Autor: Matthias Grimm

Nach dem gestrigen Amoklauf eines 18-Jährigen an einer Schule im nordrhein-westfälischen Emsdetten werden die Stimmen zahlreicher Politiker wieder laut, die ein pauschales Verbot so genannter "Killerspiele" fordern.

In seinem Abschiedsbrief hatte der Täter, der in seiner ehemaligen Schule gestern über 27 Menschen zum Teil schwer verletzte und sich anschließend vermutlich selbst das Leben nahm, angegeben, er habe sich selbst als Versager gesehen und die Tat aus einer Art Wut über seine Lebenssituation im Allgemeinen heraus begangen: "Das einzigste, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin", heißt es da.

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Im Internet veröffentlichte er Fotos und Videos, die ihn in martialischen Posen zeigen und seinen Hang zu Waffen und Gewalt dokumentieren. Bastian B. - so der Name des Täters - spielte häufig mit seinen Freunden »Softair«, bei denen die Spieler mit Farbpatronen aufeinander schießen. Heute sollte ein Verfahren gegen ihn wegen unerlaubten Waffenbesitzes beginnen, da er mehrmals mit geladenen Pistolen aufgefallen sei. Lehrer und Bekannte gaben an, der junge Mann habe sich in letzter Zeit immer mehr in sich zurückgezogen, soziale Kontakte vernachlässigt und seine Zeit hauptsächlich mit Computerspielen verbracht. Unter anderem dem "gewaltverherrlichenden Counter-Strike" ( netzeitung.de). Politiker fordern daher heute wieder verstärkt ein Verbot solcher Games.

Killerspiele - Der Amoklauf und seine Folgen: Counterstrike-Spieler im Fadenkreuz der Poltik.

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"Counterstrike": ein Trainingsspiel für Amokläufer?
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Auch die "Tagesthemen" meldeten gestern, der Täter habe seinen Amoklauf vorab mithilfe von »Counter-Strike« simuliert. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt in ihrer heutigen Ausgabe, er habe selbst eine Map seiner Schule erstellt, auf der er seine Tat virtuell einstudiert habe. Undifferenzierte Medienberichte sprechen davon, Bastian habe mit seiner Tat versucht, das Spiel "in der Realität nachzuspielen" ( netzeitung.de).

Bereits gestern (gamona berichtete) warnte der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Dieter Wiefelspütz, zwar auf der einen Seite vor "blitzschnellen Erklärungsmustern", gleichzeitig sei er aber "sehr dafür, ein Verbot von Killerspielen in Betracht zu ziehen." Der brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) sieht in gewalttätigen Computerspielen einen maßgeblichen Auslöser für steigende Gewaltbereitschaft und aggressives Verhalten in der Gesellschaft.

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Wolfgang Bosbach (CDU): "Computerspiele fördern Gewaltbereitschaft". Bild-Quelle: www.wobo.de
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Unions-Politiker Wolfgang Bosbach mahnte an, dass wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge Computerspiele das "Sinken von Hemmschwellen und die Bereitschaft, in der Realität Gewalt anzuwenden", begünstigten. (Zitate-Quelle: netzeitung.de)

Die Grünen fallen in den allgemeinen Tenor mit ein, sehen die Sachlage aber ein wenig differenzierter: Volker Beck, Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, forderte eine Debatte um die verstärkte Förderung der Medienkompetenz, sollte sich herausstellen, dass der Täter tatsächlich die meiste Zeit mit dem Spielen von Computerspielen verbracht habe. Ein pauschales Verbot von Killerspielen, wie es die Große Koalition vorsieht, halte er aber nicht für sinnvoll.

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, warnte gegenüber der "Bild"-Zeitung vor falschen Realitätsauffassungen, die durch den Konsum von Computerspielen erzeugt werden könnten: "Brutale Computerspiele und Videofilme gaukeln Jugendlichen den schnellen Sieg des Stärkeren vor. Auswege für den Verlierer bieten sie nicht." Ferner kritisierte er allgemein den Werteverfall in der Gesellschaft: "Drogen, Konsum, Spaß sind die einzigen Werte, die Pop- und TV-Stars noch vermitteln."

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Josef Kraus: "Medien vermitteln die falschen Werte." Bild-Quelle: www.lehrerverband.de
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Die Tragödie, die sich gestern in Emsdetten ereignet, ist zweifelsohne bedauerlich. Die gesamte gamona-Redaktion spricht den Angehörigen und Betroffenen ihre Anteilnahme aus. Dass im Leben des Sebastian B. einiges schief gelaufen ist und er das falsche Ventil gewählt hat, um seinem Ärger Luft zu machen, dürfte außer Frage stehen. Wir finden aber schade, dass ein solches Schicksal einmal mehr zum Anlass genommen wird, gesellschaftliche Missstände und politische Stimmungsmache auf dem Rücken zahlreicher friedliebender Computerspieler auszutragen.

Welche Konsequenzen aus der aktuellen Debatte letztendlich wirklich gezogen werden, wird sich im Lauf der nächsten Tage vermutlich deutlicher abzeichnen: Ob es zu einem generellen Verbot so genannter "Killerspiele" kommen wird, was darunter überhaupt zu verstehen ist und inwiefern die Verfahrensweisen von USK und BPjM geändert werden, sind Fragen, die dabei sicherlich eine Rolle spielen werden. Gamona hält euch weiter auf dem Laufenden.