Wir kennen sie, wir lieben sie: Unzählige Klassiker der Spielegeschichte werden völlig zu recht von Spielern vergöttert und in regelmäßigen Abständen zu den größten und besten Titeln gezählt, die unser Lieblingsmedium bislang hervorgebracht hat. Es lässt sich über diese Games nichts schlechtes sagen, man muss sie einfach lieben. Und wisst ihr was? Wir sagen: Schluss damit!

Nein, auch wir wollen den Majestäten keinen Zacken aus der Krone brechen. Aber wozu hat man denn seine Narrenfreiheit, wenn man sie nicht auch mal ausnutzt und ein paar Mitgliedern der feineren Gesellschaft in den Champagner piselt? Darum lasst uns mit dieser Artikelreihe etwas Spaß haben: Wir schnappen uns Spiele, die unleugbar und ohne jeden Zweifel einfach großartig sind, dann werden wir völlig unfair, mäkeln über Kleinigkeiten und meckern einfach, bis die Schwarte kracht – sowas befreit und macht Spaß! Fangen wir mit einem meiner absoluten Lieblingsspiele überhaupt an: Metal Gear Solid.

„Metal Gear?!“ oder: Die Rache des Papageien

Metal Gear Solid erzählt die Geschichte eines kehlkopfverkrebsten Superagenten, der auf wahnsinnig heroische Weise vor einigen Jahren seinen einäugigen Klonvater totgeschlagen und sich nun aufs Altenteil zurückgezogen hat. Jetzt verbringt Solid Snake, oder Dave, wie er wirklich heißt, seine Zeit damit, im Schnee von Alaska mit Hunden zu spielen und allgemein unheimlich cool aus der Wäsche zu gucken.

(In-) Glourious Gamederps - Metal Gear Solid

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 2/71/7
Schweinecool, selbst ohne Gesicht (die waren 1998 in Videospielen nämlich noch nicht erfunden): Solid Snake.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Als aber sein Klonbruder Liquid, der eine tödliche Allergie dagegen hat, seine britische Hühnerbrust mit Textilien zu verhüllen, sich mit einer Terroristengruppe eine Militärbasis im Shadow Moses Archipel unter den Nagel reisst, kämmt sich Snake die Eiskristalle aus dem Bart, presst sich in einen hautengen Spysuit und macht sich auf die Jagd. Sein Ziel: Metal Gear Rex, die unpraktischste Nuklear-Abschussrampe der Welt, die gleichzeitig eine Art laufender Superpanzer ist.

Hier also übernehmen wir die Kontrolle. Gott gnade euch, wenn ihr die deutsche Sprachausgabe erwischt habt, denn dann könnt ihr eigentlich gleich während des Intros wieder abschalten und stattdessen Marienhof gucken, wo es deutlich bessere darstellerische Leistungen zu bewundern gibt.

Ob nun aber auf teutonisch oder angelsächsisch, Snake infiltriert die gegnerische Basis und nach einem kleinen Tauchgang steuern wir ihn. Nachdem sich die Figuren über Funk exzessiv über Buttons auf dem Playstation-Controller und ihre Funktionen unterhalten haben, wechselt das Game in eine Art Vogelperspektive, aus der wir von nun an unseren grimmen Knurrhahn von Superagenten dirigieren.

Die Shadow-Moses-Basis ist dabei riesig groß, eine Ansammlung von Korridoren und größeren Hallen und bietet genau den Abwechslungsreichtum und all die optische Finesse, die man von Videospiel-Militärbasen auch sonst gewohnt ist. Metal Gear Solid ist nicht das hässlichste Spiel aller Zeiten (was eine beachtliche Leistung ist, wenn man bedenkt, dass sämtliche Charaktere quasi schemenhafte Schattierungen statt echter Gesichter haben), aber möglicherweise ist es das graueste. Snake ist grau. Die Wände und Böden sind grau. Selbst die Moralvorstellungen der einzelnen Charaktere sind eher grau in grau als schwarz und weiß.

Zwischen der ollen Klapperschlange und seinem Ziel steht eine gesamte Armee. Diese besteht, weil das in der Reihe offenbar so Gesetz ist, ebenfalls aus Klonen. Die genetische Abstammung von einem der größten Krieger aller Zeiten soll der Genom-Armee übermenschliche Fähigkeiten und Kampffertigkeiten spendieren. Umso krasser ist der Eindruck, wenn man den schlurfenden Gesellen dann tatsächlich begegnet: Sie können ungefähr fünf Meter weit gucken und hören können sie nur, wenn sie Glück haben.

Da die Schleichen-Taste noch nicht erfunden war, rennt Snake die ganze Zeit im Affenzahn durch die Basis, und sofern er nicht unachtsam in eine Pfütze latscht oder sowas, hört ihn keine Sau. Dann kann er sich den überrumpelten Soldaten von hinten schnappen und ihm mit dem albernsten Angriff der Welt das Genick brechen – ein Stakkato aus sexuell anmutenden Grunzgeräuschen und ruckeligen Animation fulminiert in einen Knacken und einem Soldaten, der sich anschließend wie eine Figurine aus Zuckerguss im Regen auflöst.

Hey, aber immerhin kann die Genom-Elite Snakes Fußspuren im Schnee verfolgen, ohne jeden Zweifel ein Resultat ihrer extra herangezüchteten und überlegenden Intelligenz. Ich meine, seht euch diesen Superagenten-Shit an:

Freaks! Freaks überall!

Das andere große Hindernis, das Snake im Weg steht, ist die Foxhound-Einheit, die von Liquid befehligt wird. Ich weiß nicht, ob es den Regeln der Political Correctness entspricht, aber mir will für diesen bunten Haufen partout kein besseres Wort als „Freakshow“ einfallen. Um bei Foxhound anzuheueren, muss man alle Schnapsflaschen vorzeigen, die die eigene Mutter während ihrer Schwangerschaft geleert hat - sind es weniger, als das Jahr Tage hat, darf man wieder nach Hause gehen.

Lasst mich die ehrenwerten Mitglieder der Liga aufzählen: Da wäre der russische Cowboy, der nach einer Wildkatze benannt ist, einen Folter-Fetisch hat und der mehr als nur ein bisschen verknallt in Snakes Vater war, außerdem hat er deutlich zuviel Spaß daran, lange Patronen in die gut geölte Kammer seines Revolvers gleiten zu lassen.

(In-) Glourious Gamederps - Metal Gear Solid

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 2/71/7
Freaks! Alles Freaks!
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Dann wäre da eine serbische Scharfschützin, die so viel Zeit mit Wölfen verbringt, dass sie selbst Flöhe haben muss, ein indianischer Schamane, der ganz nach den Traditionen seiner Vorfahren mit einer Gatling kämpft... ach ja, und beinahe hätte ich den Gedankenleser und Supermenschen mit der Gasmaske vergessen, der meine Memory Card lesen kann. Uh, er weiß, dass ich Castlevania mag, gruselig! Es gibt auch einen Gestaltwandler, aber der geht so schnell drauf, dass es schon fast amüsant ist.

Außerdem stromert ein Cyborg-Ninja in der Basis herum. Manche Leute betreiben Masochismus als ein Hobby, für diesen halbmechanischen Gesellen jedoch ist es eher eine Art Religion. In all den Jahren, die seit MGS vergangen sind, hatte ich vielleicht eine Handvoll Bosskämpfe, nach denen ich sofort und dringend heiß duschen gehen wollte, aber das von freudigen Schmerzensschreien durchzogene Grunzfest zwischen Captain Selbstbestrafung und Snake war der allererste.

Abgesehen von der „Alle-Leute-müssen-Klone-sein“-Regel gibt es nämlich bei MGS noch ein paar andere Faustregeln fürs Leben zu lernen. Eine weitere: Glückliche Menschen gibt es nicht, weil jede Familiengeschichte verkorkst und geisteskrank ist und sich wie eine Mischung aus Groschenroman und FBI-Profiling liest. Das erklärt den charmanten Haufen an verhaltensgestörten Perversos, dem man so begegnet, doch recht ordentlich.

(In-) Glourious Gamederps - Metal Gear Solid

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 2/71/7
Freak! Noch ein Freak!
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Tatsächlich ist auch einer der Gründe, warum Liquid unseren guten Snake nicht leiden kann, dass er einen Minderwertigkeitskomplex hat, weil er denkt, Snake habe beim Klonen all die „guten Gene“ abbekommen und Liquid die minderwertigen. Man sollte doch meinen, dass er irgendwo zwischen der Militärausbildung und dem Streicheln der eigenen Brust vor dem Spiegel mal Zeit gehabt hätte, ein Biologiebuch aus der 8. Klasse aufzuschlagen, oder?

Und in all dem Snake, dessen gesamte Persönlichkeit seine Stimme ist. Mit der trägt er allerlei vor, aber seine Zeilen sind zu gefühlten 120% einfach die Kerngedanken seines Gesprächspartners, nochmals als Frage formuliert. „Snake, Sie sind auf der Suche nach Metal Gear.“ führt mit einer Wahrscheinlichkeit, die gegen 1 strebt, zu der Antwort „Metal Gear?!“ von Snake. Wenn man fragt, was er vom Bäcker will, heißt es „Vom Bäcker?“. Wie sieht das Privatleben eines Menschen aus, von dem man nicht ausschließen kann, dass er in der entsprechenden Situation ernsthaft den Satz „Orgasmus, huh?“ bringen würde?

Auf leisen, geisteskranken Sohlen
Spielerisch wird für ein Game, das als einer der Pioniere des Stealth-Genres gilt, in MGS erstaunlich wenig geschlichen – wie anfangs erwähnt kann Snake nicht einfach langsam oder vorsichtig gehen, sondern nur wie bescheuert pesen oder sich auf den Bauch legen und robben. Vielleicht ist das eine Anspielung auf seinen Codenamen, vielleicht wurde das Schleichen auch wirklich erst später erfunden. Komplex wird die Sache jedenfalls nach modernen Maßstäben nie...

... bis zu dem Moment, in dem sich Snake mit der Scharfschützin Sniper Wolf ein Duell liefern muss, kein Scharfschützengewehr hat und wortwörtlich durch die halbe Spielwelt backtracken darf, um in einem Waffenlager ziemlich zu Anfang eine entsprechend geeignete Knarre zu finden. Und weil es so schön war, darf er denselben Mumpitz später noch einmal erledigen, wenn er die dümmste Schlüsselkarte aller Zeiten findet, die tatsächlich ihre Funktion ändert, wenn sie Hitze oder Kälte ausgesetzt ist. Ja, in einer arschkalten Basis in Alaska und in einem Thermoanzug steckend, der sich innerlich allein durch Körpertemparatur auf brasilianische Verhältnisse aufheizt, muss der olle Dave nach Schnee und einem Schmelzofen suchen. Weil Backtracking nunmal Spaß macht.

(In-) Glourious Gamederps - Metal Gear Solid

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 2/71/7
Mastermind-Selfie! Diesem Kerl haben wir das hier alles überhaupt erst zu verdanken: Hideo Kojima.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Davon abgesehen ist eigentlich alles herzlich normal, was in MGS-Speak das Wort für „vollkommen unlogisch“ ist. Der Plan der Bösewichte ist ein verworrenes Komplott aus „Lassen wir den Helden für uns arbeiten, aber wir stellen ihm tödlische Fallen, damit es nicht zu einfach wird.“

Der Designer von Metal Gear weiß nicht, dass seine eigene Kreation Nuklearraketen abfeuert. Die Waffenspezialistin in Snakes Team hat absolut nichts Sinnvolles zu sagen – nicht über Waffen, nicht übers Wetter, über gar nichts. Ich meine, wie verworren muss eine Welt sein, damit der Superagent-Papageien-Hybrid, der Zigaretten in seiner eigenen Magensäure schmuggelt, tatsächlich der kompetenteste und rationalste Charakter ist?

MGS hat große Fußstapfen hinterlassen, wie das nunmal passiert, wenn man Clownsschuhe trägt, und die Vorliebe für plakative Generalantworten („Nanomachines, son!“) beibehalten. Die Bruchlandungen, die Hideo Kojima beim Versuch hingelegt hat, die Reihe vollends abzusägen, sprechen allerdings dafür, dass es genug Fans von japanischer Gottseibeiuns-Groschenroman-Action gibt.

(In-) Glourious Gamederps - Metal Gear Solid

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/6Bild 2/71/7
Ja, Metal Gear gibt's immer noch, ja, wir freuen uns irgendwie trotzdem auf Phantom Pain, ja, ihr solltet es vermutlich auch tun.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Und warum auch nicht? Im Grunde ist es ja ganz witzig, dieses völlig übertriebene Gewirr aus halbfunktionellen Schleichmechaniken, furchtbar unrealistischen Szenarien und sexuell verwirrten Hosenscheissern. Selbst, wenn man es nicht selbst spielt, kann man sich einfach eine Tüte Popcorn oder Wasabi-Erbsen greifen, einem Freund beim Zocken zugucken und einfach pointiert und im richtigen Moment ein lautes „What the Fuck?!“ in den Raum werfen. Es wird kommen. Versprochen.

Solange sie keine weinerlichen Albinos einführen oder etwas saudämliches machen, wie Snakes Synchronsprecher auszuwechseln, ist der Reihe garantiert weiterhin eine rosige Zukunft sicher.

„Rosige Zukunft, huh?“