Diesem „Früher war alles besser“-Schmonsens habe ich schon immer widersprochen. Ich liebe mein SNES noch heute innig, aber ich kann mich auch in eine jüngere Generation hineinversetzen, die die filmischen Hochglanzspiele der Jetztzeit sicher nicht mit 16-Bit-Quiek-Sound und staksigen Quaderfiguren tauschen möchte. Doch zumindest in Sachen JRPGs sieht die Sache etwas anders aus …

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Bevor ihr euch jetzt wutentbrannt in die Kommentarspalte verabschiedet: Ich bleibe bei meiner These: Auch in Sachen Japano-Rollenspiel ist früher nicht gleich besser. Wer so etwas behauptet, muss schließlich viele großartige Spiele wie Persona 4, Nier oder Ni no Kuni völlig ausblenden. Aber im Gegensatz zu heute waren japanische Rollenspiele in der Ära von SNES und PlayStation halt der heiße Scheiß – sie bestimmten einen Großteil der Berichterstattung, verkauften sich in rauen Mengen und waren ungemein beliebt. Heute ist die Qualität im Genre, das Budget und auch deren Fanbase weit geringer.

I Am Setsuna - Retro Trigger

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Kreuzfeuer: Wer die Zeitleiste im Auge hat, kann die Angriffe der Heldentruppe kombinieren.
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Sogar Square Enix, das zwei der bekanntesten japanischen Rollenspielgrößen im Firmennamen trägt, scheint die Ursprünge in jüngster Vergangenheit irgendwie verdrängt zu haben und widmet sich lieber seiner Vision von bonbonbuntem J-Pop-Fantasy-Kram. Doch mit dem unerwarteten Erfolg von Bravely Default, das sich mit voller Absicht auf die Klassiker zurückbesann, trat ein Umdenken in Kraft. Mit der Tokyo RPG Factory eröffnete der Publisher kurzerhand ein Studio, das sich voll und ganz den klassischen japanischen Rollenspielen verschreibt und in Verbindung mit ihrem ersten Spiel I Am Setsuna eifrig mit großen Namen der Vergangenheit Klinken putzt.

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JRPG-Tropes 101

Ich will etwas Wichtiges vorweg nehmen: Die kurze Vorschau-Fassung von I Am Setsuna, die ich vor Ort bei Square Enix anspielen konnte, fehlte es an Fleisch. Nach einem kleinen Spaziergang durch ein Städtchen und das Durchforsten eines Winz-Dungeons, hat sich die gute Setsuna auch schon wieder von mir verabschiedet. Aber das ist okay. Ich habe in der halben Stunde, die ich hauptsächlich mit dem Verkloppen von knuddeligen Pinguin-Monstern verbracht habe, alles gesehen, was ich sehen musste.

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Die kleinen, knuffigen Gegner sind eigentlich viel zu niedlich für Dresche – da sie aber EXP, Level und Loot versprechen, gibt’s trotzdem Backenfutter.
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In Pressemitteilungen und Präsentationen schlägt Square Enix immer wieder die Brücke zu Chrono Trigger, einem jener ewig geheiligten, unsterblichen JRPG-Klassiker aus der Hochzeit des Genres. Ich bin mir zwar nach wie vor nicht sicher, ob sich das Spiel einen Gefallen mit derart hochtrabenden Vergleichen macht, doch verdeutlicht es, was sich mir gezeigt hat: I Am Setsuna arbeitet sich wissentlich an den Klassikern des Genres ab. Eine kleine Checkliste:

  • Bonbonbunte Farbpalette? – CHECK!
  • Kopffüßler-Figuren? – CHECK!
  • Knuddelige Gegner? – CHECK!
  • Miniatur-Weltkarte? – CHECK!
  • Active-Time-Battle-System? – CHECK!
  • Flugschiff? – CHEEECK!

Ja, I Am Setsuna brüllt dem geneigten JRPG-Freund sein Vorhaben überdeutlich ins Gesicht. Als ich mich durch die Menüs klickte und über abstrakte Pixelportraits der Heldentruppe stolperte, musste ich ein wenig kichern – die Entwickler von Tokyo RPG Factory scheinen keine Gefangene nehmen zu wollen. Und ich denke, dass die kleine, vorausgeschickte Checkliste noch etwaig erweiterbar ist. Da ich kaum Einblick in die Geschichte hatte, gehe ich einfach mal davon aus, dass mindestens ein Charakter der Heldentruppe unter Amnesie leidet, es einen Bösewicht mit seltsamer Namens- oder zumindest Frisurenwahl gibt und zum Ende des Prologs eine Heimatstadt von den Feinden niedergebrannt wird.

Schön bekannt

Aber irgendwie gehören diese überzeichneten Klischees halt dazu, wenn man die Erinnerungen an die „gute alte Zeit“ wieder wachrufen möchte. Während ich I Am Setsuna spiele, schwingt auch ein klein wenig Nostalgie mit. Alles erinnert mich an die Zeit, in der ich als kleiner Bub mit großen Augen vor dem Bildschirm saß und Final Fantasy, Chrono Trigger und Secret of Mana für mich entdeckte. Dafür sorgt schon die Präsentation, deren Aquarellstrich-Texturen das Bild eines Märchenbuchs zeichnen und mich entfernt an Ubisofts Child of Light erinnern. Hinzu kommt ein klassischer Soundtrack, der neben melodramatischem Klaviergeklimper und wogenden Streichern auch leichtfüßige Upbeat-Nummern beherrscht.

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I Am Setsuna präsentiert ein malerisches Fantasy-Idyll, das es JRPG-Freunden warm ums Herz werden lässt.
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Da ich während der Präsentation nicht die Ruhe finde, mich wirklich auf die Gespräche in einer kleinen Stadt einzulassen und meine Heldentruppe einem kurzen Blick ins Hauptmenü nach eh ziemlich pralle ausgestattet ist, treibt es mich schnurstracks in den ersten Dungeon. In einer von Eis durchzogenen Höhle stelle ich mich in rundenbasierten Kämpfen knuffigen Robben- und Pinguinwesen, bei deren Vermöbelung ich mich frage, ob ich das wirklich tun muss – da mich die Viecher angreifen, wenn ich ihnen auch nur einen Zentimeter zu nahe komme (ja, keine Zufallskämpfe!), verwerfe ich den pazifistischen Gedankengang aber sofort, und dresche fleißig los.

Wunderschöne Hommage, der es hoffentlich nicht an eigener Identität mangelt.Ausblick lesen

Ähnlich wie bei der Präsentation ist auch das Kampfsystem genau das, was ich erwartet habe. Ich gebe meinen Helden Kommandos, sobald sich deren Zeitleiste füllt. Die Fähigkeiten meiner Truppe kann ich soweit aufeinander abstimmen, dass zwei der Charaktere auch gemeinsame Kombo-Angriffe ausführen, um höheren Schaden zu verursachen. Einen kleinen Kniff hält das Kampfsystem aber parat: Hat sich eine Energiekugel neben einem der Charakterportraits geformt, kann ich durch rechtzeitiges Drücken der Viereck-Taste vor einem Angriff für eine erhöhte Effektivität des Angriffs sorgen. Damit zeigt sich I Am Setsuna in einem Punkt von der allgegenwärtigen Inspiration durch Chrono Trigger unabhängig, verneigt sich aber damit auch zeitgleich vor Spielen wie Paper Mario oder Shadow Hearts.