Die wiederholte Diskussion über ein Spieleverbot sind wir langsam gewöhnt. Doch mit gefühltem Handlungsbedarf im Nacken überholen sich im Moment die Vorschläge zur Gesetzesverschärfung gegenseitig.

Jüngster Streich ist das Sofortprogramm von Ursula von der Leyen und Armin Laschet. Zwar entzieht sich die gewaltfördernde Wirkung von Spielen derzeit noch empirischen Nachweisen, eine Einschränkung von Bürgerrechten ist daher bereits dem Grunde nach problematisch. Aber selbst wenn man einen solchen Effekt als wahr unterstellen wollte, wäre der neue Vorstoß wenig mehr als Augenwischerei.

Killerspiele - Was sind Killerspiele eigentlich?2 weitere Videos

Wie bereits gesagt will ich mich gar nicht dazu auslassen, inwieweit Computerspiele Gewalt fördern, Aggressionen hemmen, Mordgelüste bei Kleinkindern oder Asthma bei Nasenbären erzeugen. Mir geht es vielmehr um die konkreten Vorschläge der beiden CDU-Familienminister. Denn letztere erklärten ausdrücklich, nicht die vom Bundesministerium für Familie beim Hans-Bredow-Institut in Hamburg in Auftrag gegebene Bewertung (Neudeutsch: Evaluierung) der Jugendschutzvorschriften abwarten zu wollen. Es bestünde dringender (sic!) Handlungsbedarf. Doch Schüsse wie diese erfolgen üblicherweise aus der Hüfte direkt ins Blaue.

Killerspiele - Spieler hinter Gittern – Zu Ursula von der Leyens Sofortprogramm

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 193/1981/198
Wie sinnvoll ist der Vorstoß von Familienministerin Ursula von der Leyen? (Foto: ddp)
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Schon die ersten Ankündigungen rufen Stirnrunzeln hervor. Gewaltbeherrschte Spiele und Filme sollen in Zukunft »automatisch für Kinder und Jugendliche verboten« sein. Das Prüfverfahren durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien müsse hierfür nicht durchlaufen werden. Von Gewalt beherrschte Medien seien demnach unmittelbar mit einem weitreichenden Abgabe- und Werbeverbot belegt.

Um den begrenzten Sinn des Vorschlags zu erkennen, sollte man sich zunächst die aktuelle Regelung vor Augen rufen. Denn nach dem Jugendschutzgesetz bedürfen Filme und Spiele ohnehin zunächst einer Freigabe. Zwar nicht durch die Bundesprüfstelle, aber durch die »Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle« kurz USK - deren hervorragende Arbeit zu loben Ursula von der Leyen in der Vergangenheit selbst nie müde wurde.

Erfolgt eine solche Prüfung und damit die Kennzeichnungen mit einer Altersfreigabe nicht, darf das Produkt bereits heute Kindern oder Jugendlichen nicht angeboten, überlassen oder zugänglich gemacht werden. Wer gegen dieses Gebot verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit 50.000 € Bußgeld geahndet werden kann. Das angedrohte, prophylaktische Abgabeverbot existiert also bereits.

Killerspiele - Spieler hinter Gittern – Zu Ursula von der Leyens Sofortprogramm

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 193/1981/198
Der Hitman in seinem Element. Was ändert sich wirklich für Gewaltspiele?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Demnach kann mit »automatischem Verbot« nur gemeint sein, dass ein nicht überprüftes und gekennzeichnetes Spiel zunächst präventiv in den Anwendungsbereich des § 15 JuschG fällt. Was bedeutet, alle ungeprüften Spiele zunächst einmal so zu behandeln, als hätte die BPjM sie für jugendgefährdend befunden und indiziert. Das klingt drastischer, als es für den Zocker selbst ist. Beispielsweise dürfen Spiele der geplanten Regelung zufolge erst nach ihrer Kennzeichnung durch die USK beworben werden. Doch waren übermäßige Anpreisungen gewaltverherrlichender Spiele schon bisher kein Problem unserer Gesellschaft.

Zugegeben, ferner würden sich die Folgen eines Verstoßes gegen das Werbungs- und Abgabeverbot ändern. Es lägen nicht mehr nur Ordnungswidrigkeiten vor, sondern Straftaten, auf welche eben nicht Bußgelder drohten, sondern im schlimmsten Fall Freiheitsstrafe.

Aber auch hierbei ist der Nutzen fraglich. Denn wer soll mit der Androhung von Freiheitsstrafe eigentlich abgeschreckt werden? Die Kinder und Jugendlichen selbst? Wohl kaum. Kinder sind per Definition jünger als 14 Jahre und damit sowieso nicht strafmündig. Für Jugendliche zwischen 14 und 18 sieht das zwar anders aus, sie können sich prinzipiell strafbar machen, wenn sie sich untereinander derartige Spiele »überlassen«.

Doch ist Voraussetzung für die strafrechtliche Verurteilung eines Jugendlichen, dass er reif genug ist, um das Unrecht seiner Tat einzusehen. Denkt man dies zu Ende, wird die Absurdität der Regelung klar: Einerseits gehören die Jugendlichen gerade zum Personenkreis, den die neuen Vorschriften schützen möchten. Der Gesetzgeber weiß, dass Jugendliche »Killerspiele« mögen, hält sie jedoch nicht für reif genug, um die schädliche Wirkung zu erkennen.

Killerspiele - Spieler hinter Gittern – Zu Ursula von der Leyens Sofortprogramm

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 193/1981/198
Bald strafbar: "Mama, bring was Spannendes mit. Und was zum Spielen. Und Schokolade. Am Besten Doom 3."
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wie kann man ihnen aber die Fähigkeit absprechen, die von brutalen Spielen ausgehende Gefahr für sich selbst realistisch einzuschätzen, gleichzeitig aber annehmen, sie seien reif genug, um diese Gefahr für andere Jugendliche zu erkennen und sie deswegen für die Weitergabe solcher Spiele zu bestrafen? Meines Erachtens schließt sich beides denknotwendig aus.

Bliebe die Abschreckung der Eltern. Doch für Erziehungsberechtigte sehen Strafgesetzbuch und Jugendschutzgesetz einen Strafausschließungsgrund vor. D.h. im Grundsatz nichts anderes als: Wenn Eltern ihren Kindern brutale Games in die Hand drücken, machen sie sich nicht strafbar.

Dann stellt sich angesichts der hohen Softwarepreise jedoch die Frage: Woher bekommen die Kurzen typischerweise ihre Spiele, wenn nicht der Klassenkamerad sie rüberreicht oder Mami »Doom 3« auf dem Nachhauseweg von der Arbeit bei Media Markt mitnimmt? Eben. Die einzig weitere, realistische Bezugsquelle wird ebenso wenig durch die neuen Regelungen erfasst. Nämlich die Raubkopie aus dem Internet.

Daher trifft die Verschärfung mit voller Härte lediglich die deutschen Hersteller und Einzelhändler. Dabei sind erstere im »Killerspiel«-Segment überhaupt nicht maßgeblich vertreten und letztere würden voraussichtlich die Abgabe von bedenklichen Spielen allein aufgrund vermehrter staatlicher Stichproben einstellen. Testkäufe durch Jugendliche zu ermöglichen, wäre die kleinste aller denkbaren Gesetzesänderungen.

Killerspiele - Spieler hinter Gittern – Zu Ursula von der Leyens Sofortprogramm

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 193/1981/198
Nicht erlaubt: Töten für den Weltfrieden.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Doch solche Kontrollen kosten Geld, und das fehlt dem Staat bekanntermaßen. Nur ist so richtig kostengünstig auch die vorgeschlagene Lösung nicht - für keinen der Beteiligten. Der Staat kriminalisiert weite Teile der zumeist jugendlichen Bevölkerung (oder versucht es zumindest). Damit bürdet er den Strafverfolgungsbehörden wie Polizei und Staatsanwaltschaft zusätzliche Arbeit auf. Das kostet üblicherweise das Geld der Allgemeinheit.

Die angedrohte Zwangsrevolutionierung der Kassensysteme, welche bei bedenklichen Medien Warnsignale aussenden sollen, schlägt dagegen im Einzelhandel drastisch zu Buche. Alle Kassen umrüsten? Was für ein Spaß! Der insbesondere vor dem schon erwähnten Hintergrund drollig erscheint, dass die meisten Kinder aber auch Jugendliche ihre »Killerspiele« nicht selbst kaufen, sondern aus den besagten Quellen beziehen.

Über diese aktionistischen Eskapaden hinaus soll die BPjM künftig Spiele bereits dann indizieren, »in denen deutlich visualisierte Gewaltanwendung mit 'Leben sammeln' oder Erreichen eines weiteren Levels belohnt« werden. Eine solche Definition ist an Unbestimmtheit kaum zu überbieten.

»Super Mario« trampelte zeitlebens »deutlich visualisiert« auf den Häuptern knuddeliger Comicmonster herum. Selbst der Gutmenschenverein Nintendo dürfte zugeben, dass es dem Wohlbefinden eines Wesens nicht eben zuträglich ist, wenn ihm ein fetter Klempner wiederholt auf den Kopf hüpft. Doch ohne solch knuffigen Totschlag lassen sich selbst in »Super Mario World« auf dem S-NES nur die wenigsten Level meistern. Streng am Wortlaut gehalten, müsste daher die BPjM unbarmherzig zuschlagen und Nintendos Produktion dicht machen.

Killerspiele - Spieler hinter Gittern – Zu Ursula von der Leyens Sofortprogramm

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 193/1981/198
Hüpft Mario bald nur noch auf dem Index?
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Mit einem Land, das (virtuellen) Mord und Totschlag nicht als das höchste Gut seiner Jugend akzeptieren möchte, kann ich mich voll identifizieren. Aber mit unüberlegten Schnellschüssen einen kompletten Kulturzweig und die zugehörige Industrie in Richtung Abgrund treiben? Wenn es »den Experten« gelingt, in einem derart überschaubaren Bereich wie unserem Hobby in so kurzer Zeit, auf so engem Raum derart viele Fehlentscheidungen zu treffen … was mag hinter den sieben Siegeln von Themenkreisen wie Atomenergie, Steuerreform oder Außenpolitik wirklich vor sich gehen? Eine solche Welt bereitet mir Angst. Und zwar genug, um mich in diejenigen zu flüchten, vor denen Beckstein uns alle schützen will.