Den Dark-Souls-Vergleich spare ich mir an dieser Stelle einfach mal. Irgendwie scheint es in unseren Kreisen die Regel geworden zu sein, jeden halbwegs passenden Titel – speziell im hart umkämpften Indie-Segment – durch den Vergleich zum Rollenspieljuwel aus Fernost aufwerten zu wollen und auch bei Jotun macht diese Praxis wieder keine Ausnahme. Dabei hat es das Spiel überhaupt nicht nötig, Jotun kommt wunderbar ohne derlei Geschmück aus. Obwohl es genau da am meisten überzeugt, wo auch bei Dark Souls die größte Stärke liegt: der Atmosphäre.

Jotun - Launch Trailer: Impress the Gods

Jotun ist eine kleine Liebeserklärung an die nordische Mythologie. In keinem anderen Spiel wurde mir die Mythologie der raubeinigen Seefahrer bisher so schmackhaft gemacht, dass ich mich nur Minuten nach dem Abspann dabei wiederfand, wie ich Amazon nach germanischen Sagenbänden durchstöberte. Dabei setzt der Indie-Titel seine Akzente nur sehr behutsam, überzeugt vielmehr durch die stoische Ruhe, mit der ihr das Abenteuer der in Ungnade gefallenen Thora begleitet. Echter Wikingerstoff eben.

Eine Lehrstunde in nordischer Mythologie

Die rothaarige Protagonistin eurer Reise – stilecht ausgestattet mit geflochtenen Zöpfen, wehendem Bärenfell und doppelschneidiger Kriegsaxt – findet sich in der Leere zwischen den Sternen, dem sogenannten Ginnungagap, wieder, nachdem sie mit versammelter Mannschaft bei einem Seeunglück unrühmlich zugrunde ging. In den kurzen vier bis fünf Stunden, die ihr sie an die Hand nehmt, bleibt der Ginnungagap nicht das einzige Fremdwort, das dem Erzähler über die Lippen kommt: vom Bifröst ist die Rede, dem Weltenbaum Yggdrasil, dazu kreuzt ihr die Wege vielerlei Sagengestalten wie der hungrigen Schlange Nidhöggr und Thors Mörder Jormungandr und erfahrt mehr über die Zusammensetzung der göttlichen Sippe. Die namensgebenden Jötunn-Giganten sind es schließlich, die Thora bezwingen muss, um die zweite Chance der Götter einzulösen und doch noch ins himmlische Valhalla aufzusteigen.

Jotun - Eine göttliche Komödie

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Mit Momenten wie diesem belohnt euch das Spiel immer wieder.
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Viele fremde Begriffe in sehr kurzer Zeit und glaubt mir, vor diesem Spiel wusste ich genau so wenig Bescheid wie ihr (wahrscheinlich) jetzt. Jotun bedient sich eines reichhaltigen Hintergrunds, versucht euch aber an keiner Stelle zu belehren. Warum das Wissen trotzdem bei euch hängen bleibt, hat viel damit zu tun, wie die Macher mit dem verwendeten Stoff umgehen. Statt die durch Marvel vermittelten Stereotype von Thor, Odin und Loki auszuschlachten, beweisen die Entwickler viel Liebe zum Detail, versehen jeden Ort mit einem Namen und füllen die Welt mit kleinen Geschichten aus, die zu suchen und zu finden mehr Belohnung darstellen, als es einfache Collectibles je könnten. Da wäre der Zwerg Northri, der das Himmelgestirn auf seinen Schultern trägt oder die haushohe Schmiede, denen göttliche Klingen wie Ragnarok entspringen.

Neben dem sehr bestimmten Soundtrack trägt besonders die Erzählung, die aus dem Off in originalem germanischen Ton – wer raushört, welche Sprache genau das hier ist, soll das doch bitte in den Kommentaren kundtun – vorgetragen wird, zu der besonderen Atmosphäre bei. Bei aller Hingabe zum mythologischen Hintergrund muss allerdings die persönliche Geschichte der Heldin etwas leiden; mit ein paar Sätzen nach jedem abgeschlossenen Abschnitt klingt Thoras Lebensgeschichte zwar interessant an, bleibt aber insgesamt viel zu gehaltlos.

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Hebt euch Kaunan lieber bis zum Schluss drauf, der cholerische Schmied gibt sich unverhältnismäßig schwer.
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Wenig zu tun, viel zu erleben

Die verzweifelte Suche nach göttlicher Läuterung ist aber ohnehin nicht das, was euch über das Spiel hinweg motivieren wird. Jotun ist ein ruhiges kleines Spiel; gekämpft wird erstaunlich wenig, ab und an ein zweckmäßiges Rätsel gelöst. In jedem neuen Gebiet werdet ihr hierzu mit einem einzelnen, charakteristischen spielerischen Kniff konfrontiert, was thematisch zwar stimmig ist, aber so leider auch wenig Abwechslung bereithält. So müsst ihr etwa kleine Flöße über einen unwirtlichen Sumpf dirigieren. Oder euch durch einen tückischen Blizzard kämpfen, indem ihr hinter spärlich verstreuten Felswänden Schutz sucht. Den Rest der Zeit seid ihr damit beschäftigt, die dichte Atmosphäre aufzusaugen, dem fabelhaften Soundtrack zu lauschen, der ungemein präsent, aber nie zu aufdringlich ist und die handgemalte Optik zu bestaunen, mit der sich das Spiel erfrischend von anderen Kollegen abhebt.

Liebevolle, beruhigte Reise durch die germanische Mythologie, der es spielerisch etwas an Fleisch auf den Rippen mangelt.Fazit lesen

Diese Orientierung findet sich auch in eurem Bewegungsrepertoire wieder. Jotun gibt euch nur wenig an die Hand: eine Ausweichrolle, leichte Hiebe und einen schweren Schlag, der seinem Namen wirklich gerecht wird und mit einer gefühlt endlos langen Ausholphase verbunden ist. Generell steuert sich Thora alles andere als behände; in den wenigen Auseinandersetzungen sind also gutes Timing und vorausdenkendes Handeln notwendig. Eine tiefere taktische Ebene geht Jotun dabei aber verloren, schließlich ist es nur wichtig, im richtigen Moment einen Angriff zu starten, statt sich wirklich Sorgen um die eigene Positionierung oder Ausdauer machen zu müssen.

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Na, was davon gefällt euch lieber?
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Auch die Handvoll Götterkräfte, die ihr an den Schreinen der Spielwelt erlernen könnt, schaffen es nicht, wirklich Schwung in das eher bodenständige Spielgefühl zu bringen. Außer der Heilung und Thors angriffsstärkendem Hammer sind die restlichen Kräfte bis auf einzelne Situationen unnütz. Hier hätte mehr Mut zur Kreativität eine interessante Note Metroidvania in Jotuns göttliche Komödie bringen können, aber vor dem Hintergrund der beruhigten Grundstimmung ist das zumindest ein verschmerzbares Versäumnis.

Selbst wenn die bisherigen Worte Zweifel daran zulassen, ob Jotun auf spielerischer Ebene überhaupt überzeugen kann, sollte sich diese Skepsis zumindest während der fünf großen Jötunn-Bosskämpfe legen (der sechste finale Boss mischt fröhlich zwischen den einzelnen Giganten hin und her), die als zentrale Motivationsknoten für euer Abenteuer dienen und für wenige Minuten den Kampf zum höchsten Gut erheben. Die Auseinandersetzungen sind allesamt erfrischend unterschiedlich gestaltet und halten mit mehrphasigen Angriffsmustern einige Überraschungen bereit. An diesem Punkt kommt Jotun einem Dark Souls tatsächlich mal am nächsten – nur behutsames Abklopfen führt zum Sieg – auch wenn die Kämpfe zwar fordernd, aber bis auf eine Ausnahme nicht wirklich schwer sind.

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