Autor: Volker Schütz

Multiple Persönlichkeitsstörungen hervorgerufen durch Computerspiele - es gibt sie wirklich und ich bin bekennendes Opfer. Nach Jahre währendem Widerkauen des leidigen Themas "Aggressiv durch Videospiele" sehe ich die Problematik zu guter Letzt aus beiden Perspektiven gleichzeitig, bin zum Gegner und

Befürworter des freien Gewaltkonsums in Personalunion geworden. Passenderweise stimmt die soeben erschienene Studie "Medien und Gewalt" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend voll und ganz zu. Wem? Mir beiden.

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Zwar sind die zusammengestellten Untersuchungsergebnisse sicherlich interessant. Nur ergeben sie ein viel zu heterogenes Bild, um aussagekräftige Schlüsse zuzulassen. Man wundert sich umso mehr, wie die Studie der Bundesregierung als Entscheidungshilfe bei der Frage um ein "Killerspiele"-Verbot dienen konnte.

Denn ihr Resümee lautet: Fast kein Wissenschaftler vertritt mehr eine generelle Ungefährlichkeit von Spielen, aber eine differenzierte Betrachtung sei nötig. Nicht alle Medieninhalte wirkten gleich, nicht jeder Mediennutzer sei in gleicher Weise von Mediengewalt betroffen. Mediengewalt dürfe in ihrem Gefährdungspotential nicht verharmlost werden. Es sei aber auch nicht angebracht, sie zum Sündenbock für Gewalt in der Gesellschaft zu stempeln. Langfristig angelegte Untersuchungen wiesen eher darauf hin, dass Konsum von Mediengewalt negative Folgen haben kann.

Killerspiele - Killerspiele machen schizophren. Ein bekennendes Opfer über Gewalt in Spielen.

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Sie legten weniger nah, dass bestehende Veranlagungen zur Gewalt die Vorliebe für entsprechende Inhalte begründen. Vor einfachen und direkten Schlüssen auf einen Ursachenzusammenhang wird allerdings gewarnt - wegen zu zahlreicher Einflussfaktoren.

Das alles ist so neu und erstaunlich wie die Erkenntnis, dass die Entfernung des Großhirns dem Denkprozess begrenzt zuträglich ist.

Damit schlagen unverändert zwei Herzen in meiner Brust. Das eine gehört dem medienkritischen Paranoiker. Es pocht leise im einlullenden Takt regelmäßiger Spieleschelte durch die Öffentlichkeit. Denn wenn ich Revue passieren lassen, wie viele Menschen ich in meinem Leben abgeschlachtet, Dörfer dem Erdboden gleich gemacht, Völker ausgerottet, Planeten zerstört und Galaxien entvölkert und es genossen habe, kämpfe ich immer wieder mit dem Verdacht: Normal kann das nicht sein.Das andere gehört dem seit über 20 Jahren zockenden Nerd. Als solcher kommt mir im Zusammenhang mit Herzenssachen nur der Mortal Kombat Imperativ in den Sinn: "Finish him".

Eine Schlagzeile wie "Mann weidet Familie mit Fischmesser aus" führt bei mir dementsprechend zu zwei Reaktionen. Die erste ist ernsthaft empfundene Betroffenheit über die Verrohung der Gesellschaft. Die zweite betrifft denkbare Zusatzcontroller für "Sega Bass Fishing".

Natürlich freue ich mich letztendlich über die Einsicht der Regierungskoalition, dass wir mit USK und BPjM bereits über ausreichende Instanzen zur Kontrolle von Spielinhalten verfügen. Dass die Bevölkerung mehrheitlich der Überzeugung ist, mediale Gewaltinhalte zögen zwingend aggressives Verhalten im echten Leben nach sich, ändert daran wenig.Immerhin ist eine Mehrzahl von Menschen auch der Auffassung, dass der Buchdruck von Gutenberg entdeckt, das Skalpieren von den Indianern erfunden wurde oder platonische Freundschaften zwischen Mann und Frau existieren.

Darüber hinaus gleichen sich die gegenüber jedem neuen Medium vorgebrachten Unkenrufe seit Generationen. Pastoren, Juristen, Mediziner oder Pädagogen mahnen mit erhobenem Zeigefinger der jeweils dräuenden Gefahr. Egal ob sie Vielleserei, Radio, Kino, Fernsehen oder Video-Boom hieß, jedem Medium sind von Onanie bis zu Gewaltexzessen alle erdenkbaren Negativeffekte zugeschrieben worden. Die einzige tatsächlich zu beobachtende Abstumpfung ist dabei jedoch die der Mahner. Die aktuelle Version der Sittenwächter freut sich demgemäß über jedes gelesene Buch. Der Inhalt steht nur noch in Ausnahmefällen zur Debatte. Ganz so als müsse man nur die Perversion fürchten, die einem fremd ist.Auch auf die Gefahr in die gleiche Falle zu tappen, wie die vorangegangenen Mahner, muss ich doch noch mal die andere Seite der Schizophrenie bedienen. Denn man sollte sich trotz allem die Frage stellen: Welche Realität wollen wir nachfolgenden Spielergenerationen anbieten?

Es geht zum einen darum, ob wir unsere Forderung nach völliger Betätigungsfreiheit auch dann aufrechterhalten können, wenn die Technik so weit fortgeschritten ist, dass sich Realität und digitale Welt nicht mehr unterscheiden lassen. Wenn also die Simulation derart perfekt funktioniert, dass sie für die Wirklichkeit durchgeht.

Gibt es auf dem Weg der fortschreitenden Abbildungsgenauigkeit einen Punkt, wo ein Handeln tatsächlich nötig wird, weil an diesem schon eine Mehrzahl von Menschen eine Unterscheidung nicht mehr leisten kann? Es geht aber auch darum, welche Inhalte wir hinterlassen wollen. Schließlich ist es schon peinlich genug als die Generation dazustehen, der nach dem ersten Doom-Teil dreizehn Jahre nichts Besseres eingefallen ist, als ihren Ego-Shootern optimierte Grafik und KI-Upgrades zu verpassen.

Wenn auch zugegebenermaßen immer wieder interessante Titel auf dem Markt auftauchen, das Angebot an solide erzählten Geschichten ist nach wie vor (vorsichtig formuliert) ausbaufähig - von hochklassigen Designeinfällen gar nicht erst anzufangen. Es sind daher nicht allein die guten Sitten und die Angst vor Gewalt, die wir bei der Entwicklung des Marktes für "Killerspiele" im Hinterkopf behalten sollten. Denn etwaige Gesetze hin oder her: Auf lange Sicht wird sich das durchsetzungsfähigere Konzept behaupten.

Meines Erachtens ist es vielmehr Ehrensache zu zeigen, dass bessere Ideen und Utopien unsere Phantasiewelten tragen, als das reine Ausleben von Mordinstinkten. Sollte sich dann tatsächlich herausstellen, dass es ohne explodierende Pixelknilche nicht geht - dann wäre es unter Umständen angebracht, sich Gedanken darüber zu machen, nicht die Spiele, sondern die menschliche Natur zu ändern.