Was vor nunmehr über zehn Jahren als ambitioniert-merkwürdiges Experiment seinen Anfang nahm, ging mittlerweile über 10 Millionen Mal über die Ladentheken dieser Welt, hat Cosplayern ein neues Mekka beschert und spaltet die Rollenspielerfraktion in zwei Lager: Kingdom Hearts polarisiert. Seit jeher. Jetzt holen Sora, Micky und Konsorten in 3-D zum Rundumschlag aus, um im schier endlosen Spin-off-Wahnsinn endlich den Boden für den überfälligen dritten Teil der kunterbunten Reihe zu bereiten.

Mit der kleinteiligen Sisyphusaufgabe, die vertrackten Handlungsstränge der zahlreichen Nebenschauplätze von „Kingdom Hearts“ gekonnt zusammenzuführen, hat sich das neueste Abenteuer aus dem Hause Square-Enix eine tonnenschwere Bürde aufgelastet. Und während das Gewicht Serienneulingen bereits in den ersten Spielminuten die Luft zum Atmen nimmt, fühlen sich Veteranen sofort heimelig.

Die beiden stachelhaarigen Protagonisten Sora und Riku statten dem weisen Zauberer Yen Sid einen Besuch im mystischen Turm ab und bitten ihn im Kampf gegen Xehanort um Hilfe. Der aus dem Disney-Film Fantasia bekannte Robenträger rät den Freunden mit bedeutungsschwangeren Worten, die sieben schlafenden Schlüssellöcher mithilfe ihrer Schlüsselschwerter zu befreien, um zu Meistern des Schlüsselschwerts zu werden.

Kingdom Hearts 3D: Dream Drop Distance - Träumst du noch oder spielst du schon?

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Die Rendersequenzen sind ein echter Hingucker
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Alles klar? Nein? Gut. Willkommen in meiner Welt. Als junger Bub habe ich anno 2002 noch mit Freuden das erste Abenteuer der jungen Helden verfolgt, die Serie danach aber schnell aus den Augen verloren. Heute drängt sich mir unweigerlich der Gedanke auf, wann aus der sympathischen Zusammenführung verschiedener Zeichentrick- und Videospielwelten eine dermaßen abstruse Geschichte entwachsen ist, die sich gern selbst in dicken, fetten Lettern das inflationär benutzte Wörtchen E-P-I-S-C-H auf die Stirn eingravieren würde.

Doch wir wollen fair bleiben: Nachdem der erste Schock überwunden wurde, muss man dem Handheld-Titel schnell einräumen, dass er mithilfe von textbasierten Rückblenden, zahlreichen Videos und einem überbordenden Glossar an Begrifflichkeiten und Charakterbeschreibungen auch Grünschnäbeln die Handlungstür einen Spalt breit öffnet. Viel mehr als ein mysteriöses Schimmern lässt sich anfangs zwar nicht ausmachen. Um den Anschluss an die Geschichte von Teil 2 (PlayStation 2) und Re:Coded (DS) zu finden, die „Dream Drop Distance“ nahtlos fortsetzt, reicht der Crashkurs aber allemal.

Kingdom Hearts 3D: Dream Drop Distance - Träumst du noch oder spielst du schon?

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Rollenspiel-Experten freuen sich auf ein Treffen mit Neku Sakuraba und den anderen Charakteren aus dem Nintendo-DS-Geheimtipp The World Ends With You
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Dabei stolpern weniger sattelfeste Spieler mit fortschreitender Zeit immer wieder über viele kleine Anspielungen, die Kennern in regelmäßigen Abständen ein breites Grinsen auf das tiefenentspannte Gesicht zaubern dürften. Diese Ambivalenz zieht sich zwar wie ein roter Faden durch das Abenteuer, nimmt mit zunehmender Spieldauer aber zusehends ab.

Das liegt nicht zuletzt an den sympathischen Charakteren, die durch kräftige Farben sowie eine starke Mimik und Gestik regelrecht zum Leben erwachen – der grandiose 3-D-Effekt trägt dazu ebenfalls seinen Teil bei. Spätestens wenn Donald ängstlich bibbernd das Weite sucht oder Sora in schallendes Gelächter ausbricht, ist man völlig vom Charme dieser liebreizenden Welt gefangen.

Frische Ideen vs. nervende Altlasten

Nüchtern betrachtet zieht „Kingdom Hearts 3D: Dream Drop Distance“ einen Großteil seines Reizes aus den vielseitigen, abwechslungsreichen Welten. Sora und Riku besuchen den Raster aus TRON Legacy, halten im Vergnügungspark nach dem Lügenbold Pinocchio Ausschau, verhelfen Quasimodo im verwinkelten Notre-Dame zu neuem Selbstbewusstsein und lauschen den klassischen Klängen der Welt von Fantasia.

Nicht nur die fabelhafte Technik lädt zum Träumen ein: Dank frischer Ideen und sympathischer Charaktere das beste Kingdom Hearts seit Jahren.Fazit lesen

Im Kontrast dazu steht jedoch der lineare Verlauft der menschenleeren Gegenden: Mehr als ein paar Schatztruhen gibt es nicht zu entdecken und auch ein wenig Gesellschaft abseits des Wegesrands wäre der Atmosphäre zuträglich gewesen.

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Die Kämpfe strotzen nur so vor Effekten
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Von mangelnder Beschäftigung kann aber keinesfalls die Rede sein, denn hinter jeder Ecke lauern Scharen von Traumfängern, die unseren Helden ans Leder wollen. Um der Feinde Herr zu werden, setzt Square-Enix auf das altbewährte Echtzeitkampfsystem, das serientypisch von der zickigen Kamera geplagt wird.

In der Hektik des Gefechts geht nämlich nicht nur ein Gegner nach dem anderen, sondern gern auch mal die Übersicht flöten. Dem lässt sich aber immerhin etwas mit der unästhetischen Circle-Pad-Pro-Erweiterung für den Nintendo 3DS entgegenwirken, wodurch die Kamerasteuerung von den Schultertasten auf den zweiten Stick verlagert wird.

Während das bekannte Hinkebein dem Spielfluss also regelmäßig ein paar Steine in den Weg wirft, hieven einige längst überfällige Modernisierungen das altbackene Kampfsystem dennoch auf eine neue Ebene. Als größter Gewinn stellt sich bereits nach wenigen Auseinandersetzungen der bereits im Vorfeld beworbene Freie Fluss heraus.
Auf Knopfdruck sausen die beiden Jungen im Sauseschritt auf Wände, Geländer und Laternen zu, um den Geschwindigkeitsschub für effektgeladene Angriffe oder höhere Sprünge zu nutzen. Pad-Akrobaten können durch die verschiedenen Kombinationen der Fähigkeiten einen regelrechtes Kombo-Fluss entwickeln, dessen Möglichkeiten aber schnell an seine Grenzen stoßen.

Deutlich facettenreicher gestaltet sich die Aufzucht der Pokémon-artigen Monster, die den beiden Protagonisten auf Schritt und Tritt folgen. Durch das Kombinieren verschiedener Substanzen lassen sich die freundlichen Pendants der grimmigen Traumfänger erschaffen und dank ihrer spezifischen Eigenheiten fortan in die eigene Kampfstrategie einbeziehen.

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Minnie schlägt die tapferen Helden zu waschechten Musketieren
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Sie teilen nicht nur kräftig aus, sondern können den zahlreichen Widersachern auch mit diversen Zaubern zusetzen oder als Heiler fungieren. Doch so praktisch die kleinen Weggefährten in den Auseinandersetzungen sind, so nervig gestaltet sich auf der anderen Seite ihre Aufzucht. In bester Tamagotchi-Manier wollen die Biester gestreichelt, gefüttert und bespaßt werden, was schon bald zu einer nervigen Pflicht verkommt.

Doch die Arbeit zahlt sich aus: Durch gewonnene Erfahrungspunkte und kitschige Kuscheleinheiten lassen sich auf den Fähigkeitsfeldern der Tierchen neue Attacken, Upgrades für verschiedene Werte und vieles mehr freischalten. Gemeinsam mit den spezifischen Spezialfähigkeiten, die untereinander noch einmal kombinierbar sind, bereichern die quietschbunten Wesen das Kampfsystem ungemein.

Technik zum Träumen

Im Geiste des PSP-Spin-offs „Birth By Sleep“ gehen die jungen Helden nicht gemeinsam auf Entdeckungsreise, sondern stets voneinander getrennt. Zwar besuchen sie dieselben Welten, doch jeder schreibt sein ganz eigenes Abenteuer. Knackpunkt dabei: Als Spieler übernimmt man abwechselnd die Kontrolle über Sora und Riku. Auf Wunsch kann jederzeit gewechselt werden, nach etwa 20 Minuten zieht „Dream Drop Distance“ aber automatisch den Stecker und schickt den aktuellen Protagonist in die Zwangspause.

Es ist offensichtlich, welches Ziel die Entwickler dabei vor Augen hatten, aber gelegentlich hätte ich mir etwas mehr Nachsicht gewünscht. Es ist vollkommen irrelevant, ob Sora gerade kurz davor ist, einen knackigen Bossgegner auf die Bretter zu schicken: Ist die Gnadenfrist abgelaufen, wird gewechselt und das jeweilige Abenteuer beim nächsten Start vom letzten Checkpoint fortgesetzt. Mit etwas Voraussicht lassen sich derartige Frustmomente aber durch rechtzeitige manuelle „Stürze“ umgehen.

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Es kann jederzeit zwischen Riku und Sora gewechselt werden
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Was nützen Träume, wenn man sie nicht nach Belieben formen und gestalten kann? Nicht nur Leonardo DiCaprio kann die eigene Gedankenwelt im Blockbuster Inception seinen Wünschen entsprechend nutzen. Der vom jeweiligen Ort abhängige Realitätswandel lässt auch Sora und Riku die festgetretenen Pfade der drögen Wirklichkeit verlassen. Wurden die Feinde ausreichend mit Zaubersprüchen, Schwerthieben und allerlei anderen Fähigkeiten beharkt, laufen je nach ausgerüstetem Schlüsselschwert mal mehr, mal weniger Minispielchen auf dem Touchscreen des Nintendo 3DS ab, deren Bewältigung die unterschiedlichsten (Kampf-)Auswirkungen nach sich ziehen. Egal, ob geschlossene Blumenknospen zu voller Blüte heranreifen, Gegner durch die Luft geschleudert oder in überdimensionalen Seifenblasen eingeschlossen werden: Für Abwechslung ist gesorgt.

Zum Träumen lädt zudem die fabelhafte Technik von „Dream Drop Distance“ ein, die nach Grafikbrettern wie „Resident Evil: Revelations“ oder „Kid Icarus: Uprising“ ein weiteres Mal unter Beweis stellt, wozu der unscheinbare 3-D-Handheld aus dem Hause Nintendo in der Lage ist – zumindest zum Teil. Auf der Kehrseite der Medaille wird nämlich auch deutlich, wo die Grenzen des Geräts liegen. Im überbordenden Effektgewitter der Kämpfe können schon mal heftige Ruckelorgien auftreten, die gemeinsam mit der störrischen Kameraführung noch stärker an der ohnehin dürftigen Übersicht nagen und sogar über Sieg oder Niederlage entscheiden können. Im Zuge der etwa 25-stündigen Spielzeit ist mir mehr als einmal ein bitterböser Fluch über die Lippen gekommen.

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Pokémon in noch bunter: Die hilfreichen Geister haben individuelle Fähigkeiten
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Doch schon bei einer der vielen Zwischensequenzen war der überschäumende Ärger kindlicher Faszination gewichen. Mal witzig, mal etwas gezwungen emotional inszeniert, wirken die Charaktere in den Nahaufnahmen noch beeindruckender, die Farben noch kräftiger, der grandiose 3-D-Effekt noch plastischer. Letzterer zählt sogar zu den besten, die es auf dem 3DS bislang zu bestaunen gab, und rundet den organischen Look des Spiels perfekt ab.

Die Soundabteilung hat ihre Hausaufgaben ebenfalls vortrefflich erfüllt. Wunderschöne Melodien, wuchtige Effekte und professionelle, leider ausschließlich englische Synchronsprecher geben sich die Klinke in die Hand. Dieser audiovisuellen Leckerbissen sollte unbedingt mit entsprechenden Kopfhörern genossen werden. Erst dann taucht man genauso tief in die Spielwelt ein wie Sora und Riku selbst.