In Japans Männerwelt scheinen haarige Zeiten anzubrechen - sowohl das Jungvolk als auch die älteren Japaner stehen neuerdings auf Bärte. Für die Jüngeren ist es schlichtweg eine Art Gegenbewegung jener, die ihren Hey-ich-bin-noch-frei-Studentenstatus hervorheben oder einfach hip sein wollen und sich nicht darum scheren, dass man in der Welt der Salarymen stets ordentlich rasiert zu sein hat. Ist ja leider immer noch Firmenpolitik, dass man beim Eintritt in die Firma zum aalglatten Typen mutieren muss -zumindest, was das Gesicht angeht. Diejenigen, die pensioniert werden - und das ist derzeit die gesamte Babyboomer-Generation oder jene, die am Wochenende dem Stress am Arbeitsplatz komplett entfliehen können, entdecken plötzlich die Welt der Schnurr- und Vollbärte. Die brauchen bekanntlich Geduld und gute Pflege. Oder einen guten Klebstoff.


Gesichtsbehaarungen aller Art brauchen immer ihre Zeit, das wissen Männer, und diejenigen Typen, die ganz offensichtlich gut damit zurechtkommen und sich ein hübsches, dekoratives Bärtchen ("hige" auf Japanisch) stehen lassen, nennt man in Japan ehrfurchtsvoll "choiwaru oyaji", was nichts anderes als "cooler alter Daddy" bedeutet. Solche Typen gibt es in Tokyo dieser Tage überall zu sehen, in modernen, schicken Anzügen ohne Krawatte - und mit entzückendem Gesichtsschmuck halt. Für die Youngsters taugt der Bart außerdem vortrefflich als Mini-Protest gegen die allgemein voranschreitende (und viel beklagte!) Verweiblichung des japanischen Mannes. Hier scheidet sich sozusagen der wahre Mann vom Grünschnabel.


Keine Frage - Bärte werden gerade zum Kult. Mit allem, was dazugehört - Websites zum Beispiel. Hige Club, ein Portal und virtueller Salon, in dem es nur um Lifestyle mit Bärten geht. Tipps zum Küssen für Bärtige, zum Färben und sogar Essen, ohne irgendwelche Sauereien zu veranstalten, werden auf der Website preisgegeben, und registrierte Mitglieder dürfen sich über jede Menge weitere Angebote und Erfahrungsberichte freuen. Wer für den Bartkult auch ein bisschen was berappen kann, wendet sich am besten an Salons wie Fujii in Tokyo, die First-class- Bartkolorierungen und -schnitte anbieten. Wer es dagegen männlich wuchernd mag, kann bei "Fujii" auch den "Basisschnitt" ordern - der sieht nicht ganz so gestylt aus und bleibt auch mit normaler Pflege daheim in Form.


Natürlich gibt es auch Zeitgenossen, bei denen so gut wie gar nichts von alleine sprießt. Für jene Unglücksraben (oder sind es vielleicht Glückspilze?) gibt es Firmen wie Propia, die riesigen Erfolg damit haben, dass sie eine Art Perücken für die Bartregion anbieten, die nicht etwa die Fake-Wirkung von Weihnachtsmann-Bärten haben sondern erstaunlich echt aussehen. Das Wort für "falscher Bart" im Japanischen "tsuke hige", und die Dinger sind ein echter Überraschungserfolg bei pensionierten Salarymen und Leuten, die einfach mal ein paar Urlaubstage lang anders aussehen wollen.