Es ist eine Katastrophe, eine Tragödie. Obwohl es geschmacklos klingen mag, es muss gesagt werden: Die Tat des Amokläufers Tim K. war der Startschuss für einen weiteren Durchlauf im Zyklus „Computerspiele sind schuld“. Und so taucht es nach dem Todeslauf von Winnenden wie bestellt auf. Das Wort, das Politiker und Medien immer wieder hervorkramen, wenn Jugendliche Unerklärliches tun: „Killerspiele“.

Täglich soll der Todesschütze Tim K. gezockt haben, sagen Mitschüler, einsam am Rechner. Andere berichten das Gegenteil. Auch in den Medien sind die Aussagen gegensätzlich. Sicher ist nur, dass die Polizei mehrere Computer im Hause seiner Eltern, wo Tim wohnte, beschlagnahmt hat. Im Zimmer des 17-jährigen Täters fanden die Beamten zahlreiche Shooter, darunter auch Counterstrike.

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„Die typischen Spiele eines Amokläufers“

Erwähnt wird der Taktik-Shooter wohl auch deshalb, weil Counterstrike nach der Berichtererstattung der letzten Jahre jedem in Deutschland ein Begriff sein dürfte. Ein negativer Begriff. Ob Columbine, Emsdetten, Erfurt oder jetzt Winnenden - die öffentliche Reaktion ist ein Zyklus, ausgelöst durch die Tat eines jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Sie steht am Anfang – es folgen Panik, Entsetzen, Erfahrungsberichte; dann Erklärungsversuche. Und diese münden immer in einer Debatte über Computerspiele, über Shooter.

Doch eine solche Tat ist nicht restlos erklärbar. Vor allem nicht durch die plumpe Aussage eines Polizeisprechers bei „heute mittag“ am Donnerstag im ZDF. „Typische Spiele wie Counterstrike“, die „ins Raster eines Amokläufers passen“, habe man auf dem Rechner von Tim K. gefunden. Noch deutlicher wurde Konrad Freiberg, Chef der Polizeigewerkschaft bei „tagesschau extra“ in der ARD: „Ekelhaftes Zeug“ seien solche „Killerspiele“, „natürlich“ könnte es eine Ursache für einen Amoklauf sein, „wenn jemand Killerspiele guckt“.

Für diesen Logikfehler wird er viel Hohn und Spott hertragen müssen, besonders in einschlägigen Foren. Zurecht, so zeigt es erstens seine mangelnde Vorbereitung auf das Interview, und zweitens seine mangelnde Fachkompentenz. Denn es gibt bislang keinen Beweis für eine Ursache-Wirkung-Beziehung zwischen Shootern und Amokläufen.

Leider schließt sich Freiberg nur der Meinung anderer prominenter Personen an: Innenminister Wolfgang Schäuble etwa, bekannt für seinen Überwachungswahn, will als Reaktion auf die Tat von Winnenden Internet- und Ballerspiele „besser reglementieren“, heißt es in der ARD. Kriminologe Christian Pfeiffer fordert, World of Warcraft nur Erwachsenen zugänglich zu machen, und Kinder statt Grand Theft Auto IV eher Rugby spielen zu lassen, um überschüssige Energie abzubauen. Körperliche Ertüchtigung statt Monsterjagd am Bildschirm.

Der bayerische Innenminister Joachim Hermann ruft nach der radikalen Variante: „Killerspiele“ sollten generell verboten werden, fordert er. Dieser Meinung ist auch Kriminologie-Professor Hans-Dieter Schwind: „Dass der 17-Jährige auf der Flucht noch weiter um sich geschossen hat, ist ein Verhalten, das Jugendliche auch in Spielen wie Counter Strike oder Crysis lernen können“, wird er in den Medien zitiert.

Politik des Verbots

All diese Forderungen sind für Insider lächerlich – werden aber in den kommenden Wochen wohl ernsthaft diskutiert. Aber wie soll eine Reglementierung, zusätzlich zur Unabhängigen Selbstkontrolle (USK) praktisch aussehen? Etwa durch den von der Europäischen Union geforderten „roten Knopf“ für Eltern am Rechner ihres Nachwuchses, um die Heranwachsenden besser kontrollieren zu können? Das ist Utopie. Denn mehr Kontrolle führt zu mehr Widerstand durch die Spieler; Verbotenes ist eher noch reizvoller als die frei erhältlichen Shooter - die für den deutschen Markt häufig ohnehin schon entschärft worden sind.

Killerspiel-Debatte - Der gamona-Kommentar: Winnenden und die Folgen

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Medien und Politiker scheinen den Hauptverantwortlichen längst gefunden zu haben - Counter-Strike.
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Hand aufs Herz: Wer keine indizierten Titel zockt, lässt sich erstens exzellente Games entgehen, und gilt zudem in manchen Kreisen als Außenseiter. Ein solcher war der Tim K. nicht, er war im Tischtennisverein erfolgreich und als Gastschütze im Schützenverein des Vaters aktiv. Trotzdem sagt der Leiter der ermittelnden Staatsanwaltschaft in Stuttgart, er habe sich „häufig mit dem Computer beschäftigt“. Warum ist diese Information nötig? Es mutet wie ein wildes Um-sich-schlagen unter dem unmittelbaren Eindruck der Tatfolgen an, in alle möglichen und vor allem bekannte Richtungen. Da kommt das Phänomen Computerspiele gerade recht.

Personen in den Positionen mit Entscheidungsgewalt sind meist aus einer Generation, die nicht mit Video- und Computerspielen aufgewachsen sind – zumindest nicht mit grafischer und spieltechnischer Detailtreue. Ältere Menschen verstehen häufig nicht, was Jugendliche und junge Erwachsene an Shootern fasziniert, weil sie nie selbst erlebt haben wie es ist, bei Doom 3 in pechschwarzen Gängen vor der Entscheidung zu stehen: Taschenlampe oder Waffe? Sie können auch nicht nachvollziehen, dass ein gewonnenes Clanmatch bei Counterstrike die gleichen Siegesgefühle hervorrufen kann wie im „echten“ Sport.

Wahljahr = Aktionismus

In Deutschland ist noch nicht angekommen, dass Amokläufer sogar weniger Interesse an gewalthaltigen Medien und Computerspielen haben als durchschnittliche US-amerikanische Jugendliche – das beweist eine fallübergreifenden Meta-Studie aus den Vereinigten Staaten. Ob es hierzulande anders ist? Wohl kaum. Doch vor allem die konservativen Politiker holen zum Auftakt des „Superwahljahrs 2009“ die üblichen Themen aus der Mottenkiste.

Es wird ein paar Wochen dauern, dann machen sie den Deckel wieder zu und klopfen sich gegenseitig auf die Schultern: Ist doch super gelaufen, werden sie sagen – wir haben für uns das Maximale aus der Situation herausgeholt. Schier unglaublich, dass über „Killerspiele“ diskutiert wird, obwohl selbst der Innenminister von Baden-Württemberg, Heribert Rech, bei einer Pressekonferenz am Donnerstag sagt, Tim K. habe nachweislich unter Depressionen gelitten. Ein halbes Jahr war er in stationärer Behandlung, brach eine fortführende Betreuung danach aber ab. Ein klarer Hinweis, woher die Motivation des Jugendlichen rührt.

Doch der Zyklus „Computerspiele sind schuld“ fordert andere Aussagen, also werden Vermutungen zu Tatsachen aufgebau(sch)t. „Ballerspiele“, wird ein Sprecher der Polizei bei den Presseagenturen zitiert, würden inzwischen zum Alltag von Jugendlichen gehören. Ein einsamer Zweifler in einer Menge aus Populisten - und die sind für die Meinung der Öffentlichkeit verantwortlich. Leider.