Was für eine Neuerfindung: Nachdem die Doppelnull im Dienste ihrer Majestät zuletzt gewaltig auf der Stelle trat, renovierte “Casino Royale” das angestaubte 007-Fundament so kompromisslos und spektakulär, dass selbst die ärgsten Kinokritiker verstummten. James Bond ist endlich im neuen Jahrtausend angekommen und muss ab kommender Woche beweisen, dass Daniel Craig mehr als eine Eintagsfliege ist.

Unter ähnlichem Druck wie die Film-Fortsetzung „Ein Quantum Trost“ steht nun auch das namensgleiche Spiel – schließlich legte 1997 ein indizierter Bond-Shooter die Messlatte in beinahe unerreichbare Höhe und gilt seither als ungekröntes Meisterwerk der Reihe. Zudem wäre da ja noch dieser Fluch, der auf derlei Spielen lastet. Kleiner Tipp: Fängt mit „Film“ an und hört mit „Umsetzung“ auf. Na, erraten?

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Der Hauch des Unverbrauchten

„Casino Royale“ war irgendwie frisch. Jung, wild, roh, ein wenig ungeschliffen. Wie sein rotziger Protagonist, dem die antiautoritäre Rüpelhaftigkeit förmlich ins Gesicht geschrieben stand. Dem entsprach auch der Film, der sich von glatt gebügelten „Glanz und Glamour“-Attitüden verabschiedete und auf harten, physischen Realismus setzte. Okay, war zwar alles fleißig bei „Jason Bourne“ geklaut, aber wen juckt’s, bei dem Ergebnis.

James Bond: Ein Quantum Trost - Im Angesicht der Ödnis: James Bond enttäuscht im NextGen-Format

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Daniel Craig wurde für Bonds Videospielabenteuer aufwändig digitalisiert.
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Blickt man nach der ersten Spielstunde „Quantum Trost“ auf das soeben Durchlebte zurück, wird sich manch einer verdutzt fragen, wieso es keine dieser Stärken der Vorlage in die digitalisierte Umsetzung geschafft hat. Klar, es ist gibt zwar harte ShootOuts an jeder Levelecke, den Hauch des Unverbrauchten, eine Spur Kreativität oder gar frische Impulse findet man in „Ein Quantum Trost“ zu keiner Zeit.

Stattdessen zelebriert der Titel größtenteils anspruchslose Nonstop-Schießereien: Als Spieler hetzt ihr 007 durch die exotischen Kulissen der beiden Kinofilme mit Daniel Craig, hangelt euch relativ lose an der Handlung entlang und macht ausführlich von Bonds Fähigkeiten als Meisterschütze gebraucht. Damit wäre das Spielprinzip im Grunde auch schon klar umrissen, weitere Überraschungen gibt es bis zum letzten Level nicht mehr.

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Nähert man sich einem Gegner, darf man auf Knopfdruck einen knackigen Takedown ausführen.
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Witzigerweise hält sich das Spiel damit erstaunlich eng an die Vorlage: Auch in Bonds neuestem Kinoeinsatz wurde die Handlung zugunsten der Action auf ein Mindestmaß zurückgeschraubt. Das muss man nicht zwingend schlecht finden, doch selbst unverwüstliche Genre-Anhänger brauchen Motivation, um einen Shooter durchzuspielen. Und wozu sollte man auf den letzten Level warten, wenn man bereits im ersten alles gesehen hat?

Ein Quantum Royale

Die Spielhandlung teilt sich in zwei Kapitel: Zunächst ballert ihr euch vier Missionen lang durch „Ein Quantum Trost“, hetzt unerbittlich die Mörder von Bonds verstorbener Liebe Vesper Lynd und schließt Freundschaft mit der verbitterten Agentin Camille, die ihre gesamte Familie bei einem Attentat verloren hat. „Hast du auch schon einmal jemanden verloren?“, fragt sie während einer Zwischensequenz. „Ja, habe ich“, erwidert Bond.

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Ab der Hälfte des Spiels, ballert ihr euch durch die Casino Royale-Handlung.
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Rückblende. Ab diesem Zeitpunkt erzählt das Spiel die Handlung von „Casino Royale“ nach, bis es im letzten Auftrag noch mal zur „Quantum“-Story zurückkehrt. Ein im Grunde cleverer Kniff, den Entwickler Treyarch da zückt – leider verpufft der interessante Ansatz während der mauen CutScenes nahezu vollends. Die werden entweder in Spielgrafik oder anhand schnöder Sprach- und Textsequenzen präsentiert.

Wer mit der Hintergrundgeschichte der Filme jedoch nicht vertraut ist, wird hier nur sehr wenig verstehen: Viel zu gehetzt wirken die kurzen Filmchen, als dass man die Zusammenhänge der Story überhaupt fassen könnte. Da werden Namen, Charaktere und handlungsrelevante Orte einfach zusammenhanglos in den Raum geworfen. Schlimmer noch: Wichtige Schlüsselszenen der Filmvorlage werden im Eilverfahren abgefrühstückt.

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Doof: Die Vertonung der Zwischensequenzen ist viel zu leise geraten.
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Zudem plagt die CutScenes ein nerviger technischer Fehler: Sämtliche Sprachaufnahmen (die übrigens von den Originaldarstellern aufgenommen wurden) sind derart leise, dass man die Lautstärke unweigerlich nach oben regulieren muss, um überhaupt etwas zu hören. Beginnt dann die eigentliche Mission, übersteuert der Ton, sofern man nicht vergessen hat, die Lautstärke wieder herunter zu drehen – ärgerlich.

Trigger dir einen

Wegdrücken hilft da relativ wenig, denn auch nach den CutScenes wird es nur geringfügig besser: Beim Missionsdesign gibt sich Treyarch nämlich derart altbacken und einfallslos, dass man bisweilen gar an die Moorhuhn-Titel erinnert wird. Eine typische „Quantum“-Mission verläuft in etwa so: Bond betritt einen Raum, ein gutes Dutzend namenloser Bösewichter springt ins Bild und los geht das wilde Gemetzel.

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Technisch solide, aber mit der Zeit öde: Immer wieder ballert ihr euch minutenlang durch die Areale.
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An dieser Masche ändert sich während des gesamten Spiels so gut wie nichts: Habt ihr einen Skript-Trigger passiert, öffnet sich irgendwo ein Fenster oder Türschloss, eine kleine Privatarmee stürmt hinein, wird nach vier leer geschossenen Magazinen durch das nächste anonyme Gegnerbattalion ersetzt und wenn das Getöse der Maschinengewehre und die letzten Todesschreie verstummt sind, weiß man, dass es vorbei ist.

Der Agent, der's versiebte: Technisch einwandfreies Actionfeuerwerk, dem bereits nach dem ersten Level die Puste ausgeht.Fazit lesen

Keine zwanzig Meter weiter wiederholt sich dann dieses Spektakel. In Kombination mit den genretypischen Levelschläuchen, die so etwas wie Neugierde oder Erkundungsdrang gar nicht erst entstehen lassen, ergibt sich schon nach kurzer Zeit das Gefühl, an einer billigen Perlenschnur durchs Spiel geführt zu werden. Zu allem Überfluss ist auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad schon nach sechs Stunden Schluss – deutlich zu kurz.

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Hilfreich: Die Deckungsfunktion erleichtert das Agentenleben.
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Damit wir uns nicht falsch verstehen: Technisch kann man Bonds erstem NextGen-Abenteuer keinen großen Vorwurf machen. Die ShootOuts gegen die Schergen des Bösen sind allesamt grundsolide inszeniert, fordern durch angenehme Härte und machen relativ schnell relativ viel Spaß. Nur verlässt sich Treyarch zu sehr auf dieses Prinzip, ohne das Actionfeuerwerk mit mehr als belangloser Gewalt aufzulockern.

Es geht ja doch besser

Spaß macht das Agentenabenteuer immer dann, wenn Entwickler Treyarch vom wüsten Dauergeballer abweicht und die Missionen mit netten Einfällen würzt. So schwanken wir während des Pokerspiels im „Casino Royale“ hilflos gen Ausgang – LeChiffre hat uns vergiftet und wir müssen unter Zeitdruck den Defibrillator im Aston Martin erreichen, während Bonds Pulsschlag immer lauter tönt. Spannung pur!

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Hochspannend: Die Verfolgungsjagd des Bombenlegers gehört zu den besseren Momenten im Spiel.
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An anderer Stelle klettern wir über turmhohe Kräne (auf denen wir unser Gewicht gekonnt ausbalancieren müssen), um einen flüchtigen Bombenleger zu finden, suchen unter Hochdruck den Ausgang eines langsam im Meer versinkenden Hauses oder klettern über schmale Fenstersimse, um den Blicken von LeChiffres Sicherheitsmännern zu entgehen. Endlich Abwechslung – nur sind solche Momente leider die Ausnahme.

Glücklicherweise dürfen wir manche Aufträge auch schleichend bewältigen. Mit aufgesetztem Schalldämpfer pirschen wir verstohlen an Wachen und Sicherheitsleuten vorbei, merken uns deren Laufwege und schalten die Fieslinge unerkannt und hinterrücks aus. Gut so: Zwar ist das lautlose Vorgehen optional, nach all dem Maschinengewehr-Geratter ist man über die willkommene Stille allerdings mehr als froh.