Ob Robert Louis Stevenson wohl damit gerechnet hatte, dass seine putzige Horrornovelle über die Dualität der menschlichen Seele je als Vorlage für Grafik-Adventures würde herhalten müssen? Vielleicht nicht, weil es so was im 19. Jahrhundert noch nicht gab. An Literaturvorlagen versucht sich die Spielewelt ja immer mal wieder ganz gerne, meist mit mäßigem Erfolg. Wird Jekyll & Hyde von Publisher Bitcomposer und dem deutschen Entwickler Pixelcage mit dieser Tradition brechen? Oder uns doch eher in eine disassoziative Persönlichkeitsspaltung treiben?

Wir schreiben das Jahr 1894. Während die Bevölkerung Londons die neue Tower Bridge bestaunt, hat Dr. Henry Jekyll ganz andere Sorgen: Eine merkwürdige Seuche, die nur Erwachsene befällt, rafft die Leute in den Elendsvierteln der Metropole nur so dahin und Jekyll hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Heiltrank zu entwickeln. Vielleicht kann er ja so auch die Eltern seiner geliebten Ann davon überzeugen, dass die junge Dame bei ihm gut aufgehoben ist und nicht mit dem Sohn eines reichen Industriemagnaten vermählt werden muss.

Jekyll & Hyde - Lassen Sie mich Arzt, ich bin durch

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Schlecht gepanscht, Captain! Statt Heilmittel gibt's ein Hyde-Mittel.
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Statt eines Heilmittels entwickelt Dr. Jekyll jedoch - Achtung, 124 Jahre alter Spoiler! - vesehentlich eine Mixtur, die seine dunkle Seite zum Vorschein bringt: Mr. Hyde ist in diesem Spiel, wie in so manchen Adaptionen der letzten Jahre, eine monströse Erscheinung, übermenschlich groß, stark und kein freundlicher Zeitgenosse. Gleich bei seinem ersten Trip verliert der gute Doktor seine Phiole mit dem vermeintlichen Supertrank und fällt auf der Suche danach in den Brunnen seines Vorgartens.

Dabei entdeckt er, dass sich unter seinem Haus riesige Katakomben erstrecken, die angefüllt sind mit tödlichen Fallen, Rätseln, altgriechischen Motiven – und einer geheimnisvollen Macht, die Jekyll in den Bann schlägt und ihn dazu treibt, immer weiter vorzudringen. Während er entdeckt, dass der Vorbesitzer seines Hauses bereits diese Kavernen erforscht hat, sind ihm offenbar finstere Gestalten auf den Fersen, die Jekylls Funde für sich beanspruchen wollen. Und dann ist da ja auch noch Mr. Hyde...

Literaturfreunde werden schnell merken, dass diese Geschichte quasi nichts mit der viktorianischen Schauermär über verdrängte Schuld und die Bewältigung von Problemen gemein hat. Die Vorlage wurde offensichtlich nur gewählt, um beim Spieler schon vor dem Kauf eine Assoziation mit Horror und Düsternis zu erwecken, und es ließe sich sagen, dass dies ein geschickter Schachzug ist – beides erwartet uns nämlich, Düsternis sogar in rauen Mengen. Horror auch, aber wohl nicht ganz freiwillig.

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Vorsicht, Riesenaffe! Keiner ist vor Mr. Hyde sicher, nicht mal das, was er vor sich herschiebt.
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In diesem Flickenteppich von Handlungselementen jedoch schlummert schon das erste Problem des Spiels: Die Dualität von Jekyll und Hyde ist nämlich für die erzählte Geschichte weitestgehend unerheblich, sie verkommt zum bloßen Gimmick und zur Spielmechanik. In Situationen, in denen Jekylls Können (meist seine Stärke) nicht ausreicht, wird Hyde auf den Plan gerufen und meldet sich hinterher unspektakulär wieder ab. Hin und wieder erwähnt das Spiel Hyde, damit man nicht vergisst, dass es schon etwas seltsam ist, wenn sich ein schmächtiger Arzt in einen Zwei-Meter-Oger verwandelt. Wenn dies das einzige Problem des Spiels bliebe, würden wir nichts sagen. Doch der wahre Horror kommt erst noch...

Die Patzinsel

Jekyll & Hyde ist ein Adventure, das wahlweise mit Maus oder Tastatur gesteuert wird. Beides funktioniert aus verschiedenen Gründen nicht besonders gut: Die Maus ist verhältnismäßig träge, die Tastatursteuerung hakelig UND träge. Wäre Jekyll & Hyde ein normales Adventure mit Rätseln und Dialogen, wäre das nicht weiter schlimm, doch Tatsache ist, dass sich dieses Spiel an einem wahrhaft abenteuerlichen Genre-Mix versucht: Es verbindet das Sammeln und Kombinieren von Items mit Reaktionsspielen und Plattformhüpfereien. Abgesehen von dem Rätselpart verzeiht keines der genannten Elemente eine schlechte Steuerung.

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Wundert euch nicht, wenn alle Bilder gleich aussehen. Das muss so sein...
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Als ob das nicht reichen würde, wechselt das Spiel für manche Jump-n-Run-Passagen (allerdings nicht für alle, versteh einer die Logik) die Kamera und Steuerung: Erstere geht in eine Seitenansicht, die zweite wechselt von figurenbezogen zu kamerabezogen. Anders gesagt: Dieselbe Taste, mit der wir Jekyll eben noch nach rechts gedreht haben, lässt ihn nun plötzlich nach rechts laufen. Der Clou ist, dass die Seitenansicht nicht mal GENAU von der Seite erfolgt, man sich also dem zu überspringenden Abgrund oftmals in einem schrägen Winkel nähert. Dann fällt man und stirbt, wird aber wenigstens gleich wiederbelebt, um sich noch mal zu blamieren.

Tatsächlich sind die Rätsel das einzige Überbleibsel des Adventure-Genres. So gibt es z.B. keine Dialoge, weil es außer Jekyll (und Hyde) quasi keine Charaktere gibt. Aber selbst die Rätsel wurden auf das rudimentärste und elementarste Niveau gebracht, das man sich vorstellen kann. Aus Stock, Tuch und Petroleum wird schnell eine Fackel, mysteriöses Artefakt X aktiviert Mechanismus Y... und wir wissen nicht, wie viele verrostete und verdreckte Objekte (meist Schlüssel) wir in unserer Adventure-Karriere schon in Säure, Essig oder Red Bull gereinigt haben, aber dank Jekyll & Hyde ist es wieder eines mehr (übrigens ein Schlüssel).

Ein unsägliches Bündel aus Frust, schlechten Mechaniken, niedrigem Anspruch und bestenfalls durchwachsener Präsentation, abgerundet durch eine stupide zusammengewürfelte Story.Fazit lesen

Das erste “große” Puzzle ist das klassischste aller Schieberätsel, ihr wisst, ein Mosaik mit Feldern, eines fehlt, der Rest lässt sich dank der Lücke verschieben und muss zu einem bestimmten Motiv angeordnet werden. Das ist das Finale und der Höhepunkt des ersten Aktes – wie bankrott kann man in Sachen Kreativität eigentlich sein?

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Fackelhaft, einfach fackelhaft!
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Die Entwickler haben wohl auch gemerkt, dass sie nicht in der Lage sind, Rätsel über dem Niveau von “Feuer schmilzt Teer” oder “Kuh gibt Milch” zu entwerfen und versuchen an manchen Stellen, dieses Problem durch mangelnde Fairness zu kompensieren. So gerät man z.B. einmal an ein Schalterrätsel, dessen “Lösungshilfe” ohne telepathischen Link zu Pixelcage-Mitarbeitern nicht verstanden werden kann. Am häufigsten und liebsten lässt man uns jedoch durch Labyrinthe, Fallen und Sprungpassagen laufen – die sind zwar auch nicht schwer, dafür aber schön nervend.

Sollte der gebeutelte Gamer nach dem zwölften Irrgarten mit Feuerfallen, tödlichen Gruben und Giftgas immer noch nicht die Schnauze voll haben, lässt man ihn dann noch zusätzlich durch Reifen springen. Hat er nämlich erst am Ende des letalen Vergnügungsparks das goldene Horn, die goldene Schlange oder den goldenen Dolch gefunden (alles echte Beispiele aus Jekyll & Hyde), darf er zurückgehen – auf demselben Weg, auf dem er gekommen ist, inklusive Fallen und Gruben... Das Spiel bestraft, wo Spieler belohnt werden wollen. Dass sich an diesem Grundprinzip über die gesamten sechs Kapitel nichts ändert, muss wohl nicht extra erwähnt werden.

Der schwarze Fail

Reden wir, als ob das noch nötig wäre, über die Präsentation. Mit der tut sich Jekyll & Hyde nämlich auch nicht eben einen Gefallen: Zuerst begrüßen uns Zwischensequenzen, die, vorsichtig ausgedrückt, eigenwillig aussehen. Nicht nur werden sie in Standbildern mit Voice-Over erzählt (was ja noch verhältnismäßig üblich ist), sondern präsentieren uns auch Artwork, das augenscheinlich absichtlich im Stil der naiven Kunst angefertigt wurde.

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"Hier sieht's mal anders aus. Das nehmen wir noch mit rein!"
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Das Werkzeug waren offenbar Wachsmalstifte, sodass man nicht umhin kommt, an Kinderzeichnungen zu denken – was ja prinzipiell eine reizvolle Diskrepanz zwischen Horror und Unschuld schaffen könnte, leider aber daran scheitert, dass die genauso langweilige wie zusammengewürfelte Story (“Hey, griechische Mythologie ist auch cool, die nehmen wir noch mit rein!”) keine Angst oder Spannung oder irgendeine andere menschliche Gefühlsregung zu übermitteln vermag.

Die Synchronsprecher haben ihr Handwerk gelernt, aber auch sie können nicht verbergen, welch ein Fiasko die dummdreisten Dia- und vor allem Monologe darstellen. Wer nach dem fünften, zehnten, fünfzigsten Satz von Jekyll im Stile von “Ein altes Stück Papier! So was erstaunt mich immer wieder!” (Originalzitat) immer noch kein Ohrenbluten hat, der ist härter, als wir es jemals sein könnten. Wer findet, dass unser Beispiel so dumm gar nicht war, der wird vielleicht wissen wollen, dass das fragliche Stück Papier gerade mal 14 Jahre alt war – wir haben Kartoffelsalat im Kühlschrank zu stehen, der älter ist.

Wir erinnern uns nicht mal, ob es im Spiel Musik gab, so vergessbar (oder vergessenswürdig?) ist sie, mit nur wenigen Ausnahmen. Einzig der lachhaft jämmerliche Versuch, eine martialisch pumpende Düstermucke zu fabrizieren, die jedes Mal spielt, wenn Jekyll sich in Hyde verwandelt, bleibt noch ein wenig hängen. Ach ja, und wenn man ein Rätsel mit Pegasus-Motiv löst, singt ein Damen- oder Kinderchor “Pegasus, Pegasus, Pegasus”. Wir reservieren schon mal ein paar Grammys.

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Oft sieht's dunkel aus. Oder hässlich. Oder dunkel und hässlich. So wie hier.
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Aus der Grafik hätte prinzipiell was werden können. Gut, Jekyll und Hyde sehen aus wie schlechte Raubkopien von Actionfiguren und wenn der gute Doktor wild vor sich hinplappert, dabei gestikuliert wie ein Händler auf dem Basar, jedoch nicht ein einziges Mal den Mund bewegt, dann ist das schon befremdlich, aber die Hintergründe können sich für so ein kleines Adventure sehen lassen. Hier wirft sich Jekyll & Hyde aber wieder selbst den Knüppel zwischen die Beine, denn nicht nur dass nahezu alle Umgebungen zappenduster sind und man auch mit Fackel nichts erkennt, sie gleichen sich auch bis zum erlösenden Schluss wie ein Eierbovist dem anderen.

Sicher, mal läuft ein Lavafluss durch den dunklen Tempel, mal verlaufen Schienen durch den dunklen Tempel und mal befindet sich ein Höhlennetzwerk neben dem dunklen Tempel, aber diese Variationen sind dermaßen ineffektiv und nutzlos, dass man auch gleich auf sie hätte verzichten können. Wenn man dann noch einen Blick auf die Hardware-Anforderungen wirft und noch mal überlegt, was Jekyll & Hyde da rausgeholt hat, überlegt man sich schon zweimal, ob man die Grafik am Stammtisch in der Kneipe loben will.