Seit ziemlich genau einem Jahr schwirrt es mir im Kopf herum, verlässt mich für einige wenige turbulente Tage, nur um mich kurz darauf umso heftiger wieder einzuholen. Kürzlich habe ich mich seinem Sog geschlagen gegeben und den letzten paar Sekunden einen ganz besonderen Platz in Form meines alltäglichen Windows-Startup-Sounds vermacht. Wahrhaftig, ich habe mich verliebt.

Die Rede ist von diesem großartigen Theme hier, wie es im offiziellen Trailer zur Kickstarter-finanzierten Indie-Produktion Hyper Light Drifter zu hören ist. Dass sich hinter der klanglichen Fassade noch so viel mehr, die Vision eines einzelnen Mannes, verbergen sollte, der mit seinem Werk den Geist alter 16-Bit-Klassiker mit modernen Mitteln wieder neu aufleben lassen versucht, wurde mir erst mit der Zeit klar.

Nun ist ein ganzes Jahr ins Land gezogen und eingefleischte „Drifter“ dürfen endlich selbst ihre Hoffnungen und Wünsche mit dem abgleichen, was Entwickler Alexander Preston das Spiel nennt, das zeit seines Lebens vor seinem inneren Auge Form angenommen hat. Es ist Zeit zu prüfen, wie viel von dem Traum bleibt.

Hyper Light Drifter - Link wäre entzückt

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Die Bildsprache ist zu großen Teilen von den Filmen Studio Ghiblis inspiriert.
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Du erwachst. Kalte, satte Regentropfen prasseln aus dem wolkenverhangenen Himmel auf dich herab. Der Geruch von feuchtem Gras und kaltem Stein liegt in der Luft. Neugierig musterst du deine Umgebung. Du stehst inmitten eines verwunschenen Waldstücks, deine Füße finden auf einem marmornen Steinplateau Halt. Ringsherum efeubedeckte Säulen, Moos kriecht über den blank gewaschenen Boden; die Natur holt sich ihren Platz zurück. Es fröstelt dir. Unsicher setzt du dich in Bewegung, begleitet von dem beruhigenden Singsang des Windes.

Ausatmen. Es ist ein behutsamer, vorsichtiger Anfang, wie es sich für ein Spiel solcher Art gehört. Hyper Light Drifter zeigt sich auf dieser kahlen Lichtung von seiner scheuesten Seite und lenkt damit den Blick umso mehr aufs Wesentliche. Synthesizer durchdringen mit ihren sphärischen Klängen die Szenerie, die unverkennbare Optik trägt ihren Teil dazu bei. Es ist ein klein wenig wie Urlaub für die Sinne.

Packshot zu Hyper Light DrifterHyper Light DrifterErschienen für Wii U und PC kaufen: Jetzt kaufen:

Neugierig macht man sich mit dem Bewegungsrepertoire seiner Spielfigur vertraut. Die unverkennbare Dash-Funktion, die unseren Helden im Bruchteil einer Sekunde mehrere Meter Raum unter den Füßen wettmachen lässt, geht flott von der Hand und lässt sich mit dem richtigen Timing scheinbar zu einer richtigen Bewegungskette aneinanderreihen. Das Kampfsystem fühlt sich wunderbar traditionell an, unsere Lichtklinge bietet uns entweder eine simple Hiebabfolge aus einfachen Schlägen oder wahlweise einen stärkeren, aufgeladenen Schlag an. Link, das bist doch nicht etwa du unter dem Mantel?

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Die Handlung von Hyper Light Drifter soll die Gesundheitsprobleme des Entwicklers Alexander Preston ansprechen und aufarbeiten.
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Das gewaltige Eingangsportal verschlingt dich. Im Innern schuttbedeckter Boden, zerriebener Teppich. Merkwürdig deplatzierte Wassertanks an den Seiten des Korridors ziehen deine Blicke auf sich. In der trüben, rot scheinenden Flüssigkeit meinst du die Umrisse von Kreaturen ausmachen zu können. Schnell verdrängst du die Frage, was genau dich da aus dem Inneren der Behälter anstarrt. Mysteriöse Zeichen an Boden und Wänden. Dein schwebender Begleiter nutzt die gleichen kryptischen Symbole in seinem Versuch, sich dir mitzuteilen. Hast du einmal seine Sprache gesprochen?

Wer schon einmal FEZ, eines der besten seiner Art, gespielt hat, kennt das Gefühl. Auch dieser Titel entlässt den Spieler in eine Welt, in der er sich die ersten Momente noch nicht zurechtfindet, ständig versucht, sich einen Reim auf die Dinge zu machen, ohne dass es ihm so recht gelingen mag. Wirkliche Antworten erhält man nie, die ganze Zeit bis zum Ende der Vorschau-Version nicht, doch das muss nichts unbedingt Schlechtes bedeuten, ganz im Gegenteil: Hyper Light Drifter atmet Atmosphäre, hypnotisiert von den beständig auf- und abschwellenden Basslinien treibt es einen durch das Innere der Tempelanlage.

Back to the roots

Ein plötzliches Knacken lässt dich aufhorchen. Nur wenige Meter voraus schlurft eine monströse Abart aus Mensch und Tier direkt auf dich zu, zwei weitere Artgenossen dicht hinter ihm. Instinktiv ziehst du die Pistole aus dem Halfter, die du den Gebeinen eines glücklosen Abenteurers abgenommen hast, und bedankst dich inständig für das unvorhergesehene Geschenk. Mit einem stummen Kampfschrei auf den Lippen stürmst du den Ungetümen entgegen und eröffnest das Feuer.

Das hier wird kein einfacher Zelda-Klon, sondern eine liebevolle Rückbesinnung auf die Stärke alter Tage.Ausblick lesen

Es ist ein im Videospiel-Jargon furchtbar inflationär gebrauchter Satz, doch selten hat er so sehr gepasst wie hier: Hyper Light Drifter ist leicht zu erlernen, aber schwer zu meistern. Das recht reduzierte Kampfsystem lässt bereits nach der ersten Feuerprobe mehr Tiefe und feinere Nuancen erkennen als anfänglich angenommen – Dashs, kurze Feuerstöße und zielsicher angebrachte Schwertstreiche fügen sich zu einer einzigen, flüssigen Bewegung zusammen und werden in ihrem Wechselspiel von Begegnung zu Begegnung immer wichtiger, um gegen die an Masse und Stärke zunehmenden Mobs zu bestehen. Dazu kommen noch Konter, die bei perfektem Timing Gegner zurückwerfen und eure Schlagfertigkeit für wenige Momente in die Höhe treiben, sowie die begrenzte Ladung im Einsatz eurer Schießeisen. Wie gesagt, zu Beginn bekommt man von all dem noch herzlich wenig mit, aber die Erkenntnis kommt mit der Zeit.

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Fakt am Rande: Die Schadensanzeige hat es in dieser Form nicht in die Vorschau-Version geschafft.
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Ein neues Selbstbewusstsein keimt in dir hoch. Die namenlosen Schrecken, die das Innere des Tempelgewölbes bevölkern, konnten dich nicht von deinem Pfad abbringen, genauso wenig wie die klaffenden Abgründe, die für Reisende ohne deine Fähigkeiten unüberwindbare Hindernisse dargestellt hätten. Jäh wirst du aus deinen Gedanken gerissen, als du aus dem Augenwinkel einen bedrohlichen Schatten auf dich zurasen siehst. Dir bleibt kaum mehr Zeit die Silhouette eines gewaltigen schwarzen Würfels auszumachen, da hat er dich bereits erreicht. Ein kurzes Aufzucken von Schmerz, dann ist es vorbei. Du stehst wieder am Anfang.

Hyper Light Drifter schwelgt gerne in Erinnerungen, das sieht man ihm an. Entwickler Alexander Preston benannte Titel wie A Link to the Past und Diablo als größte Inspirationsquellen und er hätte besser nicht liegen können. Optik und Kampfsystem sind die wohl offensichtlichsten Versatzstücke dieser Orientierung, aber dabei bleibt es nicht. Wenn die Genreformel aus „Springen, Sammeln, Kämpfen“ über die Zeit um Variablen wie bewegliche Plattformen, explosive Fässer, Laserschranken und tödliche Gravitationswürfel erweitert wird, dann kommt das dem Spielgefühl eines Zeldas oder Metroids erstaunliche nahe, die auf ebenso behutsame Art und Weise die Levelarchitektur mit kleineren, neuen Designanstößen weiterzuentwickeln vermochten.

Die letzten Meter. Als du die bedrückende Enge des Tempels verlässt, schlägt dir eine kühle Brise entgegen und wischt die Erinnerungen an die durchlebten Strapazen beiseite. Die Sterne funkeln in der Ferne und tauchen die blühende Lichtung in ein geisterhaftes Licht. Eine Brücke führt dich zu einer seltsam vertrauten Marmorterrasse. Kalte, satte Regentropfen prasseln aus dem wolkenverhangenen Himmel auf dich herab. Der Geruch von feuchtem Gras und kaltem Stein liegt in der Luft. Der Kreis schließt sich.

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Hyper Light Drifter vereint Einflüsse von High Fantasy und Steampunk.
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Eine halbe, wenn man es langsam angeht vielleicht auch eine ganze Stunde beschäftigt einen die Vorschau-Version, danach findet die Reise ein schnelles Ende. Einen Bosskampf bleibt uns Alexander Preston schuldig, genauso wie einen Ausblick auf Interaktionsmöglichkeiten mit NPCs oder die Zugänglichkeit von Handel und Lootsystem. In Ermangelung von Optionen zieht man weiter – oder schlägt den gleichen Weg erneut ein und entdeckt, dass versteckt vor den Augen allzu ungeduldiger Individuen noch zahlreiche Geheimnisse auf ihre Entdeckung warten.

Beim zweiten Durchgang ist die Umgebung bereits vertraut und das öffnet einem die Augen für andere Dinge. Plötzlich erkennt man in den spärlich verstreuten, leuchtenden Quadraten, die in Paaren den Boden pflastern, Wegweiser zu verborgenen Arealen, ausgelassene Abzweigungen eröffnen neue Routen und führen zum Teil sogar zu noch ungenutzten Sekundärwaffen wie der Kugelbombe. Es ist die Freude am Entdecken, die eine der größten Triebkräfte dieses Spiels ausmachen wird und es ist ein Grund, nicht das Vertrauen in Alexander Preston und sein Team zu verlieren.