Kingdom Come: Deliverance ist ein zweischneidiges Schwert, das sich als ein “Dungeons & No Dragons” verkauft, ein Skyrim ohne Magie. Und doch ist es nichts davon; weit entfernt von den einsamen The-Elder-Scrolls-Teilen, die mit einer riesigen Welt und einer überschaubaren Lebendigkeit daherkommen. Warhorse’ Mittelalter-Rollenspiel ist nicht riesig, überzeugt mit einer herausragenden Grafik, welche jedoch kaum von den etlichen, zum Teil spielbrechenden, Bugs ablenken kann. Aber … und da kommt das “Aber”: Kingdom Come: Deliverance ist dennoch das beste Rollenspiel, das ich seit The Elder Scrolls 5: Skyrim in die Finger bekommen habe. Wie kommt’s?

Nach einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne und vier Jahren Arbeit ist Kingdom Come: Deliverance erschienen; im Gepäck den hübschen Launch-Trailer:

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Ein Bauerntölpel wirft Exkremente

Schlüpft in die Stiefel des ehrwürdigen Helden Heinrich; ein aufmüpfiger, wenig kluger und gutaussehender Mann, der zu Beginn eures Abenteuers Scheiße an die Hauswand seines Nachbarn wirft. Held der Bierkrüge, Bescheißereien und feige im Kampf; ein wahrer Ritter irgendwo in Böhmen!

Kingdom Come: Deliverance im Test: Schlafmütze Heinrich bei seinem Vater

So oder so ähnlich könnte der Klappentext auf der physischen Version von Kingdom Come: Deliverance lauten; vielleicht noch ein paar Anspielungen auf diverse heldenverseuchte, epische Rollenspiele, die wir alle zu Recht lieben. Kingdom Come: Deliverance beginnt, wie es beginnen muss: Heinrich, der Faulpelz, verschläft und wird von seiner Mutter geweckt, die ihn gleich im Anschluss rügt, weil der dumme Junge am gestrigen Abend mit einem Schwert herumgespielt hat. Als wir dann unsere erste Quest von unserem Vater, dem Schmied, entgegennehmen, dürfen wir unser Können als großer Held Böhmens unter Beweis stellen: Bier für Papa holen, aber kalt und nicht warm! Und wehe, wir lassen uns wieder mit diesem fremden Herren ein, der uns im Schwertkampf trainiert (Natürlich werden wir genau das tun).

Wir machen uns also auf in die Dorfmitte von Skalitz und verschwinden erst einmal in der Taverne, wo wir der süßen Maus Bianca ein paar Komplimente machen. Die Hübsche versorgt uns mit Heinrichs Lieblingsgetränke (natürlich Retterschnaps) sowie mit dem Bier für unseren Vater, ehe wir weitere kleine Heldenaufgaben erledigen. Schließlich treffen wir auf unsere Best-Buddys Fritz und Matthäus, die sogleich vorschlagen, tugendhaft mit Kuhscheiße zu werfen. Kennt ihr dieses mulmig-kribbelige Gefühl kurz vor einer Dummheit, die ihr begeht? Es ist ein Mix aus Vorfreude, Angst und Trotz, so unwiderstehlich wie auch giftig, welcher nicht nur Heinrich in jenem Moment überkommt, sondern ebenso euch. Dabei geht es nur um, nunja, Scheiße.

Kitschige, charmante Mittelalter-Opera

Etwa zwanzig Minuten später wacht Heinrich in Talmberg auf; sein Dorf zerstört, seine Lieben umgebracht. Kingdom Come: Deliverance ist so lustig wie auch gnadenlos, so verdreckt wie auch menschlich. Helden gibt es nur in den Geschichten, die sich bunt auf Kirchenwänden tummeln sowie in den vielen Büchern, welche kaum jemand im mittelalterlichen Böhmen zu lesen vermag. Wenn Heinrich aus seinem brennenden Dorf reitet und eine Frau bei drei Banditen ihrem Schicksal überlassen muss, ist das keine Heldentat. Aus Feigheit wird ein Überlebensinstinkt, denn ein Bauer ohne Waffen hat in Kingdom Come: Deliverance keine Chance gegen voll ausgerüstete Räuber. Wo bleibt die Moral? Es gibt keine.

Ein nächtlicher Besuch: Die Herrin von Talmberg hat es faustdick hinter den Ohren

Aber es gibt Stephanie. Die unglückliche Herrin von Talmberg, Ehefrau eines alten Mannes; adelig, jedoch gebunden an jemanden, den sie scheinbar weder liebt noch begehrt. Sie ist es, die euch an eurem Krankenbett nach den Ereignissen in Skalitz besucht, etwas Wein und viel Zeit bei sich, um eure Geschichte zu hören. Euer schlechtes Gewissen gegenüber dem Mädchen, das ihr nicht retten konntet, wird mit einer liebevoll inszenierten Szene belohnt, in der Heinrich mit hängendem Kopf berichtet, wie feige er geflohen ist.

Es ist kein generischer Dialog, der unabhängig von euren Taten auftritt. Stattdessen zeigt sich bereits hier, nach kaum einer halben Stunde im Spiel, was Warhorse’ erster Sprössling ist – und was er nicht ist: Kein Action-Blockbuster, kein blutiges Mittelalter-Gemetzel und keine Level-Parade, bei der ihr grinded und questet, bis ihr endlich den Rang eines Superheldens erreicht und euch dem Endboss stellen könnt. Ihr seht vielleicht die Trailer und Cover des Spiels und denkt “Epische Schlachten im Mittelalter!”, aber Kingdom Come: Deliverance ist nichts dergleichen, sondern eine Mittelalter-Opera mit etlichen gut geschriebenen und noch besser vertonten Dialogen, Story-lastigen Nebenquests, die ineinander laufen, lebendigen NPCs trotz gleicher Skins. Und Kitsch.

Ein wundervolles, immersives Rollenspiel, das entschleunigt zum Eintauchen ins Mittelalter einlädt.Fazit lesen

Ja, das bärbeißige Mittelalter-Rollenspiel ist so kitschig wie ein Mass Effect 2, wenn eine winzige Nebenmission in einem Saufgelage und einer Orgie ausartet; wenn aus einem adeligen Snob plötzlich ein guter Freund wird. Faszinierend ist hierbei auch das Gleichgewicht aus etlichen Themen des Mittelalters; von der Rolle der Frau über Armut, Wilderer, aufkommende Zweifel an der Kirche und sogar die Pest, welche die Bauern eines Dorfes scheinbar wie Fliegen dahinrafft.

Saufen und Bettgeschichten: Davon gibt's in Kingdom Come: Deliverance genug

Die Nebenquests strotzen vor Text und Story, aber auch abseits der auserkorenen ‘Sternen-NPCs’ werdet ihr euch sehr bald eines komplexen Beziehungssystems gewahr, das unter anderem die Art eurer Reaktionen in Gesprächen berechnet. Im Dialog gibt es zwar keine moralischen Entscheidungen, dafür aber die Wahl zwischen mehreren Überzeugungsmöglichkeiten – Redegewandtheit, sozialer Status, Stärke (den Macker heraushängen lassen) und Bestechung. Wichtig ist hier weniger, was ihr entscheidet – und ganz ehrlich, was hat Heinrich schon zu entscheiden? – sondern wie ihr eure Angelegenheiten bewältigt. Jede getroffene Wahl und ist sie noch so klein, hat wiederum Auswirkungen auf eure Umwelt sowie auf euren weiteren Spielverlauf. Nun ist das eine Phrase, die ihren Weg beinahe in jede Werbung für ein Rollenspiel findet: Kingdom Come ist der Vorreiter von Werken, die nie zuvor so nahe am Einlösen dieses Versprechens gewesen sind.

Ein kleiner Diebstahl kann euch nicht nur ins Gefängnis bringen, sondern schädigt euren Ruf im Dorf und verschlechtert eure Chance bei allen Dialogen mit den Bürgern. Außer natürlich, ihr holt euch den Buff ‘Berüchtigt’; eine frei wählbare Fähigkeit, die eure Rüpelhaftigkeit unterstützt und die Angst der Bürger schürt, sodass sie leichter einzuschüchtern sind. Gleichsam gibt es aber weitere Konsequenzen: Sporadisch werdet ihr nach eurem Diebstahl von Wachen kontrolliert, was nervig ist; und auch die Händler machen euch schlechtere Preise. Es scheint, als würden es die NPCs nicht so schnell vergessen, wenn ihr ihnen etwas antut – und das macht die Welt unvergleichlich lebendiger und responsiver.

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Zusätzlich gibt es weitere Faktoren, auf die ihr achten müsst – ganz abgesehen vom Nicht-erwischen-lassen. Eure Hygiene sowie eure Kleidung spielen bei allen Interaktionen eine nicht zu verachtende Rolle, genauso wie Blut auf eurem Hemd oder ein gezücktes Schwert keinen besonders guten Eindruck macht. Heinrich muss regelmäßig essen, schlafen und sich waschen: Wie sich diese Aspekte von Kingdom Come: Deliverance auf die Immersion auswirken, habe ich bereits in einem anderen Artikel besprochen.

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