Ja, ja, es ist nicht der feinfühligste Einstieg. Aber irgendwann muss es ohnehin raus. Warum also nicht gleich hier? Kane und Lynch haben massiv verloren: an Glanz, an Ausstrahlung, an verschlagener Coolness. Sieben über den Daumen gepeilte Stunden lang klebte ich an ihren Fersen. Bangend, zitternd, hoffend. Geholfen hat's kaum: Die beiden waren schon mal besser.

Kane & Lynch 2: Dog Days - DLC Trailer11 weitere Videos

So friedlich alles. Die Qualen des Vorgängers sind nur noch böse Geister der Vergangenheit, die Erde dreht sich weiter, der Himmel ist blau, das Wasser ist nass. Gut, in den Slums von Shanghai vielleicht ein bisschen dreckig, doch Lynch schert das weniger. Der haarschopfbelückte und sonnenbebrillte Psycho ist seinem von Gewalt durchtränkten Leben entrückt. Auf den ersten Blick zumindest, der ihn in Harmonie mit seiner Freundin Xiu zeigt. In einer kleinen Wohnung, ohne viel Luxus, mitten im Mief Shanghais, ständig das Surren der Polizeisirenen im Ohr. Aber glücklich. Oder?

Kane & Lynch 2: Dog Days - Dreamteam auf Abwegen: Was ist nur aus euch beiden geworden?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 67/741/74
Dreckig, verkommen, ungemütlich: Willkommen in Shanghai.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Nun wäre „Lynch 2: Glory Days“ kein besonders cooler Titel, außerdem fehlt da noch jemand: sein alter Kumpel Kane. Die beiden können weder mit- noch ohneeinander. Schon gar keine großen Dinger durchziehen. Also jettet Kane rüber in den stinkenden Moloch und freut sich wie ein Schneekönig, dass er mit diesem „letzten Deal“ endlich einen Schlussstrich unter seine dunkle Vergangenheit ziehen kann. Das erste Aufeinandertreffen nach Jahren zeigt zwei gestresste Nervenbündel, die auf Smalltalk scheißen. Und erst recht auf einen festen Händedruck.

„Wie geht's deiner Tochter?“, fragt Lynch höflich und um Worte ringend. „Es geht ihr gut, okay!?“, die niederschmetternde Antwort. Jawoll, IO Interactive, das sind wirklich die beiden speckigen Halunken, die ich vor drei Jahren verabschiedet habe. Zwei brüske Mistkerle, denen man die Strapazen körperlich ansieht und seelisch abnimmt. Kurzum: Ich freue mich, sie wiederzusehen. Aber die Freude währt nicht lang, denn alles Erdenkliche läuft schief, Deals und Träume platzen wie Seifenblasen. Klar.

Kane & Lynch 2: Dog Days - Dreamteam auf Abwegen: Was ist nur aus euch beiden geworden?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden7 Bilder
Das erste Wiedersehen nach Jahren. Viel Zeit für Smalltalk bleibt nicht.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Bis zum Ende des zweiten Abschnitts hatte ich durchaus noch Hoffnung, dass ihr Vorhaben Stunde um Stunde herkuleskere Züge annimmt, wie sie es im ersten Teil erleben mussten. In einem zehrenden Strudel aus Rück- und Schicksalsschlägen – nichts anderes erwartet man. Lynch kann den Finger nicht stillhalten und schickt die falsche Person mit einer Kugel im Kopf zu Boden - die Jäger werden zu Gejagten. Und überrannt von Gegnermassen, die jederzeit, allerorten im Weg stehen. Daneben hat es IO Interactive glatt versäumt, das Duo charakterlich, erzählerisch und spielerisch weiterzuentwickeln.

Sicher, sie sind immer noch zwei harte Hunde mit mehr Narben als Schuldgefühlen. Klar, die deutschen Sprecher motzen großartig, dreckig, mitgenommen – genau so, wie man sie in Erinnerung hatte. Es gibt kaum jemanden, der so krude und aus vollem Herzen flucht, das klingt einfach super. Doch je länger ich in der Rolle von Lynch in Richtung Finale renne, desto stärker vermisse ich seine Ausraster und Kapriolen, die ihn im ersten Teil so herrlich unberechenbar machten. Die beiden stehen körperlich wieder eine Menge durch, ohne Zweifel, aber was die charakterlichen Veränderungen angeht, bleiben sie auf der Stelle stehen.

Kane & Lynch 2: Dog Days - Dreamteam auf Abwegen: Was ist nur aus euch beiden geworden?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 67/741/74
Das Deckungssystem funktioniert prima. Hervorpreschen und abdrücken - sehr eingängig.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Vielleicht ja deswegen, weil die Handlung dieselben Anker, namentlich Rettung und Rache, auswirft. Das war's. Weder wird die angeknackste Beziehung von Kane zu seiner Tochter vertieft (sondern am Ende nur kurz angerissen), noch bekommt Lynch die erzählerische Aufmerksamkeit, die er verdient hätte. Wenn man nach einem sieben Stunden entfernten, lieblos dahingeschluderten Finale zurückblickt, ist es erschreckend, wie wenig in der Zeit eigentlich passiert ist: Schießereien en masse, ein paar herzhafte Flüche, ein, zwei Momente der Gänsehaut, viel Krach. Das Finale wirkt fast so, als hätte die komplette IO-Belegschaft die Arbeit ähnlich ruckartig niedergeschmissen, wie die Kamera zu Boden fällt.

Wie jetzt? Kamera?

Was ist denn nun das Große, das Tolle an „Kane & Lynch 2: Dog Days“? Kaum mehr als das Entwicklerbestreben, das Geschehen mit einer Handkamera zu dokumentieren. Verwackelt, voller Bildartefakte, hässlicher Spiegelungen und Beleuchtungsfehler – genauso heruntergekommen wie die Gassen, Baustellen und Fabrikhallen der Stadt. Gehen wir davon aus, dass sämtliche Szenen im Sinne der Erzählung nachbearbeitet wurden und den Eindruck eines billigen Internet-Videoplayers erwecken sollen (der runde Youtube-Ladebalken passt super dazu), dann ergeben sogar die Verpixelungen zu Matsch geschossener Köpfe Sinn.

Kane & Lynch 2: Dog Days - Dreamteam auf Abwegen: Was ist nur aus euch beiden geworden?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden7 Bilder
Bis auf eine Passage im Helikopter erwarten euch kaum spielerische Überraschungen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wenn nicht, dann ist es eine genauso klaffende „Hääääh!?“-Lücke wie die Tatsache, dass der Kameramann nicht enthüllt, ja, nicht mal erwähnt wird. Ich hätte ehrlich gesagt eine Erklärung erwartet, zumal man sich ständig fragt, wer sich diese Tortur freiwillig antun würde. Die Frage nach den großen „W“s, namentlich Wer und Warum, wird zu den kleinen „m“s: „mir egal“ und „määäh, alles nur Mittel zum Zweck“. Wenigstens wird Letzterer erreicht: die schonungslose, wunderbar rohe Dokumentation des Geschehens. Wenn die Kamera im Neongewitter der Shanghaier Slums zittert, sieht das schlichtweg klasse aus – genauso nervös und gestresst wie die Protagonisten.

Siebenstündiger Ritt durch die Unterwelt Shanghais, der erzählerisch und spielerisch so viel besser sein könnte.Fazit lesen

Der nächste Bruch lässt allerdings nicht lange auf sich warten: Während die Figuren in den reinen Zwischensequenzen passable Gesichtsanimationen zum Besten geben, zeigen sie innerhalb eines spielbaren Abschnitts, quasi zwischen Tür und Angel, nun ja... gar nichts. Mir ist schon klar, dass derlei Gespräche zum beiläufigen Aufschnappen gedacht sind, während man den Level durchquert und feuert. Aber meine Güte, fünf Typen, die im Kreis stehen, wie die Bierkutscher fluchen und nicht mal die Zähne auseinanderbekommen, das ist einfach übel! Keinen Bock mehr gehabt? Keine Zeit, keine Kohle? Wie kann so was durch die Qualitätskontrolle flutschen?

Kane & Lynch 2: Dog Days - Dreamteam auf Abwegen: Was ist nur aus euch beiden geworden?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 67/741/74
Geht ein Spieler zu Boden, genügt ein Tastendruck, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber Vorsicht: Zu oft dürft ihr euch nicht wegfetzen lassen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Ist wenigstens die Action gut gemacht? Aber ja. Meine geliebte Shotgun klingt zwar, als werfe jemand schwungvoll eine Tür zu, und generell fühlt sich das Waffenfeedback eine Spur zu dünn an – besonders im Vergleich mit „Army of Two“ oder dem letzten „Lost Planet“. Doch das furchtbar umständliche Herumzippeln an Deckungen wurde auf einen Tastendruck reduziert, das kurze Hervorlugen klappt prima, das schrecklich trantütig schleichende Fadenkreuz von früher bewegt sich endlich präzise.

Und es kracht: Regale stürzen bei Beschuss effektvoll ineinander, der Putz an Säulen bröckelt, gläserne Vitrinen klirren und rauben den dahinter kauernden Gangstern die Deckung. Keine maßlos übertriebene Ich-bin-Stranglehold-und-stolz-drauf-Attitüde, aber wenigstens etwas. Darüber hinaus bleibt die Action bodenständig. Erstens: Sie funktioniert. Zweitens: Sie macht irgendwie Spaß. Drittens: Das Figurenverhalten zeigt Aussetzer der üblen Sorte.

Ich höre nichts. Lalalalala!

Ich könnte über die phlegmatisch hinter einem Auto lümmelnden Gegner hinwegsehen. Sogar dann, wenn ich mich unbehelligt in ihren Rücken schummeln kann. Ich verzeihe auch die wie Lämmer in mein Feuer torkelnden Dämlacks, sofern sie im nächsten Moment nicht wieder stur geradeaus poltern – alles kein Problem. Doch der Spaß leidet spätestens bei Feinden, die verzerrt in der Luft hängend stecken bleiben. Oder bei solchen, die sich, ohne mit der Wimper zu zucken, niedermachen lassen. Immer wieder. Immer öfter.

Die Zivilisten in den Straßen sehen dem Radau offenbar gelassen entgegen, mühen sich kein Stück, die Beine in die Hand zu nehmen. Ein Flughafenarbeiter etwa läuft selbst dann entspannt auf mich zu, wenn ich zehn Zentimeter neben ihm eine Handvoll Kugeln versenke. Es sind so viele ärgerliche Kleinigkeiten...

Kane & Lynch 2: Dog Days - Dreamteam auf Abwegen: Was ist nur aus euch beiden geworden?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden7 Bilder
Spielt ihr alleine, zeigt Kanes KI eine ordentliche Leistung. Er rennt nur selten in die Schusslinie, sterben kann er ebenfalls nicht.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Cool ist die Möglichkeit, Benzinkanister und Gasflaschen zu werfen und im Flug detonieren zu lassen. Ein wunderbar zum ruppigen Geschehen passender Ersatz für Granaten – die es übrigens nicht mehr gibt. Und gleichzeitig die einzige Art, überhaupt etwas explodieren zu lassen. Wieso man sich auf einer überfüllten Autobahn einen Wolf schießen kann, und zwar auf den Tank, aber keine Karre in die Luft geht, das verstehe ich nicht – ging doch schon im ersten Teil.

Dass Männer hinterm Steuer eines zersiebten Fahrzeugs sitzen bleiben und sich keinen Meter bewegen, ist genauso rätselhaft. Meine Güte, IO, an sämtlichen Ecken und Enden fühlt sich diese Fortsetzung wie eine schnelle Entwicklung aus der Hüfte heraus an. Besonders Spiele wie „Army of Two“ und Co., die das Koop-Feuer lichterloh brennen lassen, sind mittlerweile deutlich weiter. Es gibt keine markanten Team-Aktionen, kein richtiges Miteinander. Selbst wenn einer der Spieler zu Boden geht, genügt ein Tastendruck zum selbstständigen Wiederaufstehen – wo ist die kooperative Dramatik, wo das Zittern?

Kane & Lynch 2: Dog Days - Dreamteam auf Abwegen: Was ist nur aus euch beiden geworden?

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/8Bild 67/741/74
John Maclane wäre neidisch gewesen: Lynch posiert im Feinripp.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Wer nicht gerade am Splitscreen oder über die Internetleitung mit einem Freund zockt, verlässt sich auf die Kane-KI, die ihre Sache gut macht. Das halbgare Befehlssystem des Vorgängers siecht auf einer Design-Müllkippe vor sich hin, der CPU-Begleiter agiert komplett eigenständig. Und das sogar gut: Er geht sinnvoll in Deckung, feuert blind über Hindernisse hinweg und steht nur selten in der Schusslinie. Nützlich ist obendrein die Möglichkeit, die Position herumliegender Waffen per Tastendruck einzublenden. Eine enorme und zeitsparende Hilfe, wenn mal wieder beide mitführbaren Wummen leergeschossen sind.