Autor: Volker Schütz

Wieder ein grausames Massaker, wieder ist die Nation entsetzt. Und wieder hat der Täter »CS« gespielt. Der Vorhang öffnet sich, und die Szene ist bereitet für den nächsten Akt der leidigen Verbotsdebatte. Dabei sind Für und Wider einer solchen Generalindizierung hinreichend diskutiert. Setzt man hingegen die Puzzlesteine zusammen, die Bastian im Netz hinterlassen hat, wird klar: Gewalt in Spielen mag noch so verheerende Wirkungen haben, diesen Amoklauf konnte kein Verbot der Welt verhindern.

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Heute am 21.11.2006 hätte sich der achtzehnjährige Bastian "ResistantX aka Knoxville" B. vor dem Amtsgericht Rheine wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten müssen. Aber die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Die Realität hat das Strafverfahren eingeholt: Der Angeklagte ist tot, 27 Personen sind verletzt, zum Teil schwer.

Killerspiele - Ich bin weg – Amoklauf als Hilfeschrei

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Coolness-Gestus als Lebensmaxime: Bastian B., wie er sich selbst gerne sah. (Quelle: Spiegel Online)
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Denn gestern Morgen erschien Bastian B. pünktlich zum Beginn der großen Pause vor der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten - bewaffnet mit Messer, abgesägten Gewehren und Rohrbomben. Ganz in Schwarz gehüllt. Den erhofften Effekt erzielte er nicht, alle lachten ihn aus. Sonnenbrille und Ledermantel machen eben noch keinen Keanu Reeves, nicht mal einen Christian Bale. Doch dann begann er das Feuer zu eröffnen. Er schoss auf Lehrer, Schüler, den Hausmeister. Schon nach sechs Minuten traf die Polizei ein. Das Gefecht verlagerte sich ins Schulgebäude. Bastian B. gebrauchte Rauchgranaten gegen die Beamten. Schlussendlich tötete er sich selbst.

Die Reaktion der Medien und Politik erfolgte prompt. Denn "ResistantX" zockte »Quake« und »Counterstrike«. Während es zunächst hieß, er habe seine Schule gemappt, stellte sich dies nachträglich als Zeitungsente heraus. Zwar existiert tatsächlich eine Geschwister-Scholl-Schulen-Map für »CS«, jedoch befindet sich das in Rede stehende Gymnasium in Melsungen (Hessen). Ich sollte es eigentlich wissen, denn dort habe ich mein Abi gemacht. Entsprechend dieser ersten Information ließ jedoch der SPD-Abgeordnete Dieter Wiefelspütz verlauten: "Ich bin sehr dafür, ein Verbot von Killerspielen in Betracht zu ziehen". Wolfgang Bosbach (CDU) äußerte sich mit identischer Stoßrichtung. Überfliegt man die Schlagzeilen in der Medienlandschaft, findet sich kein Magazin, das die Gräueltat nicht vor dem Hintergrund "Killerspiele" diskutiert.

Dabei weist die Spur, die Bastian B. im Internet hinterlässt, in eine ganz andere Richtung. Ebenso sein Abschiedsbrief. Seine Hobbys gibt er regelmäßig mit Radfahren, Homepagebau und Airgun-Sport an. Ego-Shooter scheinen eine Beschäftigung von vielen gewesen zu sein - aus seiner Sicht nicht einmal eine explizite Erwähnung wert.

Dagegen trug er sich bereits 2004 öffentlich im Netz mit dem Gedanken an Amoklauf. Hintergrund waren unter Anderem schulische Probleme. Zweimal war er sitzen geblieben. Mitschüler misshandelten ihn. Er schrieb häufig davon, in Angst zu leben. Hilfe bekam er keine, obwohl er darum bat. In seinem Blog erklärte er:

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Bastian B. alias "ResistantX". (Quelle: Spiegel Online)
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"Warum hat man das getan quält mich ebenfalls noch heute. Die meisten wissn es nicht, dachten ich ging jeden Tag zur Schule, mache nicht mit und geh wieder nach Hause. Das einzigste Mal das etwas wirklich nach aussen drang, war als man mir einen glühenden Fahrradschlüssel auf die Hand presste...da hat der Schulleiter Anzeige erstattet. Das wars dann aber auch. Von den anderen Dingen wollte niemand was sehehn, oder sie hat niemand gesehen. […]Jemand wird geboren, hat 6 Jahre lang ein schönes Leben, wird dann aber eingeschult. Dann hat er unbewusst eine Wahl zu treffen; bleibe ich wie ich bin, oder passe ich mich den anderen an? Genauer gesagt Bleibe ich stark oder werde ich zum Verräter meiner Selbst? Hat man sich nun dafür entschieden standhaft zu bleiben, wird man ausgelacht, weil man andere Sachen sagt, weil man anders aussieht, oder andere Musik hört, weil man andere Interessen hat. Das geht dann so, 4 Jahre lang, und dann denkt unser 10 Jähriges Kind: Nun komme ich ja zum Glück auf eine andere Schule, dann wird's endlich besser! Und was ist? ARSCHLECKEN! Es wird alles nur noch extremer!"

Im Abschiedsbrief heißt es weiter: "Als ich dann 1998 auf die GSS kam, fing es an mit den Statussymbolen, Kleidung, Freunde, Handy usw.. Dann bin ich wach geworden. Mir wurde bewusst das ich mein Leben lang der Dumme für andere war, und man sich über mich lustig machte."

Hier entlädt sich die ganze Wut des Außenseiters. Blickt man zurück nach Erfurt und Littleton treten die Parallelen überdeutlich zu Tage. Ja, auch Harris, Klebold und Steinhäuser haben Shooter gezockt. Aber vorrangig waren sie frustrierte Eigenbrötler mit hohem Leidensdruck. Mangelndes Selbstwertgefühl, ausgegrenzt von der Gesellschaft, mit Hass auf jeden, der sich in dieser besser zurechtfand als sie.

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"Game Over": Wer in der Welt der Spiele verliert, lädt einfach einen alten Spielstand.
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Wer sein Leben als unkontrollierbar erfährt, wer Anerkennung sucht, sie aber nicht erreicht, wer keine Perspektive hat und keinen sozialen Halt, für den müssen unsere Spielwelten erscheinen wie das Paradies. Dort gibt es keine Unsicherheit, alles läuft nach festen Regeln. Erfolge sind immer greifbar nah, Frustration dauert nicht an. Jeder bekommt die gleiche Chance, sogar eine zweite und dritte. Verzweiflung treibt zum Rückzug, Spiele sind lediglich der Zufluchtsort. Man sollte sich hüten, Wirkung und Ursache zu verwechseln. Wer vor diesem Hintergrund wieder einmal monokausal Gewalt verherrlichende Spiele als Sündenbock hinstellt, ist entweder blind oder weiß, dass er die wahren Probleme zu lösen nicht in der Lage ist.

Das soll nicht entschuldigen, was Bastian B. getan hat. Er war nicht Opfer, er war Täter. Ja, er hat selbst Leid empfunden. Aber das ist nie eine Rechtfertigung, es anderen zurückzugeben. Doch genau das tat er, auch noch unter dem Deckmantel der Weltverbesserung. Dabei dreht sich mir der Magen um. Denn "ResistantX" ist so zu dem geworden, was es zu beseitigen gilt: Menschen, die Kraft aus dem Schmerz anderer ziehen. Von ihnen existieren bereits zu viele. Aber wir alle sind schuld daran. Nicht, weil wir ihnen Killergames geben. Weil wir ihnen die schlechteren Freunde sind.