Ich habe Delsin Rowe, den Hauptcharakter von Infamous: Second Son, nie gemocht. Nervige, pubertäre Sprüche und eine fast schon aufdringliche, charakterliche Weichzeichnung nahmen mir jegliche Möglichkeit zur Identifaktion mit dem Protagonisten und seiner Geschichte. Das farbenfrohe Gewitter der Superkräfte und die tolle Inszenierung entschädigten mich allerdings mehr als genug und so genoß ich den neonpinken Sturm am Himmel, während ich jeglichen Frust über Delsin über Board werfen konnte.

inFAMOUS First Light - Trailer (gamescom 2014)Ein weiteres Video

Nun bietet die Standalone-Erweiterung „First Light“ mit der aus dem Hauptspiel bekannten Fetch allen Spielern, die mit dem Kindskopf Rowe wenig anfangen konnten, einen willkommenen Neustart: Während das Spielprinzip bei einem ersten Blick auf die Verpackung das gleiche zu sein scheint, könnte die aus Second Son stammende, emanzipierte Fetch genau dort für neue Pluspunkte sorgen, wo das Hauptspiel (für mich persönlich) versagt hat. Am Ende der etwa fünfstündigen Storyline muss ich allerdings feststellen: Es kommt alles anders, als ihr glaubt. Und am Ende habe ich geweint. Ein bisschen.

Weniger ist selten mehr – hier allerdings schon!

Die Geschichte dreht sich um die mit den serienbekannten Superkräften (Neon) ausgestatteten Fetch und ihren Bruder, die gemeinsam obdachlos durch die Straßen von Seattle wandern und „diesen einen letzten Coup“ starten wollen, bevor sie mit genügend Geld irgendwo ein neues Leben beginnen können. Selbstverständlich geht dieses letzte Ding gründlich schief und Fetch wird von ihrem Bruder getrennt. Nun muss sie sich mit allerhand zwielichtigen Gestalten zusammentun, um bald wieder mit ihrem Bruder vereint sein zu können.

Alles schon gesehen, alles schon erlebt.

Die Geschichte von First Light ist wahrlich kein Wunderwerk voller Überraschungen oder gar interessanter Entwicklungen. Immerhin erzählen die Entwickler mittels einem retrospektivischen Rahmens, oder mit anderen Worten: Fetch befindet sich in einer (spoilerfrei formuliert) haarigen Situation und erzählt von den zurückliegenden Ereignissen in Seattle und ihrem Bruder.

inFAMOUS First Light - Und dann kam alles anders

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 13/161/16
So hübsch wie das Hauptspiel: First Light ist definitiv ein Festmahl für die Augen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Diese Erzählform lockert die Geschichte immer wieder angenehm auf und führt den Spieler regelmäßig zum gegenwärtigen Aufenthaltsort von Fetch, wo sie in Arenakämpfen neue Fähigkeiten erlernen und freischalten kann. Dieser Ortswechsel tut dem Spiel sehr gut und hält den Spieler bei Laune.

Packshot zu inFAMOUS First LightinFAMOUS First LightErschienen für PS4 kaufen: Jetzt kaufen:

Doch auch die Stadt selbst ist dieses Mal keine Ansammlung etlicher, teils nerviger Nebenmissionen, die vom Verlauf der Geschichte ablenken: Im Gegensatz zum Hauptspiele erleben wir hier eine etwas begrenztere Karte, die angenehm entschlackt und zielgerichteter präsentiert wird. Eine überschaubare Anzahl von Quests liegen am Wegesrand und sorgen mit ihrer kurzen Spieldauer für die nötige Erholung von der teilweise gähnenden Storyline.

inFAMOUS First Light - Und dann kam alles anders

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublenden3 Bilder
Die Story ist bestenfals mittelmäßig. Schade!
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Charakterzeichnung mit Weichkonturen

Fetch hingegen war meine persönliche Enttäuschung der Erweiterung. Während sie im Hauptspiel nur eine Nebenrolle spielte, hier aber durchaus interessant und abseits üblicher „Frau in Nöten“-Klischeeschubladen präsentiert wird, glänzt sie nun in ihrem eigenen Spiel mit inhaltlicher Leere. Unglaubwürdig schnell mutiert sie zur Mörderin und schiebt die Suche nach ihrem Bruder als allmächtiges Motiv für all die Taten vor, die sie eigentlich niemals hätte freiwillig begehen wollen.

Auch in Dialogen ähnelt sie ihrem kindlich-trotzigem Vorbild Rowe sehr und entwickelt Charakterzüge, die weder den Spieler noch die NPCs fesseln können.

inFAMOUS First Light - Und dann kam alles anders

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 13/161/16
Die Suche nach ihrem Bruder macht Fetch ordentlich zu schaffen.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Der reine Blick aufs Gameplay begeistert allerdings sehr: Mit nur einer Kraft ausgestattet spielt sich diese abgespeckte Superheldin angenehm schnell und agil und motiviert uns mit einem gut sortierten und großen Fähigkeitenbaum zum Weiterspielen. Unglaublich schnell bewegen wir uns mit ihr durch die Straßenzüge und verfolgen Mission um Mission, um die teils langatmige Geschichte endlich ins Rollen zu bringen.

Weniger ist selten mehr - hier allerdings schon.Fazit lesen

So kam schließlich alles genau anders, als erwartet: Während die Hauptcharakterin nicht überzeugen konnte und charakterliche Blässe beweist, macht die abgespeckte Stadt und der sinnvoll bestückte Fertigkeitenbaum von Fetch viel Spaß – ein Kompromiss, den ich rund fünf Stunden lang wirklich gerne eingegangen bin.