Kingdom Come: Deliverance ist das Skyrim ohne Drachen, Magie und – am allerwichtigsten – ohne Helden. Ein Rollenspiel, dass auf Realismus und Immersion setzt; ein Spiel, in dem ihr so gut wie alles sein könnt, außer übermenschlich. Als Sohn eines Schmieds kämpft ihr euch durch eine gnadenlose Welt voller Dreck, Blut und Sex, wobei jede Auseinandersetzung und jedes falsche Wort euren Tod bedeuten können.

Spielzeit: ca. 20 Stunden im Spiel

In Kingdom Come: Deliverance spielt ihr Heinrich, den Sohn eines talentierten Schmieds:

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Erste Eindrücke nach 20 Stunden im Spiel” – nicht sehr oft denke ich in solchen Dimensionen, denn selten fühle ich mich im Spiel nach einem durchgezockten Wochenende, als sei das Tutorial gerade einmal vorbei. Aber um ganz ehrlich zu sein: Ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt schon im Hauptteil angekommen bin. Nunja. Deswegen kommt hier ein Vorabtest im “Hot or Not”-Format, ohne Wertung. Alle Angaben sind demnach persönlich, unseriös und können sich im Verlauf der nächsten Tage und Wochen ändern. Wann kommt der offizielle Test zu Kingdom Come: Deliverance? Sobald ich mir sicher bin, nicht mehr im Tutorial zu sein… Scherz. Hoffentlich sehr bald.

Hot or Not: Das kurze Format für extrem persönliche, unseriöse & ehrliche Videospielkritiken

Dreckiges, stinkendes, faszinierendes Mittelalter

Wir schreiben das Jahr 1403. Nach dem Tod von Karl IV. übernimmt sein Sohn Wenzel IV. das Zepter in Böhmen, ehe sein Halbbruder mit Kriegern in das Land einfällt. Und wer seid ihr? Kein Adeliger, kein Ritter, sondern der junge Sohn eines Schmieds, der voller Angst und Grauen aus dem kleinen Dorf Skalitz flieht, nachdem seine Nachbarn und Freunde von feindlichen Truppen aufgeschlitzt worden.

Mein Name ist Heinrich: In der First-Person-Ansicht renne ich zurück zur Burg, während vor meinem innere Auge noch mein Vater gegen die Angreifer kämpft; Mutter in seinem Arm, ehe er niedergestochen wird. Ihre Gesicht, als sie sich über ihn beugt, schreiend und die Gleichgültigkeit, mit der die Krieger sie abschlachten. Die Brücke zur Burg wird hochgezogen, als ich keuchend ankomme; “Flieh nach Talmberg, warne sie”, brüllt mir einer von den Meinen zu und ich renne, die Soldaten an meinen Fersen.

Kingdom Come - Deliverance: Keine Chance für die Dorfbewohner

Es ist eine der ersten Szenen im Spiel, die etwa eine Stunde nach Beginn getriggert wird und bereits aufzeigt, was Kingdom Come: Deliverance ist: Story, Emotionen, Immersion – kein Haudrauf-Spektakel, sondern ein Titel, der jedem Spieler zeigen wird, wo genau sein Platz in der Gesellschaft des Mittelalter ist.

Ich höre sie hinter mir. Kurz überlege ich, ob ich stehenbleiben und warten soll; einfach um zu sehen, wie schnell sie mich umbringen könnten. Ich tue es nicht. Stattdessen nehme ich die Beine in die Hand, renne über einen verborgen Pfad bis zum Dorf und erspähe Pferde. Meine Chance. Als meine Sicht verschwimmt, laufe ich langsamer, um nicht vor Erschöpfung umzukippen; dann höre ich einen Schrei. Drei feindliche Soldaten in voller Rüstung umkreisen eine Bäuerin, mir wird schlecht. Ich renne zu ihnen, um sie zu retten.

Packshot zu Kingdom Come: DeliveranceKingdom Come: DeliveranceErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Nachdem ich drei Mal hintereinander von den Kriegern aufgespießt wurde, sehe ich es sein: Ich bin nicht stark genug, ich muss fliehen oder sterben. Kingdom Come: Deliverance kennt keine Gnade und fasziniert gleichsam in seiner Fülle an Details. Während also die Fragen in meinem Kopf umherspuken, “Wollten die Soldaten sie vergewaltigen? Hätte ich sie retten können? War das überhaupt ein gewolltes Event?” wird der Moment später in den Dialogen aufgegriffen, als Heinrich schulderfüllt zugibt, dieser Frau nicht geholfen zu haben. Und das ist es, was Kingdom Come zumindest nach den ersten Stunden von anderen großen Rollenspielen abhebt: Nahezu alles, was ihr tut, hat tatsächlich Konsequenzen. Nicht in der Hauptstory, nein, aber es wird bemerkt und angesprochen, wobei ich nicht nur von Kills spreche oder Gegenständen, die ihr klaut. Selbst zuviel gewartete oder geschlafene Stunden werden von euren Auftraggebern im Dialog erwähnt, als hätten sie bemerkt, wie spät es ist. Das ist beeindruckend.

Etwas seltsames geht in Böhmen vor sich...

Etwas anderes: Das Kampfsystem ist bockschwer und kompliziert, bis zur Unübersichtlichkeit hin. Zum jetzigen Zeitpunkt meide ich Kämpfe, die ich gegen mehr als eine Person austragen muss, da ich keine Chance für mich sehe. Zeitgleich fehlt mir das Geld für gute Rüstung; selbst speichern kann ich außerhalb der festen Save-Games nur mit einem teuren Retterschnaps, den ich mir kaum leisten kann. Schlafen in richtigen Bett hilft auch, wenngleich mir selten der Zugang zu mehr als einem Heuhaufen gewährt wird. Denn was bin ich schon? Nicht mehr als ein Taugenichts in einer Welt, die von anderen regiert wird.

Mein Pferd steht im Zaun, aber es ist mir egal

Gerade zu Beginn von Kingdom Come: Deliverance fielen mir innerhalb der PC-Version einige Glitches und Bugs auf, die womöglich auch nicht alle mit dem 23GB-Day-One-Patch behoben werden. Zumindest sind es aber keine Game-Breaker; außerdem schienen sie abgesehen von verschiedenen Item-Glitches im Spielverlauf seltener aufzutreten. Und falls ihr euch fragt: Auch die Grafik erreicht nicht das Niveau, mit welchem das Spiel über Kickstarter beworben wurde.

Auch die Pferde haben sich im Mittelalter anders verhalten, als heutzutage

Kingdom Come: Deliverance ist kein AAA-Titel. Es ist schön, aber die Texturen sind auch bei den besten Einstellungen teils verpixelt; es ist unglaublich detailiert, aber die Gesichter der Bewohner Böhmens wiederholen sich bereits nach wenigen Stunden im Spiel. Was mich dagegen wirklich begeistert hat, ist der Grad der Immersion; die Lebendigkeit der Welt und der Geschichte, die euch umgibt.

Der Elefant im Raum

Es gibt jede Menge, über das ich noch berichten könnte – angefangen von den etlichen Fertigkeiten über das liebevoll gestaltete Schnellreise-System bis hin zum angepriesenen Realismus, mit dem das Spiel hauptsächlich beworben wird. Gerade letzter Punkt ist ein zweischneidiges Schwert, insbesondere im Hinblick auf die Rassismus-Vorwürfe gegenüber dem Kingdom-Come-Deliverance-Director Daniel Vávra, welche vor einigen Tagen durch die hiesige Presse gingen. Bis jetzt sind mir im Spiel einzig weiße, heterosexuelle Charaktere begegnet; und nein, damals gab es nicht nur weiße, heterosexuelle Menschen.

Nun müssten wir entscheiden, ob die bloße Abwesenheit dieser und anderer Minderheiten ein Spiel rassistisch macht oder Kingdom Come: Deliverance einzig seinen Realismus-Anspruch teilweise abqualifiziert. Noch dazu ist das Mittelalter eine dunkle Zeit; deshalb, weil es nur wenige Überlieferungen im Vergleich zu anderen Epochen gibt und die, welche vorhanden sind, nicht unbedingt wahrheitsgetreu sein müssen. Es ist eine schwierige, aber wichtige und ernstzunehmende Diskussion, die hier in diesem kurzen Vorabtest jedoch nicht vollständig behandelt werden kann oder sollte.

Welche Spiele kommen eigentlich in den nächsten Monaten auf den Markt? Wir haben uns niedergesetzt, den Federkiel herausgeholt und einen kleinen Text zu den Releases 2018 geschrieben:

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Natürlich dürft ihr sehr gern in den Kommentarbereich posten, wie ihr die Angelegenheit betrachtet. Ich persönlich – und immerhin handelt es sich hier um ein persönliches Format – sehe im Spiele nach den ersten Stunden sehr viel Potential, auch abgesehen von der angepriesenen Authentizität. Empfehlenswert unter Vorbehalten.