Von den Entwicklern, die euch mit dem legendären „Farming Giant“ sowie dem spielerischen Meilenstein „Skyscraper Simulator“ eine ganz neue Welt der Unterhaltung aufzeigten, fliegt nun eine neue Spielspaßbombe direkt auf euer Nervensystem zu: Industry Empire! Mit anderen Worten: Lest lieber mal wieder ein Buch, oder trefft euch mit Freunden, denn diese Wirtschaftssimulation ist ihr Geld nicht wert.

Industry Empire - Official Trailer

Hach, damals, als die monatlich neue Videospielzeitschrift am Kiosk wesentlicher Bestandteil der allgemeinen Lebensfreude war, riss ich eines Tages aufgeregt eine CD mit der Vollversion von „Industriegigant 2“ aus der Papphülle, die sorgsam ins Heft gebettet war. Diese Wirtschaftssimulation war in meinen jungen, unverbrauchten Augen das perfekte Spiel: Produktionsketten waren leicht nachvollziehbar, Zufallsereignisse sorgten für den nötigen Kick, Konkurrenz und stetiges Städtewachstum ließen keinen Platz für Langeweile oder Motivationsstopps.

Aber mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegte ich mich allmählich auf ein Grafikkartenupdate und der Fehlermeldung „Could not load Industriegigant 2“ zu und so wanderte das Herzensspiel meiner nerdigen Jugendjahre traurig auf den Stapel der unspielbaren Lieblinge.

Industry Empire - Es hätte so schön werden können

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Eine Texttafel kommt selten alleine.
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Die Zeit ist reif, aber niemand weiß es

Während diejenigen von uns, die etwas mit MOBAs anfangen können, momentan fast wöchentlich von neuen Angeboten bombardiert werden, haben es Fans des Genre-Fossils „Wirtschaftssimulation“ schwer. Der Wettlauf um die Optimierung von Rohstoffketten und Lieferwegen scheint aktuell kein heißes Eisen in internationalen Entwicklerschmieden zu sein, was Fans wie mich unheimlich traurig macht. Der verzweifelte Griff in die Steam-Krabbelkiste ist unvermeidlich und beim suchtgetriebenen Grabschen nach einem halbwegs würdigen Erben des Industriegiganten stolperte ich schließlich über Industry Empire. Hey, es steckt das Wort „Industrie“ im Namen, so schlecht kann es nicht sein? Doch selbst dieser Limbotanz meiner Erwartungshaltung sollte enttäuscht werden.

Im Grunde ist der Weg zu einer spaßigen Wirtschaftssimulation kein schwerer: Der Reiz des Spielprinzips besteht darin, einen möglichst perfekten, gewinnorientierten Produktionskreislauf aufzubauen. Wichtig für den Spieler ist es dabei, immer die Kontrolle über jeden Aspekt des eigenen Unternehmens zu haben und Änderungen nachvollziehen zu können. Usability, also Nutzerfreundlichkeit durch Übersichtlichkeit, ist hier das Zauberwort. Leider stellt sich aber Industry Empire vor allem hier äußerst ungeschickt an und schreckt schon ab dem ersten Klick vor weiteren Runden ab.

Industry Empire - Es hätte so schön werden können

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Die Statistiken sind interessant, tragen allerdings nicht zur Benutzerfreundlichkeit bei.
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Back to the Past

Auf Steam wird das Spiel unter anderem mit über 160 nutzbaren Ressourcen beworben, die im Spiel weiterverarbeitet und verkauft werden können. „Ziemlich viel“, dachte ich mir und klickte daher zunächst auf den großen, schlecht aufgelösten, pixeligen „Tutorial“-Button des Hauptmenüs. Genauso gut hätte ich mir allerdings auch ein zentimeterdickes Handbuch kaufen können: Textbox um Textbox klappte sich mir mit unaufhaltsamer Langsamkeit auf und informierte mich zwar gewissenhaft, aber fürchterlich trocken über jeden wichtigen Aspekt des Spiels.

In der Not frisst der Teufel Fliegen - aber nicht Industry Empire.Fazit lesen

Goldene Pfeile forderten mich auf, hier und da zu drücken und damit zu beweisen, dass ich die eben angelesene Lektion verstanden habe. Gamesdesign aus den 90ern, wie es schlimmer nicht sein könnte, ein Einstieg, der jegliche Lust auf's Weitermachen gründlich erstickt.

Hat man sich und den Einsteig allerdings dann doch überwunden und das Freie Spiel begonnen, sieht man sich mit einem zunächst vertrauten Setting konfrontiert: Errichte Produktionsketten, um die verschiedenen Städte auf der Karte zu beliefern und allmählich zum Wachstumsboom zu verhelfen. Allerdings gibt es keine KI oder eine andere Form der Konkurrenz, so dass diese Motivationsschraube bereits im Vorfeld gelockert wird.

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Die Grafik: Ein Blick durch das Milchglas.
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Auch wenn zugegebenermaßen die grafische Präsentation nicht das wichtigste Element bei Wirtschaftssimulationen ist, so lässt sich die Gefahr des drohenden Augenkrebses angesichts der verschwommenen Texturen, der geringen Auflösung und langsam nachladenden Stadtteile nach einiger Zeit einfach nicht mehr ausblenden.

Doch der Fehlerteufel stoppt nicht beim Offensichtlichen: Nachdem das Tutorial sich bereits einige male aufgehängt hatte, mangelte es den Transportwagen nun manchmal an der Fähigkeit zur Wegfindung – ein großer Malus auf den Spielspaß bei einer Simulation, in der „Transport“ so wichtig ist, wie der Eine Ring in der Filmreihe Der Herr der Ringe.

Wer ohne Alltag ist, der spiele die ersten Stunden

Mit engelsgleicher Geduld und dem Willen, Textbox um Textbox abzuarbeiten, eröffnet sich allmählich dann doch Stück für Stück das Spiel, das durchaus komplex gestaltet ist und eine gewisse Portion Langzeitmotivation bietet. Wirtschaftskreisläufe sind mehr oder weniger nachvollziehbar, Statistiken gibt es reichlich und Straßenzüge sowie Baugelände werden mit realistischer, unspektakulärer Animation neu erschlossen.

Doch der Weg dahin ist schwierig und Industry Empire gibt sich größte Mühe, Einsteiger und Neugierige mit der unübersichtlichen Benutzeroberfläche abzuschrecken. Wer das überstanden hat, darf dann auch ein wenig Spaß haben, muss allerdings den bitteren Beigeschmack ignorieren, den die stolzen 25€ für das Spiel auf der Zunge hinterlassen haben.