Da ist ein blutroter Fluss, der an der Seite meines Bildschirme entlang prescht, und ich starre in das Wasser hinein, starre, denn ich möchte nicht zurück in die taiwanesische Highschool, in die schwarzen Klassenzimmer, in die Turnhalle mit dem Strick an der Decke. Ich denke nicht, dass diese Geschichte gut ausgehen wird. Also, lasst mich noch einen Moment dem Blut lauschen, ja?

Was, du hast noch nie von Detention gehört? Eine Stunde Nachsitzen!

Detention - Folgt den Monstren im Launch Trailer

In Ich spiel’ etwas, das du nicht spielst tanzen die gamona-Autoren durch die Clubs des Videospiel-Undergrounds, auf der Fährte all jener Spiele, die dem unmittelbaren Mainstream entkommen nun in trüben, unbekannten Gewässern verweilen, ungesehen, aber nicht immer ungeliebt.

Ich wusste, dass es Detention gibt. Als jener seltsamer Mensch, der ich bin und der es liebt, erschreckt, gegruselt oder geschockt zu werden, wusste ich natürlich, dass ja – es gibt einen taiwanesischen Horror-Sidescroller, der Detention heißt und auf den Spuren eines ebenso wahren wie dunklen Zeitalters in Taiwan wandelt. Was nicht heißt, dass ich Detention zum Release Anfang 2017 spielte, oder auch nur im selben Jahr: Ich wandte mich dem Titel erst jetzt zu, als mir der Gruselstoff ausging und Detention auf meiner SPIEL ES ENDLICH-Liste auf den ersten Platz rückte.

Ich bin sehr froh darüber.

Detention krabbelt auf den Spuren zweier Schüler der Greenwood Highschool, einer ländlichen Schule im fiktiven Taiwan der 1960er. Nicht fiktiv ist der Ausnahmezustand, in dem sich das Land befindet: In Taiwan herrschte fast 40 Jahre Kriegsrecht; von 1949 bis 1987, auch bekannt unter dem Namen weißer Terror – eine Zeit, in der unter der Herrschaft einer nationalistischen, chinesischen Partei 140.000 taiwanesische Widerständler weggesperrt und 3000 bis 4000 von ihnen hingerichtet wurden. Es war einer Zeit der Spitzel und Bücherverbrennungen, des Meinungsverbots und, vor allem anderen, der Angst.

Detention erzählt keine politische Geschichte. Kein rein politische zumindest; vergraben unter gesichtslosen Monstren, kaputten Räumen, Kellern und taoistischen, buddhistischen und chinesischen Ritualen, die von Menschen- und Blutopfern erzählen, baut Entwickler Red Candle Games das feine, albtraumhafte Gerüst einer Fantasiewelt um die Grauen der Wirklichkeit. Ihr spielt Wei Chang Ting, einen jungen Schüler, der im Unterricht einschläft und in einem verlassen Schulgebäude aufwacht – und Fang Ray Chin, auf die Wei während seiner Reise trifft.

Der Fluss vor der Schule ist blutrot. Klassenzimmer sind abgeschlossen, wildes Gekritzel an den Wänden und Tafeln scheint nicht von den Schülern zu stammen – was ist hier passiert? Wo sind alle hin? Wei und Fang tauchen tiefer in das Gebäude hinein, lösen Rätsel und erzählen von Aufsehern, die kontrollieren, welche Bücher in der Schule behandelt werden.

Viele Bücher sind verboten. Kein Wunder, denn das politische Regime akzeptiert keine Freidenker oder deren Meinungen; nichtsdestotrotz soll es einen geheimen Buchclub gegeben haben, doch die Geschichte rund um seine Mitglieder tropft nur gemächlich dahin, während die beiden Schüler zunehmend einsamer durch die Gänge der Schule streifen. Und tiefer. Tiefer hinab in die Dunkelheit.

Detention ist ein fantastisch inszenierter Sidescroller, der Taiwans alte Sagen und Mythen wiederaufleben lässt und in ihnen eine vor allen traurige, hoffnungslose Geschichte über familiären Missbrauch, Liebe, Verrat und, nicht zuletzt, die Gewalt der Politik erzählt. Ich mochte die kunstvollen Darstellungen, die Metaphern und die tatsächlich sehr originelle Geschichte, die während des Spieldurchlaufs zusammengepuzzelt werden muss.

Bilderstrecke starten
(14 Bilder)

Dieses Spiel ist nicht das Nonplusultra blutigen Horrors; ich habe danach nicht bibbernd auf der Bettkante gehockt, unwillig, ein Auge zuzutun. Aber ich habe mir vielleicht eine Träne am Ende wegdrücken müssen, denn das Leben kann so schrecklich unfair sein – und Detention ist verdammt gut darin, das in seinen dunkel-melancholischen Räumen und Bildern zu verdeutlichen.