Mittwoch, 19:30 Uhr. 15 gamescom-Termine stecken mir in den Knochen, doch für HTC Vive lohnt es sich noch die letzten Kraftreserven zu mobilisieren. Es gibt nichts, was ich in den letzten fünf Jahren gesehen oder erlebt habe, was auch nur annähernd an den Wow-Faktor dieses VR-Erlebnisses rankommt. In diesem Special sage ich euch, warum HTC Vive noch ein paar Stolperfallen hat, aber Ubisoft unbedingt Dark Messiah of Might and Magic 2 dafür entwickeln muss.

Als ich John Wick sah, dachte ich die ganze Zeit: Das wäre perfekt für Virtual Reality. Die Kamerafahrten, die Atmosphäre, die Perfektion mit der Keanu Reeves seine Glock anlegt, das wäre perfekt für VR. Aber nur, wenn es richtig gut gemacht ist. Wenn sich die Welt glaubhaft anfühlt, der 3D-Sound das Gefühl gibt, sich im Kugelhagel zu bewegen und vor allem, wenn die Eingabegeräte perfekt funktionieren. Es ist wenig verwunderlich, das sich Starbreeze, die Macher von legendären Klassikern wie The Chronicles of Riddick und The Darkness, HTC Vive als Launchplattform für ihr geplantes John-Wick-VR-Game ausgesucht haben. Denn die Eingabeerfassung mit diesen zwei Joystick-ähnlichen Controllern funktioniert fast schon gespenstisch gut.

Und das, obwohl die Dinger merkwürdig aussehen, so wie alles in VR irgendwie zunächst recht grotesk wirkt: der Helm des HTC Vive sieht aus wie eine Skibrille, nur gespickt mit Spiegeln. Die Haptik ist hochwertig, auch wenn das Design gerne in der nächsten Iteration etwas weniger nerdig ausfallen darf. Der Komfort ist auch mit Brille (ich bin Brillenträger, um die optimale Schärfe zu erhalten, habe ich sie nicht abgenommen) recht komfortabel. Mit dem Helm auf der Nase sehe ich aus wie Puck, die Stubenfliege und jeder WG-Mitbewohner oder jede Freundin, würde mich auslachen. Aber das ist egal, denn sobald ich das Headset aufziehe, fühle ich mich wie in eine andere Welt gebeamt.

Der Stress der gamescom, völlig vergessen

Wenn es nicht dezent unprofessionell klingt würde, würde ich das HTC-Vive-Headset als die perfekte Chillout-Lounge bezeichnen. Denn eigentlich bin ich gestresst, verschwitzt, völlig ausgepowert, als ich abends um 19:30 Uhr meinen letzten Termin bei HTC habe. Satte 15 Präsentationen und Interviews liegen hinter mir, mein Hirn tut sich mittlerweile schwer, all diese Impressionen einzuordnen. So viele Spiele, so viele Geschichten, so viele Menschen.

HTC Vive - Mehr Wow-Faktor geht nicht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 3/61/6
Ganz schön groß ist dieses Vive: die verbauten Spiegel dienen fürs Laser-Tracking, für die ihr jeweils zwei Lighthouse-Stationen im Raum installieren müsst.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

gamescom, das ist Speeddating als Business-Kultur. Man rennt von einem Publisher zum nächsten, schüttelt Hände, versucht jedem Entwickler die Aufmerksamkeit zu geben, die er verdient hat. Der Körper ist irgendwann nur noch eine funktionierende Maschine, angetrieben aus einer wilden Mischung aus Espresso und Energy-Drinks. Nach 30 Minuten geht es von vorne los, aber egal, es ist der beste Job, den ich mir vorstellen kann. Also HTC Vive aufgezogen, rein in den virtuellen 360-Grad-Kinosaal und plötzlich stehe ich auf einem Schiff. Es ist wie Assassin’s Creed: Black Flag, nur unten am Meeresgrund. Ich tanze über die Planken, bewege mich Richtung Kajüte.

Black Flag in echt und der freundliche Wal

Aber wie unfassbar gut das aussieht: weniger wie ein Spiel, mehr wie ein interaktiver Film. Das morsche Holz, das vom Wasser durchnässt ist, die Kanonen, auf denen sich erste Algen bilden. Es scheint erst vor Kurzem gesunken zu sein, der Zustand ist gut, die Texturen verdammt scharf und es fühlt sich so realistisch an. VR ist eine dieser Erfahrungen, die sich schwer in Worte fassen lässt, aber die Entwickler dieser Demo, darunter Left 4 Dead-Chefentwickler Chet Faliszek, sind verdammt gut darin, mit meinem Hirn zu spielen.

Ich bewege mich in der realen Welt eigentlich nur in einem leeren Raum, aber in VR fühlt es sich an, als würde ich zum Bug hin wie einen kleinen Berg hochgehen. HTC arbeitet mit Valves Lighthouse-Technik, die aus einer Basisstation und zwei Transmittern besteht, die jeweils einen horizontalen und einen vertikalen Laserstrahl der Klasse 1 mit 60 Hz aussendet. Die Laser-Kästen müsst ihr an den Wänden eurer Wohnung anbringen, ein bisschen Aufwand ist also gegeben. Rechts, links, hinten und vorne erstreckt sich ein rotes Karo-Muster, was die Wand des Raumes repräsentiert. Das stört die Atmosphäre aber nur minimal, denn das Muster wird nur eingeblendet, wenn ich der Wand bereits sehr nahe bin. Den Rest der Zeit verschleiert die VR-Welt diese „Level-Begrenzung“.

HTC Vive - Mehr Wow-Faktor geht nicht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 3/61/6
Puck, die Stubenfliege: ich sehe zwar komisch aus, fühle mich aber in eine völlig andere Welt katapultiert und vergesse die Messe um mich herum völlig.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Irgendwann taucht dann etwas großes Blaues auf, ich erschrecke, gehe einen Schritt zurück. Ein etwas müde blinzelndes Auge richtet seinen Blick auf mich, es ist ein Blauwal, der mal Moin-Moin sagen wollte. Ich sehe die Kiemen und die Muskeln, wie sie atmen. Black Flag sah ja schon verdammt gut aus, aber das hier erinnert mehr an die Blu-ray Unsere Erde. Wieder so ein Wow-Moment, so scharf und lebendig hätte ich das nicht erwartet, das OLED-Display mit einer Gesamtauflösung von 2160 x 1200 Pixeln (also Full-HD für jedes Auge) liefert hier ganze Arbeit. Der Wal winkt noch kurz mit der Schwanzflosse, ich winke zurück, Ende der ersten Demo.

Der Secret Shop aus Dota 2

HTC Vive ist sehr gut darin, euch komplett vergessen zu lassen, dass ihr dieses merkwürdige Headset tragt und mit kabellosen Controllern herumfuchtelt. So fühle ich mich schnell heimisch in Dota 2s Secret Shop, einer Art Magie-Labor. Der große Vorteil des Positional-Trackings ist, das ihr euch in einem halbwegs großen Raum frei bewegen könnt. Ihr könnt umherlaufen, die riesigen Bücherregale bewundern, dank der exzellenten Umsetzung aller Gesten mit den Vive-Controllern ein Buch aus dem Regal nehmen, es mit der linken Hand halten respektive auf den linken Arm legen und und mit der rechten Seite blättern. Dazu drückt ihr die Trigger auf dem Joystick, aber das macht man irgendwie automatisch, das Gadget fühlt sich schnell als Verlängerung der eigenen Hand an.

gamescom 2015

- Wählt das Beste der Besten der Besten, Sir!
Voting startenKlicken, um Voting zu starten (76 Bilder)

Sorgen mache ich mir ein wenig über die Kabelbindung an den Highend-PC von Nvidia, denn wenn ihr alleine spielt, müsst ihr höllisch aufpassen, nicht immer wieder übers Kabel zu stolpern. Aber ich bin mir sicher, dass irgendein cleverer Dritt-Hersteller mit einer Art Kabelschiene auf den Markt kommt, über die sich die Schnur auf dem Boden halten lässt. Nach ein paar Minuten klopft es an der Tür, der Händler kommt rein und wow, sind die Texturen scharf. Klar, die Nvidia Battlebox hat mächtig Power: so eine GTX 980 Ti bringt 6 GByte Grafikspeicher auf 8 Milliarden Transistatoren mit, dafür lässt sich der gute Mann aber auch nicht von einem CGI-Render in einem Pixar-Film unterscheiden. Damit meine ich nicht nur, wie sich die Augen bewegen, so dass beispielsweise die Retina jeweils leicht funkelt, wenn er in seine kleine Magiekugel schaut.

Der kleine, neugierige Drache und die Zauberkugel

Sondern auch der 3D-Eindruck ist perfekt. Als er mir seine Zauberkugel ausborgen will, greife ich nach der massigen Hand, kann natürlich da nichts fühlen, aber es wirkt trotzdem sehr echt. Als ich so mit der Kugel herumspiele, denke ich zurück an Dark Messiah of Might and Magic. Wie fantastisch wäre es, ein solches Spiel mit VR zu erleben. Ich kann an der Kugel mit der anderen Hand reiben, dann leuchtet sie noch ein bisschen mehr und dadurch bekomme ich die Aufmerksamkeit des kleinen Drachen, der mir neugierig folgt. Auch hier funktioniert der 3D-Eindruck sehr gut.

HTC Vive - Mehr Wow-Faktor geht nicht

alle Bilderstrecken
Wischen für nächstes Bild, klicken um Infotext ein- / auszublendenBild 1/4Bild 3/61/6
Mit hoher Wahrscheinlichkeit haut Valve Portal 3 zum Start für HTC Vive raus. Würde Sinn ergeben, das System braucht ein Zugpferd mit großem Namen und zur Enthüllung wurde bereits eine Demo mit der Stimme von GLaDOS präsentiert.
mehr Bildersteckenalle Bilderstrecken

Der kleine Kerl watschelt mir die ganze Zeit hinterher. Gehe ich in die Hocke, indem ich auch in der echten Welt in die Hocke gehe, schreckt er zurück, legt zum Schutz die Hände vor seine Augen. Ich strecke meine Hand aus, er kann die Magiekugel jetzt besser sehen und sein Augapfel folgt sichtlich dem Glanz. Krieche ich förmlich um ihn herum, dreht er solange seine Augen, bis es nicht mehr geht und positioniert sich dann neu. Stehe ich auf, geht er auf die Zehenspitzen, so sehr ist er von der Kugel fasziniert. Geht mir auch ein bisschen so mit diesem magischen VR-Ding auf meinem Kopf.

Fazit

Ich habe auf der gamescom wirklich viel gesehen und erlebt, aber nichts konnte HTC Vive schlagen. Die Bildschärfe, der 3D-Sound, die Immersion – das ist einfach perfekt. Es klingt merkwürdig, aber tatsächlich ist so eine Messe der optimale Testhintergrund für Virtual Reality. Denn wenn ein Gerät es schafft, euch für 30 Minuten raus aus der lauten, lärmenden Messe Köln und rein in ganz andere Welten zu transportieren, dann ist das ein sehr guter Indikator für seine Leistungsfähigkeit.

Für alle, die es interessiert: Bei den Vive-Systemen handelte es sich um Nvidia Battleboxes mit EVGA GTX 980 Ti, Core i7—5860K und 32 GByte Ram. Ordentlich Power unter der Haube muss schon sein, schließlich muss das Bild für VR doppelt gerendert werden und das System 90 Hz ausgeben. Der größte Schwachpunkt von Vive ist sicherlich seine Kabelbindung, ohne den netten HTC-Mitarbeiter wäre ich öfter über die Schnur gestolpert. Leider gibt es aktuell keine kabellose Lösung, die latenzfrei diese gigantischen Berge von Daten übermitteln könnte. Aber das Silicon Valley wird auch dafür in den nächsten Jahren eine Lösung finden. Außerdem ist der Preis noch immer geheim, der wird aber darüber entscheiden, wie schnell sich die Plattform durchsetzt. Mein Preis-Tipp: 400 Euro, all inclusive.