Bud Spencer und Terrence Hill, Mel Gibson und Danny Glover („Lethal Weapon“), Will Smith und Martin Lawrence („Bad Boys“), Batman und Robin, Clever und Smart, Fix und Foxi – die Liste knallharter Actionhelden ist lang. Umso skandalöser, dass deren Auftritte auf Kinofilme und Comics beschränkt sind. Zumindest bis jetzt. Denn mit „Kane & Lynch“ erobert das erste Actionpärchen der PC-Geschichte den heimischen Bildschirm.

Und es wird noch besser. Statt Strahlemann-Image und „Gute Laune“-Sprüchen bekommt ihr es nämlich mit zwei unsympathischen, egozentrischen Bad Boys zu tun. Wir sind mit den Beiden auf Gangster-Tour gegangen und verraten euch, ob sich das virtuelle Action-Drama lohnt oder ob ihr doch weiter Fix und Foxi auf ihren Abenteuern begleiten solltet…

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Zwei wie Feuer und Wasser

Man muss sie nicht mögen. Eigentlich sollte man sie auch gar nicht mögen. Beide haben sie mehr Dreck am Stecken als ein ganzer Gefängnisblock. Der eine, Kane, ein Berufskiller, verlässt nach dem selbst verschuldeten Tod seines Sohnes die eigene Familie und schließt sich einer Söldnertruppe an. Der andere, Lynch, ein Psychopath, wird verdächtigt, seine eigene Frau im Wahn ermordet zu haben. Beide lernen sich kennen im Gefangenentransport, der sie zu ihrer verurteilten Exekution bringen soll. Kein Traumpaar also, mit dem wir es hier zu tun bekommen…

Kane & Lynch: Dead Men - Frauen lieben böse Jungs. Zocker ebenfalls. Zumindest, wenn die Bad Boys dermaßen cool sind.

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Ein Gangster kennt keine Angst: Kane gegen Helikopeter – 1:0 für Kane!
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Nun wäre „Kane & Lynch“ kein sonderlich spannendes Spiel, wenn der Bus pflichtgemäß an seinen Bestimmungsort gelangen und die beiden hingerichtet würden. Also passiert, was passieren muss: Der Transporter wird angegriffen, Kane und Lynch fliehen, das Abenteuer beginnt. Verantwortlich für den Überfall sind Kanes Söldnerkollegen, die noch ein Hühnchen mit ihrem alten Kompagnon zu rupfen haben. Dessen letzter Einsatz ging nämlich ordentlich in die Hose. Erbeutete Diamanten im Wert von mehreren Millionen Dollar sind seither wie vom Erdboden verschwunden.

Um Kane zu motivieren, die Klunker wieder zu beschaffen, hat die Söldnerbande seine Familie entführt und droht, diese zu ermorden. Lynchs Rolle in dem Geflecht aus Intrigen, Verrat und Gier ist ganz einfach: Er markiert den Aufpasser von Kane und soll dessen Weg zu den Juwelen regelmäßig an die Söldnerbande berichten. Dass die beiden keine Blutsbrüder sind und werden, dürfte also klar sein. Zweckbeziehung trifft ihre Verbindung wohl am besten. Ihr selbst steuert übrigens nur Kane. Lynch wird vom Computer übernommen.

Packshot zu Kane & Lynch: Dead MenKane & Lynch: Dead MenErschienen für PC, PS3 und Xbox 360 kaufen: Jetzt kaufen:

Atmosphäre zum Schneiden

“Kane & Lynch“ lebt von seiner fesselnden Story und der dichten Atmosphäre, die sie vermittelt. Die erzwungene Kooperation der zwei Protagonisten und deren Charakterentwicklung ragen aus dem Gros des aktuellen Spiele-Portfolios heraus. Am laufenden Band liefern sich unsere zwei Antihelden Wortduelle, die aus Hollywood-Blockbustern stammen könnten. Beleidigungen, Schuldzuweisungen – Freunde sind Kane und Lynch nicht. Das vermittelt das Spiel gekonnt und völlig unverblümt. „Halt einfach dein Maul, Arschloch!“ oder Ähnliches gehört zu Lynchs Lieblingssätzen und seinem Grundvokabular.

Kane & Lynch: Dead Men - Frauen lieben böse Jungs. Zocker ebenfalls. Zumindest, wenn die Bad Boys dermaßen cool sind.

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Echte Freunde sollt ihr sein. Die beiden werden das sicher nie! Oder doch?
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Im Gegenzug muss Kane seinen psychopathischen Freund immer wieder zur Raison bringen. Etwa, wenn dieser aufgrund des auf ihm lastenden Drucks Geiseln erschießt oder Absprachen missachtet. Wirklich wohl fühlen wir uns neben diesem Gesellen nie. Die Angst, dass er austickt und die Einsätze in Gefahr bringt, ist stets präsent. Wir fühlen und bangen mit den Charakteren, ärgern uns über sie und sind teilweise angewidert von ihrer Kaltblütigkeit. Die emotionale Bindung des Spielers mit den Charakteren gelingt „Kane & Lynch“ vorzüglich. Selten haben wir mit Polygonfiguren so sehr mitgefiebert wie hier.

Charaktertiefe trifft Schießbude

Gekonnt inszenierte Geschichte und Charaktere mit Profil sind die absolute Ausnahme. Ist der Titel also ein Meilenstein der Spielegeschichte? Ein Gesamtkunstwerk, das die Genrekonkurrenz verblassen lässt? Leider nein. So herausragend die Inszenierung ist, so gewöhnlich mutet die Spielmechanik an. Im Grunde ist „Kane & Lynch“ ein gewöhnlicher Third-Person-Action-Shooter mit mittelmäßiger künstlicher Intelligenz und kleineren Bedienungsdefiziten. Ja, das klingt nach all der Lobhudelei sicher hart. Wir haben uns ebenfalls über die Schlampereien geärgert. Da erschafft ein Entwickler endlich einmal ein Spiel mit Seele und patzt dann beim Gameplay.

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Der vielleicht coolste Level: Inmitten einer Disco macht ihr Jagd auf deren Geschäftsführerin.
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Der „Kane & Lynch“-Alltag sieht so aus, dass ihr – mal geduckt, mal rennend – durch hübsch abwechslungsreiche Levels stolziert und dabei geschätzte 5.000 Menschen über den Haufen ballert. Lynch trottelt euch, also Kane, immer brav hinterher und agiert im Kampf selbständig. Befehle wie „Position verteidigen“ oder „Bereich säubern“ dürft ihr ihm und den temporär anwesenden zusätzlichen Teammitgliedern ebenfalls geben.

Trotz spielerischer Schwächen ein atmosphärisches Großkaliber der Action-Unterhaltung!Fazit lesen

Notwendig ist das jedoch so gut wie nie. Wird einer der Jungs über den Haufen geschossen, päppelt ihr ihn mit einer Adrenalinspritze wieder auf. Wandert ihr selbst über den Jordan, wecken eure Mitstreiter euch per Infusion auf. Beißt ihr allerdings zu oft oder in zu kurzen Abständen ins Gras, hilft auch die Spritze nicht mehr. Todesursache: Überdosis!

Schwierige Steuererklärung

Uns ist beim Spielen immer wieder das Wort „Schießbude“ in den Sinn gekommen. Genau daran erinnert das Spiel phasenweise. Die Gegner – größtenteils übrigens Polizisten, also per se gute Jungs – hat IO Interactive mit dem Intelligenzquotienten von Affen ausgestattet. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Burschen oft gar nicht oder erst viel zu spät auf Beschuss reagieren. Flankenmanöver und sonstige Taktiken sind ihnen fremd, stures Nach-Vorne-Preschen ihre einzige Vorgehensweise. Auf Dauer ermüdet das fürchterlich.

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Gangsterparade: Würdet ihr diesen Männern euer Kind anvertrauen?
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Zum problematischen Dauergeballer und der für heutige Verhältnisse enttäuschenden KI kommen kleinere Steuerungsschwächen hinzu. In Deckung zu gehen ist bei „Kane & Lynch“ von elementarer Bedeutung. Und just die Umsetzung dieser Möglichkeit bleibt hinter den Erwartungen zurück. Sobald ihr auf Objekte wie Säulen oder Wände zulauft, nehmt ihr automatisch dahinter Deckung. Und zwar, ohne eine weitere Taste zu drücken.

Die Programmierer wollten so den Komfort erhöhen. Praktisch ist es ihm eher abkömmlich. Man bleibt regelmäßig hängen und muss sich umständlich per Extraklick wieder lösen. Im Eifer des Gefechts kann das schon mal zum frühzeitigen Tod des Bildschirm-Helden führen.

Wenn Freunde zu Feinden werden

Lange geheim gehalten präsentiert sich der Mehrspieler-Part in sehr guter Verfassung. Der „Fragile Alliance“ genannte Modus inszeniert einen Bankraub mit allem, was dazu gehört. Vom Einbruch (Wachleute ausschalten) über die Sicherstellung der Beute (Geld sammeln bis nichts mehr da ist) bis hin zur Flucht spult der Titel das volle Programm ab.

Was „Fragile Alliance“ besonders spannend macht, ist die Zweckgemeinschaft der bis zu acht Bankräuber. Nach dem Diebstahl trennen sich die kooperativen Wege der Bande nämlich auf Wunsch. Getreu dem Motto „Jeder ist sich selbst der Nächste“ dürft ihr eure eigenen Mitstreiter liquidieren, um auch deren Anteil einzusacken.

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Moralisch mehr als fragwürdig: Kane und Lynch töten auch Polizisten, hier etwa Wärter eines Gefängnisses.
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Natürlich bleibt nichts ungesühnt. Die Jungs erleben nach ihrem Tod ein Revival als Polizisten. Im Sinn haben sie nur Eines: Rache! Warum es sich lohnt, die eigenen Kumpanen nieder zu schießen? Derjenige, der das meiste Geld einsackt, geht am Ende als Gewinner hervor. In Ermangelung ausreichend vieler Mitspieler zum Testzeitpunkt konnten wir „Fragile Alliance“ online noch nicht hinreichend testen. Zum Thema Verbindungsgeschwindigkeit und Balance lassen sich dementsprechend keine finalen Aussagen treffen.

Schon jetzt kritisieren können wir dafür die zwingende Mitgliedschaft im Xbox Live-Netzwerk. Wer keinen (kostenlosen) Account hat, schaut in die Röhre. Alternativ dürft ihr die komplette Story von „Kane & Lynch“ übrigens auch kooperativ zu zweit an einem PC zocken. Hierfür benötigt ihr allerdings einen angeschlossenen Xbox-360-Controller. Unverständlich und nervend!

Kane & Lynch: Dead Men - Frauen lieben böse Jungs. Zocker ebenfalls. Zumindest, wenn die Bad Boys dermaßen cool sind.

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Keiner hat sie lieb: Von der Polizei gejagt, ballern Kane und Lynch aus dem Fluchtfahrzeug auf ihre Verfolger.
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Zum Abschluss noch ein paar Worte zur Grafik. Die sehr linearen Levels hat IO Interactive mit viel Liebe zum Detail gebaut. Ihr tourt durch große Teile der Welt. Unter anderem verschlägt es euch in ein amerikanisches Gefängnis, einen Tokioter Nachtclub, den kolumbianischen Dschungel und eine Bank. Partiell lassen sich die Szenarien sogar zerlegen. Von Säulen etwa bröckelt bei Beschuss erst der Putz, dann der Beton.

In der Nahansicht wirken die Charaktere äußerst detailliert. Selbst Bartstoppeln und Falten sind zu erkennen. Leider verpixeln die Figuren bereits nach einigen Metern; der Detailreichtum weicht einem erschreckend polygonarmen und verwaschenen Bild. Auch die Effekte, allen voran die Explosionen, sind nicht wirklich zeitgemäß. Erste Bilder haben optisch deutlich mehr versprochen als das finale Spiel halten kann.