„Schicksalsspiel“ wäre etwas zu viel des Guten, der Zug ist längst abgefahren. Daran ändert auch der große Name nichts, der ohnehin nur einer von vielen ist. Alle kamen sie hier schon ein und aus, gaben sich die Klinke in die Hand, halloundaufwiedersehen. Niemand ist geblieben und schon gar keiner wurde seinem Ruf gerecht.

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Die „großen Namen“, die A-Prominenz, das sind Assassin's Creed, Uncharted, Resistance und Call of Duty, um nur einige zu nennen. Alle waren sie schon „hier“, auf der Vita, alle sollten sie den Karren aus dem Dreck ziehen. Von „Für ein Handheld-Spiel schon ziemlich gut“ bis „Das würde ich nicht mal geschenkt nehmen“ wurde in den vergangenen zwei Jahren fast alles auf eine Speicherkarte gepresst, was sich qualitativ nur unzureichend mit einer Prozentzahl zwischen 0 und 100 einordnen lässt.

Jetzt soll es Killzone richten, ausgerechnet. Killzone, das sich über Größe und Epik definiert, keine Minute ohne zweistelligen Killcounter verstreichen lässt und euch erst auf einer 100cm-Glotze nebst Subwoofer von der Größe eines Medizinballs so richtig breit grinsen lässt. Könnt ihr nun auch im Hosentaschenformat haben, für die Bahnfahrt oder den Zahnarztwarteraum. Killstreaks neben der Oma mit Einkaufstüten, Helghan statt Intouch und Sport Bild. Klingt nicht unbedingt nach einem schlechten Deal.

Killzone: Mercenary - Der fetteste Vita-Shooter überhaupt. Aber was heißt das schon?

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Ziemlich schnell wird klar: Optisch rockt Killzone: Mercenary alles weg, was es bisher auf der Vita zu sehen gab.
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Nachts sind alle Katzen grau

In der Welt von Arran Danner wiegt das Abwiegen von Für und Wider deutlich schwerer und entscheidet im Zweifel über sein Leben. Kein Platz für Idealismus und falschen Stolz: Der ehemalige UCA-Soldat verdingt sich als neutraler Söldner, als titelgebender Mercenary, und hat das oberflächliche Spiel von Gut und Böse durchschaut – eine nach Jahren des Blutvergießens unmöglich gewordene Unterteilung. Weiß und Schwarz sind längst zu einer grauen Masse, einem Mahlstrom verschwommen, der jeden mit der naiven Überzeugung, für die einzig richtige Sache zu kämpfen, unbarmherzig mit sich reißt.

Mit dieser vielversprechenden Prämisse gaben sich Guerrilla Cambridge paradoxerweise die Möglichkeit, einen Bruch in der Schwarz-Weiß-Malerei herbeizuführen, die sich seit dem ersten Teil durch die vom Mutterkonzern Guerrilla Games entwickelten Killzone-Hauptspiele zieht. Kein sehr wahrscheinliches, dafür umso wünschenswerteres Szenario, dessen tatsächliches Eintreten ich allerdings bereits nach der kurzen Anspielversion vor sechs Wochen eher skeptisch sah.

Packshot zu Killzone: MercenaryKillzone: MercenaryErschienen für PlayStation Vita kaufen: Jetzt kaufen:

Jetzt, anderthalb Monate und eine schmale Kampagne von etwa fünf Stunden Spielzeit später, haben sich die Befürchtungen bestätigt. Vieles hat sich das englische Tochterstudio von den erfahrenen Holländern abgeguckt, das meiste davon zudem verblüffend kompetent umgesetzt. Dramaturgische Vielschichtigkeit gehört allerdings nicht dazu und auch das Ergänzen um eigene Impulse stand auf der Prioritätenliste weit unterhalb von „brillant graphics“ und „fluid action-driven gameplay“. Schade, Chance vertan.

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Oh, ein emotionaler Moment. Wie ... emotional.
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Mir doch egal, gebt mir 'ne Knarre in die Hand

Mehr noch: Chance meilenweit unterlaufen. Stellt eine Rangordnung der meist verwendeten Begrifflichkeiten in Testberichten auf und mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit wird der geflügelte Ausdruck des „ungenutzten Potentials“ einen der obersten Plätze belegen. Unerheblich, ob es sich dabei um eine typische Berufskrankheit, persönliches Wunschdenken oder eine Form des Nie-Zufrieden-Seins der Kritiker handelt: Die betrachteten Spiele hätten dadurch lediglich besser werden können, sind deshalb jedoch nicht per se schlechter.

Killzone: Mercenary ist ein Paradebeispiel für diesen kleinen, aber entscheidenden Unterschied, der sich nicht nur in an Stumpfsinn kaum zu überbietenden Sätzen wie „Denken Sie dran, Söldner: Töten Sie Grey, wenn Sie sie sehen“ vor dem opulenten Grafikgewitter abschält. Der potente Vita-Shooter wäre ein besserer geworden, hätte er seinen erschreckend eindimensionalen Figuren keine debilen Gespräche dieser Art in den Mund gelegt, würde nicht jede Mission mit einem drögen Briefing beginnen, wäre ein Bierdeckel nicht ausreichend, um die dünne Handlung niederzuschreiben.

Sehr kompetente mobile Version eines großen Spiels, der allerdings etwas Entscheidendes fehlt: Größe.Fazit lesen

Das ist nicht länger eine Frage verschenkten Potentials, andernfalls stünden an dieser Stelle Dinge wie „Killzone verpasst es, euch vor moralisch ambivalente Entscheidungen des Söldnerlebens zu stellen“. Es sind vielmehr das Gesamtbild beeinträchtigende Makel, die Mercenary einen nicht unerheblichen Teil seines Reizes nehmen.

Solltet ihr damit kein Problem haben, ist der Test für euch an dieser Stelle beendet. Geht los, kauft Killzone: Mercenary, habt Spaß. Viel mehr gibt’s nicht zu beanstanden, nur ein bisschen Kleinkram, wenig, was groß von Bedeutung wäre. Guerilla Cambridge mögen keine begnadeten Erzähler sein, werden sich wohl nie Preise mit der Gravur „Beste Handlung“ oder „Charakterzeichnungs-Award“ in die Glasvitrine stellen können.

Viel mehr kann ich weder ihnen, noch dem mobilen Killzone vorwerfen. Es wird die Verkaufszahlen der Vita nicht entscheidend ankurbeln und in ein paar Jahren keines dieser Spiele sein, auf das man mit nostalgisch-verklärten Blick zurückblickt - aber auch keines, dessen Kauf man bereits nach wenigen Minuten bereut. Viel mehr lässt sich auch nicht von einem Call of Duty oder Battlefield sagen. Ob das gut oder schlecht ist, müsst ihr selbst entscheiden.

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Die Action könnte kaum besser funktionieren.
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Ein Spiel, sie zu retten

Mercenary macht bedeutend mehr richtig als falsch, einiges sogar außergewöhnlich gut und wirkt in seiner Geradlinigkeit äußerst stringent, vor allem aber konsequent zu Ende gedacht. Das Drumherum, wenn's knallt und heftig scheppert, ist, trotz sehr sehenswerter Umsetzung, nichts, was es in dieser Form nicht bereits gegeben hätte oder mehr als einen Schritt aus dem Schatten der Konkurrenz hervortritt. Auch Resistance: Burning Skies hat es nicht an Krachbummmomenten gefehlt. Qualität zeigt sich gerade bei Shootern häufiger im Kleinen als im Großen.

Und noch etwas anderes zeigt sich hier: Die Bedeutung des Spiels für Sony selbst, die kein geringes Interesse daran haben dürften, ihren - nennen wir es mal wohlwollend - schwächelnden Handheld endlich gebündelt mit einem ordentlichen Zugpferd verkaufen zu können. Statt kleinere Fehler geflissentlich durchzuwinken („Da steht Killzone drauf, die kaufen das sowieso!“), hat man dem eigenen Tochterunternehmen genau auf die Finger geschaut, geschliffen und poliert, bis nichts mehr zu sehen war.

Vielleicht hat's im Übereifer auch mal ein paar Kanten erwischt, die im Gesamtbild für etwas mehr Profil gesorgt hätten. Letztlich hat sich der Mehraufwand aber gelohnt und für ein spürbar hochwertigeres Produkt gesorgt, das dem sein Cover zierenden Namen weitestgehend gerecht wird. Geld ist kein Allheilmittel und kann kein gutes Spiel erkaufen, in diesem Fall hat es aber einiges zur fertigen Qualität beigetragen.

Der Rest vom Lied

Und sonst? Sonst hat sich, wie bereits zu erwarten war, im Vergleich zur Vorschauversion nur noch wenig verändert. Steuerungsmechaniken, separate Waffensysteme, das motivierende Abschuss-für-Bares-System: All die Kleinigkeiten, anhand derer sich der beschriebene Mehraufwand erkennen lässt, haben es quasi unverändert in das fertige Spiel geschafft. Wieso auch nicht? Hat schon vor zwei Monaten klasse funktioniert.

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Das war's? Selbst für einen Vita-Shooter ist die Kampagne sehr schnell durchgespielt. Wer will, kann aber im Anschluss verschiedene Herausforderungen in Angriff nehmen.
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Zum Teil sogar besser als jetzt. Im kleineren Kontext klappte vieles noch wunderbar, nichts zu beanstanden. Auf die gesamte Spielzeit gestreckt, wird manches hier und da aber ein wenig überstrapaziert. Gerade das Erkaufen der (enorm vielseitigen) Ausrüstung verliert schnell an Reiz, da ihr von Beginn an Zugriff auf jede Waffe, jede Granate und überhaupt alles habt – das nötige Kleingeld natürlich vorausgesetzt, doch das ist schnell zusammengespart.

Es ist ein grundlegendes Problem von Killzone: Mercenary, das gelegentlich ein bisschen zu selbstgefällig vor sich hin plätschert. Große Momente, jene, die den Ruf der Marke als PlayStation-Edelshooter zementiert haben, gibt’s kaum; das Schießen-Deckung-Schießen-Karussel dreht sich ohne Unterlass, ohne das Tempo mal spürbar anzuziehen.

Verbucht all das unter „Meckern auf hohem Niveau“, wenn ihr wollt, von meiner Seite wird es keinen Widerspruch geben. Killzone: Mercenary sieht aus, fühlt sich an und spielt sich, wie es sich für ein Spiel der Reihe gehört, hat aber nichts zu sagen, was lange nachhallt. Es ist, was es ist: Ein sehr kompetent gemachter Vita-Shooter, der nie ganz an seine großen HD-Vorbilder heranreicht. Spaß macht's trotzdem – und das ist mehr wert, als jeder große Name.

Hinweis: Pünktlich zur Veröffentlichung hat Sony einen überdurchschnittlich großen Patch (1190 MB) bereitgestellt, der kleinere Fehler behebt und zwingend zum Spielen der Mehrspielermodi vorausgesetzt wird. Besitzer kleinerer Vita-Speicherkarten sollten daher unbedingt darauf achten, ausreichend Speicherplatz zur Verfügung zu haben.