Es scheint, als hätten die Gegner von Egoshootern zur Zeit ein Sommerloch. Nach Josef Wilfing fordert nun auch das AAW (Aktionsbündnis Amoklauf Winneden) das Verbot von Killerspielen.

Im Rahmen eines Appells an den Deutschen Bundestag, der heute übergeben wurde, fordert das AAW neben dem Verbot von großkalibrigen Waffen für Privatpersonen und Handfeuerwaffen in Privathaushalten auch noch mal ein Verbot von "Killerspielen". Allerdings kann dieser Appell nicht unkritisch betrachtet werden.

So heißt es in dem Appell: "Die Verfügbarkeit von Schusswaffen ist ein sehr hoher Risikofaktor." Und weiter: "[...] verfügen die Täter über enorme Treffsicherheit, was auf eine jahrelange Übung mit Schusswaffen und gewaltrelevanten Computerspielen zurückzuführen ist."

Es ist sicherlich richtig, dass das Üben mit Schusswaffen die Zielsicherheit erhöht. Allerdings ist es schwer (bis gar nicht) nachvollziehbar inwieweit sich der Umgang mit Schusswaffen am Computer üben lassen soll. Tatsächlich sprechen verschiedene Fakten dagegen: Sowohl die Position als auch die Haltung, die eine Schusswaffe auf einem Monitor einnimmt, sind für das effektive Zielen unbrauchbar. Tatsächlich ist die Stellung der Waffe auf dem Monitor äquivalent zum "Anlegen" einer realen Waffe - also genaues Zielen. Der Haken: Die simulierte Waffe ist meist weiter rechts auf dem Bildschirm, als es eine echte Waffe beim Zielen wäre. Der simulierte Abstand zwischen Waffe und Auge (Sichtperspektive des Spielers) ist also in Computerspielen grundsätzlich zu gering um tatsächlich damit "üben" zu können, wie man in der realen Welt auf reale Ziele schießt.
Weiterhin verfügen reale Waffen über einen Rückstoß, der am Computer nicht simulierbar ist. Bei unsachgemäßer Haltung kann es beim Abfeuern einer realen Waffe schnell dazu kommen, dass der Rückstoß dem Schützen Verletzungen zufügt, wenn z. B. der Gewehrkolben gegen das Schlüsselbein stößt oder eine Handfeuerwaffe verrissen wird.

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Da, laut AAW, sowohl Sportwaffen als auch "Waffen aus dem Polizei und Militärbereich" im Besitz von Privathaushalten wären, die nicht getrennt von der Munition aufbewahrt werden, wird für Privatleute ein Verbot von großkalibrigen Waffen und Faustfeuerwaffen allgemein gefordert. Hier muss man sich allerdings fragen, ob das Kriegswaffenkontrollgesetz nicht schon eine ausreichende Regelung für den Umgang mit "Waffen aus dem Militärbereich" darstellt.

Weiterhin kommt das Aktionsbündnis zu einer anderen Feststellung: "Die Relevanz gewaltverherrlichender Medien, insbesondere der ungehinderte Zugang zu gewaltrelevanten Computerspielen sind ein weiterer signifikanter Risikofaktor."

"Wir fordern ein generelles Verbot von Computerspielen, die die Identifikation mit dem Aggressor, die Belohnung aggressiver Handlungssequenzen wie das aktive Training bei Tötungssimulationen zum Inhalt haben."

Hierzu sei erwähnt, dass verschiedene Studien aus unterschiedlichen Ländern zwar belegen, dass der Konsum von Computerspielen mit Gewaltinhalten durchaus in der Lage ist, das Aggressionspotential zu erhöhen (allerdings nicht das Gewaltpotential), dass allerdings die psychologische Tötungshemmung gegenüber von Menschen mehr braucht, als nur ein Computerspiel, um überwunden zu werden.

Somit fordert das Aktionsbündnis ein "Verbot von Killerspielen, die dazu dienen, virtuell Menschen zu ermorden."

Nun, hier lässt sich entgegnen, dass ein solches Verbot nicht zwingend problematisch sein muss. Spiele wie Resistance: Fall Of Man fielen damit schließlich nicht unter die Forderung - und einen wirklich guten Egoshooter macht das Ambiente und die Storyline aus (wie z. B. F.E.A.R.), nicht die Art oder die Anzahl der zu besiegenden Gegner.

Außerdem steigt das AAW direkt in eine Grundrechtsdebatte ein, in dem es weiter in dem Appell schreibt: "Es gilt das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit aller Menschen dieses Landes gegen das Recht auf freie Ausübung einer Sportart einiger dieser Menschen abzuwägen."

Hier liegt ein argumentativer Fehler vor, der vielleicht beim ersten Lesen nicht unbedingt auffällt. Es soll das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit aller Menschen Deutschlands gegen das Recht auf die Ausübung einer Sportart einiger Menschen abgewogen werden. Nimmt man diese Formulierung ernst, so wäre jeder Sportschütze und jedes Mitglied eines Schützenvereins eine potentielle Bedrohung für das Leben und die körperliche Unversehrtheit aller Menschen Deutschlands. Wenn man einmal kurz darüber nachdenkt, wir schnell deutlich, dass dieser Schluss über das Bedrohungspotential von kleinen Menschengruppen für die gesamte in der Bundesrepublik lebende Bevölkerung unzulässig ist.

Wenn man nun aber in die Grundrechtsdebatte einsteigt, so lässt sich hier nur entgegnen, dass auch das Spielen von Computerspielen mit Gewaltinhalten ein Grundrecht darstellt - nämlich das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Ein Verbot solcher Spiele wäre damit im Zweifel sogar Verfassungswidrig.

Ganz am Anfang des Appells kommt das Aktionsbündnis Amoklauf Winneden jedoch zu einer vollkommen korrekten Feststellung:

"Es handelt sich letzten Endes um ein gesamtgesellschaftliches Problem, das eine gleichermaßen komplexe wie konzentrierte und konsequente Vorgehensweise erfordert."

Da alle Amokläufer in den letzten Jahren Opfer von langjährigem Mobbing und gesellschaftlichen Exklusionsvorgängen waren, die schlussendlich zu Depressionen und Gewaltverhalten führten, ist hier also nicht die Frage "sollten gewalthaltige Computerspiele verboten werden?" Vielmehr lautet die Frage "Wie gehen wir in Zukunft miteinander um, um solche Mobbingfälle und die damit verbundenen Folgen zu vermeiden?"

Eine Frage, über die nachgedacht werden sollte, bevor möglicherweise verfassungswidrige Gesetze erlassen werden.