Interview: Daniel Räbiger

Auf der Olymptronica 2007, dem großen Konsolen-eSport-Event in Frankfurt am Main, hatte gamona die Gelegenheit, mit dem Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Hessen, Volker Hoff (CDU), zu sprechen. Wir befragten ihn zu seiner Meinung über die Killerspiel-Debatte, den deutschen Jugendschutz und die kulturelle wie wirtschaftliche Bedeutung von Computerspielen im Allgemeinen. Seine Antworten dürften nicht nur uns, sondern auch einige seiner Parteikollegen überraschen.

Das komplette Interview gibt es auch als gamona on Tour Video.

Killerspiele - Was sind Killerspiele eigentlich?2 weitere Videos

gamona: Herr Hoff, Sie haben gerade dieses Event mit einer sehr hoffnungsvollen Rede eröffnet. Sie setzen sich für Videospiele ein, ganz im Gegensatz zu vielen Ihrer Parteikollegen. Wieso machen Sie das?

Volker Hoff: Weil ich glaube, dass Computerspiele heute einfach dazugehören. Es macht keinen Sinn hier mit Verboten zu operieren, sondern wir brauchen am Ende eine Werbung für einen vernünftigen Umgang mit diesen Spielen.

Killerspiele - "Ich halte nichts von Verboten!" - gamona sprach mit dem hessischen Minister Volker Hoff.

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Minister Volker Hoff (CDU) im Interview mit gamona.
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gamona: In Ihrer Rede haben Sie die wirtschaftliche Bedeutung dieses Marktes angesprochen. Videospiele kosten Unmengen von Geld, fast schon wie eine Hollywood-Produktion. Mit der andauernden Debatte über Mediengewalt jedoch gerät die Industrie hierzulande zusehends in eine Krise. Wann haben Sie persönlich den Wert der Videospiele entdeckt?

Volker Hoff: Da sprechen Sie etwas Wichtiges an: Heute verursacht ein gut gemachtes Videospiel in etwa den gleichen Kostenaufwand wie eine Hollywood-Produktion. Eine Region wie Frankfurt, die den größten Internet-Knoten Europas hat, die in den Bereichen Werbung, neue Medien und Postproduktion mehr Menschen beschäftigt als beispielsweise die chemische Industrie, eine solche Region hat natürlich großes Interesse daran, an dieser Wertschöpfung teilzunehmen. Und deshalb kümmern wir uns auch um diese Industrie.

gamona: Sie als Vater von drei Kindern konnte man hier gemeinsam mit ihrem Jüngsten auch auf der Wii spielen sehen. Wie schätzen Sie den Jugendschutz bei Spielen allgemein ein? Was halten Sie von der Zugänglichkeit von Titeln ab 18 ohne Jugendfreigabe?

Volker Hoff: Zunächst einmal ist es wichtig, dass die Industrie sich darauf geeinigt hat, ähnlich wie in der Filmwirtschaft eine unabhängige Selbstkontrolle einzuführen, durch die Spiele klassifiziert werden. Was wir jetzt brauchen ist ein Dialog mit allen Beteiligten darüber, was in diesem Bereich angemessen ist und was nicht. Eines möchte ich klar sagen: Ich halte nichts von Verboten.

Mir scheint es, als ob es bei den so genannten „Killerspielen“, um die es letztendlich ja geht, in der Politik so eine Art Konjunktur gibt. Immer wenn etwas Schlimmes passiert, dann waren am Ende die Killerspiele daran schuld und dann werden die Killerspiele verboten. Auf diese Weise wird den Leuten vorgegaukelt, als wäre das Problem damit gelöst. Das ist natürlich mitnichten der Fall. Die Probleme sind weiter da. Was wir brauchen, ist ein Dialog untereinander.

Killerspiele - "Ich halte nichts von Verboten!" - gamona sprach mit dem hessischen Minister Volker Hoff.

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Durch die Gewaltdebatte gerät die deutsche Industrie in eine Crysis.
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gamona: Wie sollte ein solcher Dialog ablaufen?

Volker Hoff: Zum Einen glaube ich, dass Eltern sehr viel stärker darauf achten müssen, was ihre Kids eigentlich schauen, und dann mit ihnen darüber diskutieren. Wer 18 Stunden vor dem Computer sitzt und nur solche Spiele spielt, der macht einen großen Fehler, weil er seine sozialen Bezüge völlig kappt. Zum Anderen müssen wir auch mit der Spieleindustrie darüber reden, ob angesichts der technischen Möglichkeiten, die wir heute haben, der fantastischen Auflösung, die heute auf den Bildschirmen möglich ist, ob es optisch notwendig ist, auch noch den letzten Blutstropfen - quasi für eine DNA-Analyse geeignet - zu zeigen.

gamona: Gerade haben Sie schon die Filmindustrie angesprochen, wo es ja auch in heutiger Zeit sehr brutale Horrorfilme gibt. Da gibt es allerdings keine vergleichbare Verbots-Debatte. Warum, denken Sie, ist das so?

Volker Hoff: Natürlich ist die „Gefahr“, die von einem Videospiel ausgeht, nicht vergleichbar mit einem Film. Ein Film läuft einfach vor mir ab - dort habe ich keine Möglichkeiten der Interaktion. Im Unterschied dazu bin ich in einem Videospiel selbst ein Bestandteil des Spiels - das macht ja gerade den Kick aus. Also darf man an dieser Stelle nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Trotzdem bleibe ich dabei: Ich glaube, dass ein Verbot dort nicht hilft. Stattdessen müssen wir auf allen Seiten aufklären und versuchen, zu einem vernünftigen Umgang zu kommen. Gerade bei einer Messe wie dieser wird besonders eindrucksvoll gezeigt, dass in den jugendfreien Spielen eine ganze Menge Möglichkeiten und wirklich interessante Spielverläufe stecken. Insofern muss man schon fast die Frage stellen: Warum muss am Ende jemand noch laufend zum Killerspiel greifen?

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"Der deutsche Jugendschutz ist gut so, wie er ist."
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gamona: In welchen Punkten würden Sie persönlich denn jetzt den Jugendschutz in Deutschland anpassen?

Volker Hoff: Ich glaube, dass der Jugendschutz eigentlich bei uns ausreichend geregelt ist. Dort wo teilweise gesetzliche Regelungen auch nicht in dem Maß befolgt werden, wie das wünschenswert wäre, müssen wir eben dafür sorgen, dass das Gesetz am Ende auch durchgesetzt wird. Aber ich glaube nicht, dass wir eine Veränderung der Jugendschutz-Gesetzgebung brauchen. Die ist in Ordnung, so wie sie heute ist.

gamona: Sie haben es vorhin schon gesagt: Die Medienkompetenz der Eltern zu steigern, ist die eine Seite der Debatte, die andere Seite fordert ein Totalverbot. Für alle, die jetzt die Politik nicht so ganz genau verfolgen: Können Sie ein bisschen sagen, wie der aktuelle Stand der Dinge ausschaut?

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"Blutstropfen bis zur DNA-Analyse..."
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Volker Hoff: Zunächst einmal möchte ich Ihren ersten Punkt noch mal aufgreifen: Wir müssen die Medienkompetenz der Eltern erhöhen! Ich merke das bei mir selbst: Mein ältester Sohn ist 18. Der kann mich natürlich in Sachen Computer am Nasenring durch die Arena führen. Daher werbe ich dafür, dass man die Eltern viel stärker zur Medienkompetenz erzieht. Ich glaube, dass es manchmal ganz gut ist, wenn man zu Hause am Computer einfach mal nachschaut, welche Seiten sich die Kinder angeschaut haben. Da wird auch die ein oder andere Schmutzseite dabei sein. Aber dann hat es eben keinen Sinn, auf die Kinder anschließend einzuhacken nach dem Motto: „Wie konntest du nur?“ Stattdessen muss man ein vernünftiges Gespräch suchen und mit den Kindern darüber reden, was das eigentlich bedeutet.

Was die Frage der politischen Diskussion angeht: Ja, es gibt zum Beispiel aus dem Freistaat Bayern einen Vorschlag, diese so genannten Killerspiele zu verbieten. Ich halte davon nichts. Wir leben heute in einem globalisierten Markt, d.h. dass jeder, der wirklich will, sich diese Spiele auch besorgen kann - dann halt unter der Ladentheke, wenn sie offiziell verboten sind. Außerdem würden wir sie vermutlich zusätzlich noch mit einem Kick ausstatten, nach dem Motto: „Ich schau mir nicht nur was Grausames an, sondern es ist dazu auch noch verboten.“ Auch das hielte ich für nicht hilfreich.

Von daher brauchen wir jetzt eine vernünftige Diskussion und insbesondere eine Diskussion zu einer Zeit wo Gott sei Dank kein aktuelles Vorkommnis ist. Die Diskussion wird ja immer dann am meisten geführt, wenn ein aktuelles Vorkommnis stattgefunden hat, und dann wird sie natürlich nicht sachlich geführt, sondern ist mit Emotionen aufgeladen. Dann steht immer der konkrete Tathergang im Vordergrund und wird in unmittelbare Beziehung zu einem „Killerspiel“ gesetzt. Obwohl eigentlich keiner genau sagen kann, wie die wirkliche Relation ist.

Wir sind nicht gut beraten, rechtliche Würdigungen in einer emotionsgeladenen Atmosphäre vorzunehmen. Das hat noch nie gut getan – übrigens nicht nur in diesem Bereich, sondern auch in allen anderen. Also sollten wir ein bisschen Ruhe und Sachlichkeit einkehren lassen. Und ich glaube, dass diese Messe ein guter Ansatzpunkt ist, um diese Diskussion weiterzuführen.

gamona: Herr Hoff, vielen Dank für das Gespräch.

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