Ein YouTube-Video zu einem drei Jahre alten Beitrag des ZDF? Eine Stellungnahme des Redaktionsleiters zu diesem Video? Und massenhaft Spieler und Journalisten, die angesichts der Stellungnahme nur den Kopf schütteln? Richtig – wir sind wieder mal beim Thema „Killerspiele“.

Wir haben uns die Stellungnahme des Redaktionsleiters Claus Richter angeschaut und wissen nun, dass die Steigerung von „nicht kritikfähig“ eigentlich nur „Frontal 21“ heissen kann…

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Der Übersichtlichkeit halber zitieren wir die Stellungnahme von Herrn Richter in voller Länge und erlauben uns zwischendurch den einen oder anderen Kommentar.

Liebe User, hier unsere Stellungnahme zur Kritik von Matthias Dittmayer auf youtube. Natürlich können und wollen wir nur auf die Vorwürfe eingehen, die Frontal21 betreffen. Wie Sie wissen, haben wir uns schon mehrfach mit dem Thema beschäftigt und dabei auch immer wieder die Reaktion von Betroffenen und von Computer-Spielern berücksichtigt.

Bei der Kritik von Herrn Dittmayer hätten wir uns gewünscht, vor der Veröffentlichung des Videos informiert zu werden, um rechtzeitig Stellung nehmen zu können. So wären Ungenauigkeiten und Missverständnisse nicht aufgekommen.

Was man selbst nicht tut, wirft man also nun Herrn Dittmayer vor. Schließlich hat auch Frontal 21 in der Vergangenheit nicht unbedingt dadurch geglänzt, dass Betroffene wie beispielsweise die USK die Möglichkeit einer Stellungnahme bekommen hätten – ganz zu schweigen davon, dass dies im Vorfeld möglich gewesen wäre.

Dass sich Frontal 21 schon „mehrfach mit dem Thema“ beschäftigt hat, dürfte allgemein bekannt sein. Die Stellen der Berichterstattung wo „Reaktionen von Betroffenen und Spielern“ berücksichtigt wurden, sind dabei allerdings offenbar an uns vorbeigegangen.

Zu den im Video geäußerten Kritikpunkten im Einzelnen:

Wie soll man beim Spielen Zielen trainieren?

Genau das ist die Grundlage beim Training der US-Armee mit Egoshootern. Im derzeit renommiertesten Sachbuch zum Thema „Der virtuelle Krieg“ des CT-Redakteurs Hartmut Gieselmann (Hannover 2002) heißt es:

„Doch das Militär setzt tatsächlich Computerspiele zur Ausbildung ein, sowohl normale Spiele als auch für das Militär angepasste Versionen. Das ‚Training und Education Command’ (TECOM) der U.S.-Marines unterhält hierfür eigens eine Abteilung für PC-Training“ (S. 92 f).“

„Die Liste der vom Militär genutzten Spiele umfasst auch die Spiele Half-Life und eine abgeänderte Version von Doom mit dem Namen Marine Doom“ (Gieselmann, S. 93).

Gieselmann schreibt weiter: „Die Inhalte werden natürlich auf das US-Militär abgestimmt und unterscheiden sich vom Spiel, die grundlegende Spielmechanik ist jedoch die gleiche. So beauftragte die US-Armee das Institute for Creation Technologies (ICT) Ende September 2001 mit der Entwicklung zweier Trainingssimulationen, die gleichzeitig auch als Video- und Computerspiele vertrieben werden sollen. (...) Der Spieler steuert eine Spezialeinheit von neun Soldaten, die Terroristen in einem Gebäudekomplex bekämpfen, Rettungskräfte beschützen ode eine US-Botschaft gegen einen tobenden Mob verteidigen soll“ (S. 93 f).

Gieselmann ergänzt weiter: „Das Militär nutzt diese Videospiele als Vorabtraining für spätere Rekruten und gleichzeitig als Werbung. Sie sollen sich von ihrer Aufmachung kaum von den Trainingsversionen für das US-Militär unterscheiden, lediglich die Explosionen sollen größer werden, da die trockene Darstellung der Militärsimulationen wohl etwas zu unspektakulär für das Wohnzimmer sei“ (Gieselmann, S. 95).

Auch in der Dokumentation „Die Welt der Spiele: Wunschwelten aus dem Computer“ (Paderborn, o.J.) wird militärische Nutzung von Computergewaltspielen dokumentiert: „Marine Doom: eine Doom-Variante, die von der US-Armee für die Ausbildung von Marinesoldaten entwickelt wurde. Dieses Spiel zeigt, dass Gewaltspiele wie Doom nicht nur harmlose Spiele sind, sondern dass sie durchaus auch zur Vorbereitung von Tötungshandlungen genutzt werden können. Sie werden im militärischen Kontext zur Vorbereitung realer Kampfeinsätze eingesetzt. Aus den minotaurischen Doom-Monstern wurden in der Armee-Simulation Terroristen, die Szenarien nach echten Orten konstruiert, um z.B. das Stürmen von besetzten Botschaften üben zu können“ (S. 19).

Herr Richter kann noch so viel zitieren, letztendlich zeigt er damit nur, dass er die Kritik des Videos entweder nicht verstanden hat – oder dass er weiß, wie berechtigt sie ist.

Denn er sagt im Wesentlichen nur eines: Das Militär nutzt die genannten Spiele zu Trainingszwecken – übrigens eine mehr als dehnbare Aussage. Was er weder sagt noch belegt ist, dass das Militär sie zum Zielen nutzt. Leider geht die Stellungnahme damit an der ursprünglichen Aussage des Beitrags vorbei, denn dort wurde behauptet, es würde das ZIELEN mit den Spielen geübt.

Eben diese Aussage kritisiert Dittmayer auch in seinem Video – und das völlig zu Recht. Einerseits ist bekannt, dass der Amokläufer Steinhäuser das Schießen im Schützenverein erlernt hat. Andererseits dürfte es auf der Hand legen, dass die Aussage, man könne den Umgang mit Waffen (und speziell das Zielen) an PC oder Konsole erlernen, ohnehin unhaltbar ist – wozu sonst haben Militär und Polizei Schießstände? Wozu trainieren Polizisten und Soldaten mit echten Waffen? Wohl kaum, weil sich dies Alles völlig risikolos und mit erheblich geringeren Kosten virtuell durchführen ließe.

Update: Nach der Veröffentlichung dieses Artikels wurden wir von Herr Gieselmann kontaktiert, der uns darauf aufmerksam gemacht hat, dass Frontal 21 an dieser Stelle die Argumente seines Buchers "Der virtuelle Krieg" verdreht. Wir zitieren aus einer Stellungnahme von Herrn Gieselmann, die in voller Länge hier zu finden ist:

"Sehr geehrter Herr Dr. Claus Richter, in Ihrer Stellungsnahme zum YouTube-Video von Matthias Dittmayer zitieren Sie aus meinem Buch "Der virtuelle Krieg" um Ihre These zu untermauern, dass man in Computerspielen das Zielen mit einer Waffe trainieren könnte.

Dieser Aussage habe ich stets widersprochen und kritisiere in meinem Buch auch andere Autoren wie Dave Grossmann, die behaupten, Computerspiele würden zum Zieltraining eingesetzt und um Spieler mit besonders drastischen Gewaltdarstellungen zu desensibilisieren.

[...]Das Militär setzt Computerspiele vielmehr dazu ein, um taktische Abläufe zu trainieren."

Ob Herr Richter nicht wusste, dass Herr Gieselmann einer Argumentation wie in der Stellungnahme von Frontal 21 stets wiedersprochen hat? Wenn ja, wäre dies zumindest unsauber recherchiert. Über die anderen Möglichkeiten betten wir lieber den Mantel des Schweigens.

Doom 3 hat keine Jugendfreigabe und darf nur an Volljährige verkauft werden

Der Vorwurf trifft die Berichterstattung nicht, da der Beitrag auf etwas anderes zielte: „Doom 3“ hätte wie das Vorgängerspiel indiziert werden müssen. Tatsache ist, dass das Vorgängerspiel „Doom“ indiziert war. In der Indizierung aus dem Jahr 1994 hieß es: „Die sozialethische Desorientierung rührt hier aus der Einübung des gezielten Tötens. Die programmimmanente Logik bindet den Spieler an ein automatisiertes Befehls- und Gehorsamsverhältnis, dessen wesentlicher Kern das reaktionsschnelle, bedenkenlose Töten menschen- bzw. tierähnlicher Gegenüber ausmacht. (...) Ein erfolgreiches Durchspielen des Programms wird somit einzig durch die Liquidation zahlloser Gegner gewährleistet, wobei die Akte der Liquidation gleichzeitig auf mannigfaltiger Art- und Weise positiv verstärkt werden. So z.B. durch die aufwendige Darstellung blutig zerfetzter Körper.“

Das Nachfolgemodell „Doom 3“ ist mindestens genauso brutal wie „Doom“ und hätte deshalb niemals eine Alterskennzeichnung erhalten dürfen. Dazu heißt es im neuen Jugendschutzgesetz vom 23. Juli 2002 in § 14 Abs. 4: „Ist ein Programm für Bildträger oder Bildschirmgeräte mit einem in die Liste nach § 18 aufgenommenen Trägermedium ganz oder im Wesentlichen inhaltsgleich, wird es nicht gekennzeichnet.“

Trotzdem hat die Nachfolgeversion „Doom 3“, eine Alterskennzeichnung bekommen. Nicht umsonst freut sich auch die einschlägige Gamerseite „Doom3Maps.de“ über „Doom 3 und das Wunder der USK“. In einem Beitrag, indem sich die Gamer über die Nicht-Indizierung freuen, heißt es: „Neben all den positiven Effekten, die diese Entscheidung der USK auf die Community haben wird, ist es uns allen trotzdem, wie Doom3 diese Quadratur des Kreises überhaupt vollbringen konnte, um den Fängen der BPjM zu entgehen“ (vgl. doom3.planetmultiplayer.de/news.php).

Dass die USK das Spiel mit einer Altersfreigabe versehen und damit vor einer Indizierung geschützt hat, war Inhalt des Frontal 21-Beitrags, der sich kritisch mit dieser USK-Praxis auseinander setzte.

Die USK hat – auch wenn Herr Richter das entweder absichtlich oder fahrlässig übersieht – KEINE Jungendfreigabe vergeben. Völlig absurd ist außerdem, dass er mit seiner Aussage suggeriert, die USK würde ein Spiel mit „Keine Jugendfreigabe gemäß § 14 JuSchG“ kennzeichnen, um es „vor der Indizierung zu schützen“. Im Gegenteil schützt sie damit minderjährige Spieler, die das Produkt richtigerweise nicht kaufen dürfen.

Zudem zeigt der von Dittmayer kritisierte Beitrag, wie (ganz offensichtlich nicht volljährige) Jugendliche Doom 3 aus der Verpackung reißen – ein Vorgang, der nach der Kennzeichnung der USK gar nicht vorkommen dürfte. Aus dem Off schallt dabei noch der Kommentar, Doom 3 sei als „nicht jugendgefährdend“ eingestuft. Das ist schlicht gelogen oder schlecht recherchiert, jedenfalls ist es unwahr. Die Kennzeichnung „Keine Jugendfreigabe gemäß § 14 JuSchG“ bekommen solche Spiele, die als „jugendbeeinträchtigend“ eingestuft werden.

Den angedeuteten Zusammenhang zwischen (indiziertem) Vorgänger und einem Nachfolgetitel wird Herr Richter später in seiner Stellungnahme nochmals aufgreifen und konkretisieren. Das ändert allerdings nichts daran, dass hier keinesfalls zwingend ein Zusammenhang besteht – und auch nicht bestehen darf. Würde die USK einer solchen Praxis folgen, wäre schließlich auch der umgekehrte Fall (nicht indizierter Vorgänger und indizierungswürdiger, aber ebenfalls nicht indizierter Nachfolger) möglich. Um dies zu vermeiden, ist jede USK-Einstufung eine Einzelfallentscheidung. Die Forderung nach Berücksichtigung des Vorgängers wäre in letzter Konsequenz sogar gefährlich und würde Indizierungskandidaten ungeschoren durch die USK kommen lassen…

In keiner der bei Steinhäuser gefundenen Spielen ist es das Ziel, Lehrer oder Schüler zu erschießen

Die Stellungnahme des thüringischen Innenministeriums vom 10.06.2002 zum Amoklauf Steinhäusers kommt zu dem Ergebnis: „Über die Motive des Täters wird wahrscheinlich auch nach dem Abschluss der Ermittlungen keine endgültige Klarheit herrschen. Fest steht aber, dass der Täter in großer Zahl Gewaltvideos und gewaltverherrlichende Computerspiele besessen und konsumiert hat“ (S. 2).

Herr Dittmayer zitiert selbst eine Reihe dieser Spiele. Ob der Täter speziell das Töten von Lehrern oder Schülern trainiert oder das Töten allgemein, ist nach Meinung der Redaktion unerheblich. Eine solche Differenzierung erscheint uns zynisch.

Der Beitrag behauptet im Wortlaut: „Im Blutrausch tötet ein Schüler Lehrer und Mitschüler, wie im Computerspiel.". Diese Aussage bleibt – unabhängig von jedem potentiellen Zynismus – schlichtweg falsch.

Dass man bei Frontal 21 eine Unterscheidung zwischen dem Töten von Schülern (Kindern) und Lehrern und anderen „Gegnern“ für zynisch hält, mag sein. Allerdings widerspricht eine solche „Nicht-Differenzierung“ sowohl den Prüfkriterien der USK als auch der herrschenden Rechtsprechung. Publisher EA musste beispielsweise die Zombies in der deutschen Version von Hellgate: London weniger menschenähnlich gestalten, um nicht „keine Kennzeichnung“ zu bekommen und damit indizierungsgefährdet zu sein.

Auch bei Indizierung und Verbot (Beschlagnahmung) ist es sowohl relevant welche Art von Gegnern getötet wird, als auch in welchem Kontext. Und fernab von jeder Paragrafenreiterei: Es fällt uns schwer zu glauben, dass für die Frontal-21-Redaktion das Töten von Mutanten gleichgestellt ist mit dem Abschlachten wehrloser Kinder.

Nur geprüfte Spiele tauchen in der Statistik auf

Frontal21 berichtete korrekt, dass zahlreiche extrem brutale Spiele auf dem Markt sind, deren Vorgängerversionen noch indiziert waren. Das steht im Widerspruch zum Jugendschutzgesetz (§14 Abs 4). Beispiele hierfür sind die Spiele Mortal Kombat: Deadly Alliance“, „Max Payne 2“, „Silent Scope 3“, „Hitman: Contracts“, „GTA Doppelpack (Grand Theft Auto)“, „Resident Evil Outbreak“, „GTA Sant Andreas“ oder „Doom 3“.

So gilt das Spiel Max Payne 2 nur als „beeinträchtigend“ für Jugendliche, nicht als jugendgefährdend. Noch 2001 wurde das Vorgängerspiel „Max Payne“ von der Bundesprüfstelle indiziert. Auszüge aus der Indizierung: „Die getöteten ‚Gegner’ bluten, bis das Blut spritzt – auch deshalb, weil man beliebig viele Schüsse abgeben kann – und schreien vor Schmerzen, wenn sie getroffen sind. Der letzte Getötete in einer Szene fällt immer in Zeitlupe, wobei man deutlich die Wirkung des Projektils auf seinem Körper sieht. (...) Es müssen in einigen Sequenzen auch Frauen und Polizisten zur Strecke gebracht werden. (...) In mehrfacher Hinsicht ist also ‚Max Payne’ als jugendgefährdend (...) einzustufen.“

Ein weiterer Beleg ist die breite Vermarktung der Mortal Kombat-Reihe wie das Spiel „Mortal Kombat: Deception“, das ebenfalls nur als beeinträchtigend für Jugendliche gilt. Alleiniger Inhalt dieses Spiel ist das bluttriefende Totschlagen, Tottreten und Erstechen von Gegnern – darunter auch Frauen.

Als die Bundesprüfstelle 2000 das Vorgängerspiel „Ultimate Mortal Kombat 3“ indizierte, hieß es in der Begründung: „Sobald ein Kämpfer seinen Gegenpart trifft, spritzt das Blut. Darüber hinaus werden die Szenen mit Schmerzenslauten geräuschvoll untermalt. Die Schläge und Tritte landen vornehmlich im Gesichts- und Herzbereich, wobei der Kopf des Gegners bis zum Genickbruch überstreckt wird und der Schlag nicht nur akustisch, sondern auch durch einen großen Blutfleck verdeutlicht wird.“

An diese Brutalität knüpfen auch die derzeit im Handel erhältlichen, nicht indizierten Nachfolgespiele an. Insofern geht es nicht um die Frage, was in der Statistik nicht auftaucht, oder was ein Egoshooter ist oder nicht. Auch Herrn Dittmayer ist sicher bekannt, dass neben Egoshootern auch Prügelspiele oder Kriegsspiele einen hohen Gewaltanteil haben können.

Wie löchrig der Jugendschutz ist, belegen im Übrigen auch neuere Konsolenspiele wie „Backyard Wrestling“, das sogar ab 16 freigegeben wurde. Auf der Hülle heißt es: „Bereite dich auf unsagbare Schmerzen vor“, „Verwende stachelumwickelte Baseballschläger“. Und das Prügelspiel „Fight-Club“ wirbt auf dem Cover mit Sprüchen wie: „Was weißt Du über Dich, wenn Du dich noch nie geprügelt hast.“ Vorzüge des Spiels seien: „Schockierende Röntgen-Aufnahmen bei Knochenbrüchen“ und „Extrem realistische Kampfverletzungen“. In dem aktuelleren brutalen Spiel „Death by Degrees“ heißt es in der Beschreibung: „Innovatives, ‚kritisches Treffer’-Zielsystem – Knochen zersplittern und innere Organe explodieren, wenn Nina mit einem Schlag tötet.“

Das ist er wieder, der bereits angedeutete Zusammenhang von Vorgänger und Nachfolger – richtiger wird er durch die Wiederholung jedoch nicht.

Dass Herr Richter es offenbar nötig hat, zur Untermauerung seiner Argumentation auf Verpackungstexte zurückzugreifen zeigt eigentlich nur eines: Die Argumente sind ihm ausgegangen. Oder glaubt man beim ZDF jeden Werbespruch?

Interessant finden wir auch, dass das Töten von Frauen offenbar ein schwerwiegenderes Vergehen zu sein scheint als das Töten von anderen Personen. Wie war das noch gleich? „Die Würde des Menschen ist unantastbar – besonders die der Frauen“?

Das Spiel bestraft das Töten von unbeteiligten Zivilisten

Auch dies ist ein zynischer Einwand. Geht es doch in dem Spiel darum, Figuren, die an Behinderte erinnern, zu töten. Der Unterschied „beteiligt“ oder „unbeteiligt“ ist nach unserer Ansicht menschenverachtend.

Man überschreibt also den Beitrag zu Hitman: Contracts mit „Sinnloses Morden im Sanatorium“, suggeriert damit eindeutig, dass dies Spielziel ist und stellt die Diskussion über diese mehr als zweifelhafte Aussage unter den Vorwurf, „menschenverachtend“ zu sein? Ein weiteres Mal versucht Herr Richter hier, unhaltbare Standpunkte bzw. Aussagen hinter der moralischen Keule zu verstecken.

In Hitman geht es nämlich eben NICHT darum, „Figuren, die an Behinderte erinnern, zu töten“, denn diese Formulierung suggeriert ein solches Handeln als Spielziel. Auch wenn die Möglichkeit dazu besteht – weder wird der Spieler dazu aufgefordert, noch dafür belohnt. Es argumentiert ja auch niemand, ein Rennspiel vom Markt zu nehmen, nur weil es möglich ist, eine Tankstelle durch Rammen explodieren zu lassen – ebenfalls etwas, das möglich ist, auch wenn es den Spieler nicht weiterbringt.

2006 befand sich lediglich ein Egoshooter in den Top 10 der Verkaufscharts

Herr Dittmayer zitiert die Jahrescharts 2006, Frontal21 dagegen die von 2004. So viel zur Genauigkeit der Kritik von Herrn Dittmayer.

Bei Frontal21 war von „Metzelspielen“ die Rede, das heißt nicht nur von Egoshootern. Sehr beliebte brutale und auch indizierte Spiele sind Prügelspiele, Kriegsspiele und so genannte Actionspiele, deren Spielaufbau nichts mit einem Egoshooter zu tun hat. Shooter sind also lediglich ein Teilsegment des Gewaltgenres, was der Kritiker verschweigt.

In den Jahrescharts 2004 sind mit Half-Life 2 und Battlefield Vietnam nur ebenfalls zwei Egoshooter vertreten – auch wenn Dittmayer hier bei der Jahreszahl danebenliegt, an der Korrektheit seiner Aussage ändert sich insofern nichts, da man bei Frontal 21 behauptet hatte, die Charts seien sozusagen dominiert von gewaltverherrlichenden Spielen.

Die Ausflucht, man habe ja nicht Egoshooter, sondern „Metzelspiele“ gemeint, geht ebenfalls daneben – denn da sich der Beitrag von Frontal 21 sich überwiegend mit Egoshootern auseinandersetzt, ist es durchaus legitim, dass sich Dittmayer auf dieses Genre beschränkt. Nun zu behaupten, auch „Prügel-„, „Action-“ und „Kriegsspiele“ gemeint zu haben, ändert nichts daran, dass der Beitrag ganz offensichtlich suggerierte, es seien Egoshooter gemeint.

Finaler Rettungsschuss

Im Zusammenhang mit dem Spiel „Silent Scope 3“ die Frage nach der Rechtfertigung von „finalen Rettungsschüssen“ bei Geiselnahmen zu diskutieren, ist abwegig. Denn auch das Vorgängerspiel „Silent Scope 2“ wurde von der Bundesprüfstelle indiziert, weil es keineswegs um eine moralischpolitische Grenzsituation ging.

Aus der Begründung: „Computerspiele, die den Spieler zur Vernichtung von menschlichen Leben auffordern und die einzelnen Verletzungsaktionen in allen Einzelheiten präsentieren, sind in der Spruchpraxis der Bundesprüfstelle im Regelfall als verrohend (...) eingestuft. Das Spiel ‚Silent Scope’ besteht in seinem wesentlichen Inhalt aus exzessiven, fortgesetzten Tötungen von Menschen. Die Tötungsvorgänge werden überwiegend blutig visualisiert. (...) Das in ‚Silent Scope’ einzig erforderte Handeln ist die reaktionsschnelle Liquidation der menschlichen Gegner.“

Und auch in „Silent Scope 3“ geht es keinesfalls allein um finale Rettungsschüsse bei Geiselnahmen. Alleiniger Spielinhalt ist wieder das reaktionsschnelle Erschießen menschlicher Gegenüber. Auch die Tatsache, dass dieses Spiel nicht indiziert ist, dokumentiert eine eklatante Lücke bei der Umsetzung des Jugendschutzgesetzes.

Auch hier ist die Kritik von Dittmayer absolut berechtigt, und die Rechtfertigungsversuche von Herrn Richter mehr als kläglich. Das "Der-Nachfolger-eines-indizierten-Vorgängers-muss-ebenfalls- indiziert-werden“-Argument hatten wir bereits, zudem zeigt der Beitrag einen Kopfschuss und bezeichnet ihn als „gezielten Mord“. Herr Richter argumentiert also komplett am Vorwurf vorbei und erklärt nicht, warum der „finale Rettungsschuss“ so bezeichnet wurde.

Verantwortung der Verkäufer

Es entspricht schlicht der Lebenserfahrung, dass Verkäufer Jugendschutzbestimmungen häufig nicht sehr ernst nehmen. Das gilt nicht nur für Computerspiele, sondern etwa auch für Zigaretten und Alkohol, wie Reaktionen des Gesetzgebers in jüngster Zeit belegen. Frontal21 zeigt zudem mit einer Stichprobe im Beitrag selbst, wie wenig verantwortungsvoll Verkäufer handeln.

Wir halten die Vorwürfe von Herrn Dittmayer an die Adresse von Frontal21 für gänzlich unbelegt, nicht stichhaltig oder irreführend.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Claus Richter

Man muss also Spiele für Erwachsene verbieten bzw. indizieren, weil sie verbotenerweise auch an Minderjährige verkauft werden? Herr Richter sagt uns also, dass seine Forderung auf Nicht-Befolgung deutscher Gesetzte aufbaut – auf einer strafbaren Handlung also. Damit bewegt er sich unserer Ansicht nach nicht mehr auf dünnem Eis, sondern wandelt bereits im Hochsommer übers Wasser.

Die Arbeit der USK in Frage zu stellen, weil ihre (gesetzlich verbindlichen) Vorgaben im Handel teilweise nicht eingehalten werden, wäre jedenfalls schlicht lächerlich – wenn das Thema nicht so verdammt ernst und die Folgen solcher Beiträge nicht so gravierend wäre.

Fazit: Von Einsicht keine Spur

Abschließend können wir Herrn Richter nur gratulieren: Er hat das Niveau des damaligen Beitrags mit dieser Stellungnahme noch unterboten. Anstatt einfach mal zu sagen „OK, hier haben wir einen Fehler gemacht“, wird mit hanebüchenen Ausflüchten und der moralischen Keule jede Schuld abgestritten. Man weigert sich gegen die (wohl zu schmerzhafte) Einsicht, Fehler gemacht zu haben. Unserer Meinung nach ignoriert Frontal 21 damit eine der ethischen Grundsätze eines jeden Journalisten – Fehler einzugestehen, anstatt selbst drei Jahre später immer noch an vollkommen unhaltbaren Aussagen festzuhalten.

Die Stellungnahme als PDF - hier herunterladen.