob man das neue Kirby wieder im Vollrausch oder Halbschlaf ohne Anstrengung durchzocken kann. Doch die zweite Tradition, das Einsaugen der Gegner, ist in jedem Fall weg.

Das wollige Abenteuer ist teils schon banal einfach, doch so liebevoll gestaltet und spielerisch detailreich, dass es allen empfohlen sei, die entspannende Plattformer mögen.Fazit lesen

Manch einer wird das erfrischend finden. Ich nicht. Die Frage ist doch, was Kirby bislang ausmachte, und da muss man ganz ehrlich sagen: nicht allzu viel. Man sieht ihm heute noch an, dass sein Design ursprünglich eine Platzhaltergrafik war. Persönlichkeit hat er de facto nicht. Und ob man das Gesauge von anno dazumal heutzutage als altbacken oder nicht mehr zeitgemäß empfände, spielt doch letztendlich keine Rolle - es ist, was Kirby ausmacht. Man nimmt Mega Man nicht seinen Blaster, Mario nicht seinen Pilz und Kirby ist ohne ordentliche Inhalation nur ein weiterer Niemand im Plattformland. (Und ja, in „Kirby's Dream Land“ konnte er die Gegner nicht verschlucken, ich weiß. Deshalb war das Spiel auch schlechter als seine Nachfolger.)

Würde es also bei diesen Elementen bleiben, wäre „Kirby und das magische Garn“ eine Enttäuschung. Dass der fusselige Titel dennoch zu bezaubern vermag, liegt an einem ganz ungewöhnlichen Star, der in anderen Spielen oftmal vernachlässigt wird: der Kulisse.

Die Chroniken von Garnia

Sagen wir es geradeheraus: „Epic Yarn“, wie das Spiel im Original heißt, sieht dermaßen knuffig-obersüß aus, dass man sich durch bloße Betrachtung beinahe schon Diabetes oder doch zumindest Zahnfäule einfängt. Das wollige Design ist nicht nur mit einer beachtlichen Konsequenz, sondern auch mit einem erstaunlichen Detailgrad durchgezogen worden, der selbst den härtesten Hunden ein Glitzern in die Augen treiben kann.

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Diesem riesigen Drachen ziehen wir die Zunge aus der Gosch.
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Witzigerweise ist nicht einmal der rosafarbene Ballon selbst der größte Blickfang, es ist vor allem die Umgebung. Kirby besucht während seines Abenteuers, das je nach Gründlichkeit des Spielers die Sechs-Stunden-Marke sprengen kann, sieben Welten, die auf den ersten Blick jeden Jumper und Runner in den Tiefschlaf versetzen müssten: eine Graswelt, eine Eiswelt, eine Lavawelt, eine Weltraum... äh... -welt. Alles kalter Kaffee.

Doch hier schlägt die Genialität des Stoffkonzepts zu. Wenn sowohl Feuer als auch Wasser aus minimalistisch arrangierten roten bzw. blauen Wollfäden bestehen, die dennoch den vollen Effekt entfalten, muss man seinen Hut ziehen. Roboter und Hightech? Nur in Textilform. Riesige Schneekugeln? Bestehen aus Watte. Dinosaurier? Sind letztendlich monströse Zierdeckchen. Schnell hat der Spieler raus, welche gestalterischen Elemente wo eingesetzt werden – wulstige Nähte sind begehbare Plattformen, Knöpfe sind Hangelansätze für Kirbys Garnhaken und so weiter - doch bis zum Ende überrascht die Gestaltung immer wieder aufs Neue. Das gilt auch für die musikalische Untermalung: Lustig trillern uns einfache Melodien im 4/4-Takt entgegen, die jedoch je nach Welt angepasst sind und nie langweilen. Der Pianist muss dabei einfach gelächelt haben. Gute Laune, die ansteckt.

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Reißverschlüsse werden einfach geöffnet, um Wege freizulegen.
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Stoff ist, natürlich, weich. Es folgt daraus, dass die Optik des Spiels diese Eigenschaft vermitteln muss, und das tut sie in triumphal gelungener Weise. Nicht nur trübt keine Kante und keine unnötige Härte das Blickfeld, es ist vor allem in den Animationen zu sehen, wie viel Arbeit in „Epic Yarn“ gesteckt wurde. Der Boden federt leicht nach, wenn Kirby nach einem gekonnten Sprung landet, schwingt er an einem Haken, wackelt sein kleiner Körper ein wenig nach und das Auftrennen eines Gegners resultiert in textilem Konfetti, das wunderbar weich zur Erde rieselt.

Das alles wäre aber nichts wert, wenn das Abenteuer spielerisch eindimensional bliebe. Auch hier eilt die Umgebung zur Rettung, denn die Interaktion mit der Flickenwelt und ihrer eigenen, jedoch sofort erkenntlichen Logik ist das eigentliche Highlight. Abgründe werden überwunden, indem Kirby an einem losen Fädchen zieht und somit den Hintergrund zusammenkrempelt, sodass eine Plattform in die Nähe rückt.

Reißverschlüsse halten die örtliche Architektur zusammen, bei entsprechender Öffnung segelt die Hausfassade, nicht mehr als ein lose befestigtes Laken, gen Boden und gibt einen neuen Durchgang frei. Nehmen wir selbigen, landet Kirby im Haus - wir können statt seiner jedoch nur eine Auswölbung sehen und müssen ihn quasi „unter der Decke“ steuern. Zudem sind all diese Aktionen in erstaunlich nichtlinearen Welten anzutreffen, die viele Verstecke beinhalten und zum Suchen animieren.

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An bestimmten Ankerpunkten kann Kirby so putzig hin und her wobbeln. Haaaach...
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Mein Favorit: Elektrizität ist nicht mehr als ein abwechselnd nach oben und unten ausschlagender Faden - sobald wir diesen jedoch straffen, ist der Strom weg und Kirby kann hier ganz normal laufen. Spielen wir zu zweit, gewinnt das Spiel nochmals ein bisschen: Als der herrlich wirsch guckende Prinz Plüsch (toller Name) kann uns Spieler 2 begleiten, uns im Weg stehen oder in einem Sprungrätsel als logistische Ergänzung herhalten. Der Chaosfaktor ist dabei sehr gering, viel geringer als etwa bei „New Super Mario Bros.“, doch das passt insgesamt gut in das dezidiert unhektische Spiel mit seiner freundlichen Atmosphäre.

Es sind diese Momente, in denen „Kirby und das magische Garn“ richtig glänzt. Zusätzliche Abwechslung bieten die Levels in Form von Passagen, in denen sich Kirby in einen Panzer, eine Lokomotive oder ein Ufo verwandelt, um sich eine Weile alternativ fortzubewegen. Das ist zwar kein wirklicher Ersatz für die alte Verwandlungsmechanik, doch es sorgt dafür, dass die wollige Reise größtenteils nicht langweilt. Die Betonung liegt hierbei jedoch auf „größtenteils“.

Epic Yawn

„Epic Yarn“ ist einer dieser Titel, die nur dann eine Herausforderung darstellen, wenn der Spieler sich bewusst dazu entscheidet, Mühe zu investieren. Denn man kann in diesem Spiel nicht scheitern. Man kann nicht feststecken. Man kann noch nicht einmal sterben. Die Frage ist nicht, ob man siegreich ist - die Frage ist nur, wie gut man nach einem unvermeidlichen Triumph abgeschnitten hat und ob einem das reicht. Verlangt das Ego nach Perfektion und Komplettierung, so hat das Spiel tatsächlich eine herausfordernde Ebene. Doch was, wenn nicht?

Kirby sammelt in den verschiedenen Levels Edelsteine und rupft Flicken aus dem Hintergrund, um Objekte zu finden, mit denen er seine Wohnung verschönern kann. Die Wohnung wurde ihm von Herrn Webstuhl zur Verfügung gestellt und hat nicht die geringste Auswirkung auf irgendwas - sie ist wortwörtlich nichts als Beschäftigungstherapie. Gleiches gilt für die Edelsteine, mit denen Kirby, haltet euch fest, mehr Dekorationsobjekte für die Wohnung kaufen kann. Genau einen Ansporn gibt es, sich den ganzen Unsinn anzutun: Mit den Möbeln kann man neue Nachbarn anlocken, die verschiedene Minispiele innerhalb der Levels freischalten, etwa eine Variante von „Verstecken“. Das ist der Inbegriff der Banalität, aber wahrscheinlich besser als nichts.

Kirby und das magische Garn - E3 TrailerEin weiteres Video

Doch was hat das alles mit der nicht vorhandenen Herausforderung des Spiels zu tun? Wie dermaleinst Sonic der Igel verliert Kirby bei Verwundung einen Teil seiner zusammengeklaubten Klunker. Anders als der blaue Igel verliert Kirby nicht alle Steine, sondern sie gehen peu à peu flöten. Hatte Sonic keine Ringe und wurde getroffen, starb er. Kirby jedoch kann nicht sterben. Die einzige Strafe, die uns bei Achtlosigkeit oder anderer Schlamperei erwartet, sind also der Verlust der ohnehin komplett unwichtigen Juwelen und die Tatsache, dass die Statistik am Ende der Welt mehr oder weniger hübsch ist. Spannung schreibt sich etwas anders.

Kirby steht also irgendwann vor einem der Endgegner, die am Ende einer jeden Welt lauern. Der riesige Drache bläht die Nüstern, wolliges Feuer sprüht uns entgegen, es sollte ein für die Verhältnisse von Kirby brachialst epischer Moment sein - doch nichts steht auf dem Spiel, nichts ist zu gewinnen oder zu verlieren. Dass die fadenscheinige Odyssee nur in einzelnen Momenten anödet und nicht durchweg, spricht in hohem Maße für die Gestaltung des Titels, vor allem der Level. Denn wie gut muss ein Spiel gebaut sein, um uns vergessen zu lassen, dass wir nicht mal scheitern könnten, wenn wir wollten? Tatsächlich ist der größte Spaß das Auskundschaften der Level, und wäre der nicht so groß, könnte ich dem Spiel keine gute Note mehr geben. Vor einer so knapp gelungenen Gratwanderung muss man schon wieder Respekt haben.

Nur zur Klärung: Das ist keine Kritik an der Tatsache, dass „Epic Yarn“ leicht ist. Es ist tatsächlich leicht, und das ist kein großes Problem. Kirby war schon immer einer der „Anfänger-Plattformer“ aus dem Hause Nintendo und neben Kollegen wie „New Super Mario Bros.“ und „Donkey Kong Country Returns“ sind die doch sehr grundlegend gehaltenen Sprungpassagen mit großzügigen Zeitfenstern in „Epic Yarn“ geradezu lächerlich einfach. Das ist in Ordnung, viele Spiele sind auf Spannung ausgelegt, dieses entspannt eben lieber.

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Was ein herzallerliebster Bossgegner...
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Doch die Abwesenheit jeder Konsequenz, jedes möglichen Versagens, nimmt eben auch die Motivation. Die Befriedigung, ein Hindernis überwunden zu haben, geht komplett drauf, wenn man sich anstellen kann, wie man will. Der oben beschriebene Drache ist nicht mehr als eine bessere Bremsschwelle - was für eine Verschwendung. Wozu es überhaupt noch Gegner und Abgründe gibt (im Falle eines Absturzes wird Kirby vom örtlichen Angelus Ex Machina, dem Engelchen Angie, einfach wieder zum Rand der Grube getragen), ist im Grunde ein Rätsel, denn sie tragen wortwörtlich nichts zu „Kirby und das magische Garn“ bei.

Ganz anders als Design und Levelgestaltung, die es tatsächlich schaffen, aus einer potenziellen Schnarchnummer ein ansprechendes und gutes Spiel zu machen. Das nächste Mal darf es auch etwas weniger knapp und widersprüchlich sein, Nintendo.