Autor: Jörg Pitschmann

Offenbar ohne Vorwarnung und mit voller Tötungsabsicht hat der 18-jährige Bastian B. am 20.11.2006 schwer bewaffnet seine ehemalige Schule in Emsdetten aufgesucht. Er schoss um sich und verletzte dabei mindestens sieben Schüler, eine Lehrerin und den Hausmeister, bevor er sich selbst richtete. Soweit die bislang bekannte Faktenlage 24 Stunden nach der Tat.

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Es ist wohl nur dem Zufall zu verdanken, dass diesmal bis auf den Amokläufer selbst niemand sein Leben verloren hat. Dennoch sind die Wunden, die der Attentäter gerissen hat, immens und werden die betroffenen Schüler und Lehrer wohl auch dann noch lange quälen, wenn die körperlichen Verletzungen längst verheilt sind. Und das ist mehr als tragisch. Keines der Opfer konnte vorausahnen, was an diesem Tag geschehen würde und warum es ausgerechnet ihn erwischte.

Killerspiele - Tickende Zeitbomben oder friedliche Spieler? Sind wir alle potenzielle Amokläufer?

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Wurzel allen Übels? "Counterstrike".
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Warum Bastian B. so gehandelt hat, darüber schießen die Mutmaßungen ins Kraut. Wer sich am darauf folgenden Tag in den Medien informiert hat, könnte meinen, der Fall läge klar. Denn nur dank regelmäßigen Spielens von »Counterstrike« hätte der Junge seine Tat verüben können. Also weg mit dem Dreck! Aber ist es wirklich so einfach? Und was ist mit den vielen hunderttausend Zockern, die regelmäßig ihrem virtuellen Zeitvertreib nachgehen? Sind das alles Mörder? Zumindest könnte man diesen Eindruck gewinnen, wenn man sich die zahlreichen Statements der Politiker kurz nach der schrecklichen Tat anschaut.

So forderte als erster der CDU-Innenexperte Bosbach ein Verbot von »Killerspielen«, dem sich inhaltlich neben Anderen auch der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Dieter Wiefelspütz anschloss. In einem Interview mit der Netzeitung wird er mit den Worten »Ich bin sehr dafür, ein Verbot von Killerspielen in Betracht zu ziehen« zitiert. Seine ergänzende Bemerkung, dass nicht jeder, der ein solches Spiel spiele, »automatisch zum Massenmörder« werde, nimmt sich da schon fast wie ein Kompliment heraus, denn Aussagen wie die oben zitierte stellen die gesamte Zockergemeinde in eine Ecke mit durchgeknallten Massenmördern.

Auch Brandenburgs Innenminister Schönbohm (CDU) stößt in dieses Horn. Im selben Artikel in der Netzeitung wird er mit den Worten zitiert: »Spiele, in denen der Erfolg sich an der Verstümmlung und Ermordung möglichst vieler Menschen - Alter, Frauen, Kindern, Polizisten oder schlicht 'Feinden' misst, sind in keiner Hinsicht zu akzeptieren.« Das ist richtig. Und genau aus diesem Grund landen Spiele dieser Art in Deutschland im Allgemeinen auf dem Index!

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Killerspiel aus Deutschland: "Anno 1701".
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Was wir brauchen, sind eine seriöse Ursachenforschung und ein erschwerter Zugang zu echten Waffen und keine wirre Diskussion um das Verbot so genannter »Killerspiele«. Stattdessen versteigt sich Schönbohm in dem genannten Interview sogar zu der Forderung nach einem Verbot der Herstellung solcher Spiele. Angesichts der Tatsache, dass nahezu alle Spiele mit gewalttätigem Inhalt in den USA oder Japan entwickelt werden, möchte man dem strammen Herrn Minister zurufen: »Jawoll, am deutschen Wesen soll die Welt genesen!«

Dass eine Diskussion über das Verbot bestimmter Computerspiele komplett am Thema vorbeigeht, weiß auch Marek Klingelstein von der USK, der sich zurzeit besonderen Anfeindungen ausgesetzt sieht. Für ihn steht vielmehr der Umstand im Vordergrund, dass es sich bei den Tätern offenbar immer um Waffennarren handelt - wohlgemerkt um solche, die sich bevorzugt mit echten Tötungsinstrumenten beschäftigen. Die derzeitige Diskussion um Computerspielverbote verwechselt seiner Ansicht nach Ursache und Wirkung. Die USK wird in Unkenntnis der gesetzlichen Verordnungen zum Sündenbock gemacht. Ihr wird die Verantwortung dafür in die Schuhe geschoben, dass gemeine, brutale Computerspiele in Deutschland auf den Markt kommen.

Das ist faktisch inkorrekt, denn es weist der USK eine Rolle zu, die diese Institution gar nicht einnehmen kann. Sie kann und darf Spiele weder verbieten noch indizieren. Sie kann lediglich Altersempfehlungen geben und sie in solchen Fällen verweigern, wo der Inhalt ihrer Ansicht nach eine Altersfreigabe ausschließt. Indiziert werden kann in Deutschland ein Spiel nur dann, wenn bei der BPjM ein entsprechender Antrag auf Prüfung eingeht. Und diesen Antrag stellt nicht die USK, sondern er wird in aller Regel von Jugendverbänden oder offizieller Seite gestellt.

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Das Suchtpotenzial ist nicht zu unterschätzen: "World of Warcraft".
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Schwerer noch als schnelle Schuldzuweisungen wiegt jedoch meines Erachtens die Tatsache, dass einmal mehr blindwütiger Aktionismus herhalten muss, wo eigentlich eine profunde Ursachenforschung vonnöten wäre. Die Frage, die es zu beantworten gilt, ist, ob man einen jugendlichen potentiellen Gewalttäter von seinem geplanten Tun abhalten könnte, indem man bestimmte Computerspiele verbietet oder zumindest, wie auch vielfach gefordert, den Zugang zu gewalttätigen Spielen so weit wie möglich erschwert. Das dürfte wohl kaum der Fall sein.

Dass Computerspiele ein Suchtpotential bergen, steht außer Frage. Und dass mit Suchtverhalten auch immer die Gefahr einhergeht, den Kontakt zur realen Welt auf die eine oder andere Weise zu verlieren und sich in die Selbstisolation zu manövrieren, sollte niemanden in Erstaunen versetzen. Deshalb hat für mich die Frage nach dem sinnvollen Umgang mit dem Medium Computer als Freizeitbeschäftigung einen weitaus höheren Stellenwert. Denn Verbote von bestimmten Spielen können hier nichts bewirken, sondern steigern bestenfalls den Anreiz des Verbotenen bei ungestümen Schulhofrebellen.

Eine entscheidende Rolle kommt stattdessen den Eltern zu, die sich dafür interessieren sollten, was ihr Nachwuchs spielt und - ganz wichtig - was er damit verbindet. Doch eine Diskussion über familiäre Verantwortung im Bereich der Freizeitgestaltung stößt offenbar nicht auf sonderlich viel Begeisterung. Also hofft man, dass der Staat in die Bresche springt und gewalttätige Computerspiele verbietet, damit sich die Situation ändert und man selbst aus der Verantwortung genommen ist.

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Sonnenbrillen verbieten? "Matrix Online".
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Doch wer so denkt, irrt meines Erachtens leider gewaltig. Ein Verbot dieser Art hätte vermutlich nur das Entstehen noch schlimmerer Vorurteile und das Abdriften vieler Zocker in eine illegale Nische zur Folge. Spätestens, wenn trotz eines Verbotes so genannter »Killerspiele« der nächste Amokläufer seinen Vernichtungsphantasien freien Lauf lässt, wird man darüber nachdenken, was es als Nächstes zu verbieten gilt. Und dann?

Schaut man sich die Amokläufer der letzten Jahre einmal genauer an, so lässt sich ein ähnliches Muster erkennen. Die Täter sind fast immer Einzelgänger, die sich über einen langen Zeitraum hinweg aus ihrem sozialen Umfeld zurückgezogen haben. Sie haben Probleme in der Schule, keinen Job, mächtigen Stress im Elternhaus oder alles zugleich. Sie fühlen sich von der Welt verraten und hören Gothic-Musik, EBM oder Death Metal, tragen dunkle Brillen und bevorzugen lange, dunkle Mäntel. Würde deshalb jemand auf die Idee kommen, lange Mäntel und Sonnenbrillen zu verbieten, weil diese Dinge offensichtlich eine gewisse Faszination auf solche Täter ausüben? Wohl kaum. Auch Death Metal, EBM oder Gothic als Musikrichtungen stehen nicht auf der Abschuss-, pardon, schwarzen Liste möglicher Verbotskandidaten. Sicher, die meisten Amokläufer haben auch Shooter am Rechner gezockt. Und sie haben auch alle mit Sicherheit vor ihrer Tat Brot gegessen oder ferngesehen. Und ganz bestimmt haben sie regelmäßig eine Toilette benutzt.

Doch es soll hier weder um eine Entschuldigung der Täter gehen, noch um die Verhöhnung der Opfer. Wer seinen eigenen Leidensdruck auf gewalttätige Weise an anderen Menschen auslässt, der ist ein Täter und kein Opfer der Umstände. Es gibt deshalb auch keine Rechtfertigung für das, was Bastian B. seinen Mitschülern und Lehrern angetan hat. Dabei kann jedoch nicht die Frage im Vordergrund stehen, ob er oder die anderen Amokläufer ihre Taten auch ohne die Existenz von gewalttätigen Computerspielen verübt hätten.

Killerspiele - Tickende Zeitbomben oder friedliche Spieler? Sind wir alle potenzielle Amokläufer?

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Computerspiele sind nicht Auslöser für Gewalt, sondern eher ein Puzzlestein in einem komplexen Muster.
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Der Punkt ist meines Erachtens die Prädisposition der Täter, Gewalt gegen die - aus ihrer Sicht als ungerecht empfundene - Gesellschaft auszuüben. Das zeigt nicht nur der Abschiedsbrief von Bastian B., sondern es wird auch aus den Lebensgeschichten der anderen Täter überdeutlich. Wer sich als Loser fühlt, dem wird irgendwann alles egal. Und einige wenige nehmen diese Haltung zum Anlass, ihrem Umfeld soviel Leid zuzufügen wie nur eben möglich. Doch zur Vorbereitung ihrer Taten brauchen sie keine Computerspiele. Die können bestenfalls dazu dienen, ihnen auf ihrem Weg in die Gewalt einen zusätzlichen Kick zu verschaffen - genau wie Musik, Filme und Kleidung. Wer hier Verbote fordert, kann oder will die wahren Ursachen der Gewalt nicht sehen, die meines Erachtens weitaus tiefer liegen und eine viel längere Vorgeschichte haben.

Die ermüdende und von Vorurteilen sowie fachlicher Unkenntnis geprägte Diskussion über ein Verbot von Killerspielen wird sich in den nächsten Wochen noch verstärken. Und sie wird auf dem Rücken von hunderttausenden friedlichen Computerspielern ausgetragen werden, die allein oder gemeinsam zocken und nur eines wollen: Spaß haben und den Reiz des sportlichen Wettbewerbs genießen. Eines wird dabei jedoch auf der Strecke bleiben: das Mitgefühl mit den Opfern des Amokläufers, denn das lässt sich politisch nicht verwerten. Armes Deutschland!