Hoppla, da ist doch das Herzensprojekt zahlreicher Spieler an mir bislang glatt vorbeigegangen. Nun, sowas passiert, ich jedenfalls bin froh, jetzt doch einen Blick auf Kingdom Come: Deliverance geworfen zu haben. Nicht etwa, weil ich schon vollkommen überzeugt wäre, dass es verdammt großartig wird – Skepsis ist durchaus noch vorhanden. Vielmehr deshalb, weil es so was wie ein Einhorn, ein Yeti oder ein irischer Kobold ist: ein storygetriebenes Rollenspiel in einem vollkommen realistischen historischen Setting. Was ironischerweise bedeutet, dass ich weder Einhörner noch Kobolde zu sehen bekam.

Für die zweieinhalb Leute, die wie ich bislang komplett im Dunkeln über Kingdom Come: Deliverance waren, eine kleine Zusammenfassung: 2009 verließ ein gewisser Daniel Vávra 2K Czech und versuchte in den folgenden Jahren, Investoren für ein Rollenspiel zu finden. Nach einigen Rückschlägen halfen Glück und eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne dabei, sein Traumprojekt wahr werden zu lassen. Nachdem bereits eine Alpha zu bestaunen war, steht nun die Beta-Phase an. Wer einen ausführlicheren Überblick wünscht, muss mal einen Blick in die Vorschau meines geschätzten Kollegen Freddy werfen. Ich mach das hier nicht hauptberuflich, ich spiel eigentlich Keyboard.

Die Alpha jedenfalls hab ich zwar nicht selbst gesehen, mich aber schlau gemacht, in welchem Zustand sie war. Und schon über diese noch sehr kantige Version wurde gesagt: Man sieht, wohin die Reise gehen soll, aber es ist momentan eher eine Art Tech-Demo, aus der sich nur schwer Prognosen ableiten lassen. Die Idee ist da. Offenbar auch Fähigkeit, Kenntnis und ein geradezu einschüchterndes Maß an Ambition.

Die Beta-Version ist, das muss gesagt werden, schon deutlich weiter. Nicht länger ist ein Besuch am Bogenschießstand das Highlight, und tatsächlich ist eine ordentliche Portion von KCD bereits spielbar... oder zumindest wäre sie es, wenn der mir gezeigte Build nicht noch arg von vielen kleinen und ein paar massiven Fehlern und Bugs heimgesucht worden wäre. Doch zumindest ist das Rollenspiel bereits erkennbar und sieht auch richtig fein aus.

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In den Wirrungen des Jahres 1403 spielt man den Sohn eines böhmischen Schmiedes – Papa wurde jedoch zusammen mit dem Rest seines Dorfes massakriert. Was zunächst klingt wie der stereotypeste... stereotypischste... also, der klischeebeladenste Anfang für jedes RPG ever, ist tatsächlich nur Aufhänger dafür, dass man ins Kreuzfeuer der politischen Intrigen gerät und sich einen Weg durch die allzu feindliche Welt bahnen muss. Klar ist Rache für den Tod des Vaters ein Motiv, doch im Lauf der Zeit geht es zunehmend darum, dem rechtmäßigen Nachfolger auf den frisch freigewordenen Thron zu helfen.

In unserer Version war das Ziel jedoch erst mal, einen offenbar wichtigen Informanten zu finden – durch seine Berufung zum Gerber hat er den unglücklichen Spitznamen "Reeky". Das gab uns Gelegenheit, mehr von der Queststruktur und der Interaktion mit den Charakteren zu sehen. Beide präsentierten sich erfrischend offen und unkonventionell. Es gibt nicht nur einen leicht variablen Weg zum Ziel einer Aufgabe, sondern stattdessen vollkommen verschiedene Richtungen, aus denen man sich dem Problem nähern kann.

Unter der harten Schale wartet ein kantiger Kern - einer, der bei Release ein erstklassiges Erlebnis liefern könnte, nur momentan noch furchtbar zickt.Ausblick lesen

Diese Offenheit ist zu einem gewissen Grad offenbar auch schlicht notwendig, denn Deliverance sagt dem Spieler nichts, was nicht absolut sein muss. Hat man den Namen einer Kontaktperson, so weiß man deshalb noch lange nicht, wo sie ist. Weiß man ihren Wohnort, weiß man aber nicht automatisch, wo sie sich genau aufhält. Und da alles an KCD flexibel und lebendig ist, wäre die Antwort eh kein stinknormales "In der Hütte da drüben.", das einem ein lustloser Fleischberg von NPC lieblos vor die Füße rotzt.

Mittelalt, doch deshalb kein Käse

Denn Reeky, wie auch unser fleischiger Freund gerade eben, wie auch ich und du und Müllers Kuh, hat einen Tagesablauf, eigene Interessen. Da kommt es bei der Präsentation schon mal vor, dass unser nächster Kontakt mal eben ins Nachbardorf gegangen ist, um in der örtlichen Taverne einen zu heben. Ist ein NPC Jäger, erwischen wir ihn tagsüber eher im Wald als irgendwo sonst. So oder so: Zu viele Infos oder Markierungen auf der (übrigens bildhübsch handgemalten) Karte gibt es nie.

Kingdom Come: Deliverance - Mein Königreich für einen Release!

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Entwickler Warhorse zeigen durchaus verschiedene authentische Gesichter des Mittelalters. Unsere Präsentation führte uns später in diese Steinbrüche.
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Interessant wäre natürlich, wenn man durch Erforschung schon "zu früh" auf einen relevanten NPC trifft und mit diesem dann ausklamüsern könnte, wie es dann weitergeht. In unserer gezeigten Version kam es dabei jedoch immer wieder zu Stolpereien, im Stil von "Warum können wir jetzt nicht mit der reden... ach ja, wir haben XY noch nicht gemacht." Man drückt die Daumen, dass das noch besser wird. Der Immersion wäre ebenfalls zuträglich, wenn sich langfristig noch Elemente wie Mimik einfinden. Das Holzpuppentheater vor unserer Nase war schon etwas unansehnlich.

Doch die versprochene und bereits angedeutete Freiheit ist augenblicklich fesselnd und weckt die Neugierde nicht nur jedes Rollenspielers, sondern auch jedes Hobby-Mediävisten. Jeder Torfkopf kann fliegende Feuerbälle, sexy Elfen und Drachen interessant machen. Dass KCD jedoch auch und gerade ohne diese Elemente schlagartig dazu animiert, es zu erforschen und mehr zu sehen, mag teilweise der Unverbrauchtheit des Szenarios geschuldet sein, spricht aber auch für die Qualität der Welt.

Zwar stimme ich nicht ganz in den Chorus der Kollegen ein, die hier eine der lebendigsten Spielwelten besingen, die sie je gesehen haben, doch auch ich erfreue mich daran, wie zwischen sich sanft wiegenden Schilfrohren eine Waschfrau im örtlichen Teich die Laken schrubbt, während sich in der perlenden Wasseroberfläche die Sonne spiegelt. Hübsch, erst recht für ein so "kleines" Spiel. Der Atem blieb mir nicht weg, aber ich röchelte etwas lauter als sonst. Das ist eine Leistung.

Wie auch einige der anderen Einfälle. Ich mag die Idee eines Kampfsystems, das tatsächliche physikalische Faktoren statt statischer Zahlenwerte einbaut. Tatsächlich sehen die Kämpfe auch fordernd und taktisch aus. Wonach sie leider überhaupt nicht aussehen, ist Befriedigung. Wenn am Ende eines harten Kampfes der Kontrahent einfach wie ein Papierfecher zusammenklappt, stirbt etwas in mir. Vielleicht kann man daran noch etwas drehen. Ich bin auch ein großer Fan von Feilschen und Skillchecks in Dialogen, hab aber von dem System bislang zu wenig gesehen, um mehr als ein bisschen neugierig zu werden. Lustige Idee: Will man jemanden im Dialog beeindrucken, hilft es, sauteure Klamotten zu tragen. Huh. Warum geht das nicht in viel mehr Spielen?

Kingdom Come: Deliverance - Mein Königreich für einen Release!

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Böhmen ist bereits jetzt eine sehr tolle Spielwelt. Und ich hab es geschafft, den ganzen Text über keine "böhmischen Dörfer" zu erwähnen. OH MAN JETZT HAB ICH'S DOCH GEMACHT ARGH!
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Die ganze Präsentation war von diesem Trend geprägt: großes Versprechen, toller Ansatz, noch unfertige Umsetzung, Bug. In dieser Reihenfolge. Das bislang rundeste Erlebnis war es, sich selbst in einem Mörser einen gesunden Trank zu mixen, komplett manuell und mit Rezeptbuch statt automatisch. Sehr cool, nur leider der bislang unwichtigste Aspekt des Spiels. Daneben wäre es schon fein gewesen, wenn Reekys KI geladen hätte, als wir ihn endlich fanden. Oder die seiner Verfolger. Oder wenn in der finalen Schlacht die Soldaten nicht wie Ölgötzen rumgestanden hätten, was dann zur Folge hatte, dass ein notwendiges gescriptetes Event nicht eintrat. An dieser Stelle könnt ihr euch das Zonk-Geräusch denken.

Es ist eben noch früh, und wie so oft in der Frühe liegt noch dichter Nebel über dem Land. Er lässt kaum eine echte Kontur erkennen, und wenn man wem begegnet, dann ist es vielleicht ein besoffener Torkelfritze, der kein schöner Anblick ist. Aber durch die dicke Suppe erkennt man dann, eben noch nebulös, das Versprechen eines Ziels – vielleicht ein echter Schatz, der da wartet. Kingdom Come: Deliverance hat mich in seiner aktuellen Version noch nicht von der Burgzinne gehauen. Aber was ich schon sehe, ist das Potential des vollen Spiels, ein ebenso singulärer wie fesselnder, gar meisterhafter Titel zu werden.