Nun kommt es in einer Drei-Mann-Redaktion unweigerlich vor, dass Spiel XY erst dem engen Zeitplan zum Opfer, schließlich der Vergessenheit anheimfällt – oft und gerade auch im Umfeld großer Messen. In dieser Hinsicht hatte King's Quest mit seiner klammheimlichen Veröffentlichung kurz vor der gamescom gleich einen doppelt schweren Stand bei uns. Könnten wir jetzt und mit einem späteren Test der zweiten Episode totschweigen, kann ja mal passieren, Entschuldigung hierfür, kommt nicht wieder vor. Das war der Plan – zumindest bis vergangenen Sonntag.

Als leidenschaftlicher „Gamer“ im Allgemeinen und Videospielredakteur im Speziellen passiert so was nicht mehr so wahnsinnig oft. Wann habt ihr zuletzt nur aus dem Bauch heraus zugegriffen, vielleicht aufgrund des sympathischen Covers, so wie vor 20 Jahren und ohne Amazon-Kundenrezensionen-Sicherheitsnetz? Ein Spiel nur deshalb gekauft, weil es euch spontan in den Fingern gejuckt hat, nicht weil ihr nach vier News und neun Trailern darauf konditioniert wart?

Ist mir zuletzt vergangenen Sonntag passiert, endlich mal wieder. Und es war eine der besseren Kaufentscheidung meines (Videospiel-)Jahres, die ich da im Sonntagmorgen-Bademantel mit Kaffee in der einen und PS4-Controller in der anderen Hand getroffen habe. „King's Quest – Kapitel 1: Der seinen Ritter stand“ – „In den Einkaufswagen“ – „Weiter zur Kasse“. Einen Zehner, 6.5 Gigabyte und eine Schüssel Cornflakes später war der restliche Tag verplant.

(Almost a) King's Quest

Nicht alle von euch werden diesen Luxus der Unvoreingenommenheit teilen – gerade auch dann, wenn ihr nicht erst mit dem Game Boy zu diesem Hobby kamt. Beim Namen King's Quest schwingt immer auch etwas Großes mit: die Erinnerung an nächtelange Adventure-Marathons für die Ü30-Generation oder eben ein vages „Uh, davon habe ich schon ein paarmal gehört!“ für alle jüngeren Semester.

King's Quest, Episode 1: A Knight to Remember - Gratwanderung

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Ulkige Charaktere und eine unheimlich sympathische Welt, in der man gern Zeit verbringt.
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„A Knight to Remember“ macht da erst mal nicht so den riesigen Unterschied zwischen beiden Lagern, was vermutlich für alle Beteiligten das Beste ist. Ein paarmal zwinkert die erste Episode schon Richtung Vergangenheit und lässt euch wissen, dass sie weiß, dass ihr Bescheid wisst. Nur minütliche Anspielungen und Insider dürft ihr nicht erwarten, was mehr noch als dem neuen Team (nach 30 Jahren hat hier selbstredend keiner der ursprünglichen Entwickler mehr seine Finger im Spiel) an der zeitlichen Einordnung des Episodenspiels innerhalb der King's-Quest-Reihe liegt.

Das bislang eher unauffällige „The Odd Gentlemen“-Studio hat in Activisions Auftrag eine Vorgeschichte zum 84er Original aus dem Boden gestampft, als Sir Graham noch grün hinter den Ohren und ohne Königskrone auf dem Kopf durch die Weltgeschichte spazierte. Und dann auch wieder nicht, spielt ihr im Grunde doch die Erzählung des ergreisten Grahams nach, der seiner Enkelin von seinem ersten großen Abenteuer berichtet.

King's Quest - AnkündigungtrailerEin weiteres Video

Mit der sonoren Erzählerstimme von „Zurück in die Zukunft“-Doc-Brown kommentiert er die Aktionen seines jüngeren Ichs, ergo eurer Spielweise, und lässt dabei schnell durchschimmern, welche Tonalität ihr in den nächsten Stunden zu erwarten habt. King's Quest hat sich noch nie bierernst genommen, war stellenweise sogar meilenweit davon entfernt. Doch wo Sierra seinerzeit immer mal ein bisschen über das Ziel hinausschoss und flache Kalauer mit Sarkasmus verwechselte, ist die Trefferquote der Gentlemen-Autoren konstant hoch. Muss man auch erst mal hinbekommen.

Wie Telltale – nur als richtiges Adventure

Schaffte in einer vergleichbaren Art bislang nur Tales from the Borderlands und überhaupt wird euch nicht nur die inzwischen etwas verbrauchte Episodenstruktur bekannt vorkommen, wenn ihr mal eure Runden in einem Telltale-Spiel wie Borderlands oder The Walking Dead gedreht habt. Ein bisschen Telltale steckt hier tatsächlich drin, wortwörtlich, auch wenn schwer zu sagen ist, wie viel es nach der geplanten Entwicklung von King's Quest durch Telltale zwischen 2011 und dem Abbruch zwei Jahre später tatsächlich ins fertige Spiel geschafft hat.

Packshot zu King's QuestKing's QuestErschienen für PC, PS3, PS4, Xbox 360 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Ein bisschen was muss es schon gewesen sein, vielleicht haben sich die Gentlemen aber auch einfach gern inspirieren lassen. Sie wären jedenfalls nicht die ersten (und garantiert nicht die letzten), haben es aber deutlich cleverer angestellt als ihre Kollegen und die inzwischen völlig vorhersehbare Formel um so etwas wie ein richtiges Adventure ergänzt: mit Inventar, einem großen Gebiet zum Erkunden, Rätseln, die diese Bezeichnung tatsächlich verdienen und alledem.

King's Quest, Episode 1: A Knight to Remember - Gratwanderung

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„Hätte ich damals den anderen Weg eingeschlagen, würde ich heute nicht neben dir sitzen", erzählt der alte Graham und webt gelegentliche Ableben clever in die Erzählung ein.
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Erwartet keinen zweiten Adventure-Frühling, wie ihn Daedalic und ein paar andere Studios vor sechs, sieben Jahren angeschoben haben. Und trotzdem ist das neue King's Quest dem Adventure-Genre nicht nur aus Mangel an Alternativen zuzuordnen. The Odd Gentlemen haben ein unheimlich feines Gespür wie ihre Welt und die Bewohner, die diese bevölkern. Sie wissen, was sie euch zumuten können und an welcher Stelle sich das Rätseln der Geschichte hintenanstellen muss. Macht euch da keine falschen Hoffnungen, wenn ihr eher aus der Monkey-Island-Ecke kommt: „Der seinen Ritter stand“ fühlt sich stärker seiner Erzählung als stundenlangen Rätseln verpflichtet, vergisst darüber hinaus aber nie seine Wurzeln.

Traditionsbewusste Neuauflage auf der einen, modernes Adventure auf der anderen Seite und insgesamt eine der größeren Überraschungen des Jahres.Fazit lesen

Manchmal nimmt er sie sogar eine Spur zu genau. Als wäre die Zeit in den letzten 30 Jahren stehengeblieben, hat Graham noch immer keine Ahnung davon, was eine Schnellreise ist. Die Ausmaße seiner Welt schwappen nicht in alle Himmelsrichtungen hin über und dennoch ist all das groß genug, um eine Abkürzung, zumindest aber eine Karte zu rechtfertigen. Hätte mir ein wenig Augenrollen und locker 30 Minuten Spielzeit erspart.

Nicht, dass ich mir weniger hiervon gewünscht hätte, ganz und gar nicht: King's Quest, Episode 1: A Knight to Remember hätte mich gern länger als einen faulen Sonntagnachmittag beschäftigen können. Auf der anderen Seite folgen ja noch vier weitere Folgen. Die kommenden Sonntage sind verplant.