Alle Welt redet über "Killerspiele". Doch kaum einer fragt mal diejenigen, die sich damit auskennen. gamona sprach mit Bernd Berheide, Head of PR beim Bruchsaler Publisher CDV.

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gamona: Wie steht ihr als Publisher von Computerspielen allgemein zu der Forderung der Politik, "Killerspiele" zu verbieten?

Bernd Berheide: Das führt am eigentlichen Problem vorbei. Es ist natürlich einfacher, einem marginalen Phänomen die Schuld zu geben, als die eigentliche Ursache bei der Wurzel zu packen. Wollen Politiker jetzt auch Handys verbieten, weil sie die Möglichkeit eröffnen, Videos aufzunehmen? Das ist großer Unsinn!

Der Grund, warum es Menschen gibt, die durchdrehen, ist doch ein viel tiefer liegendes gesellschaftliches Problem. Der aktuelle Fall beweist dies deutlich. Der Amokläufer fühlte sich von seinen Mitschülern und Lehrern ständig gedemütigt. Warum sich jemand so fühlt, müssen Psychologen klären. Aber auch ohne Computer- und Videospiele gibt es unzählige Fälle, wo jemand einfach ausrastet. Ich gehe davon aus, dass es in diesem Fall um familiäre Vernachlässigung handelt.

gamona: Die USK und ihre Alterseinstufungen sehen sich derzeit heftigster Kritik durch die Politiker ausgesetzt. Wie bewertet ihr die jetzigen Verfahrensweisen von USK und BPjM?

Bernd Berheide: Der deutsche Jugendschutz gehört zu den härtesten und umfassendsten weltweit. Ich sehe hier wirklich keinen Handlungsbedarf. Ich bin mir sicher: Wenn der deutsche Jugendschutz - so wie er ist - bis ins Kinderzimmer reichen würde, würde es immer noch Leute geben, die ausrasten. Jugendschutz hin, gewalttätige Medieninhalte her. Weitere Verbote sind einfach kontraproduktiv.

gamona: Was sollte also deiner Meinung nach geschehen, um zu verhindern, dass gewalttätige Spiele in Kinderhände gelangen?

Bernd Berheide: Von Industrieseite sorgen wir durch die USK für einen ausgezeichneten Jugendschutz. Was aber, wenn sich jemand ein Spiel illegal herunterlädt oder es von Mitschülern auf dem Schulhof bekommt? Es gibt vielfältige Wege, wie Jugendliche an nicht altersgerechte mediale Inhalte gelangen. Dann ist es doch Sache der Eltern, sich darum zu kümmern! Die müssen sich fragen: Was wird auf dem Rechner oder der Konsole meines Kindes gespielt? Aber weil ein großer Teil der Eltern sich zu wenig um seinen Nachwuchs kümmert und auch zu wenig Ahnung von der Materie hat, findet hier keine Kontrolle statt, die bitter notwendig wäre.

Anstatt Verbote auszusprechen, wäre es doch sinnvoller, Eltern den Rücken zu stärken und ihnen zu zeigen, wie sie ihre Medienkompetenz verbessern können. Aber das kostet Geld. Ein Verbot ist schnell durch. Aber Eltern und Kindern zu helfen, ist teuer. Wir haben zwar einen massiven Verteidigungs-Etat, aber für Maßnahmen, dem Nachwuchs der Nation auf die Beine zu helfen, fehlt es an allen Ecken und Enden. Siehe Schulausstattung, siehe Ausbildungsstellen etc. Die Liste ließe sich noch weiter führen.

gamona: Als Publisher habt ihr in der Vergangenheit bestimmt jede Menge Erfahrungen mit der Thematik gemacht. Welche sind dies?

Bernd Berheide: Unsere Erfahrung ist, dass die USK sehr strikt vorgeht und die Alterseinstufung sehr gewissenhaft vornimmt. Man kann natürlich darüber diskutieren, ob z.B. der Einsatz der Havoc-Physik-Engine in einem Spiel problematisch ist und ob in Einzelfällen die Einstufung "Keine Jugendfreigabe" oder der Index angebracht ist. In jedem Fall bin ich der Meinung, dass alles getan wird, um einen bestmöglichen Schutz der Jugend zu gewährleisten.

Wenn man dies verneint, dann müssen auch bitteschön alle anderen Medien mit in Betracht gezogen werden. Wie viele Opfer hat es allein durch Bücher gegeben? Müsste dann nicht sogar die Bibel oder das Kommunistische Manifest verboten werden? Computerspiele sind noch ein sehr neues Medium, das bei vielen Menschen Verwirrung und Angst auslöst, weil ihnen die Medienkompetenz fehlt, damit umzugehen. Ein bisschen erinnert mich die angeheizte Diskussion an die Jungfernfahrt des "Adlers" von Nürnberg nach Fürth (erste Eisenbahn in Deutschland) im Jahre 1835. Da die Lok die damals sagenhafte Geschwindigkeit von 35Km/h erreichte, rieten Ärzte den Passagieren, sie sollten sich Bleiplatten umschnallen…

gamona: Dennoch sind viele Politiker der Ansicht, es bestünde ein Zusammenhang zwischen Jugendgewalt und dem Spielen so genannter "Killerspiele". Wie siehst du das?

Bernd Berheide: Die Frage ist schnell beantwortet. Die Forschungslage in den Sozialwissenschaften zu diesem Thema ist "mixed", wie man so schön sagt. Das bedeutet, dass je nach Forschungsfrage und Operationalisierung unterschiedliche Ergebnisse zu Tage gefördert werden. Wer kann sich da denn das Recht herausnehmen und davon sprechen, dass dort ein eindeutiger Zusammenhang besteht? Das ist natürlich Unsinn. Ob jemand gewalttätig ist, entscheidet sich durch Erziehung und sein soziales Umfeld.

gamona: Was können wir Spieler also tun, um Klarheit in die Diskussion zu bringen?

Bernd Berheide: Wir sind immer noch am Anfang der Debatte. Ich finde es beispielsweise sehr gut, dass sich gamona des Themas annimmt und seinen Teil dazu beiträgt, die Branche ins rechte Licht zu rücken. Das ist es, was wir brauchen: proaktiv aufklärende Informationen! Auch wir als CDV AG werden weiterhin mit sachlichen Argumenten dazu beitragen, falschen Vorstellungen und der stigmatisierenden Diskussion entgegenzuarbeiten.

Spieler sollten so bleiben wie sie sind. Es gibt ja nicht Zocker auf der einen und "normale" Jugendliche auf der anderen Seite. Viele Politiker und Pädagogen verstehen nicht, dass Spiele einfach zur Kultur dazu gehören. Das wichtigste ist immer - in allen Lebenslagen - sachlich zu argumentieren. Wer Argumente bringt und nicht rumbrüllt, wird auf Dauer gehört. Leider ist es nicht immer so, dass das jeder hören will. Ich wünsche daher allen, die sich um Aufklärung bemühen, hohe Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen. Die Zeit ist auf unserer Seite.