Eine riesige Anzahl Presseanfragen bombardierten Peter Sunde. Doch der Mitgründer von Pirate Bay, der vielleicht bekanntesten und nach eigenen Angaben auch größten Bittorrent-Site im Netz, blockte ab. Er gab lieber eine Pressekonferenz, per Videostream. Die Aufregung hatte einen Grund: Das Urteil im vielleicht bedeutsamsten Gerichtsprozess über Urheberrechte und Inhalte des 21. Jahrhunderts.

Firmen wie Sony und Warner waren gegen Pirate Bay vorgegangen. Hauptanklagepunkt: Die vier Angeklagten hätten durch den Betrieb der Bittorrent-Site Copyright-Verletzungen begünstigt. Das schwedische Gericht folgte bei der Urteilsverkündung dieser Argumentation.

Pirate Bay - Jahrhundert-Prozess gegen die Filesharing-Piraten

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Die Torrent-Suchmaschine segelt unter Totenkopfflagge.
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Der Vorsitzende Richter Tomas Norström sah es als erwiesen an, dass Fredrik Neij, Gottfrid Svartholm Warg, Peter Sunde and Carl Lundström eine Website betreiben, die mit ihren „gut entwickelten Suchfunktionen, einfachen Upload- und Speichermöglichkeiten und einem mit der Seite verlinktem Tracker“ Filesharer zu Verbrechen ermutigt haben. Zudem hätten die Vier gewusst, dass urheberrechtlich geschütztes Material zugänglich gemacht wurde.

Die Angeklagten wurden jeweils zu einem Jahr Gefängnis und zur Zahlung von insgesamt 30 Millionen Kronen (etwa 2,74 Millionen Euro) Schadenersatz verurteilt. Als Begründung für die Gefängnisstrafen führte das Gericht die „weitreichenden Zugriffsmöglichkeiten auf urheberrechtlich geschütztes Material anderer“ an, sowie „die Tatsache, dass die Aktivitäten mit kommerziellen Absichten und organisiert stattfinden.“

Ein anderer Hauptpunkt, der den Angeklagten die Komplizenschaft bei der Ausbeutung von urheberrechtlich geschütztem Material angelastet hatte, wurde dagegen bereits nach zwei Prozesstagen fallen gelassen.

Das Urteil wackelt

Die „Entertainment Software Association“ (ESA), eine Interessengemeinschaft nahezu aller bedeutsamen Medienkonzerne und -firmen in den USA, begrüßte das Urteil noch am selben Tag. Doch jetzt, nur eine Woche nach der Verkündung, scheint es, als hätten sich die Kläger zu früh gefreut. Der Verdacht: Richter Tomas Norström hat nicht objektiv geurteilt.

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Nicht ganz koscher: War Richter Tomas Norström befangen? (Foto: Reuters)
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Norström ist Mitglied in mehreren Organisationen zum Schutz des Urheberrechts, eine davon fordert eine Verschärfung der Gesetze zugunsten der Industrie. Zusätzlich gehört er der schwedischen Urheberrechtsgesellschaft an – eben jener Vereinigung, in der sich Vertreter der klagenden Firmen tummeln.

Zumindest zweifelhaft mutet auch an, dass das Urteil des Gerichts angeblich schon vor der Verkündung im Umlauf war und die Anwälte der Kläger informiert gewesen sein sollen. Nachvollziehbar, dass so Zweifel an Norströms Urteilsfähigkeit aufkommen. Im schwedischen Radiosender P3, der die Verbindungen aufdeckte, stritt der Richter aber ab, befangen zu sein: „Meiner Ansicht nach stellen diese Aktivitäten keine Interessenkonflikt dar.“

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Pirate Bay gegen die US-Lobbyisten: Das T-Shirt-Motiv zum Jahrhundertprozess.
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Die Verteidigung der Pirate-Bay-Macher sieht das anders. Das gesamte Urteil steht auf der Kippe, noch am Tag der Verkündung hatten die Angeklagten Berufung eingelegt. Bis das Urteil auf nächst höherer juristischer Ebene überprüft sein wird, dürfte Pirate Bay etwa zwei bis drei Jahre weiter munter Torrents verteilen.

„Pirate Bay“ - allein der Name ist in Augen der Medienindustrie ein Indiz dafür, welche Intention die Angeklagten verfolgen. Denn wer sich nach Männern des Meeres benennt, die Handelsschiffe überfallen, Waren und Schätze rauben, Gold bestenfalls, und es in einem geheimen Hafen, einer Bucht lagern – wie sollen die gesetzestreu sein?

Auch wenn dieses Pippi-Langstrumpf- und Fluch-der-Karibik-Bild auf den ersten Blick nicht viel mit Urheber- und Verwertungsrechten zu tun hat, waren und sind sich die Kläger aus der Medienindustrie darüber einig, dass die Aktivitäten der Angeklagten mit Sicherheit eines sind: Gegen das geltende Gesetz. Auch im Netz, in dessen digitalen Weiten Inhalte die Schätze sind; Filme, Musik und Videospiele.

Pirate Bay nimmt's locker

Die Angeklagten Neij, Warg, Sunde und Lundström bestreiten, dass sie mit Pirate Bay ein Teil der Wertschöpfungskette sind und Profit machen. Sollten sie nachweisen können, dass dieser Hauptaspekt in Norströms Urteilsbegründung nicht haltbar ist, dass wirklich sämtliche Einnahmen für den Betrieb der Seite und Gebühren für Server draufgehen und das Flaggschiff der Filesharer lediglich ein Hobby ist, könnte das die Bewertung des Gerichts nichtig machen und die schwedische Justiz dazu zwingen, wieder von vorne anzufangen.

Nach den jüngsten Entwicklungen jubilieren die Filesharer schon, Pirate Bay veröffentlicht selbstbewusste Blogeinträge und empfiehlt nebenbei die Vorbestellung von „Limited Edition Trial Special“-T-Shirts. Aufdruck: „Swedish Internet Pirates vs. US Copyright Lobbyists“. Die Industrie ist geschockt. Eigentlich scheint die Rechtslage klar: Die Urheber schließen Verträge mit Vertrieben, die ihre Inhalte verwerten – exklusiv, versteht sich. Pirate Bay unterwandert dieses Prinzip. Doch Peter Sunde, seinen Mitstreitern und vielen mehr ist das egal. Sie wollen nicht mehr kriminalisiert werden.

Die Pirate-Bay-Macher nehmen die rechtlichen Streitigkeiten scheinbar locker – und mit Humor, wenn man sich die Pressekonferenz auf YouTube anschaut. Sie pflegen damit ihr Outlaw-Image und führen die Praxis fort, mit Witz und Einfallsreichtum auf die Drohung rechtlicher Konsequenzen für ihr Tun zu reagieren – und es auf ihrer Website samt Antworten zu dokumentieren.

Die Marktmacht der Publisher ist gefährdet

Der Prozess um Pirate Bay könnte der Beginn einer auf europäischer Ebene geführten Urheberrechtsdebatte sein. Wem gehören die Inhalte? Wer darf sie nutzen? Und wer soll Geld mit ihnen verdienen dürfen? Die Marktmacht der Publisher ist gefährdet, weil es an der Basis, in den Generationen bis 30 Jahre rumort. Organisiert sind die Unzufriedenen und teilweise bereits politisch aktiv. Die schwedische „Piratenpartei“ will eine Reform des Urheber-, Patentrechts und des Datenschutzes erreichen.

Das nächste Ziel der Partei heißt Europa: Am 7. Juni steht die Wahl für das europäische Parlament an, in dem die Piraten einen Sitz ergattern wollen. Dafür müsste die Partei mindestens vier Prozent der schwedischen Stimmen bekommen. Christian Engström, Vizepräsident der Vereinigung, hat gute Hoffnung, diese Hürde zu überspringen. Seit der Urteilsverkündung gegen Pirate Bay sei die Zahl der Parteimitglieder auf mehr als das Doppelte angewachsen – 22.000 neue Mitglieder in einer Woche. Die reichen allerdings nicht für Brüssel. Etwa 100.000 Stimmen braucht die Piratenpartei für den angestrebten Erfolg.

Bei einer Razzia gegen Pirate Bay 2006, als die schwedische Polizei sämtliche Server der Torrentsite und dessen Hosters PRQ beschlagnahmte, war laut Engström das gleiche Phänomen zu beobachten. Die Zahl der Mitglieder verdreifachte sich damals innerhalb weniger Tage.

Es zeigt das Dilemma von Industrie und Politik: Trotz aller Bemühungen, Raubkopierer in der Öffentlichkeit als Kriminelle zu brandmarken, befindet sich Filesharing scheinbar auf dem Weg zum weltweiten Volkssport. So tauschen allein in Schweden zehn Prozent der Bevölkerung Daten über Tauschbörsen aus. In der Gruppe der männlichen Bevölkerung zwischen 26 und 35 Jahren steigt der Anteil sogar auf eine absolute Mehrheit von 56 Prozent. Pirate Bay zählt nach eigenen Angaben über 3,5 Millionen angemeldete Benutzer. Da jedoch keine Registrierung nötig ist, dürfte die Anzahl der unangemeldeten User um ein Vielfaches höher liegen.

Computerspiele als Vorreiter

Sollte der Trend zum Filesharing, zur Umsonstkultur weiter anhalten, werden Wirtschaft und Politik auf die Realität reagieren müssen. Bei den Computerspielen geschieht das bereits: Während der Deutschen Gamestage, einer Entwicklerkonferenz in Berlin, gab es ein bestimmendes Thema – „Free to Play“, Gratisspiele.

In Zeiten sinkender Absatzzahlen für Vollpreistitel orientiert sich die Industrie momentan neu. Geld soll über Items, Werbung und andere Geschäftsmodelle verdient werden. Wahrscheinlich werden die Entwicklerstudios und Publisher ihre Titel in Zukunft selbst über das Torrent-Netzwerk verbreiten und damit die Kaufpreis-Hürde aus dem Weg räumen.

Pirate Bay - Jahrhundert-Prozess gegen die Filesharing-Piraten

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Sind F2P-MMOs wie Runes of Magic Vorreiter in eine Welt ohne Piraten?
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In einer Situation wie Pirate Bay befand sich 2001 auch die Musiktauschbörse Napster. Shawn Fanning, Gründer des US-Unternehmens, hatte etwas geschaffen, das die Industrie, die schwerfälligen Wirtschaftsunternehmen verschlafen hatten: Die User wollten ihre Musik schnell, gratis – und komfortabel von zuhause aus. Zur besten Zeit von Napster nutzten 50 Millionen Menschen den Sharing-Dienst, bevor er von Gerichten zu Fall gebracht wurde. Trotzdem: Heute ist es völlig normal, Musik digital zu kaufen – oder sich über eine Flatrate alles zu saugen, was man möchte.

Pirate Bay ist das Napster von heute, und wird es wegen des andauernden Rechtsstreits wohl auch noch ein paar Jahre bleiben. Währenddessen wird die Unterhaltungsindustrie darüber nachdenken müssen, ihre Geschäftsmodelle dem Nutzerverhalten anzupassen. Peter Sunde könnte sie beraten, denn er weiß, was seine Klientel will. Während der Videostream-Pressekonferenz waren nur zwei Personen im Raum. Er und eine blonde, junge Frau. Sie fragte Sunde stellvertretend – für Journalisten, die ihre Fragen per Twitter schickten.