Arztserien stehen hoch im Kurs. Daran wird auch der Tod von Klausjürgen Wussow alias Prof. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik nichts ändern. Während deutsche Weißkittel-Soaps uns allerdings meist mit Herzschmerz und hirnschrumpfendem Kitsch überziehen, ist man in Amiland einen Schritt weiter. Serien wie »Dr. House« zeigen, dass eklige Ekzeme und originelle Krankheiten auch einen hohen Spaßfaktor haben können. Bis zu einem gewissen Grad gilt das auch für das neue Produkt aus dem Hause Codemasters. »Hospital Tycoon« beweist, dass der Aufbau eines Klinikimperiums und das Kurieren von unbekannten Leiden zumindest eine zeitlang gut unterhalten können - und das sogar ganz ohne Hugh Laurie.

Hospital Tycoon - Trailer #2Ein weiteres Video

Hospitalismus
Fans des alten Bullfrog-Klassikers »Theme Hospital« können sich freuen, denn mit »Hospital Tycoon« steht ein veritabler Nachfolger in den Startlöchern, der das in Ehren ergraute Doktorspiel beerben möchte. Genau wie im zehn Jahre alten Vorbild geht es auch diesmal wieder darum, aus dem Nichts ein florierendes Kranken-Kurier-Zentrum mit allem Zipp und Zapp zu schaffen. Im Karrieremodus fängt man dabei nicht ganz bei Null an.

Hospital Tycoon - Kommt'n Mann beim Arzt: Wir sagen, warum die OP-Sim mit Kinderkrankheiten zu kämpfen hat

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Vielen Dank, Schwester, dass Sie mir diese bescheuerte Blume ins Haar geklebt haben.
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Die wichtigsten Räume und ein paar Angestellte - Ärzte und Schwestern - gibt es schon, doch um Patienten aufnehmen und behandeln zu können, fehlt es an allen Ecken und Enden. Also setzt man die ersten Eckpfeiler für einen möglichst großen medizinischen und wirtschaftlichen Erfolg, um maximal drei Kliniken hochzuziehen, die von piefigen Provinzheilanstalten zu ultramodernen und hochtechnisierten Gesundheitszentren ausgebaut werden.

Obwohl in einzelne Episoden unterteilt, folgt die Handlung dabei keiner fortlaufenden Story. Vielmehr entspricht jede Folge einem Krankenhaustag und wartet mit neuen Problemen auf, die bis zum Feierabend gelöst werden müssen. So muss eine drohende Epidemie in der Klinik verhindert werden, oder man muss so schnell wie möglich eine bestimmte Einrichtung, wie zum Beispiel ein Dekontaminationszentrum, aus der Erde stampfen. Aus der Aufgabenstellung resultiert jeweils eine Reihe von Handlungen, die der Reihe nach abgearbeitet werden.

Das Forschungslabor dient beispielsweise dazu, neue Krankheiten zu identifizieren und eine Behandlung zu finden. Jede entdeckte Krankheit erfordert wiederum die Anschaffung bestimmter Räumlichkeiten sowie Ausrüstung und entsprechendes Personal. Je schneller man einen Patienten kurieren kann, desto mehr Geld fließt in die Kasse. Doch je weiter die Klinik sich ausdehnt, desto mehr Konsequenzen ergeben sich daraus. Mehr Patienten machen mehr Dreck, also braucht man mehr Reinigungskräfte. Außerdem verlangt das verwöhnte Pack eine schön ausgestattete Klinik. Die Folge: mehr Botanik, mehr Fernseher, mehr Kunstwerke.

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Und ich sage Ihnen, Doktor, Sie machen den Einlauf von der verkehrten Seite!
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Diese Kette ließe sich beliebig fortsetzen. Denn das Prinzip, das eine Sache die nächste bedingt, ist aus Aufbauspielen dieser Art hinlänglich bekannt. Und daraus resultiert auch eine der großen Schwächen von »Hospital Tycoon«. Hat man nämlich durchschaut, in welcher Reihenfolge welche Entscheidungen zu treffen sind, schleicht sich Aufbauroutine ein. Hinzu kommt das Gefühl, alles irgendwie schon einmal gesehen zu haben, denn spielerische Innovationen sucht man leider vergebens.

Außerdem lösen sich viele Aufgaben automatisch, sobald man die betreffenden Einrichtungen gebaut hat. Insofern sinkt mit zunehmender Spieldauer leider die Motivation.
Übrigens: für alle Fans von Krankenhaus-Soaps haben die Programmierer sogar so etwas wie eine kleine Rahmengeschichte eingebaut, die im Laufe der Handlung fortgesponnen wird. Für das eigentliche Spielgeschehen ist sie allerdings ohne Belang.

Doktorspiele
Die Handlung ist witzig aufbereitet, doch die Gags wiederholen sich leider recht schnell. Die Halbgötter in Weiß sind notorische Schürzenjäger oder völlig durchgeknallt und eitel bis zum Abwinken, Jungärzte sind ehrgeizig und beneiden ihre erfolgreichen Kollegen, und die Schwestern sind äußerst willig, wenn es ums Flirten mit den Doktoren geht. Außerdem zanken sich die Urinschubsen darum, wer den nächsten gemeinsamen Dienst mit dem bestgestylten Schönlingsarzt schieben darf.

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Gefährlich: Blähungen bei Rentnern
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All das unterhält eine Weile ganz gut, nutzt sich aber ziemlich bald ab. Auch bei der Namensgebung der Krankheiten sind die Entwickler von Deep Red recht kreativ gewesen, so dass einem - zumindest in der deutschen Übersetzung - angesichts so origineller Krankheiten wie »Knallkatharr« oder »Limettensyndrom« manches Grinsen über das Gesicht huscht. Doch leider können die verspielten Einfälle nicht über die Schwächen der konventionellen Wirtschaftssimulation hinwegtäuschen.

Das Fehlen einer wirklichen Story macht sich spätestens dann bemerkbar, wenn sich die Abläufe wiederholen: neue Patienten bringen neue Krankheiten, die werden erforscht und kuriert, und man erweitert mit der eingenommenen Kohle sein Equipment und Personal. Das klingt nicht nur öde, sondern spielt sich nach einer Weile leider auch so.

Wie aus einem Arztroman
Was wäre eine Klinik ohne Operettendramen und standesgemäßem Klüngel? Und eben damit kann man auch hier eine Menge Zeit verbringen. Denn je mehr Angestellte man um sich schart, desto größer wird auch das Konfliktpotential der Kollegen untereinander. Und irgendwann reizt und ärgert man sich bis aufs Blut, und keiner traut dem anderen über den Weg. Deshalb sollte man sich auch regelmäßig über die Gemütszustände seiner Untergebenen informieren.

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Dazu klickt man einfach eine beliebige Person an und erhält prompt alle nötigen Informationen. Besonders wichtig ist natürlich die Zufriedenheit. Denn frustrierte Ärzte und liebeskranke Schwestern leisten nur unzulängliche Arbeit. Und das rächt sich binnen kurzer Zeit bitterlich, denn spätestens, wenn sich originelle Epidemien im Krankenhaus breitmachen, sollte man einen gut funktionierenden Betrieb haben. Glücklicherweise kann man in Streitigkeiten zwischen dem Personal aktiv eingreifen.

Entweder, man feuert einen der Streithähne und bringt so Ruhe und Ordnung in seinen Hühnerstall, oder man veranlasst die Kontrahenten, sich wieder zu vertragen. Dazu wählt man einen Protagonisten und klickt dann auf denjenigen, mit dem er Zoff hat. Anschließend wählt man aus einem Aktionsmenü, ob er seinem Rivalen versöhnlich gegenübertreten soll, ihn mit Komplimenten weich kocht oder gar amouröse Avancen macht.

Das funktioniert bis zu einem gewissen Grad auch recht gut und hebt die Stimmung beim Personal. Doch es können nicht nur positive Aktionen veranlasst werden. Will man einem Angestellten eins auswischen, kann man beispielsweise seinen bis dahin besten Freund dazu bringen, Scheiße über ihn zu erzählen. Das steigert unter Umständen die Dynamik in der Klinik und verhindert kollegiale Kungeleien.

Verdauungsprobleme
»Hospital Tycoon« könnte ein wirklich gutes Spiel sein, wenn die Entwickler anstelle von stetig wiederkehrender Routine mehr Abwechslung und echte Herausforderungen eingebaut hätten. So bleibt hinter der amüsanten Fassade nur eine grundsolide Aufbauarie, die frei von Innovationen auf Dauer schwer im Magen liegt. Auch mit dem Sandkasten-Modus verhält es sich leider nicht viel anders.

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"Frau Doktor, Sie haben da eine bescheuerte Blume im Haar kleben."
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Zwar zieht man dabei buchstäblich aus dem Nichts seine Traumklinik hoch, doch wenn man die höchste Ausbaustufe erreicht hat, passiert bis auf die schon angeführten sozialen Konflikte und ab und an mal eine frische Krankheit nicht mehr viel. Technisch geht das Programm dafür so flüssig von der Hand wie ein Schaukeleinlauf. Die comichafte Grafik haut zwar niemanden vom Hocker, krankenhausreif ist sie allerdings auch nicht. Menü und Benutzerinterface sind gut organisiert und bieten schnellen Zugriff auf alle Optionen. Aufgeräumt präsentiert sich auch die Übersicht, die auf Knopfdruck von der frei rotierbaren isometrischen Wuselperspektive zu einer 2D-Aufsicht wechselt.

Wer will, kann auch jederzeit in die Egoperspektive einer beliebigen Person springen. Spielerisch ergibt sich daraus allerdings kein Sinn. Musikalisch gibt sich die Krankenhauskungelei betont unaufdringlich. Die akustischen Klänge reichen dabei von swingähnlichen Rhythmen bis hin zu unauffälliger Fahrstuhlmusik, die nicht weiter stört. Anders sieht es leider bei der Sprachausgabe aus, bei der die Entwickler sich offenbar vom berüchtigten Sims-Singsang haben inspirieren lassen.

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Das nervige Gebrabbel erinnert jedenfalls mehr an das Winseln eines Köters mit Hodenkrebs als an Sprachausgabe. Zum Glück gibt's dagegen ja das Optionsmenü. Aufbaufans ohne allzu große taktische Ansprüche und leidenschaftliche Krankenhaus-Liebhaber sollten einen Blick auf das Programm werfen. Wer mehr auf komplexe Wirtschaftssimulationen und anspruchsvolles Taktieren steht, ist hier falsch aufgehoben. Daran kann auch der frühere Kultstatus der »Theme«-Reihe nichts ändern.