Der ältere Herr ist skeptisch. Durch seine getönten Brillengläser blinzelt er gegen die helle Sonne und versucht zu entschlüsseln, was das Gemenge aus Zivilisten, Polizisten und Presse eigentlich soll. „Wissen Sie, was hier los ist?“, fragt er uns leicht verstört mit hessischem Akzent. Eine Demonstration gegen ein Verbot von Computerspielen? „Interessant“, sagt er leicht zweifelnd - nickt dankend und teilt das erworbene Wissen mit seiner Begleiterin.

Einen Moment später erklärt es Martin den versammelten Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin etwas anders: „Das ganze Killerspieler-Potential der Stadt hat sich hier versammelt“, knarrt es aus dem Megaphon. Ungläubig glotzen die unbeteiligten Touristen – was war das gerade? „Aber keine Sorge, es gibt ja Polizeischutz“, schiebt der Student hinterher. Bei vielen ziehen sich die Mundwinkel nach oben, selbst die Uniformierten in Grün können sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Die Beamten stehen mit ihren Mannschaftswagen am historischen Pariser Platz, der Ost-West-Achse Berlins. Dort, im geographischen Stadtzentrum, wo bis 1989 noch eine Mauer stand und Grenzer eine betonierte Freifläche überblickten, steht nun unter anderen die neu errichtete Botschaft der USA. Deren Militär nutze Computerspiele, „um die Hemmschwelle seiner Soldaten herabzusetzen, die in den Krieg sollen“, hat Ex-CSU-Chef Günther Beckstein einmal gesagt. Dass so etwas bei Jugendlichen dann ebenfalls Wirkung zeige, liege doch auf der Hand. Auch, aber nicht nur wegen solcher Aussagen haben sich etwa 300 Personen an diesem Samstagnachmittag für die „Gamer-Demo“ eingefunden.

Killerspiele - "Wir sind Gamer!" Berlin demonstriert gegen Killerspiel-Verbot

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"Wir sind Gamer!" Mehrere hundert Berliner demonstrierten gegen das Killerspiel-Verbot.
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„Wir wollen Grenzen einreißen. Auch Nichtspieler sollen verstehen, dass wir keine Killer sind“, sagt Clemens. Clemens ist „nur Hobby-Gamer“, aber trotzdem gehe ihm die Diskussion um Amokläufer und Gewalttäter, die sich angeblich mit Ego-Shootern hochpushen und dann ihre Gewaltfantasien mit echten Waffen ausleben, „gehörig auf den Zeiger“. Seine Worte unterstreicht er mit entschiedener Gestik. Das T-Shirt-Konterfei Ursula von der Leyens bewegt sich mit und wirkt plötzlich unheimlich nahe, fast bedrohlich. Wie Stefan tragen heute auch viele andere „Zensursula“-Oberteile.

Drei Demos in drei Städten

„In fünf Minuten gehen wir los“, kündigt Martin an. Mehrere Fotografen und auch Fernsehkameras wollen nun schnell noch ein paar Bilder von der fahnenbewehrten Kerngruppe einfangen. Wie auf einer Pressekonferenz reihen sich die Medienmacher für die besten Eindrücke auf, die Gamer pferchen sich bereitwillig auf engsten Raum zusammen – das wirkt zu Hause in der Zeitung, am Laptop oder im Fernsehen beeindruckender als eine unkoordiniert herum stehende Gruppe.

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"Gaming is not a Crime!" Spieler wehren sich gegen pauschale Kriminalisierung.
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Der Mann mit dem mobilen Lautsprecher ist Martin Eiser, einer der beiden Organisatoren auf der Berliner Gamer-Demo. Der andere, Robert Bahl, trägt Sonnenbrille und wirkt angespannt cool. Ursprünglich hieß die Initiative „Aktion Jugendkultur“. Doch auch Erwachsene spielen, weshalb man sich für einen Namenswechsel entschied. Das drohende Verbote von Action-Computerspielen, wie sie die Innenministerkonferenz der Bundesländer gefordert hat, würde auch Volljährige zu Kriminellen machen.

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Zeitgleich zum Zug in Berlin, der sich strammen Schrittes Richtung Alexanderplatz in Bewegung setzt, finden auch Demos in Karlsruhe und Köln statt. Hier, mitten auf der Straße Unter den Linden, der Touristen-, Flanier- und Studentenmeile des ehemaligen Stadtzentrums Ost, an Nobelhotels, Autohäusern und Cafés vorbei, werden die ersten Slogans jedoch nur zögerlich wiederholt.

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Robert Bahl ist einer der Veranstalter der Demo.
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„Etwas peinlich“ sei es schon, laut rufend an den starrenden Leuten auf den Bürgersteigen vorbeizuziehen, sagt die 23-jährige Sarah. Doch „in der Gruppe verfliegt das bestimmt schnell“, fügt sie hinzu. Immer wieder versucht der voran laufende Martin, die folgende Menge zu animieren – zunächst erfolglos. Nach 500 Metern klappt es, der erste Spruch zündet: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Spiele raubt“, tönt es aus den vielen Kehlen wie einer einzigen Stimme. Köpfe drehen sich irritiert zur Seite, Passanten bleiben stehen und schauen auf das Schauspiel aus Fahnen und Lautstärke, das sich ihnen unerwartet bietet.

Feierlaune trotz Feuerwehr

Etwas fehl am Platz wirkt der historische Ausruf „Wir sind das Volk“ - was offensichtlich auch die Mehrzahl der Mitlaufenden denkt. „Wir sind Gamer“, versteht und wiederholt dagegen fast jeder. Das Motto der Demonstration ertönt immer wieder, häufig gefolgt von „Wir sind keine Amokläufer“. An der Seite ziehen die historischen Gebäude der Humboldt-Universität vorbei. Hier studiere sie Informatik, sagt Sarah. Warum sie mitlaufe? Nicht weil sie selbst spielt, „aber mein kleiner Bruder ist ein echter Freak.“ Vor allem aber habe sie etwas gegen Zensur. Die Grünen, die jungen Liberalen von der FDP und die Piratenpartei sehen das ähnlich – eine Vielzahl ihrer Fahnen wehen über den Demonstranten.

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Die Demo zieht vom Brandenburger Tor bis zum Alexanderplatz.
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Hauptsächlich junge Erwachsene laufen im Pulk an Museumsinsel und Berliner Dom vorbei, manche samt Kind und Kinderwagen, mit „Ich bin Killerspieler“ oder „Very Important Player“-Clan-Shirts. Plötzlich übertönen ohrenbetäubende Sirenen die inzwischen textsicheren Gamer. Der Zug teilt sich, eine Feuerwehrkolonne schiebt sich durch die Demonstranten, die sich nach der Durchfahrt sofort wieder vereinen.

Die Stimmung lässt man sich dadurch nicht vermiesen. Auch nicht durch die Regenschauer, die immer wieder auf Köpfe und Spruchtafeln niedergehen. „Gaming is not a crime“, heißt es auf der einen, „Medienkompetenz & Aufklärung statt Zensur“ auf einer anderen. Der Kopf des Zuges trägt eine Regenbogenfahne - „Peace“ steht dort.

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In Deckung! "Ja, ich spiele Killerspiele!"
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Es kommt Feierlaune auf, als Martin das Megaphon als Verstärker für ein Handy benutzt – und damit die Titelmelodie von Tetris erklingen lässt. „E-Sport ist kein Mord“, ruft die Menge, als sie die Basis von Ursula von der Leyen passiert, dem Familienministerium. „Spielkultur statt Spielzensur“ folgt eine Drohung in Richtung Politiker, die nicht wahrhaben wollen, dass Jugendliche ihre Stimmen von Morgen sind. „Wer uns heut' die Spiele nimmt, morgen keine Wahl gewinnt“ tönt es. Unwahrscheinlich, dass es jemand im Innern hört - es ist schließlich Wochenende.

Das älteste Killerspiel der Welt

Auf dem Alexanderplatz fegt im Winter der eisige Wind hinweg, als hätten ihn die Russen im Zweiten Weltkrieg aus der Heimat mitgebracht - und am Ende da gelassen, als sie nach der Wende wieder abzogen. Auch bei der sommerlichen Kundgebung spielt der Wind seine Rolle und lässt so manches Wort der Redner unverständlich werden. Doch die Hauptaussagen, die verstehen wir klar und deutlich. Die Menge jubelt, als Mitveranstalter Robert Bahr von den bislang „fast 70.000 Unterzeichnern“ der Online-Petition gegen ein Verbot so genannter Killerspiele spricht.

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Am Alexanderplatz wartete eine Partie Killerschach.
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Kollege Martin Eiser beobachtet das Geschehen hinter dem kleinen Redepodest, gelassen an einem alten Transporter lehnend. Die Roststellen des Ford können auch blau-weiße Sprühfarbe und die „Kulturbus“-Schrift auf der Motorhaube nicht verhehlen. Buh-Rufe schallen über den Platz, als Robert die Bild-Zeitung erwähnt und dass sie die Verbotsforderung der Innenministerkonferenz gelobt hat. „Natürlich ist klar, dass Achtjährige kein Counter-Strike oder Quake spielen sollen.“ Aber Erwachsene? Das sei Bevormundung des Staates. Lauter Beifall.

Benedikt Lux von den Grünen, der prominenteste Sprecher bei der Kundgebung wiederholt diese grundsätzliche Kritik - mit Super-Mario unterm Jackett und deutlicher, redeerprobter Stimme: „In unsere Rechte wird eingegriffen, und zwar von Personen, die vom Thema überhaupt keine Ahnung haben – und das lassen wir uns nicht gefallen!“ Mit diesem Kernsatz erntet der Abgeordnete des Berliner Abgeordnetenhauses den lautesten Applaus an diesem Nachmittag.

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Bitte einordnen: Auch ein paar politische Parteien unterstützten die Demonstration.
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Den erstaunten, ungläubigen und teilweise amüsierten Blicke der Beobachter begegnen Demo-Helfer mit Info-Zetteln. 10.000 der Flyer habe man drucken lassen, erzählt uns Mitveranstalter Robert Bahr, nachdem er die Bühne seinen Nachrednern überlassen hat. Jetzt, am Ort der Kundgebung vor dem Roten Rathaus, dem Sitz des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, wären „kaum noch welche da“, stellt der 25-Jährige fest. Auch mit dem Zuspruch sind er und sein Partner Martin zufrieden. „Die drei Wochen Vorbereitung haben sich gelohnt.“ Ehrenamtlich, neben seinem „10-Stunden-Tag“ als Informatiker, habe er die Berliner Gamer-Demo organisiert.

Längst haben sich die Jungen Liberalen, die SPD-Nachwuchsorganisation Jusos und zuletzt ein Sprecher der Piratenpartei das Mikrofon in die Hand gegeben. Dessen weißer Schutzanzug und goldene Pappkrone sind eine Werbemaßnahme für das „Killerschach“ nebenan. Menschliche Figuren ziehen über das Feld – und sterben einen grausamen Kunstblut-Tod, wenn sie aus dem Spiel ausscheiden müssen. „Das älteste Killerspiel der Welt“, so ein Zuschauer zwinkernd zu seinem Sohn. Der kleine Junge schaut verständnislos, bleibt aber vom Treiben vor sich fasziniert.

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Der Demo-Zug erreicht das Rote Rathaus.
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Das nach ihm nur noch politische Vertreter das Mikrofon ergreifen würden, ja, das sei auch ihm nicht recht. „Schließlich ist das keine Parteiveranstaltung hier“, sagt Robert. Vielmehr will die Initiative „Wir sind Gamer“ die öffentliche Meinung über Computerspiele und Computerspieler aufwerten. Scheinbar erfolgreich, denn die Organisatoren sind zufrieden mit dem Verlauf der Demonstration. „Etwa 500 Besucher“ seien bei der Berliner Kundgebung, schätzt Robert, in Karlsruhe fast die doppelte Anzahl, in Köln gar die dreifache.

Bis zum blutigen Ende

„Der Kinderpornographie-Vergleich? Das habe ich als persönliche Beleidigung aufgefasst“, erwidert Robert wie aus der Beretta geschossen. Es ist einer der Gründe, warum eine Plattform nötig ist, über die sich Gruppen und Personen vernetzen, die gegen Vorurteile angehen wollen. Über 500 Mitglieder zähle der neu gegründete Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler bereits. Ein ganzer Stapel Infoblätter über die Initiative wird Robert und Martin regelrecht aus der Hand gerissen.

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Gamer sind die Wähler von morgen.
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Als sich ein Pulk vor der Mini-Bühne bildet, die Hände greifend nach oben gehen und die Drängler nach einem der Gratis-USB-Gimmicks greifen - , da kommt kurzzeitig ein LAN-Party-Gefühl auf. Wer das alles bezahlt? „Wir haben Sponsoren aus der Spieleindustrie“, antwortet Robert zögerlich, Namen will er jedoch keine nennen. „Es soll ja nicht den Eindruck erwecken, das hier sei eine pure Lobby-Veranstaltung.“

Als die Redneranlage schon halb abgebaut ist, kommt noch einmal etwas Hektik auf: Der Einsatzleiter der Polizei will das Killerschach der Piratenpartei beenden – jedoch nicht wegen Gewaltverherrlichung oder fehlender Jugendfreigabe. Zuvor war verkündet worden, die Veranstaltung sei vorbei. „Das müssen sie jetzt wieder revidieren“, erklärt der Polizist, „sonst muss ich die Versammlung auflösen.“ Robert schaut etwas ungläubig, nimmt das Mikrofon aber noch einmal in die Hand und spricht wie ihm geheißen. Das Killerspieler-Potential der Stadt darf sich weiter öffentlich abmetzeln - auf dem Schachbrett, bis zum blutigen Ende.