Da der Test noch ein paar Tage brauchen wird, lasst uns doch über drei der wichtigsten Details in Kingdom Come: Deliverance sprechen: Essen, schlafen und waschen. Es ist ein wenig seltsam, dass all diese Kleinigkeiten zumeist einzig ins Survival-Genre gezählt werden, obwohl sie jenseits von Survival-Elementen vor allen Dingen die Immersion stärken. Oder stärken können.

Wusstet ihr, dass die Händler in Kingdom Come: Deliverance ihre Ware selbst herstellen? Mehr dazu im Entwicklertagebuch von Warhorse Studios:

Kingdom Come: Deliverance - Entwicklertagebuch zur Lebendigkeit der Welt23 weitere Videos

Die Kultur des Essens

Essen ist nicht gleich Essen. Nehmen wir die bekanntesten Vertreter im heiligen Genre der Rollenspiele,The Elder Scrolls 5: Skyrim und The Witcher 3: Wild Hunt. So unterschiedlich die beiden Helden-Epen sind; einmal auf Freiheit und auf eine offene Welt getrimmt; und einmal Story, Story und noch mehr Story – Nahrung; also Items wie Brot oder Bier oder Törtchen sind nichts weiter als kleine Buffer, die Gesundheit, Ausdauer oder den Magiebalken stärken. Ich persönlich konnte mich damit nie richtig anfreunden: Denn wie genau heilt dieses steinharte Brötchen eigentlich den Pfeil in meiner Schulter? Und, sind wir einmal ehrlich: Mein Drachengeborener sowie Geralt müssten beide richtige Ballons sein, so viel, wie die in sich reinschieben können. Nicht wortwörtlich nehmen.

"Warum rülpset und furzet Ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket?" - Martin Luther

Seltsam, dass gerade die größten Rollenspiel-Blockbuster so bizarr mit den alltäglichen Zwängen des Menschseins umgehen. Natürlich ist das alles ein alter Hut; ein realistischerer Umgang mit Nahrung wurde bereits in der Ultima-Serie ausprobiert, und es gibt genug Beispiele für Nahrung als Buffer und Nahrung als Survival-Element.

Aber Essen kann mehr sein. In Kingdom Come: Deliverance spielt ihr einen böhmischen Bauerntölpel zur Zeit von Wenzel IV.; während das Land von seinem Halbbruder Sigismund überrannt wird, der sich den Thron krallen will. Das ist eine große Sache, weswegen es auch die Hauptstory im Spiel beeinflusst. Trotzdem seid ihr im Mittelalter-Rollenspiel eher damit beschäftigt, mit einem adeligen Freund jagen zu gehen oder in den hiesigen Wäldern zu wildern, damit ein paar Bettler das Fleisch an den Bauernadel verkaufen können.

Herzlich willkommen in Kingdom Come: Derliverance, der Kochshow

Nahrung ist in Kingdom Come: Deliverance eine der Säulen, welche die Welt lebendig und interessant gestalten. Zum einen müsst ihr essen, um nicht am Hungertod zu sterben, wie in etlichen anderen Survival-Spielen. Aber neben verrottetem Eintopf, der euch vergiften kann und rohem Fleisch, das ihr kochen müsst (Survival, olé!), quetscht sich trockenes Brot und Pilzsuppe in die alltäglichen Aufgaben der NPCs, die ebenso wie ihr essen und sehen müssen, wo sie dieses Essen herbekommen. Nahrung ist Kulturgut sowie Ausdruck des sozialen Status und will in Kingdom Come: Deliverance weniger generisch sein, als in vielen heutigen Rollenspielen. Es ist ein Thema, das in Quests behandelt wird - von dem Diebstahl eines guten Weines aus dem Rathaus bis hin zu einem Wilderer, den ihr in den Wäldern neben einem toten Hasen entdeckt. Natürlich hat Kingdom Come auch Makel; insbesondere, da gerade tote NPCs so gut wie immer Äpfel oder derartiges bei sich tragen, sodass sie nach einer Weile zu einer recht zuverlässigen Nahrungsquelle mutieren. Ein bisschen morbid. Trotzdem ist es ganz schön und immersiv, am Lagerfeuer zu sitzen und sich abends Eintopf zu kochen, weil Menschen das damals eben so gemacht haben.

Der Ausweg: Das Badehaus. Wo es übrigens nicht nur Badewannen gibt...

Du stinkst

Es geht nicht nur ums Essen. Kingdom Come: Deliverance liefert ein System von unterschiedlichen Needs, die recht gut miteinander harmonieren. Essen, Schlafen – dazu kommen wir noch – und auch waschen, etwas, das im Mittelalter zugleich weniger wichtig und genau deswegen noch wichtiger gewesen ist.

Auch hier läuft alles auf den sozialen Status hinaus, der im Spiel über verschiedene Werte wie Charisma, Gewandung oder Sauberkeit aufgebaut wird. Um nicht zu weit abzudriften: Kingdom Come: Deliverance ist extrem komplex, wenn es um Unterhaltungen mit anderen NPCs, Entscheidungen oder euren Status gegenüber einer anderen Person geht. Etliche Quellen fließen in eure Chancen, jemanden zu überzeugen; nicht zuletzt dessen Status. Einem Adeligen werdet ihr trotz eines Bades und einer hübschen Rüstung sicherlich nicht die Show stehlen.

Es ist komplex, aber auch einfach; deswegen, weil im Spiel euer Menschenverstand zumeist ausreicht, um zu verstehen, was ihr falsch gemacht habt. Will sich das Müllersmädchen nicht zu einem netten Spaziergang am Bach überreden lassen, könnte das durchaus an eurem Gestank liegen. Und nein, ein kurzes Bad im Wassertrog reicht vielleicht nicht aus, damit euch der Ritter am Tor ernstnimmt. Dafür gibt es Badehäuser, die ihr für ein paar Münzen in Anspruch nehmen dürft – Waschen ist also nicht gleich waschen; und in Kingdom Come: Deliverance verlässt es den Pfad des Survival-Genres und wird zum Ausdruck von Immersion und alltäglichem Realismus, welche das Spiel von anderen Rollenspielen abheben.

Die Welt gerettet und nicht eine Nacht geschlafen

… das wird euch beides in Kingdom Come: Deliverance nicht passieren. Während ich in einem Morrowind durchaus innerhalb einer Woche ganz Vvardenfell retten kann und das auch noch ohne zu schlafen, dauerte es mich in Kingdom Come ganze drei verflixte Tage einen weggelaufenen Stallburschen zu finden. Und ich habe nur geschlafen, als ich es musste – tut ihr das nicht, sinken eure Stats und irgendwann fallen eure Augen zu, ehe ihr ohnmächtig werdet. Als ich dann die Quest abgeben wollte, bekam ich direkt eine mündliche Schelle von meinem Auftraggeber, der mich auf meinen Verzug hinwies.

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Das ist es, was Schlaf und den Verlauf von Zeit in Kingdom Come von purem Survival-Gameplay unterscheidet. Vergangene Stunden werden von den NPCs wahrgenommen, die auch alle ihrem eigenen Tagesablauf folgen (und wenn der nur eine sich wiederholende Runde durch die Burg ist; also ja, es gibt noch genug Makel die angesprochen werden können). Das ändert aber nichts an der guten Integration von Schlaf, Essen und Waschen in das Gameplay des story-lastigen Rollenspiels; alle diese sehr menschlichen Elemente steigern die Immersion und wirken sich zusätzlich noch auf eure Umgebung aus, sodass sie unverzichtbar für die Lebendigkeit der Welt werden.