Für die einen ist er die pure Inkarnation des sexy Gentleman-Agenten, für andere wandelnde Machismo-Albernheit mit lächerlichen Spielzeugen: Ian Flemings James Bond muss wohl niemandem mehr erklärt werden. Doch mit jedem Wechsel des Hauptdarstellers veränderte sich 007, im Falle Daniel Craigs ziemlich drastisch. Vorbei waren die Zeiten der Nonchalance, der abgefahrenen Erfindungen und der subtilen (doch stets erfolgreichen) Damenbecircung.

Insofern erwarten wir von Blood Stone 007 auch nicht wirklich feine Nuancen, sondern gute Action und aus jeder Pore triefende Coolness. Das wird keine leichte Aufgabe – immerhin hat sich der Third-Person-Shooter gleichzeitig gegen das Remake des legendären Goldeneye auf der Wii zu behaupten.

James Bond 007: Blood Stone - Blutleeres Geballer von der Stange

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 26/321/32
Eines kann das neue Bond-Spiel super: fette Explosionen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Die Story von „Blood Stone“ liest sich wie alle 007-Storys, gewinnt also keinen Preis für irgendwas, ist aber tauglich und lässt uns so verschiedene Orte wie Sibirien, Istanbul und Bangkok bereisen. Bond ermittelt gegen einen russischen Waffenhändler, findet heraus, dass dieser heimlich Biowaffen produziert, und muss ihn nun unter Mithilfe der Femme du Jour namens Nicole Hunter aufhalten. Schon bald stellt Doppelnull jedoch fest, dass jemand wesentlich Mächtigeres die Fäden zieht.

Gleich zu Beginn springt Bond aus einem Flugzeug, um kurzfristig einen geplanten Bombenanschlag auf eine Diplomatenkonferenz in Athen zu vereiteln. Jawoll, so muss ein echtes Bond-Abenteuer beginnen! Nachdem wir einige namenlose Untertanen niedergemacht haben, geht es nahtlos zu einer hitzigen Verfolgungsjagd über, erst mit einem Motorboot über das Wasser, dann in einem schnittigen Sportflitzer. Die wilde Raserei endet - wie sonst? - in einer gewaltigen Explosion.

James Bond 007: Blood Stone - Blutleeres Geballer von der Stange

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden6 Bilder
Natürlich: kein Bond-Spiel ohne Verfolgungsjagden.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Warum wir das so detailliert schildern? Weil diese aus den Filmen hinlänglich bekannte Formel uns als Schablone innerhalb des Spiels immer wieder unterkommen wird. Bond schleicht sich in einen exotischen Komplex, mal eine Ausgrabungsstätte, mal ein Laboratorium und mal in generischen Bösewichtunterschlupf #284, findet ein Dokument oder einen Informanten, muss sich dann weniger heimlich herauskämpfen und danach oftmals jemanden mit Höchstgeschwindigkeit verfolgen, bis er ihn in einer spektakulären Zwischensequenz zu fassen kriegt. Dann wiederholt sich das Schema.

Nichts anderes haben wir erwartet, so ist nun mal 007s Alltag. Die Frage ist, ob das alles bei der Stange halten könnte, wenn der Name „James Bond“ nicht auf der Verpackung prangte. Trägt das Spiel sich selbst, können seine Mechaniken unterhalten und seine eher dünne Story wieder wettmachen? Ist es nur etwas für Hardcore-Bond-Fans? Oder vielleicht nicht mal für die?

Sam Fisher und Marcus Fenix in einer Person

Nahezu jede Mission beginnt mit Infiltration. Bond ist mit zweierlei ausgerüstet: einer schallgedämpften Pistole und einem Smartphone – wenn Sean Connery das gewusst hätte. Letzteres dient dem Aufspüren von Feinden und den wenigen interaktiven Objekten. Es funktioniert im Grunde wie der Detektivmodus in „Batman: Arkham Asylum“ und ist beinahe genauso übermächtig. Würde es sich nicht im Kampf automatisch abschalten, hätte man das Gerät die ganze Zeit über aktiviert.

James Bond 007: Blood Stone - Blutleeres Geballer von der Stange

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 26/321/32
In Deckung gehen, Bond. Kennt man.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

So hechtet man von Deckung zu Deckung, unternimmt präzise Kopfschüsse oder klasse inszenierte Nahkampfmanöver, um die Wachen lautlos auszuschalten. Für das Um-die-Ecke-Bringen der Gegner mit Bonds Fäusten erhält man bis zu drei Fokusschüsse, welche die Gegner auf Tastendruck sofort anvisieren und töten. Sollte man sich erwischen lassen, ist das aber auch kein Beinbruch, denn mit den aufgesammelten Waffen und einem sehr großzügigen Auto-Aiming verwandelt sich Blood Stone in ein leichteres „Gears of War“. Dann heißt es, immer wieder hinter der Deckung vorzugucken, einige präzise Schüsse abzugeben und sich dann wieder zu ducken. Kennt jeder. Schon hundertmal erlebt. Letzteres ist bitter nötig, denn Bond ist recht zerbrechlich.

In seinen besseren Momenten schafft das Spiel einen schönen Rhythmus aus Schleicheinsatz, Nahkampf und Geballer, doch die grundlegende Formel ändert sich nie und ödet nach einer Weile einfach an. Daran ändern auch die quasi schon gesetzmäßig vorgeschriebenen explosiven Behälter nichts, die sporadisch herumstehen, genauso wenig wie die Passagen, in denen man unter Zeitdruck steht, weil eine Art Giftgas den Raum füllt.

James Bond 007: Blood Stone - Combat Trailer4 weitere Videos

In solchen Fällen wird dann die ebenfalls nahezu automatisierte Sprung- und Klettermechanik bemüht – ein Druck auf die Kreis- bzw. B-Taste genügt, schon legt James einen kinoreifen Sprung zur nächsten Kante hin. Echte Spannung vermittelt das nicht, schont aber wenigstens das Nervenkostüm.

Liebesgrüße aus Gähnien

Sämtliche Elemente der Steuerung sind präzise umgesetzt, viele Mechaniken durchdacht. So ist es zum Beispiel mit einem Tastendruck möglich, Bond um die Ecke einer Deckung zu bewegen, ohne dabei aufzustehen. Wirklich motivierend oder abwechslungsreich jedoch ist Blood Stone niemals. Zu oft wiederholen sich die Elemente, zu automatisiert sind die Mechaniken, zu belanglos und unbefriedigend die Kämpfe. Alles ist äußerst grundlegend und ohne echte Höhepunkte.

James Bond 007: Blood Stone - Blutleeres Geballer von der Stange

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden6 Bilder
Krawall, den bekommt Blood Stone am besten auf die Reihe.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Hinzu kommt, dass man, wenn man bislang keine tiefe Liebesbeziehung zum Bond-Franchise hegte, auch vonseiten der generischen Terroristengeschichte keinen vernünftigen Antrieb erhält. Wenn man sich insgeheim fragt: „Wozu mach ich den Blödsinn überhaupt?“, dann ist etwas ordentlich schiefgegangen. Weder die Charakterisierung des Helden noch die seiner Alliierten und Widersacher ist gelungen und wurde, wie wir gleich sehen werden, von krachiger Actioninszenierung verdrängt.

Gut präsentiertes, jedoch spielerisch völlig herkömmliches Bond-Abenteuer, das schnell wieder vorbei ist und sofort aus dem Gedächtnis rauscht.Fazit lesen

Diese Schwächen machen auch den Online-Multiplayer-Modus, in dem sich bis zu 16 Spieler gegenseitig niedermachen können, zu einer herzlich einschläfernden Erfahrung. Das Bond-Feeling geht natürlich sofort flöten und dank seiner funktionellen, aber reichlich unspektakulären Mechaniken klinkt man sich nach einer halben Stunde wieder aus und verschwendet keinen weiteren Gedanken an die drei generischen Spielmodi und das unbeeindruckend kleine Arsenal freischaltbarer Waffen.

James Bond 007: Blood Stone - Blutleeres Geballer von der Stange

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 26/321/32
Wenn's kracht, dann richtig.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Eigentümlicherweise ist Blood Stone in dieser Hinsicht so etwas wie das Gegenteil von Obsidians „Alpha Protocol“ - Letzteres funktionierte spielerisch auf keiner Ebene wirklich gut, war ein technischer Albtraum, erzählte aber eine packende Geschichte mit vielen interessanten Charakteren und wagte spielerisch Experimente, konnte also einen bestimmten Typ von Spieler wirklich in das Agentenabenteuer hineinziehen.

Blood Stone macht einen Sprung in die Nummer-sicher-Mühle, hat daher spielerisch weder großartige Stärken noch gaaanz schlimme Schwächen, funktioniert rund und kann bei keiner Art von Spieler wirklich hoch punkten – wenn man das recht kurze Abenteuer nach fünf oder sechs Stunden durchgejuckelt hat, bleibt einfach nichts hängen. Eine Schande, denn es ist weder schlecht entwickelt noch produziert, sondern einfach solide und belanglos.

Belanglos, aber wenigstens hübsch

Punkten kann Blood Stone in Fragen der Präsentation und Inszenierung. Entwicklerstudio Bizarre Creations hat sich eine ordentliche Scheibe von seinem Kollegen Naughty Dog abgeschnitten und liefert mehr als einen Moment, in dem man sich an Nathan Drakes Abenteuer „Uncharted“ erinnert fühlt. Wenn Bond vor einem gigantischen Steinbohrer fliehen muss, während hinter ihm die Plattformen wegbrechen, erzeugt das schon Stimmung. Die meisten Missionen enden wie erwähnt damit, dass irgendetwas Großes in die Luft fliegt und Bond das Weite suchen muss.

Nirgends ist der Fokus, der auf die Präsentation gelegt wurde, evidenter als bei den Verfolgungsjagden. Alles explodiert, fliegt durch die Gegend, schafft schnell zu umkurvende Hindernisse und treibt den Adrenalinspiegel in die Höhe – oder zumindest würde es das, wenn die Fahrsequenzen nicht eben gerade wegen dieser Ereignisse zu stumpfen Trial-and-Error-Experimenten verkommen würden. Wie anno dazumal bei „Dragon's Lair“ merkt man sich irgendwann nur noch Links-rechts-Sequenzen und manövriert nach dem zwölften Versuch irgendwie hindurch. Das passiert eben, wenn Präsentation wichtiger ist als spielerisches Futter.

James Bond 007: Blood Stone - Blutleeres Geballer von der Stange

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/7Bild 26/321/32
Steif und unnatürlich: die Charaktermimik.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Es hilft, dass Blood Stone richtig gut aussieht. Die Umgebungen sind abwechslungsreich und detailliert, Explosionseffekte haben einen wirklichen visuellen „Rumms“ und die Motorhauben der eleganten Flitzer glänzen je nach Lichteinfall realistisch und wundervoll. Leicht negativ fallen die Gesichter der Akteure auf: Während man Craig, Judy Dench oder Co-Darstellerin Joss Stone sofort erkennt und zunächst als unbefremdlich empfindet, ändert sich das, sobald die zu steif geratene Mimik ins Spiel kommt. Dann wird schnell klar, dass sie alle eigentlich Uncanny-Valley-Einwohner sind und ihre Puppenmimik den Schauspielern nicht gerecht werden kann. Hat man Charaktere, die von Anfang an extra für das Spiel gestaltet wurden, treten solche Effekte, so scheint es, weniger häufig auf.

Ein neu komponiertes Titellied in echter Bond-Manier (und vorgetragen von Joss Stone) setzt akustisch von Anfang an große Erwartungen, die Blood Stone zum größten Teil erfüllt. Leises atmosphärisches Geklimper während der Schleichpassagen steht im hervorragenden Kontrast zu den swingenden und pumpenden Tönen während der actiongeladenen Passagen. Craig kriegt zwar wie gewöhnlich beim Sprechen die Zähne nicht auseinander, doch auch die Sprachausgabe ist ein Genuss, der die Bond-typischen Dialoge voller Anspielungen und subtiler Implikationen unterstreicht. Auch Miss Stone, die keine Schauspielausbildung hat, vermag zu überzeugen. Die Frage ist nur, wie viel das wert ist, wenn weder Geschichte noch Charaktere einen Eindruck hinterlassen.