Seit nunmehr 13 Jahren sorgt die weltweit erfolgreiche Rundenstrategie-Reihe „Heroes of Might and Magic“ für Suchtopfer. Bis dato fünf Teile und zig Addons haben Fantasy-Fans verzaubert und Spielern so manch durchzechte Nacht beschert. Was heutzutage allerdings die wenigsten Zocker wissen: Die Serie hat sich nahezu alle Spielelemente von einem noch älteren Klassiker geborgt: „King’s Bounty“.

Mit einem berittenen Helden auf einer wundervollen Landkarte umher reisen, wertvolle Schätze einsammeln, patrouillierende Feindesscharen angreifen und taktisch anspruchsvolle Rundenkämpfe ausfechten: Was überdeutlich nach „HoMM“ klingt, trifft ebenso auf den inoffiziellen Vorläufer „King’s Bounty“ und dessen just erschienenes Remake zu. Und doch ließe sich die bekannte „Might and Magic“-Lizenz nicht ohne weiteres übertragen, hat sich „King’s Bounty“ doch einige wenige Alleinstellungsmerkmale gesichert.

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Wie „Heroes“, und doch irgendwie anders

Wichtigste Unterschiede zum Konkurrenten aus dem Hause Ubisoft (ehemals 3DO): „King’s Bounty“ läuft auf der Abenteuerkarte in Echtzeit ab, nur im Kampfmodus rundenweise. Den Strategieanteil haben die Entwickler darüber hinaus wegrationalisiert. Städte ausbauen, Minen erobern – all das fehlt. „King’s Bounty“ schreibt sich „Rollenspiel“ weit mehr auf die Agenda als „Strategie“.

King's Bounty: The Legend - Der Geheimtipp des Winters: noch suchterregender als HoMM

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Wie im Märchen: Die Welt ist farbenfroh und voller Atmosphäre.
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Für das Spielgefühl ist das ein zweischneidiges Schwert. Zwar verläuft die Erforschung der liebevoll gestalteten Weltkarte ungebremster. Lange Wege, für die Spieler in der „Heroes“-Reihe zig Runden lang einfach weiterklicken mussten, können in „King’s Bounty“ komfortabler zurück gelegt werden.

Diesen Umstand überstrapaziert das Spiel in unseren Augen allerdings ein ums andere Mal. So manche Quest schickt den virtuellen Helden gleich über mehrere Karten und wieder zurück. Abkürzungen, etwa durch Zeppeline oder Boote, sind rar gesät. Hinzu kommt, dass ihr zusätzlich auch für den Einheitenkauf fröhlich hin und her reisen müsst.

Fünf Truppentypen fasst der „Stauraum“ des Helden. Dutzende Kreaturen bieten euch, gegen Entgelt, ihre Dienste an. Unglücklich nur, dass diese quer über die Welt von „King’s Bounty“ verteilt sind. Wer auf eine ganz bestimmte Zusammenstellung von Einheiten zurückgreifen möchte und nicht einfach stets diejenigen mitnimmt, die ihm auf dem Weg begegnen, der darf sich ebenfalls auf lange Laufwege einstellen.

King's Bounty: The Legend - Der Geheimtipp des Winters: noch suchterregender als HoMM

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Im Land der Zwerge ist’s bitterkalt und öde, aber doch irgendwie schnuckelig.
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Im saftigen Grün eine Handvoll Ritter aufklauben, danach ein Abstecher in den Morast, um einige Würgeschlangen zu erstehen, weiter in den Norden zu den Zwergen und schließlich in das Land des Todes, wo mächtige Schwarze Drachen auf uns warten: Alleine um unseren Abenteuertrupp zu vergrößern und gefallene Krieger zu ersetzen, sind wir nach verlustreichen Schlachten erst einmal mindestens zehn Minuten auf Einkaufstour. Und das in regelmäßigen Abständen, denn mit voran schreitender Spieldauer werden die Kämpfe immer fordernder, die Verluste entsprechend größer.

Der Stärkere gewinnt

Mit Diplomatie ist es in „King’s Bounty“ nicht weit bestellt. Konflikte werden, ganz darwinistisch eben, mit der Faust ausgetragen. So warten an jeder Ecke der Abenteuerkarte feindliche Bataillone auf ihre Abreibung. Computergesteuerte Widersacher mit eigener Vorgehensweise wie in der „Heroes“-Reihe gibt es hingegen nicht. Feinde laufen stets die gleiche Route ab und stibitzen euch auch keine Artefakte oder Ressourcen von der Karte weg.

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Mächtiger als der gamona-Chefredakteur: Schwarze Drachen, hier in Ausübung der Spezialfähigkeit „Feueratem“.
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Die Auseinandersetzungen selbst erinnern dafür umso mehr an den Bruder im Geiste. Heißt: Auf einem gerasterten Spielfeld werden all eure Truppen sowie die des Feindes positioniert. Unbegrenzt viele finden Platz. Denn statt tausende Kreaturen abzubilden, wird jede Einheitengattung symbolisch durch ein Modell dargestellt. Zahlenwerte geben Auskunft über deren tatsächliche Mannstärke. Die Übersicht bleibt so stets gewahrt.

Mein persönliches Herbst-Highlight. Für „Heroes of Might and Magic“-Fans eine Offenbarung, für alle anderen ein Geheimtipp.Fazit lesen

Was folgt, sind erbitterte Schlachten auf Leben und Tod. Bogenschützen und Magier feuern aus der Distanz, Frontschweine stürzen sich ins Getümmel. Spezialfähigkeiten, fast jeder Kämpfer verfügt über mindestens eine, ergänzen den taktischen Festschmaus. Da versetzen sich Barbaren in Rage und hauen auf Kosten ihrer Verteidigung stärker zu oder Drachen fliegen übers Schlachtfeld und verbrennen mit ihrem Feueratem alles, was ihnen im Weg steht.

Doch damit nicht genug. Erfolgreiche Heroen streuen zusätzlich Zaubersprüche, etwa die typischen Feuerbälle und Rüstungsverstärker, sowie die Macht von Zorngeistern ein. Letztere sind erfrischend innovativ und ein echter Motivations-Verstärker. Mit voran schreitender Spieldauer schließen sich euch vier mächtige Wesen an, auf deren einzigartige Fähigkeiten ihr einmal pro Runde zurückgreifen dürft. Beispiele gefällig? Bitte: Das Steinmonster spießt mit unterirdischen Klingen Widersacher auf oder lässt brennende Steine herab regnen, der Todesengel reißt einem bestimmten Prozentsatz feindlicher Monster mit einem Schlag das Leben aus den Knochen.

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Wegelagerer werden nicht toleriert: Gleich gibt’s Ärger mit den Roten Drachen, die die Brücke belagern.
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Bezahlt werden die Kräfte mit Zorn. Den generiert ihr automatisch, sobald ihr Gegnern Schaden zufügt oder selbst welchen erleidet. Klasse: Mit jedem ausgeführten Angriff sammeln die Zorngeister Erfahrungspunkte und steigen, genau wie euer Held, Level um Level auf. So lernen die Halbgötter im Lauf der Zeit neue Fähigkeiten oder verbessern bestehende. Eurem virtuellen Abbild ergeht es ähnlich. Mit jedem besiegten Kontrahenten werdet ihr mächtiger, schaltet neu Skills frei und vergrößert eure maximale Truppenstärke. Die Suchtspirale aus „Erforschen, kämpfen, Erfahrung sammeln, Fähigkeiten steigern“ greift eindrucksvoll.

Stimmungsvolle Fantasy-Textwüste

Die Welt von „King’s Bounty“ ist liebevoll, die Fantasy-Stimmung exzellent. Und doch ist es den Entwicklern nicht gelungen, dem Szenario eine spannende Rahmenhandlung zu spendieren. Die Story versinkt in Klischees von entführten Prinzessinnen, der Bedrohung durch unsagbar Böses und grob gestrickten Intrigen.

Immerhin stimmt die Questdichte. Dutzende Aufgaben warten auf angehende Helden, die, Genre-typisch, zumeist den Kampf gegen unliebsame Dritte von euch fordern. Enttäuschend allerdings die Belohnungen der Aufträge. Exklusive Gegenstände zur Verbesserung des Helden hagelt es selten, fast immer winken nur ein erkleckliches Maß an Erfahrungspunkten und Gold.

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Sieht aus wie ein Stargate, ist aber ein magisches Portal ins Dämonenreich. Also im Prinzip doch ein Stargate!
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Ebenfalls problematisch: Questziele werden nicht auf der Karte markiert und Missionsbeschreibungen sind oft ungenau formuliert. Zudem sind schicke Zwischensequenzen Mangelware. Stattdessen beherrschen Textwüsten den Abenteuer-Alltag. Aller Kritik zum Trotz, darauf wollen wir deutlich hinweisen, ist „King’s Bounty“ eine Genre-Perle, die insbesondere „Heroes“-Fans einen Herbsthit par excellence beschert. Denn die schnell einsetzende Sucht stärker zu werden, mächtigere Kreaturen anzuführen und coolere Fähigkeiten und Zaubersprüche zu beherrschen, tröstet nahezu vollständig über einzelne Ungereimtheiten hinweg.