Viel wurde im Deutschen Bundestag schon über „Killerspiele“ diskutiert, über Jugendschutz, vermeintliche Ursachen von Amokläufen und die Gefahren durch Spielesucht. Doch meist offenbarten solche Debatten lediglich die völlige Unkenntnis derer, die darüber entscheiden. Am Mittwochabend sollte eine LAN-Party im Bundestag für Aufklärung sorgen und Politikern das Medium Computerspiele näher bringen.

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Wer Jugendschutz anmahnt, möglicherweise gar Verbote fordert und in Counter-Strike die Wurzel manchen Übels ausgemacht hat, sollte besser mal aus erster Hand erfahren, worüber er redet. So oder so ähnlich war vermutlich der Ausgangsgedanke der Initiatoren der 1. Politiker-LAN im Deutschen Bundestag, und die kommen nicht aus der Spieleindustrie, sondern aus den „eigenen Reihen“.

Politiker-LAN - LAN-Party im Bundestag: Politiker spielen Counter-Strike

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Die Initiatoren der Politiker-LAN: Manuel Höferlin, Dorothee Bär und Jimmy Schulz.
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Jimmy Schulz (FDP), Dorothee Bär (CSU) und Manuel Höferlin (FDP) sind selbst Abgeordnete des Bundestags und mit Spielen bestens vertraut. Jimmy Schulz freue sich schon auf eine Runde Mario Kart gegen die Kollegen, Manuel Höferlin halte Red Dead Redemption für ein ganz großartiges Spiel, gibt er uns gegenüber im lockeren Gespräch zu. Man sei auf dieser Veranstaltung bemüht, Berührungsängste und Vorurteile bei den Kollegen abbauen zu wollen.

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Wie auf der gamescom: sogar mit Babes.
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Ein offenbar bitter nötiges Unterfangen, denn im Vorfeld stießen die Veranstalter mit ihrer Idee sofort auf Widerspruch: „Solche Killerspiele, die üble Instinkte im Menschen wachrufen, dürfen Jugendlichen nicht zur Verfügung stehen“, kritisiert CSU-Politiker Hans-Peter Uhl und verkennt dabei, dass genau diejenigen Spiele, die er mit dem reißerischen Schlagwort meint, eben schon lange durch die USK-Einstufungen Jugendlichen unzugänglich gemacht werden. Aufklärung tut also Not.

Entsprechend gab sich die „Politiker-LAN“ betont heiter. Alle namhaften Publisher waren auf der Fraktionsebene des Bundestags versammelt, um die kunterbunte Bandbreite der digitalen Spiele in aller Vielfalt zu präsentieren. Was sich dort ereignete, ähnelte weniger einer Politikveranstaltung oder einer „richtigen“ LAN-Party, als einem ganz normalen Spiele-Event, einer Art Gamescom in klein, bis hin zum einen oder anderen „Babe“, das ihre Tanzkünste vor dem Kinect-Controller vorführt.

Terroristen im Reichstag

Die kindgerechten Spielwelten der Wii demonstrieren, dass es Videospiele auch fernab des „Headshot“ gibt, daneben spielen zwei Abgeordnete das aktuelle FIFA – die Partie Fortuna Düsseldorf gegen Union Berlin. Danach sofort noch mal. Revanche! Besonders beliebt: Autorennspiele, namentlich Gran Turismo und F1 2010. „Bei Rennspielen sind die Berührungsängste am geringsten“, freut sich Markus Ziegler vom Publisher Koch Media. „Das kennt jeder. Und das kann auch jeder sofort bedienen.“

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Die LAN-Party fand direkt unter der Reichstagskuppel statt.
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Denn, was sich ebenfalls deutlich zeigt, ist: Wer zum ersten Mal einen Controller in die Hand nimmt, tut sich zunächst schwer. Burkhardt Müller-Sönksen von der FDP lässt sich gerade von einem Profi-Spieler der ESL erklären, wie Counter-Strike funktioniert. Direkt im Vorraum der FDP-Fraktion hat die Electronic Sports League eine Mini-LAN-Party mit dem „Staatsfeind Nr. 1“ aufgebaut.

Überraschung: Fürs erste Mal schlägt sich der 51-Jährige gar nicht schlecht. Bisher könne er auch noch nichts Gewalttätiges darin erkennen – spricht’s und wird im nächsten Moment virtuell erschossen. Angesprochen habe ihn das Spiel nicht, sagt er später im Interview, doch auch er habe früher hin und wieder gespielt – Tetris, Asteroids, Donkey Kong. Aber er sei erstaunt über die Begeisterung, mit der die jungen Leute von den angereisten Clans ans Werk gehen.

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Burkhardt Müller-Sönksen spielt CSS - aber bitte nicht die Tochter!
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Ganz liberal beteuert er, nichts von Verboten zu halten, ruft die Eltern in die Pflicht ein Auge darauf zu haben, was ihre Kinder in der Freizeit treiben. Auch er unterhalte sich mit seiner 15-jährigen Tochter regelmäßig, meist beim Frühstück, der „Familienzeit“, darüber, was sie mit dem Computer, auf Facebook, im Internet mache. Doch bei unserer Frage, ob er ihr in einem Jahr, wenn sie alt genug ist, um Counter-Strike spielen zu dürfen, das erlauben würde, gerät er plötzlich ins Stutzen: „Das weiß ich nicht. Fragen Sie mich in einem Jahr noch mal!“, lacht er dann.

Schon eilt er weiter zum nächsten Interview, eine ständige Traube an Journalisten, Fotografen, Kameramännern hinter sich her ziehend. Und schnell wird klar, worum es hier eigentlich geht: weniger das Informieren über ein möglicherweise fremdes Themengebiet, sondern vor allem natürlich die politische Selbstinszenierung. Medienwirksam kokett schwingt die ehemalige Justizministerin Brigitte Zypries nebenan den virtuellen Tennisschläger mit dem Move-Controller. Die Drogenbeauftragte Mechthild Dyckmans nutzt die Gunst der Stunde, um auf die Suchtgefährdung durch Videospiele hinzuweisen.

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Brigitte Zypries schwingt den virtuellen Tennisschläger.
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Dabei seien nur die allerwenigsten Spiele wirklich süchtig machend, erklärt der Medienpädagoge Prof. Dr. Bernd Schorb von der Uni Leipzig. Das Problem sei allenfalls „eines der Zeit“. Ausgerechnet World of Warcraft fehlt übrigens unter den insgesamt 30 präsentierten Spielen. Activision Blizzard zeigt lieber DJ Hero und das nächste Spyro auf Wii. Man wolle eben vor allem die Vielfalt der Spiele in den Fokus rücken.

Es ist noch ein weiter Weg

Doch wie sollen Politiker seriös über Gewalt in den Medien diskutieren, wenn man so tut, als gäbe es sie nicht. Auch Ubisoft hat statt einem Assassin’s Creed lieber Die Siedler und Just Dance mitgebracht. Nur THQ, die Firma, die sich mit einem De Blob, SpongeBob oder Stacking leicht aus der Affäre hätte ziehen können, zeigt ausgerechnet Homefront, das Spiel, in dem die USA von Nordkorea erobert und ins Chaos gestürzt wird. Ein gefundenes Fressen für die zahlreichen Kamerateams, die sich jedoch meist fasziniert geben von dem brisanten Szenario.

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Die Vielfalt der Spiele stand im Vordergrund.
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Just in dem Moment, in dem der Kameramann eines bekannten Nachrichtenmagazins den Bildschirm abfilmt, läuft die Szene ab, in der ein Flüchtiger direkt vor unseren Augen erschossen wird. Ein bewegender Moment im Spiel, doch aus dem Kontext gerissen möglicherweise zu harter Tobak, befürchtet PR-Manager Henning Juknat von THQ.

Am Ende des Tages ziehen die Veranstalter jedoch ein positives Resümee. Es soll definitiv nicht die letzte Politiker-LAN gewesen sein. „Wir haben den Kollegen gezeigt, welch künstlerische, kreative und wertvolle Arbeit die Branche leistet“, fasst Dorothee Bär von der CSU in ihrem Fazit zusammen. Immerhin sei die Spielebranche allein wirtschaftlich mittlerweile gleichbedeutend mit Film und Musik. Man verstehe nicht, warum viel Geld z.B. in Filmförderung gesteckt wird, während die Spiele stiefmütterlich behandelt werden.

70 Abgeordnete seien der Einladung gefolgt, dazu gefühlt mehr als doppelt so viele Pressevertreter. Immerhin das Ziel, die Vielfalt und Bandbreite der Spiele denjenigen Medien zu präsentieren, die in ihnen sonst nur den Schuldigen suchen, scheint erreicht. Der Weg ist noch weit, aber der erste Schritt ist getan…

Politiker-LAN - Bundestag spielt Counter-Strike

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