Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Michail Gorbatschow hat damit 1989 auf den Punkt gebracht, was kurze Zeit später zur Realität wurde: der Zusammenbruch der DDR. Geschichtsunterricht bei gamona? Mitnichten. Wir wollen auf etwas ganz anderes hinaus: Denn auch geneigte Spieletester nutzen den eingangs erwähnten Satz immer wieder gerne, um verspätete Titel mit schlechten Wertungen abzustrafen.

Unser heutiges Testobjekt "Jade Empire" kommt zu spät. Und zwar um ganze anderthalb Jahre. So lange ist das Xbox-Pendant schon auf dem Markt. Ein neuer Fall für die Standardfloskel also? Keinesfalls! Wie so oft bestätigen Ausnahmen die Regel. Die Entwickler von BioWare haben sich nämlich so lange Zeit gelassen, um das Spiel an allen Ecken und Enden zu überarbeiten. Wie gut "Jade Empire" dadurch geworden ist, erfahrt ihr in unserem Review!

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Chinesischer Messias
Entführte Jungfrauen, edle Ritter, fiese Erzmagier und Burgfeste für strahlende Jünglinge - all diese Ingredienzien traditioneller Fantasy-Rollenspiele findet ihr in "Jade Empire" nicht vor. Stattdessen gibt's handfeste Action und tiefgründige Dialoge aus dem Reich der untergehenden Sonne. Nur zu Beginn geht's noch gemächlich zu. Flugs einen der vordefinierten Helden auswählen, diesen noch ein wenig modifizieren und ab ins Jadereich!

Jade Empire Special Edition - China, wir kommen! Bis zum Morgengrauen zocken wir uns durchs Reich der aufgehenden Sonne.

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Trügerische Idylle! Das Schiff macht gleich mächtig Ärger!
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Dort angekommen müsst ihr erst einmal die Schulbank drücken und in einer alt ehrwürdigen Kampfschule eure Fähigkeiten verbessern. In diesem Tutorial wird euch die grundlegende Bedienung des Spiels erläutert, ihr übt das Kämpfen, lernt wichtige Charaktere kennen und werdet ruckzuck in Ereignisse involviert, die - wie so oft - die ganze Welt bedrohen.

Schon früh ist klar, dass ihr erneut der Auserwählte seid, dem Großes beschienen ist. Altbekannt, aber immer wieder schmeichelhaft! Jedenfalls wird schon kurz nach Spielstart euer weiser Meister entführt, und fiese Geister drohen, das Land zu überrennen. Also gut, auf in den Kampf!

Sag, wo kommst du her!
Dass "Jade Empire" tatsächlich von den Rollenspiel-Göttern BioWare ("Baldur's Gate", "Knights of the Old Republic") stammt, ist auf den ersten Blick kaum ersichtlich. Die drei ausbaufähigen Charakterwerte Körper (Gesundheit), Seele (Mana-Nachschub) und Verstand (für Zeitlupeneffekte und zum Einsetzen der Kampfstile) zeugen jedenfalls nicht von bahnbrechender Attribut-Innovation. Wer gerne in tausenden von Statistiken wühlt und zig Charakterwerte verbessern will, der wird mit dem China-Epos nicht unbedingt warm werden.

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Unser Meister im Dialog mit uns, stilecht inszeniert mit Filmstreifen.
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Was noch lange nicht heißt, dass "Jade Empire" kein waschechtes RPG ist. Es setzt einfach nur den Fokus anders als vergleichbare Genrevertreter. Statt Itemflut und Charakterpflege stehen tiefsinnige, fast schon philosophische Gespräche mit echten Konsequenzen auf der Tagesordnung. Hier sind die NPCs keine bloße Staffage, sondern "Menschen" mit mal mehr, mal weniger nachvollziehbaren Absichten. Fast jeder Charakter hat in "Jade Empire" etwas zu sagen. Oftmals sogar zu viel. Mehrmals erwischten wir uns dabei, wie wir minutenlange Dialoge per Mausklick "abkürzten".

Häufig müsst ihr euch in den Gesprächen zwischen diversen Antwort-Möglichkeiten entscheiden. Dabei gibt es kein "richtig" und "falsch", sehr wohl aber "gut" und "böse". So hängt von euren Antworten und Aktionen ab, wie Charaktere auf euch reagieren. Helft ihr unschuldigen Bürgern, während sie von fiesen Geistern angegriffen werden, oder überlasst ihr sie ihrem Schicksal? Lasst ihr den Messias raushängen und straft das einfache Volk mit arroganten, selbstgefälligen Äußerungen ab, oder agiert ihr stets als Schwiegermutters Liebling und schmeichelt euch bei allem und jedem ein? Je nach Handlungsweise entwickelt sich die Geschichte in leicht unterschiedliche Richtungen, was wiederum in verschiedenen Endsequenzen resultiert. Schade: Selbst bitterböse Helden unterscheiden sich optisch nicht von herzensguten Vertretern. Dieser Aspekt hat uns in "Fable" deutlich besser gefallen.

Immer feste druff!
"Reden ist Silber, Hauen ist Gold!" Getreu diesem Motto kommt ihr natürlich auch in "Jade Empire" nicht weit, ohne haufenweise Monster weich zu klopfen. Wer BioWare kennt, den wird das sehr actionlastige Kampfsystem erstaunen. Im Japano-Prügler geht ihr nicht rundenweise oder taktisch anspruchsvoll zu Werke wie in den meisten anderen Spielen der kanadischen Star-Entwickler. Nein, hier wird gekloppt, bis dass der Tod euch gewaltsam scheidet.

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Salto mortale und Kampfeslust - eine tödliche Mischung für den Gegner.
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Passend zum Martial-Arts-Hintergrund springt ihr wie Bruce Lee in seinen besten Zeiten über den Bildschirm und haut Widersacher mit unterschiedlichen fernöstlichen Kampfstilen aus den Sandalen. Das geht erfreulich locker von der Hand. Mit der linken Nagertaste führt ihr Standardangriffe aus, mit der rechten besonders wirkungsvolle Power-Attacken. Per Leertaste blockt ihr gegnerische Schläge. Und wollt ihr gleich ein ganzes Rudel von Feinden malträtieren, so klickt ihr auf beide Maustasten. Klingt einfach und simpel, ist aber äußerst durchdacht und spannend umgesetzt.

Wie im guten alten "Schere, Stein, Papier"-Knobelspiel haben alle Angriffsvarianten Stärken und Schwächen. Blöcke etwa halten normale Attacken ohne weiteres auf, sind gegen Power-Angriffe aber völlig wirkungslos. Letzteren könnt ihr wiederum entgegen wirken, indem ihr mit einem normalen Schlag kontert. Soweit alles klar? Okay, dann bleibt schön konzentriert, denn es geht noch weiter. Im Lauf des Spiels eignet ihr euch durch Training und als Belohnung für erfüllte Quests viele verschiedene Kampfstile an, die unterschiedlich effektiv gegen eure Widersacher sind. Traditionelle Kampfkünste wie der schnelle Tigerangriff oder der eher tumbe "weiße Dämon" setzen Geistern und Menschen ordentlich zu. Golems aber sind vollkommen immun gegen eure wild fuchtelnden Hände. Diese Burschen reagieren hingegen umso sensibler auf die ebenfalls erlernbaren Magiestile, darunter traditionelle Feuerbälle und Blitzzauber.

Schwerter und Kampfstäbe dürft ihr ebenfalls verwenden. Deren Einsatz nagt allerdings an eurer Fokusenergie. Doch dafür hauen die Dinger ordentlich rein! Da geht uns doch gern die Puste aus. Besonders cool sind die so genannten Transformationsstile. Damit ist keine Geschlechtsumwandlung gemeint, vielmehr könnt ihr euch durch das Aufsammeln gegnerischer Seelen temporär in kräftige Monster wie riesige Kröten oder tumbe Oger verwandeln, die so richtig auf den Putz hauen. Welchen der Kampfstile ihr einsetzt, obliegt nur begrenzt eurem persönlichen Geschmack. Denn wie bereits erwähnt sind einige Monster gegen bestimmte Stile völlig immun, so dass ihr mitten im Kampf per Tastendruck die Angriffsart ändern müsst. Das fordert heraus, sorgt aber zugleich für stetige Spannung!

Gemeinsam sind wir stark
Im Lauf eures Abenteuers schließen sich euch wie in "Knights of the Old Republic" über zehn Helfer an, die selbständig agieren und euch im Kampf unterstützen - vom schüchternen Mädchen mit dämonischen Kräften bis zum toughen Ninja. Alle Charaktere zeigen viel Persönlichkeit, kritisieren euch beispielsweise bei zu rabiatem Vorgehen oder fühlen sich bei Komplimenten geschmeichelt.

Mehr als einen Begleiter dürft ihr allerdings nicht mitnehmen. Die restlichen Gefährten warten artig, bis ihr sie per Menüauswahl zu euch beordert. Apropos Menü: Hier zeigt "Jade Empire" seine Konsolen-Herkunft im negativen Sinn besonders deutlich. Die verschachtelten, schmucklosen Kategorien erfordern viel Fummelarbeit. Quests, Attribute, Kampfstile - alle Infos verstecken sich in zahlreichen Untermenüs mit viel Text und wenig Symbolen.

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Düstere Höhlen gehören ebenso zum Abenteuer wie Wälder und Städte.
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Dieser Umstand und die doch sehr "übersichtlichen", um nicht zu sagen kleinen Spielareale samt ständiger Ladepausen sind glücklicherweise die einzigen Negativfolgen der Xbox-Portierung. Ansonsten haben die Entwickler ganze Arbeit geleistet und die PC-Version an allen Ecken und Enden verbessert. So wurden zwei neue Monster, weitere Kampfstile und Waffen implementiert sowie die Grafik aufgehübscht. So wünschen wir uns Konsolen-Umsetzungen!