Vor knapp fünf Jahren sollte der Shooter Homefront für den ins Straucheln geratenen Publisher THQ die Kastanien aus dem Feuer holen. Doch der am Ende zu bodenständig (und zu kurz) ausgefallene Hoffnungsträger der New Yorker Kaos Studios konnte nicht dabei helfen, das Steuer herumzureißen. Das Ergebnis ist bekannt: THQ ging pleite, die Erbmasse wurde von anderen Spieleherstellern meistbietend ausgeschlachtet. Eine Fortsetzung des Ballerspiels erschien damit eher unwahrscheinlich - aber offenbar nicht unmöglich.

Bereits auf der Gamescom 2015 hatte ich die Gelegenheit, den inoffiziellen Nachfolger Homefront: The Revolution, der kein Nachfolger sein will, auszuprobieren. Statt eine Fortsetzung des 2011er-Spiels zu deichseln, probieren die Entwickler lieber einen Neuanfang, starten also ein Reboot. Schon vor einem halben Jahr war mein Eindruck eher von der Sorte: „Hmm, kann ja noch werden - wenn sie an VIELEN Dingen schrauben“. Damals gefiel mir in erster Linie der Guerilla-Ansatz des Spiels - als Rebell hat man im Jahr 2029 die Aufgabe, sein Heimatland USA gegen die koreanischen Besatzer zu verteidigen bzw. es zurückzuerobern. Und da man - anders als die Truppen der KVA - nicht auf einen großen Militärapparat zurückgreifen kann, muss man sich seine Waffen, Gadgets usw. mithilfe von gesammeltem Kram zusammenbauen.

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Eine Widerstandszelle im Koop-Modus

Soweit so okay - jetzt, ein halbes Jahr später, habe ich eine Beta-Version des Shooters nochmal angezockt. Dabei stand der Koop-Modus im Mittelpunkt, in dem ich gemeinsam mit drei anderen Kameraden eine Widerstandszelle bilde. Der Hintergrundgedanke ist, dass man möglichst eng zusammenarbeiten soll, um die Missionsziele abschließen zu können. Im Alleingang sind die insgesamt 12 Aufträge im fertigen Game (ich habe drei gezockt - nach Release soll es nochmals ein Dutzend neuer Missionen geben) wohl kaum zu schaffen und auch vereint sind sie recht tough - was laut Entwickler Deep Silver Dambuster Studios Absicht ist.

„Es soll kein Spaziergang sein“, sagen sie - Spieler sollen über die Probleme, mit denen sie konfrontiert werden, nachdenken und Lösungsmöglichkeiten finden. In einer Mission muss man zum Beispiel eine Festung der koreanischen Truppen infiltrieren, sich ein paar Fahrzeuge schnappen und diesen bis zum Ziel Geleitschutz geben - mitten in der Nacht, durch Feindesland hindurch, das mit Scharfschützen und einer Übermacht gegnerischer Einheiten gespickt ist. In einem anderen Einsatz geht es darum, Sniper auszuschalten, was aber darin endet, dass sich mein Squad ein Rückzugsgefecht gegen mehrere Wellen anrückender KVA-Soldaten liefern muss.

Homefront: The Revolution - Guerillakampf für Klebstoffschnüffler

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Die Spielfigur lässt sich in vielen Bereichen individualisieren.
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Um solche Aufgaben zu meistern, muss man den Umgang mit dem Guerilla-Toolkit erlernen - sprich: Seinen Charakter beim Hochleveln mit entsprechenden Skills aufwerten, sich passende Strategien zurechtlegen und die Ausrüstung pimpen: Hacking-Gadgets, Sprengkörper verschiedenster Art und natürlich die Waffen den Ansprüchen anpassen. Im manchen Einsätzen sind Snipergewehre sinnvoller, in anderen Sturmgewehre oder Schrotflinten angebrachter. Und alle lassen sich mit diversen Erweiterungen upgraden und anschließend im Feld on the fly austauschen - diesen Aspekt finde ich ziemlich cool und gelungen.

Das Problem: Die Ausbauten findet man in Nachschubkisten, die man gegen Erfahrungspunkte eintauscht. Allerdings ist es dem Zufall überlassen, welche Gadgets und Ausrüstungsgegenstände im eigenen Inventar landen. Was natürlich etwas dämlich ist, wenn man einen Schalldämpfer benötigt, aber keiner im Team bislang einen abbekommen hat. Die Suche nach neuen Gegenständen (z. B. Waffen, Fernzünder, explosive Munition, Damage Booster) lässt sich jedoch auch abkürzen - indem man Echtgeld einsetzt. Laut den Entwicklern, von denen einige bereits zum damaligen Kernteam gehört haben sollen, investiert man hier nach dem Vorbild von World of Tanks nicht in pay-to-win, sondern profitiert nur von einer Zeitersparnis gegenüber denjenigen, die keinen richtigen Zaster für neuen Kram ausgeben wollen. Alle Inhalte ließen sich auch kostenlos freischalten, es dauere eben nur länger.

Packshot zu Homefront: The RevolutionHomefront: The RevolutionErschienen für PC, PS4 und Xbox One kaufen: Jetzt kaufen:

Der Personal Trainer als Guerilla-Kämpfer

Mit der Auswahl der Spielfigur zu Beginn des Spiels legt man auch den Kernskill fest, ich habe mich etwa für einen Personal Trainer entschieden, der sich in kritischem Gesundheitszustand flotter bewegen kann. Andere Charaktere profitieren von einer höheren Reichweite ihrer Gadgets oder sie erhalten mehr Ersatzteile von Drohnen- und Fahrzeug-Wracks. Grundsätzlich sind die Skilltrees in vier Tiers unterteilt („Brains“: u. a. Wummen lassen sich fixer modifizieren, Teamkameraden schneller wiederbeleben - „Brawn“: weniger Fallschaden, mehr Krempel schleppen - „Fighter“: ziehen Waffen rascher, zielen ruhiger - „Survivor“: verbessertes Schleichen und Plündern) und erlauben euch, verschiedene Schwerpunkte zu setzen. Ob sich die unterschiedliche Verteilung von Skillpunkten am Ende auf das Spielerlebnis auswirkt, lässt sich jedoch nach ca. 1,5 Stunden Spielzeit nicht beantworten.

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Cool: Vorhandene Aufsätze lassen sich on-the-fly austauschen.
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Das hört sich alles nicht schlecht an und die Missionen sind dank der offenen Sandbox-Umgebung wenig linear angelegt und teils recht spannend, was gefühlt eher an der krassen Gegnerübermacht lag. Woran es (derzeit) trotz der eingesetzten Cryengine allerdings noch hapert, ist schlicht die technische Umsetzung. Zum einen merkt man dem Game an, dass es offenbar bereits seit fünf Jahren in Entwicklung sein soll. Auch wenn einige Effekte (Regen, Explosionen, Feuer) ansehnlich sind und die in Ruinen liegende Stadt einen guten Eindruck des jahrelangen Widerstandskampfes vermittelt, liegt doch einiges im Argen.

Teils sieht das Gezeigte zwar etwas altbacken aber annehmbar aus - teils ist jedoch ganz schöner Augenkrebs darunter mit vielen Texturfehlern. Vor allem das Design der Spielfiguren weckt Erinnerungen an längst vergangene Tage, gerade die Animationen kommen oft sehr hölzern daher. Darüber hinaus strotzt das Spiel in dieser Version noch vor etlichen Grafikglitches (herumfliegende oder schwebende Charaktere) und Massen an Clippingfehlern - zum Beispiel beim Nahkampf. Auch andere Kernelemente, wie das Springen über Hindernisse, funktionieren nur überaus hakelig, manchesmal entfährt mir ein Lachen ob der ungewollten Slapstickeinlagen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, denn es sind einige interessante spielerische Ansätze vorhanden. Im derzeitigen Zustand ist das Spiel aber kaum konkurrenzfähig.Ausblick lesen

Das zentrale Problem des Actionspiels ist meiner Meinung nach aber das viel zu schwammige und unpräzise Zielen - ich kann mich an keinen Shooter der letzten Jahre erinnern, bei dem ich ein derart schwaches Gefühl beim Ballern hatte; von fehlendem Trefferfeedback ganz zu schweigen. Darüber hinaus entstand bei den KI-Kontrahenten häufig das Gefühl, dass sie vom Geschehen überfordert sind und eher schlecht als recht durch die Gefechte stolpern. Ehrlich gesagt frage ich mich (und das sahen auch einige Kollegen so), warum uns so eine unfertige Beta-Fassung überhaupt vorgesetzt wurde. Einen guten Eindruck hinterlässt man damit jedenfalls nicht.