Killer Instinct ist ein heißes Prügelspieleisen unter Retrogamern. Ein Name, der für ein gewisses Design spricht. Double Helix Games tritt somit ein schweres Erbe an. Der neuinterpretierte Prügler für Xbox One kann durchaus ein gutes Arcade-Spiel werden, aber der Kultfaktor des Originals scheint angesichts der zurückhaltenden Präsentation außer Reichweite.

Die Programmierer von Rare (beziehungsweise Rareware) waren mal ein ziemlich abgedrehter Haufen. Wer sich in Making-of-Videos zu N64-Klassikern als „Totally Immature Developer“ vorstellt, kennt keine Scham. Diese kindlich-unverfrorene Respektlosigkeit konnte man einst in allen ihren Spielen wahrnehmen. Mal stärker (Conker's Bad Fur Day), mal schwächer (Banjo Kazooie), aber immer spürbar, weil Witz und jugendlicher Charme aus allen Ecken sprühten.

Obwohl oft als Mortal-Kombat-Abklatsch verkannt, war Killer Instinct ein weiteres extremes Beispiel für Rares anarchischen Teenager-Humor. Nach dem Motto „Je epischer, desto besser“ suchten sie alle erdenklichen Bad-Ass-Klischees zusammen und vereinten sie in einem gigantischen, höchst sinnlosen, überaus brutalen, aber geradezu köstlich übertriebenen Schauspiel.

Es geht um eine Art von Humor, die nicht jedem zugänglich ist, aber wenn ein Harryhausen-Skelettkrieger einem muskelbepackten Werwolf im Schatten gruseliger Schlossgemäuer die Klaviertasten aus dem Kiefer donnert, während Jahreskonserven einer Blutbank umherspritzen und finstere Orgelfugen zur Dramatik aufrufen, ist die Grenze zur Geschmacklosigkeit längst überschritten.

Wie wäre es mit dem Duell Eis-Alien gegen Katzenlady? Conan-Verschnitt gegen Laseraugen-Terminator? Das ganze Konzept hat etwas von einem B-Movie. Klischee, Kitsch, epische Übertreibung – alles Absicht, weil Nintendo im Schatten der Konkurrenz ein wenig von seinem Niedlich-Image loswerden wollte.

Ein weiteres Video

Falls ihr euch unter dieser Beschreibung nichts vorstellen könnt, genügt ein Blick auf das obere Video – es fasst alles in wenigen Sekunden zusammen:

Mir ist die neue Darstellung noch viel zu brav.Ausblick lesen

Rare garnierte das „Kunstwerk“ durch eines der intelligentesten je erdachten Kombo-Systeme. Quasi ein Baukasten mit austauschbaren Grundelementen zum Einleiten, Weiterführen und Beenden einer Schlagfolge. Sechziger-Kombos waren bei entsprechender Übung kein Problem, sofern der Gegner nicht reagierte und passgenau einen „Combo Breaker“ zwischen die verlinkten Moves setzte.

Was Double Helix im Rahmen der diesjährigen E3 zeigte, erinnert spielerisch stark an die Vorlage aus den Neunzigern und dürfte abseits der Zugeständnisse an Microsofts Joypad zufriedenstellen. Gemeint ist das Button-Layout, das wie bei vielen anderen Prüglern keinen optimalen Zugriff auf alle Schlagvarianten zulässt. Die Art einer Kombokette wird unter anderem durch die gewählte Angriffsstärke bestimmt und verlangt angesichts der hohen Spielgeschwindigkeit punktgenaues Timing – siehe Combo Breaker. Trotz des verbesserten D-Pads scheint der Xbox-One-Controller suboptimal. Fighting-Sticks dürften erhebliche Vorteile mitbringen.

Killer Instinct - Combo Breaker für Familienväter

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Immer noch schnell und eindrucksstark, aber weniger frech und kindisch übertrieben. Killer Instinct für Xbox One schlägt seltsame Designpfade ein.
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Bislang wurden lediglich die klassischen Kämpfer Jago (eine Mischung aus Ryu und Liu Kang) und Sabrewolf vorgestellt. Beide zeigten dieselben leicht steifen Animationsphasen wie anno dazumal, mit dem Unterschied, dass es damals um vorgerenderte 2-D-Figuren ging. Mit dem Sprung zum comichaften Street-Fighter-4-Stil mit ausmodellierten Formen gewinnen sie an optischer Masse, verlieren aber einiges von ihrer imposanten Präsenz.

Packshot zu Killer InstinctKiller InstinctErschienen für Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Free-to-Play – Fluch oder Segen?

Tatsächlich versuchen es die Entwickler bisher nicht einmal, einen ähnlichen Stil zu treffen. Sie stellen die alten Bewegungen nach, ohne sie für die neue Darstellungen entsprechend zu choreographieren. Stattdessen sollen erhöhte Spielgeschwindigkeit und Druckwellenverzerrungen bei harten Treffern die Intensität erhöhen. Diese Maßnahmen überladen den Bildschirm und lassen den Kontrast zwischen den Kontrahenten verschwimmen.

Liegt in meinen Augen auch an der pastelligen Farbwahl, die trotz schicker Licht- und kleiner Pyro-Effekte nicht im Geringsten den finsteren übertriebenen Stil der Originals vermittelt. Eine völlig unverständliche Designentscheidung. Jetzt mal im Ernst: ein Spiel, das im Titel das Wort Killer an erster Stelle trägt, herabgemildert zu einer Comicversion für besorgte Familienväter?

Und ich spreche nicht einmal vom gestrichenen Fontänenblut, das Double Helix in technisch schicke, aber gestalterisch öde Leuchtpartikel verwandelt. Nicht falsch verstehen: Blut wird dargestellt, aber sehr körpernah und transparent, wodurch es im Effektgewitter untergeht. In der jetzigen Form könnte man es auch ganz streichen.

Bleibt die Frage: Haben die Entwickler nicht den Arsch in der Hose, Rares unverfroren geschmackloses und zugleich absurd episches Gemetzel mit der gleichen Sorglosigkeit in die aktuelle Generation zu hieven? Geht es hier nicht um Gore-... äh... um Core-Gamer?

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Der Prügler kommt als Free-to-Play-Spiel mit einem freien Kämpfer. Den Rest des Kaders kauft man bei Bedarf dazu.
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Schwere Frage. Der Name zielt auf ein Retro-Publikum ab, das mit der 19 Jahre alten Marke noch etwas anfangen kann. Die sollte eigentlich alt genug für ein stilistisch makaberes Gemetzel sein, immerhin gehören erheblich authentischere Gewaltszenarien der Marke Call of Duty und Battlefield zu den Topsellern.

Wahrscheinlich gehen diese ungünstigen Designentscheidungen zulasten des Free-to-Play-Modells. Killer Instinct wird nämlich als kostenloses Download-Spiel veröffentlicht. Dem Basisprogramm liegt ein einsamer spielbarer Charakter bei: Jago. Alle anderen können bei Bedarf nachträglich erworben werden, sofern man nicht gleich zum Bundle mit allen Kämpfern greift.

Free to Play heißt aber auch: Frei zu bewerben. Man muss es möglichst vielen Spielern als Vorteil unter die Nase reiben können. Eine Alterseinstufung für Volljährige wegen „schlechten Geschmacks“ käme da sehr ungelegen. Umso fragwürdiger scheint die Wahl eines derart kultbehafteten Spiels. Die Gefahr liegt nicht in der Neugestaltung, sondern in der Fehlinterpretation des Stoffes.

Wie brutal ein Spiel sein darf – das gilt auch für die allgemeine Gestaltung – und ob Blut überhaupt für den Spaß am virtuellen Prügeln nötig ist, wird immer ein strittiges Thema sein. Bei Killer Instinct auf Xbox One fehlt die Brutalität leider unverkennbar. Der ganze Schmackes hinter dem Kampfsystem verpufft einfach, weil selbst eine Zweiunddreißiger-Schlagfolge nicht zu viel vom Energiebalken abzapfen darf.

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Mit jedem Treffer wird der Schaden geringer, damit die Prügelei eine Weile anhält. Früher sorgte die völlig übertriebene Darstellung für überbrückenden Unterhaltungswert, heute nicht mehr. Lichtblitze und Feuerfunken bekommt man in jedem dahergelaufenen Mittagspausenprügler zu sehen.

Was dem Design fehlt, ist Rares „Leckt-uns-doch“-Einstellung. Obwohl der Boxer T.J. Combo auf der E3 noch nicht zu sehen war, fällt es jetzt schon schwer, ihm als Comicfigur dieselbe abgewichste Ghetto-Mentalität einzugestehen wie 1997. Egal, wie böse er dreingucken wird, gegen sein vorgerendertes Millionen-Farben-Alter-Ego mit glänzenden „Muskeln auf den Muskeln“ kann er nur lächerlich wirken.

Wird Spinal in Pastellfarben noch aussehen wie ein Harryhausen-Skelett? Und was ist mit den Finishern? Schaffen die es überhaupt in eine „Ab-16“-Klopperei? Werden Köpfe abgetrennt, Knochen zerbröselt und Fleischreste frittiert? Fragen über Fragen.