Was erwarten wir Spieler eigentlich von dieser „Next-Gen“? Neue Grafikwunder, die uns auf leistungsfähigeren Plattformen begeistern und beeindrucken sollen? Oder innovative Spielkonzepte mit glaubwürdigen Geschichten und Charakteren, die das Medium Videospiel auf eine völlig neue Ebene hieven? Sucker Punch Productions schmeißt uns ein lautes „WIR WOLLEN BEIDES!“ und damit die Spielpackung von Infamous: Second Son entgegen. Ich habe den Next-Gen-Pass angenommen und bin nach dem Abspann mit einer neuen Erkenntnis und müden Augen aus dem digitalen Seattle zu euch zurückgekehrt.

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Bereits vor einigen Wochen durfte ich mir eine noch unfertige Version von Infamous: Second Son ansehen und mir ein erstes Bild vom Ort des Geschehens (Seattle) und dem Protagonisten (Delsin Rowe) machen. Das Anspielevent verließ ich damals mit gemischten Gefühlen: Einerseits war ich wegen der noch undurchsichtigen Story und dem mangelhaft-klassischem „Gehe zu Ort A, B und C und erledige Personen X und Y“-Missionsdesign ein wenig enttäuscht, wurde andererseits von der pompösen Grafik und dem opulenten optischen Feuerwerk vollkommen überrascht und begeistert. Mit dem Wissen, eine Preview-Fassung angespielt zu haben, verbannte ich schließlich meine Zweifel auf den „Wird vielleicht ja noch besser!“-Stapel auf meinem Schreibtisch und fieberte der finalen Testversion hingegen. Nun, mit dem frisch durchgespielten Infamous: Second Son im Rücken, wurden meine Zweifel von Sucker Punch Productions meisterlich vom Tisch gefegt – dafür tauchten aber ganz neue Gründe für hochgezogene Augenbrauen auf.

Delsin Rowe: Superheld ohne Superkräfte?

In der ersten Spielstunde wird das zugrundeliegende Geflecht der wichtigsten Charaktere – mit einer Ausnahme – vorgestellt und wir bekommen ein Gefühl dafür, wie der neue Protagonist Delsin Rowe so tickt. Im Gegensatz zum melancholischen und distanziertem Vorgänger Cole MacGrath wirkt Delsin deutlich impulsiver und ungestümer: Er ist auf der Suche nach seiner Bestimmung – und vertreibt sich nebenbei die Zeit mit dem Sprayen an den Häusermauern Seattles und gerät so immer wieder in Konflikt mit dem Gesetz. Delsins Bruder ist Polizist und zeigt sich von den regelmäßigen Straftaten des Sprayers enttäuscht: Dieser Konflikt wird während des Spiels immer wieder zu Momenten führen, die den Spieler zur Entscheidung zwischen Delsins Egoismus und den gesetzestreuen Prinzipien des Bruders zwingen – dazu später mehr.

inFamous: Second Son - Next-Gen im Auf und Ab der Gefühle

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Der neue Protagonist Delsin Rowe ist definitiv nicht jedermanns Sache
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Doch bis es zum ersten moralischen Highnoon kommt, stolpern wir dank zunächst noch fehlender Superkräfte etwas unbeholfen über Stock und Stein und merken, wie sehr wir von Assassins Creeds Klettereien verwöhnt sind. Es war sehr mutig vom Entwicklerteam Sucker Punch Productions, uns zu Beginn des Spiels unter Zeitdruck durch ein Flußbett und über Geröllhaufen zu jagen: Die Steuerung ist spürbar auf den Einsatz der später dazukommenden Superkräfte ausgelegt und bewegt sich davor irgendwo zwischen hypersensibler Sprintsteuerung und einer Sprunganimation, die an sterbende Schildkröten im Senkrechtflug erinnert. Doch bald darauf ist die Superkraft-Durststrecke überwunden und wir dürfen mit den ersten Rauchfähigkeiten um uns feuern und schlagen.

Elementarmagier 2.0

Die verschiedenen Superkräfte sind DAS Erkennungszeichen der Infamous-Marke und hartnäckigster Kaufgrund sowohl für Fans wie auch Neulinge. Tatsächlich sind die spektakulär in Szene gesetzten Elemente und Fähigkeiten der entscheidende Faktor, der Infamous: Second Son von einem austauschbaren Semi-Open-World-Spiel zu einem Superheldensimulator der ganz besonderen Art macht. Neben den bereits aus den Trailern bekannten Kräften Rauch und Neon warten noch zwei weitere Kräfte auf Delsin, die an dieser Stelle nicht verraten werden sollen: Ich selbst merkte beim Spielen, wie sehr mich die Neugierde auf die noch unbekannten Fähigkeiten durch spielerisch schwache Abschnitte peitschte und möchte euch daher diese Motivation nicht nehmen. So viel sei aber schon einmal verraten: Delsins Fähigkeiten bilden das optische Highlight des Spiels und unterscheiden sich in ihrer Spielweise merklich.

Packshot zu inFamous: Second SoninFamous: Second SonErschienen für PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Zu jeder Fertigkeit gibt es einen Talentbaum, der die Entfaltung des gesamten Potentials einer Kraft nach und nach freigibt. Als „Währung“, mit der man neue Tricks freischaltet, dienen Plasmascherben, die an verschiedenen Orten der Stadt aufgestöbert und eingesammelt werden können. Damit ist der Spieler motiviert, auch abseits der sich allmählich entfaltenden Geschichte die Welt zu erkunden und nach den wertvollen Ressourcen Ausschau zu halten.

Ein Drama in drei Akten

Doch spektakuläre Kampfeinlagen können kein mehrstündiges Spiel tragen und so fragen wir uns spätestens jetzt: Kann die Story mit der tollen Präsentation mithalten?

Die Geschichte von Infamous: Second Son gliedert sich deutlich in drei große Kapitel. Zu Beginn lernen wir Delsin, den Sohn eines Indianerstamms am Rande von Seattle kennen. Kurz darauf werden wir Zeuge des Unfalls, der ihm seine ersten Kräfte spendiert und erfahren schließlich von den beiden verfeindeten Gruppen, die das Land spalten: Zum einen gibt es die „Conduits“, oder Bioterroristen, wie sie von ihren Gegnern genannt werden, die mit unterschiedlichen Fähigkeiten ausgestattet sind. Diese werden von den normalen Menschen unter der Führung des D.U.P.s verachtet und gejagt, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, alle Superterroristen in ein Spezialgefängnis zu bringen. Die oberste Gefängniswärterin und Kopf des D.U.P.s ist Brooke Augustine, die selbst ein dunkles Geheimnis hütet.

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Die Story überrascht immer wieder mit unerwarteten Wendungen
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Da Brooke den kompletten Stamm von Delsin in lebensbedrohliche Gefahr gebracht hat, fasst unser Held den Entschluss, nach Seattle aufzubrechen und dort den Kampf gegen die D.U.P. und ihre Anführerin aufzunehmen. Den Großteil unserer Spielzeit verbringen wir nun damit, den Einfluss der Anti-Conduit-Einheiten in den zahlreichen Distrikten und Vierteln möglichst weit zu verringern und säubern so nach und nach die Stadt von Wachpatrouillen, Straßensperren und Kommunikationsblockaden. Während dieser Säuberungsaktionen lernen wir unter anderem auch die Conduit Fetch kennen, die uns noch eine große Hilfe sein wird. Der Personenkreis an neuen Bekanntschaften bleibt aber überschaubar und stellt bis zum großen Endkampf im dritten Kapitel immer die Entscheidungen Delsins über die charakterliche Entwicklung seiner Mittstreiter, die es bis zum Abspann nicht schaffen, ein gewisses Maß an Tiefe zu erreichen.

Während die Mitte des Spiels zäh wie ein Kaugummi ist und nach dem immer gleichen Spielprinzip neue Kräfte einführt (Zerstöre Kernrelais 1 – Sieh nur, eine neue Fähigkeit! – Probiere die neue Fähigkeit an den plötzlich auftauchenden NPCs aus – Zerstöre Kernrelais 2 – Sieh nur, eine neue…) und auch die Nebenmissionen irgendwann jegliche Quelle für Spielspaß versiegen lassen, zieht das Spiel zum Ende hin wieder ordentlich an. Ein epischer Finalkampf, ein Nirvana-Cover, das die Gänsehaut über eure Hautschuppen jagen wird und das Ergebnis all eurer moralischer Entscheidungen bis hierher in einem schonungslosen Outro.

Unterhaltsam, aber mit starken Ausschlägen nach oben und unten: Während man sich durch einen monotonen Mittelteil kauen muss, belohnt das Finale mit Adrenalin, Action und einer überraschenden Wendung.Fazit lesen

Achja, moralische Entscheidungen. Da war doch noch was.

Moralischer Konflikt mit dem Dampfhammer

Während Delsins Rachefeldzug werdet ihr immer wieder vor eine Wahl gestellt, die sich im Gegensatz zu den moralischen Konflikten aus The Walking Dead stets an einer eindeutig guten und einer eindeutig bösen Handlungsweise orientiert. Würde die Frage für Lee lauten, wem er wie viel Essen aus den knappen Vorratskisten überlässt, so müsste sich Delsin lediglich entscheiden, ob er den Müsliriegel selber isst oder ihn teilt.

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Die Intelligenz der NPCs bewegt sich auf einem Niveau mit dem Spruchinventar des "Helden" Delsin
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Mit euren Entscheidungen schaltet ihr an den entsprechenden Punkten der Geschichte unterschiedliche Missionen und Abzweigungen frei, die schließlich aber wieder in ein und denselben Erzählstrang münden. Überflüssig ist das Moralsystem allerdings ganz und gar nicht. Zum einen verändert sich die optische Präsentation eurer Fähigkeiten je nach eurer Gesinnung: Wer übermäßig freundlich und vernünftig auftritt, wirft mit blauen Kräften um sich, während die fleischgewordenen Antichristen rote Fähigkeiten erhalten. Auch die ultimativen Fähigkeiten einer jeden Kraft, die erst durch erfolgreiche Kombinationen im Kampf aufgeladen werden müssen, unterscheiden sich je nach Gesinnung des Protagonisten.

Trotzdem bleibt bis zum Ende des Spiels ein schaler Beigeschmack bezüglich des Moralsystems zurück. Immer wieder habe ich das Gefühl, dass Delsin bereits seine eigenen Vorstellungen hat und sich von Fall zu Fall mürrisch oder fröhlich meinen Entscheidungen beugt. Damit wird dem Spieler ein gutes Stück der Illusion geraubt, den Hauptcharakter wie ein unbeschriebenes Blatt Papier nach eigenem Willen beschreiben und formen zu können. Dabei hatte ich mir vorgenommen, Delsin in tiefste, moralische Abgründe zu stürzen. Selten habe ich einen mir unsympathischeren Protagonisten kennengelernt.

Delsin, Mund zu!

Hach, dieser Delsin. Ich mache es kurz: Ich habe ihn zu keinem Zeitpunkt der Geschichte ins Herz schließen können oder auch nur Sympathie für ihn empfunden. Während sein Vorgänger, Cole, mir in den älteren Spielen deutlich mehr lag, bescherte mir der ungestüme, spätpubertäre und unüberlegte Sprayer Delsin mit seinen coolen Sprüchen eine Stirn in Dauerfalten. Ich kann mir zwar sehr gut vorstellen, dass dieser neue Protagonist viele, auch jüngere Spieler für sich gewinnen kann, aber an mir scheiterte der missverstandene Indianerjunge.

Zumindest fast.

Aufgrund meiner Antipathie dem Protagonisten gegenüber nahm ich mir vor, von Anfang an das Moralsystem an seine Grenzen zu treiben und den überheblichen Delsin durch stets schlechte und „böse“ Entscheidungen irgendwann in eine Depression zu zwingen, um ihn schließlich doch in die Fußstapfen seines geistigen Vorgängers treten zu lassen und mir am Ende einen Protagonisten zu formen, mit dem ich mitfühlen kann.

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Ein regelmäßiges Highlight: Das Erlernen neuer Fähigkeiten!
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Am Schlusspunkt meiner moralischen Rotphase angelangt hatte ich allerdings einen wütenden, aggressiven und verstörten Delsin geboren, dessen finale Entscheidung mir kurz vor dem Abspann eine dicke Gänsehaut über den kompletten Körper jagte. Während ich zuvor noch an den Ausmaßen und der Spannweiter mancher moralischer Konflikte zweifelte, zog ich zu den Tönen des grandiosen Outros meinen Hut.

Das Ende: Betört oder verstört?

Es gibt viele Dinge, die Infamous: Second Son richtig macht. Zu ihnen gehört die graphisch beeindruckende Präsentation zu jeder Zeit, die fast immer erfolgreiche Illusion einer weitläufigen Stadt, wo viele Nebenmissionen und Collectables auf mein Herbeieilen weiter und ein motivierendes Kampfsystem mit allerdings teilweise strohdummer, teilweise aber auch fordernder KI. Immer wieder auftauchende, asynchrone Hänger in der deutschen Synchronisation sowie die mangelnde charakterliche Entfaltung von Delsins Mitstreitern nehmen dem Spiel gemeinsam mit dem zähen Mittelteil eine Menge Spielspaß. Ohne das spannende Ende, das die Summe der moralischen Entscheidungen schließlich sinnig zusammenführt, wäre das Spiel vielleicht auf den Pile of Shame der Bedeutungslosigkeit verbannt worden – so aber muss ich dem Spiel schließlich doch leise applaudieren und eingestehen, dass eine beeindruckende Grafik nicht immer nur über spielerische Schwächen hinwegtäuschen will, sondern dass im Falle eines Infamous: Second Son stellenweise auch deutlich mehr unter der schimmernden Oberfläche stecken kann.