Von so ziemlich jedem Produkt gibt es Luxusvarianten. Zum Beispiel E-Gitarren, die mehr kosten als ein Kleinwagen, Handtaschen zum Preis eines Monatsgehalts oder schlicht Beinfreiheit beim Reisen erster Klasse. Es ist aber nicht immer nur der Preis, der einen Gebrauchsgegenstand oder einen Service zum Luxus erhebt. Manchmal fällt auch das Anwendungsgebiet so exotisch aus, dass die wenigsten Interessenten das volle Potenzial ausschöpfen können. Etwa schnittige Sportwagen, die kaum ein Normalsterblicher ausfahren kann. HTCs Virtual-Reality-Brille mit dem Namen Vive passt in beide Kategorien: nicht billig und sehr speziell. Dafür aber verdammt gut.

Wie oft war Virtual Reality schon „das nächste große Ding“? Zweimal? Dreimal? Der große Durchbruch blieb jedenfalls aus, und auch in dieser Generation bleiben arge Zweifel gegenüber dieser Form der Unterhaltung. Die Technik ist nicht das Problem, Es ist die Software, die dem Angestrebten nicht gerecht wird. Aber eines nach dem anderen.

Kein Geheimnis: Unter den drei dominierenden Marken für VR-Headsets ist HTCs Vive das technisch anspruchsvollste. Nicht weil die Darstellung in der Brille besser ausfällt als etwa bei Oculus Rift oder bei Sonys PlayStation Headset. In diesem Kriterium bewegen sich alle drei Konkurrenten auf Augenhöhe (haha). Bei Vive ist es das Drumherum, das den Unterschied ausmacht.

Für den Anschaffungspreis von 900 Lappen plus Versand und Zoll erhält man ein VR-Headset, zwei kabellose Controller sowie zwei Sensoren, die im Spielzimmer platziert werden wollen. Klingt zuerst nicht außergewöhnlich, doch der Unterschied zu den Konkurrenten wird augenblicklich deutlich, wenn der Aufbau der Ausrüstung ansteht. Während Rift und PS VR in weniger als fünf Minuten Aufbauzeit einsatzbereit sind (alle Kabel einstecken, Treiber installieren, fertig), sollten bei Vive abseits des üblichen HDMI- / USB-Gefummels deutlich mehr Handgriffe eingeplant werden. Die mitgelieferten Sensoren erfassen nicht nur die Ausrichtung des Headsets und der zusätzlich nutzbaren Steuereinheiten, zu denen wir später noch kommen. Sie definieren auch eine virtuelle Spielfläche im Zimmer, die vorab eingerichtet und kalibriert werden will. Dazu müssen sich beide Abtaster direkt gegenüberstehen, ohne dass deren Sensorik durch Gegenstände oder Mobiliar gestört wird. Somit müssen die beiden recht unauffälligen Klötze entweder an der Wand in entsprechender Höhe montiert, oder über ein hohes Stativ platziert werden. Nur wer entsprechend Platz im Zimmer hat, kommt in den Genuss aller Vorteile Vives. Dagegen waren die Anforderungen von Microsofts Kinect noch Kinkerlitzchen.

HTC Vive im Test - Der Großvater des Holodecks

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Die Brille, die den Konkurrenzprodukten Oculus Rift und PlayStation VR das Fürchten lehren soll.
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Virtuelle Welt, widewidewie sie dir gefällt

Aufbau, Einrichtung, Kalibrierung: All das ist bei Vive längst nicht so einfach wie es sein müsste, um ein breites Publikum anzusprechen. Selbst wenn man sich an alle Vorgaben der Anleitung hält, ist gelegentlich der Wurm drin, was in der Regel in einem Neustart des in Steam implementierten Systems mündet. Geduld ist eine Tugend und widerspenstige Technik manchmal schwer durchschaubar. So lässt sich nicht erklären, warum die beiden kabellosen Controller gelegentlich nicht erkannt werden oder warum Steam schlichtweg nicht auf das Umschalten in den VR-Modus reagiert. Auch ein Absturz der Software gehört im aktuellen Entwicklungsstand noch zum Alltag.

Sobald alles korrekt funktioniert, gilt es nur noch, den virtuellen Raum abzustecken, in dem man mit den Controllern an den Grenzen des Spielfeldes entlangläuft. Vive quittiert dies mit der Errichtung von Barrieren, die in der VR-Brille als Gitter visualisiert werden. Hat was von Star Trek-Holodecks, wenn auch deutlich kleiner.

HTC Vive im Test - Der Großvater des Holodecks

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Sobald die Sensoren stehen, muss die Vive mit eurem PC verbunden werden. Das klappt zwar relativ einfach, mit gelegentlichen Fehlermeldungen, Neustarts und dergleichen müsst ihr aktuell aber trotzdem noch leben.
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Nun denn: Brille aufgesetzt, Audio-Kabel an den Headset-Anschluss gesteckt und Controller in die Patschehändchen genommen. Letztere sieht man dank der praktischen Sensorik auch innerhalb der 3D-Brille. Sie werden in Form grafischer Replikate visualisiert und in Echtzeit durch den virtuellen Raum bewegt. Hilft ungemein bei der Orientierung, zumal der Bedienkomfort ab diesem Moment keine Wünsche offen lässt. Klobig und vielleicht etwas überdimensioniert fühlen sie sich an. Dafür sind alle Steuerungseinheiten sehr gut erreichbar, seien es die beiden Griff-Buttons an den Seiten, der analoge Trigger auf der Rückseite oder das großzügig angelegte, runde Touchpad in Daumenhöhe.

Im Sichtfeld der Brille nimmt der rechte Controller die Funktion eines virtuellen Laserpointers ein, mit dem man das Steam-Menü auf einer Art schwebender Kinoleinwand bedient. Drumherum entdeckt man einen sehr einfach gestalteten Raum, der einen Nachthimmel vortäuscht, aufgrund der groben Cubemap aber nicht eine Sekunde überzeugend wirkt. Hier hätte man durchaus etwas mehr Mühe reinstecken können, um einen Wow-Effekt zu erzeugen. Aber sei es drum, letztendlich geht es nur um die Umgebung des Hauptmenüs.

Zum Starten eines Programms muss man lediglich auf das zugehörige Symbol innerhalb eines Rasters zeigen und den Trigger drücken. Nichts einfacher als das, solang Steam nicht abstürzt. Passiert das doch, dann steht man wie der Ochse vorm Berg, weil Fehlermeldungen nicht an die Brille übertragen werden. Das Programm friert einfach ein und man wartet. Gegebenenfalls für einige Minuten, bis man auf die Idee kommt, die Brille abzuziehen und auf den normalen PC-Bildschirm zu schauen, wo man das altbekannte Absturzfensterchen findet. „Exe XY kann nicht ausgeführt werden“.

Passiert zum Glück nicht oft. In der Regel wechselt SteamVR nach der Wahl eines Spiels fließend in dessen Benutzeroberfläche. Funktioniert umgekehrt genauso gut. Ein Druck auf den Button unterhalb des Touchpads lässt das Steam-Menü erscheinen, wo man das aktuell laufende Spiel beenden oder sogar sofort zu einem anderen Programm umschalten kann. Das System wirkt durchdacht und ist auch für Einsteiger benutzerfreundlich genug.

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