Die anstehende Landtagswahl in Bayern bringt die Killerspiel-Debatte erneut zum rumoren. Während Politiker im Wahlkampf ihre Forderung nach Verboten bekräftigen, wehren sich genervte Spieler mit Unterschriftenaktionen und erbosten Briefen an die Politik - so wie unser Leser Klaus Gerstner, der seinem Unmut über die Diskussion in einem Schreiben an den bayrischen CSU-Fraktionsvorsitzenden Georg Schmid Luft gemacht hat. Die Antwort wurde uns freundlicherweise von ihm zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wollen wir sie euch nicht vorenthalten.

Zunächst erstaunte uns die Länge der Antwort-Mail von Herrn Schmid. Mit knapp 9.000 Zeichen ist sie überraschend ausführlich und befasst sich sehr differenziert mit der Thematik und ihren verschiedenen Gesichtspunkten. Statt blinden Aktionismus zu betreiben, hat man sich sichtlich mit der Sache beschäftigt.


Zunächst räumt der Fraktionsvorsitzende mit einem möglichen Missverständnis auf: "Es geht uns keinesfalls darum, alle PC-Spiele zu brandmarken, unser Vorstoß richtet sich noch nicht einmal gegen alle PC-Spiele, in denen virtuelle Waffen zum Einsatz kommen. Vielmehr möchten wir lediglich erreichen, dass die Herstellung und der Vertrieb von Spielprogrammen, in denen der Spieler unmenschliche, insbesondere grausame Gewalttätigkeit gegen Menschen verüben soll, unter Strafe gestellt [...] wird. "

Grund für die Verbotsforderung sei die steigende Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen, die man durch das "Killerspiel"-Verbot unterbinden möchte. Löblich ist die Einsicht, dass Computerspiele jedoch keineswegs alleine für diese Gewaltbereitschaft verantwortlich ist: "Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen ist nicht eindimensional auf das Spielen von Gewalt verherrlichenden und brutalen PC-Spielen zurückzuführen, sondern hat viele Ursachen. Das Verbot von Killerspielen ist daher auch nur ein - wenn auch wichtiger - Baustein eines umfassenden Maßnahmenpaketes zur Verhinderung und Bekämpfung der Jugendgewalt."

Unabdingbar sei es, "junge Menschen zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten zu erziehen." Daher wolle man vor allem in der Bildung und Erziehung fördern, dass Kinder und Jugendliche lernen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen, und die Medienkompetenz von Eltern und Kindern stärken. "Dazu gehört es insbesondere, Medieninhalte kritisch zu reflektieren und die virtuelle Welt von der realen zu unterscheiden. Auch eine erfolgreiche Schulbildung sowie die berufliche Integration wirken Gewaltausbrüchen entgegen."

Dennoch könne man nicht alle Verantwortung auf die Eltern abschieben - auch der Staat müsse seinen teil dazu beitragen, "Kinder und Jugendliche effektiv vor Medien zu schützen, die die Gefahr der Verrohung beinhalten. Dies betrifft im übrigen nicht nur PC-Spiele im Internet. Vielmehr haben wir uns genauso für ein Verbot realer Gewaltspiele (wie z. B. Gotcha) [...] eingesetzt." Auch die Indizierungskriterien für jugendgefährdende Filme wolle man in diesem Zusammenhang auf den Prüfstand stellen.

Bei der Frage nach dem Sinn eines Verbots, verweist Schmid auf wissenschaftliche Studien: "Mir ist bewusst, dass natürlich nicht jeder, der intensiv solche PC-Spiele spielt, selbst Gewalttaten verübt. Allerdings konnte ich mir im Landeskriminalamt einen Einblick darüber verschaffen, um welche Art von Spielen es sich handelt und wie viele Jugendliche, die mit Gewaltdelikten straffällig wurden, exzessive Spieler solcher PC-Spiele waren. Auch ist durch Befragungen der Potsdamer Psychologinnen Ingrid Müller und Barbara Krahé durchaus ein Zusammenhang zwischen Gewalt-Computerspielen und Aggression festgestellt: Je intensiver der Gewaltkonsum der Schüler durch Spiele ausfiel, desto eher sahen sie Aggression als normal und akzeptabel an. Auch ist durch die Medienwirkungsforschung von Herrn Professor H. Lukesch, Universität Regensburg, sowie die moderne Gehirnforschung von Herrn Professor M. Spitzer, Universitätsklinikum Ulm, wissenschaftlich belegt, dass Gewalt verherrlichende Darstellungen bei schon vorhandener Gewaltbereitschaft in die gleiche Richtung wirken und Gewalt auslösen können. Diese Erkenntnisse bestätigt auch das namhafte Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen unter seinem renommierten Leiter Professor Ch. Pfeiffer.

Bei manchen Jugendlichen wirkt der Konsum von Mediengewalt auch desensibilisierend und verrohend. Besonders gefährdet sind dabei junge Menschen, die selbst Gewalt erfahren haben oder in sozial oder familiär schwierigen Verhältnissen aufwachsen. Darüber hinaus sind Personen anfällig, die in die medialen Aktionswelten völlig eintauchen und sich im übrigen aus der realen Welt im Wesentlichen zurückziehen. Nach dem heutigen Forschungsstand bestehen insbesondere keine begründeten Zweifel daran, dass der Kontakt mit Killerspielen, die menschenverachtende Gewalttätigkeiten zum Gegenstand haben, die Gefahr einer Nachahmung und einer Abstumpfung in sich birgt."

Auch wenn man sich mit der Gewalt in anderen Medien, z.B. Filmen, ebenfalls beschäftigen müsse, so bestünde doch ein signifikanter Unterschied zu der Gewaltdarstellung in Spielen: "Der qualitative Unterschied besteht allerdings darin, dass bei diesen der Spieler als dominant Handelnder intensiver in das fiktive Geschehen einsteigt, als dies beim passiv beobachtenden Zuschauer oder Leser der Fall ist. Die aktive Übernahme der Rolle eines rücksichtslosen, brutalen Kämpfers fördert die Akzeptanz von Gewalt legitimierenden Verhaltensmustern."

Allen volljährigen Spielern, die sich durch das Verbot im Deckmantel des Jugendschutzes bevormundet sehen, antwortet Schmid "dass es aus meiner Sicht kein Recht auf solch brutale, Gewalt verherrlichende Spiele geben kann. Außerdem darf ich darauf hinweisen, dass unser primärer Schutzzweck, Kinder und Jugendliche vor solchen Spielen wirksam zu schützen, kaum zu erreichen ist, wenn die Abgabe solcher Computerspiele lediglich an Kinder und Jugendliche verboten wird. In der Praxis zeigt sich immer wieder, dass solche Einschränkungen der Verbreitungswege ohne erheblichen Aufwand leicht und schnell umgangen werden können."

Die bestehenden Gesetz seien hierzu nicht ausreichend. Er sei "daher davon überzeugt, dass unsere Forderung nach einem Verbot Gewalt verherrlichender Spiele zum Schutze unserer Kinder und Jugendlichen notwendig ist, zugleich aber auch so maßvoll, dass weder PC-Spieler in der Ausübung ihres Hobbys zu sehr eingeschränkt werden, noch die Spieleindustrie wirklich einen Schaden erleidet. [...] Ich möchte nicht Menschen in die Augen blicken müssen, deren Angehörige dadurch zu Schaden gekommen sind, dass ein Jugendlicher Handlungsstränge eines Computerspiels zum Vorbild genommen hat, um seiner Umgebung seine Allmacht zu demonstrieren."

Soweit die Mail von Herrn Schmid. Hervorzuheben ist in jedem Fall, dass man sich in Bayern offenbar nicht nur oberflächlich mit dem Thema beschäftigt hat und durchaus auf die Kritikpunkte der Spieler eingeht. Gerade aber der Bezug auf wissenschaftliche Studien zeigt einmal mehr die Scheuklappen, mit denen die Politik sich durch die Debatte bewegt, ist doch Vieles, was hier als Tatsache oder wissenschaftlich belegt hingestellt wird, bestenfalls umstritten. Was meint ihr?