Zeit für ein längst überfälliges Geständnis: Ich habe Journey nie gespielt (Half-Life 2 auch nicht, wenn wir schon dabei sind) und dummerweise den Zeitpunkt verpasst, das zuzugeben. Es gibt so etwas wie eine Pile-of-Shame-Gnadenfrist, ein schmales Zeitfenster vor dem „Was, du hast DAS nicht gespielt?!“-Gewitter und all den Lobhudeleien, die ein unvoreingenommenes Nachholen enorm erschweren, im Fall von Journey sogar quasi unmöglich machen. GOTY-Auszeichnungen und Höchstwertungen im Überfluss, außerdem jede Menge „Muss man gespielt haben!“ – wie soll ein Spiel diesem Hype überhaupt noch gerecht werden?

Journey - PlayStation 4 - Trailer

Ich würde euch gern einen kontroverseren Aufhänger anbieten. Vielleicht nicht gerade eine „X Gründe, warum Journey überbewertet ist – Punkt 6 wird euer Leben verändern!“-Topliste, aber zumindest einen konkreten Ansatz. Einen validen Kritikpunkt zum Aushebeln der 10/10-Goldawards, die vor drei Jahren so großzügig verteilt wurden; etwas, das andere vor mir möglicherweise übersehen haben. Nur: Da ist nichts.

Journey ist ein Meisterwerk.

Keines, dessen Brillanz euch unmittelbar ins Gesicht springt. Ihr müsst schon eine Kleinigkeit dafür tun und thatgamecompany auf halber Strecke entgegenkommen, wenn sie einen der wertvollsten Beiträge zur „Sind Videospiele Kunst?“-Debatte der letzten Jahre, streicht das, überhaupt liefern. Wie alles auf dieser Welt, das sich zu haben lohnt, fällt euch auch die Erleuchtung bei Journey nicht so ohne weiteres in den Schoß. Ihr müsst euch darauf einlassen, in der richtigen Stimmung sein, vor allem: die Definition dessen, was ein Videospiel in seinem Kern ausmacht, für rund zwei Stunden hinter euch lassen.

Journey - Don't stop believin'

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Alles in dieser Welt erzählt eine Geschichte – ihr müsst nur genau hinhören.
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Nicht dass wir uns missverstehen: Eure Reise nimmt keine trantütig-verkopften Gone-Home-Ausmaße an, schrammt aber schon hart an der Grenze entlang, die ein Videospiel gemeinhin definiert – und überschreitet diese für einige von euch vielleicht sogar. Schade (wenn überhaupt), nicht verurteilenswert, zumal sich durchaus ein paar Mechaniken unter dem roten Mantel des Reisenden verbergen.

Nicht außerordentlich viele oder gar besonders komplexe, das hätte hier auch nichts verloren. Diese mystische Welt hält viele wundervolle Geheimnisse bereit und gibt sich absichtlich nicht besonders viel Mühe dabei, sie zu verbergen, will sie allerdings auch niemanden unmittelbar auf die Nase binden. Es liegt an euch, sie zu entdecken.

Packshot zu JourneyJourneyErschienen für PS3 und PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Einige werdet ihr zwangsläufig dechiffrieren; niemand erklärt euch hier mehr als unbedingt nötig, was im Grunde noch eine starke Untertreibung ist. Mit der Options-Taste startet ihr ein neues Spiel, so viel verrät man noch. Auch ähnlich Selbstverständliches wie das Steuern des Reisenden mit dem linken Stick kommt Journey noch über die wenig später fest aufeinandergepressten Lippen, vielen Dank, Captain Obvious. Alles weitere liegt bei euch und dem Entdeckergeist, den ihr mitbringt.

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Sollte schon eine größere Portion sein und dann auch wieder nicht. Wer Journey durchspielen, möglichst alles entdecken will, hat den ersten Fehler bereits gemacht. Es ist eure Reise, ein einzigartiges Sich-selbst-Finden auf dem mühsamen Weg hin zum verheißungsvoll schimmernden Berg da hinten am Horizont. Stück für Stück schält er sich aus dem Hintergrund heraus, zieht euch näher heran, während ihr einen Fuß vor den anderen setzt und dabei golden glänzende Wüsten gegen Zeugnisse längst vergangener Epochen gegen Erfahrungen eintauscht, die ihr auch nach dem Ausschalten der Konsole noch lange mit euch herumtragen werdet. Erinnerungen daran, wie ihr, von Neugier und Abenteuerlust getrieben, alte Ruinen mitsamt den ihnen innewohnenden Geheimnissen entstaubt habt. Wie der Schal um euren Hals gleich den gesammelten Erkenntnissen gewachsen ist und euch zu höheren Sprüngen befähigt, euch länger durch die eigenwillig mit Erwartungen aufgeladene Luft hat schweben lassen. Auf diesem Pfad bleibt kein Platz für richtige oder falsche, nur für Entscheidungen und spontane Neugier ohne „Was habe ich womöglich verpasst?“-Reue oder Achievement-Wahn.

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Egal, ob man Journey nun lieben wird oder nicht, zumindest gespielt sollte man es schon haben.
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Journey will gespielt, nicht gewonnen werden. Ihr habt denselben Start- und Endpunkt wie Millionen andere Spieler da draußen auch – alles dazwischen liegt ganz bei euch. Vielleicht geht ihr ein Stück dieses Weges gemeinsam mit einem stummen Begleiter, bevor euch das Schicksal wieder entzweit, so wie es das Leben oft tut. Zwischen Tür und Angel werden hier vorübergehende Bekanntschaften zwischen Fremden geschlossen, wenn sich zwei Konsolen zufällig im Netz finden und ihre Besitzer zusammenwürfeln. Was dann passiert, ist wie so viel anderes hier kaum vorhersehbar, zumindest aber eine kurze Überschneidung zweiter Wege und, wenn ihr Glück habt, sogar so etwas wie blindes Verständnis.

Es ist ein empfindliches Band, das zwei Reisende miteinander verbindet, wenn sie mit nichts als einem unterschiedlich langen Laut kommunizieren. Ein dehnbares Geräusch, wortwörtlich, das genauso viel Interpretationsraum wie alles andere in diesem Spiel lässt – ein schier unendlicher Raum, in dessen Weite sich schließlich so etwas wie Geborgenheit finden lässt. Nie habt ihr über irgendetwas Gewissheit, weder mit wem ihr gerade euer Schicksal teilt, noch was euch dieser mit seinen intervallartigen Lauten mitteilen will, oder was auch nur das Ziel dieser Reise ist. Es sind allenfalls vage Schemen, die ihr auf dem Grund dieser Unbestimmtheit ausmachen könnt – Schemen, in denen ihr euch schließlich selbst erkennt, wenn ihr genau hinschaut.

Eine behutsam modernisierte, handgemachte Liebeserklärung an das Medium Videospiel und dessen erzählerische Möglichkeiten aus einer Zeit, als „Indie“ noch kein Modewort war.Fazit lesen

Viel mehr kann ein Videospiel nicht leisten.